MtP Artcorner


SOD1Kalender
Die Kalender und Artbooks von MtP Art (Mario Heyer),
die in Zusammenarbeit mit dem CALVENDO Verlag
entstanden,
sind im Handel erschienen. Nähere infos bekommt ihr
hier -->

Follow us on Facebook

Pirats Tales of War: Iron Leviathans - Geburt des Ungeheuers 1

IL1-1

 

***

 

DP1

 

 

***

 

„Rings um seine Zähne Schrecken. Ein Stolz sind die Schuppenreihen, verschlossen und fest versiegelt. Eins fügt sich ans andere, und kein Hauch dringt dazwischen, eins haftet am andern, sie greifen ineinander und trennen sich nicht. Sein Niesen strahlt Licht aus, und seine Augen sind wie die Wimpern der Morgenröte. Aus seinem Rachen schießen Fackeln, sprühen feurige Funken hervor. Aus seinen Nüstern fährt Rauch wie aus einem angefachten und glühenden Kochtopf. Sein Atem entzündet Kohlen, und eine Flamme fährt aus seinem Rachen.“

 

Die Bibel, Buch Hiob 41,6 bis 41,13, über den Leviathan

 

 

Prolog

 

Für bestimmte Ereignisse gibt es jeweils nur einen Ort, an dem sie stattfinden können. Wenn man sich das Ereignis betrachtet, so erkennt man: Ja, dort und nirgendwo sonst konnte es stattfinden. Vorherbestimmt durch die Geographie und die Historie, geleitet von Tradition und glücklicher Fügung. Portsmouth im Süden von England ist so ein Ort. Die Revolution in der Geschichte des Seekrieges, die den Anfang des 20. Jahrhunderts prägen soll, kann nur HIER beginnen und nirgendwo sonst. Welcher Ort wäre besser geeignet, der Welt ein neues Seeungeheuer zu schenken?

 

Portsmouth kratzt Anfang des 20. Jahrhunderts an der Marke der 200000 Einwohner. Die Stadt liegt zum größten Teil auf der vorgelagerten Portsea Island, die von der englischen Hauptinsel durch den Portsbridge Creek, einen schmalen Kanal, getrennt ist. Dadurch ist die Bevölkerungsdichte sehr hoch, höher als in London. Portsmouth ist dadurch der reinste Bienenstock, hat die Insel doch zwei Häfen – den eigentlichen Hafen von Portsmouth im Westen und den Langstone Harbour im Osten. Die Häfen sind natürliche Ansteuerungspunkte für den quirligen Schiffsverkehr im Spithead, jener östlichen Verbreiterung des Solent, der die Isle of Wight vom restlichen England separiert. Die Isle of Wight liegt wie ein großer Wellenbrecher vor der englischen Südküste und schirmt auch Portsmouth bis zu einem gewissen Grad vor Gefahren aus dem westlichen Ärmelkanal ab. Das macht Portsmouth zu einer guten Wahl für einen Marinestützpunkt: Einerseits hervorragende Anlegemöglichkeiten und Zugang zu den Weltmeeren, andererseits eine gewisse geschützte Lage. Im 15. Jahrhundert sicherten englische Könige die Stadt erstmals mit dauerhaften Befestigungen und gegen Ende jenes Jahrhunderts ließ Henry VII. hier das erste Trockendock Europas seit der Antike errichten. Portsmouth wurde damit zum „Royal Dockyard“ und schnell zum wichtigsten Stützpunkt der Royal Navy. In der Folge siedelten sich gerade auch seit der Industrialisierung entsprechende Unternehmen und Produktionsstätten in Portsmouth an. Vor Portsmouth werden auch die prachtvollen Flottenparaden der Royal Navy von König oder Königin abgenommen.

 

Am Freitag, dem 9 Februar 1906, kommt König Edward VII. jedoch nicht für eine schlichte Parade nach Portsmouth. Stattdessen reist er mit seinem persönlichen Sonderzug für einen Stapellauf an. Die Königin konnte leider nicht mitkommen – wegen dem Tod ihres Vaters musste sie nach Dänemark. So reist Edward in Gesellschaft eines anderen Gastes: Admiral John Arbuthnot Fisher, Spitzname „Jacky“, der Erste Seelord und damit der ranghöchste Admiral der Royal Navy. Beide Männer sind dabei, der Politik des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Irland ihren ganz eigenen Stempel aufzudrücken. Edward, Typ Genießer mit dichtem Bart und einem Hang zum Kettenrauchen, hat seine repräsentativen Aufgaben genutzt um das Land näher an Frankreich heranzuführen und damit in eine potentielle Opposition zu Deutschland. Die Folgen der erst ein Jahr zuvor abgeschlossenen Entente Cordiale, jenem Vertragswerk, mit dem Paris und London ihre jahrzehntelangen Streitfragen beilegen und eine engere politische Zusammenarbeit beginnen, sind noch gar nicht abzusehen. Zumindest nicht zu dem Zeitpunkt, als Edward mit „Jacky“ Fisher nach Portsmouth fährt. Aber sie werden gewaltig sein und Großbritanniens Rolle in der Welt von Grund auf verändern. Die jahrzehntelange „Splendid Isolation“ des Landes, die der britischen Regierung ein großes Maß an Entscheidungsfreiheit gab und sie die Rolle eines „Globocops“, eines Weltpolizisten, spielen ließ – Edward hat sie auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen.

 

Bei Admiral Fisher liegen die Dinge anders. Fisher ist Jahrgang 1841 und stammt aus einer typischen britischen Offiziersfamilie. Bedingt durch den Dienst seines Vaters kam er im Ausland zur Welt, auf der Insel Ceylon. Dass seine Augen sehr weit auseinander stehen und durch schwere Augenlider ein wenig mandelförmig wirken, in Kombination mit einer eigentümlich gelblichen Hautfarbe, hat vor diesem Hintergrund zu dem Gerücht geführt, er sei halber Asiate. Vielleicht der Sohn einer singhalesischen Prinzessin? So romantisch das Gerücht klingt, in einer Zeit latenten Rassismus gegenüber Asiaten auch in so weltgewandten Kreisen wie in London soll es ihm schaden. Dabei ist seine Haut als Folge schwerer Erkrankungen mit Ruhr und Malaria im Laufe seines rund 50 Jahre andauernden Dienstes in der Royal Navy, von denen er sich nur langwierig und schwer erholt hat. Wie zu jener Zeit üblich, hat Fisher seinen Dienst bei der Royal Navy im Jahre 1854 als richtiggehender Jungspund begonnen. Seine Laufbahn fällt in eine Zeit technologischer Umwälzungen: Seine Grundausbildung absolvierte Fisher noch auf einem hölzernen Segelschiff, wenig später erlebte er mit, wie die ersten Kriegsschiffe von kohlebetriebenen Dampfmaschinen mit Schiffsschrauben angetrieben wurden, dann wie die hölzernen Schiffe den stählernen weichen mussten. Neue Waffen wurden in dieser Zeit entwickelt: Immer größere Hinterladergeschütze, neue Arten von Seeminen, Torpedos – und U-Boote. Fisher hat all diese Entwicklungen in sich aufgesogen. Er ist nun, als oberster Admiral der Royal Navy, ein vehementer Verfechter der Entwicklung und Anwendung neuer Technologien und des Einsatzes neuer Waffen.

 

Fisher ist ein ungewöhnlich dynamischer und energiegeladener Charakter. Seine Impulsivität ist seit seiner Zeit als Seekadett berüchtigt. Das äußert sich nicht nur in einer ziemlich blumigen und überschwänglichen Sprache in seinen Briefen, sondern auch in einem sehr lautstarken Auftreten, bei dem er seine Argumente auch mit martialischen Gesten unterstreicht. Für seine Mitmenschen ist sein Naturell nur unter zwiespältigen Vorzeichen zu ertragen: Einerseits ist es Fisher ziemlich egal, was man von ihm denkt, weshalb er viele Menschen vor den Kopf stößt. Andererseits hat er einen ansteckenden Charme, vielleicht auch gerade wegen seiner unverblümten Art. In gewisser Weise rettet ihm dies die Karriere – so sehr Fisher sich auch durch Fleiß, Engagement und kriegerische Brillanz auszeichnet, so sehr hätte ihm sein überschäumendes Naturell jede Beförderung auch verderben können. König Edward jedenfalls hat sich dafür entschieden, Fisher eher wegen seines Charmes und seines Einsatzes für die Royal Navy zu schätzen, anstatt ihn wegen seines forschen, manchmal geradezu anmaßenden Auftretens zu verdammen. Sonst würde der König kaum in „Jackys“ Gesellschaft reisen. Immerhin weiß Edward, dass er den Admiral zur Räson bringen kann – schon einmal hat er ihm schlicht sagen müssen:

 

„Würden Sie freundlicherweise aufhören, mit Ihrer Faust vor meinem Gesicht herumzufuchteln?“

 

John A. Fisher im Jahre 1904, als Kommandant von Portsmouth. Quelle: Wikipedia.

 

Edward VII., aufgenommen 1902 bei seiner Krönung. Quelle: Wikipedia/ Weltrundschau zu Reclams Universum 1902. 

 

 

Auf dem Weg nach Portsmouth an diesem Freitag ist Fisher auf jeden Fall in gelöster, aber auch aufgeregter Stimmung. Er wird dem König das Projekt zeigen, für das er seinen ganzen Ehrgeiz und Einfluss eingesetzt hat, bis an den Rand der Rücksichtslosigkeit. Typisch „Jacky“ halt. Der Sonderzug erreicht Portsmouth gegen 18 Uhr. Da geht die Sonne gerade in orangener Pracht unter und setzt damit einem klaren, aber kalten Tag ein Ende. Der König und sein Gefolge inklusive Admiral Fisher wechseln für das Abendessen und die Nachtruhe über in die wesentlich komfortabler ausgestattete Royal Yacht Victoria and Albert. Die schnittige Yacht ist 127 m lang und auch erst seit etwa vier Jahren im Dienst. Auf diesem Schiff können des Königs Gäste dinieren und sich anschließend bequem zur Ruhe betten. Allerdings wird das Wetter während der Nacht bedeutend schlechter. Ein kalter Sturm zieht auf und bringt Regen mit. Am folgenden Morgen sitzt Fisher mit den anderen Gästen und dem König an Bord der Yacht beim Frühstück und blickt durch verregnete Fenster nach draußen. Der Himmel ist grau und es regnet und regnet. Sollte das Wetter seinen großen Tag verderben? Zumindest die Schaulustigen reisen trotzdem an. Noch mitten im Regen kommen die ersten Sonderzüge aus London an, die Tausende von Neugierigen herbeibringen. Und schließlich belohnt auch das Wetter die Zuversicht der Menschen: Der Regen hört auf und die Wolkendecke verschwindet zwar nicht, aber sie lichtet sich und helle Sonnenstrahlen brechen bis zum Hafen durch.

 

Etwa gegen 10 Uhr wird das Haupttor der Marinewerft geöffnet und die Menschenmenge wird durch das weitläufige Werftgelände in den nördlichen Teil gelotst. Als die Menschen schließlich zwischen Lagerhallen und Schuppen hervortreten, sehen sie zum Wasser abfallende Helling, auf der ein stählernes Ungetüm aufragt. Gesang erfüllt die Luft.

 

„…arose, arose, arose from out the azure main;

This was the charter, the charter of the land,

And guardian angels sang this strain; 

Rule, Britannia! Britannia rule the waves!

Britons never will be slaves…”

 

Es sind die Werftarbeiter, die die inoffizielle Nationalhymne des Landes singen, während sie die Holzblöcke unter dem Stahlgebilde entfernen. Ihre Stimmen aus kräftigen Kehlen hallen von den Stahlwänden wider. Die Schaulustigen halten gebührenden Abstand und wie es britische Art ist, warten sie nun geduldig auf die Ankunft der prominenteren Gäste.

 

König Edward macht sich zu diesem Zeitpunkt gerade noch fertig. Für seine repräsentativen Aufgaben ist die Auswahl der richtigen Kleidung eine grundsätzliche Frage. Für den heutigen Termin wählt er die Uniform eines Flottenadmirals mit einem Zweispitz als Kopfbedeckung. Er ergänzt seine Abzeichen noch um das blaue Band des Hosenbandordens, des angesehensten Hofordens des Empire. Gegen 11 Uhr 15 verlässt der König mit „Jacky“ Fisher zusammen die Yacht. Sie besteigen wieder den königlichen Sonderzug, der dann eine Strecke zur Marinewerft weiterrollt. Die Fahrt dauert eine Viertelstunde und führt durch vier Torbögen, von denen Flaggen und rote Tücher flattern. Zwischen den Bögen steht ein Spalier aus Matrosen und Marinesoldaten in Paradeuniform beiderseits der Strecke. Schließlich hält der Zug vor einer hölzernen Plattform, die man auf Höhe des Buges des stählernen Rumpfes am höchsten Punkt der Helling aufgebaut hat. Auf der Plattform befinden sich bereits einige hohe Regierungsbeamte, Admiräle der Royal Navy, ausgesuchte Vertreter der Presse und auch alle ausländischen Marineattachés, die in London akkreditiert sind. Als der König die Plattform besteigt und die Anwesenden begrüßt, blickt er nach oben. Das graue Monstrum vor ihm ragt in den bewölkten Himmel, geschmückt mit rot-weißen Girlanden aus Geranien. Den Matrosenchor, der zur Begrüßung sinkt, nimmt er kaum wahr. „Jacky“ tritt neben ihn. Der Admiral platzt fast vor Ungeduld und Stolz. Er beginnt damit, dem König wortreich die Eigenschaften des Neubaus zu erklären, deutet mit ausladenden Gesten hier hin und dort hin. Schließlich muss sich Fisher aber wieder etwas mäßigen, denn nun beginnt die eigentliche Zeremonie.

 

Der Bischof von Winchester, Herbert Ryle, ein schlanker Mann mit hoher Stirn und dichtem Vollbart, ergreift das Wort. Seine kurze Predigt baut er um den Psalm 107 aus der Bibel auf, der da lautet:

 

„Die auf der See in Schiffen fahren und ihr Geschäft auf großen Wassern treiben, erblicken hier des Herren Werke und Seine Wunder mit der tiefen Flut.“

 

Mit einer symbolischen Geste segnet er das im Bau befindliche Schiff und erklärt auch alle, die darauf fahren werden für gesegnet. Dann tritt er zurück, denn nun folgt der wichtigste Teil der Zeremonie. Werftarbeiter entfernen die letzten Holzblöcke unter dem Stahlrumpf, dessen  untere Hälfte, die später im Wasser liegen wird, bereits rötlich lackiert ist. Nur noch ein einziges Tau hält das Schiff in seiner Position auf der eingefetteten Schrägen. Gewaltige Kräfte zerren an diesem Tau, aber es ist ohnehin nicht dazu bestimmt ewig zu halten. Der König tritt näher heran. In einem Blumengesteck vor ihm ist eine Flasche australischen Weines eingebettet, befestigt an einem Seil, um sie gegen den Schiffsrumpf zu schleudern. Edward greift zu und schleudert die Flasche nach vorne. Sie prallt jedoch ab, wie es öfters bei Schiffstaufen passiert. Rasch ergreift der König die Flasche erneut und versucht es wieder. Das Glas zerschellt an der Stahlwand des Buges und der König ruft für alle hörbar aus:

 

„Ich taufe Dich – Dreadnought!“

 

So dann ergreift Edward einen Meißel und einen hölzernen Schlegel. Das knüppelförmige Werkzeug ist eigens für solche Zeremonien aus einem Balken der Victory gefertigt worden – des Flaggschiffes von Nelson, dem Sieger von Trafalgar, jener Schlacht, die wie keine andere die Traditionen der Royal Navy verkörpert. Die zur Legende geworden ist. Mit ruhiger Hand setzt der Monarch den Meißel an dem einzigen Tau an, welches die Dreadnought noch hält und schlägt dann zu. Das Tau wird sofort durchtrennt. Zunächst scheint es, als rührt sich nichts. Dann rutscht der gigantische Stahlrumpf erst langsam, dann schneller und schneller ins Wasser. Mit lautem Rauschen taucht er ein und hält sich erwartungsgemäß über Wasser. Schlepper mit Schaufelradantrieb sind bereits in Warteposition, um die Dreadnought in Schlepp zu nehmen und zum Ausrüstungskai zu bringen. Am Ufer spielt die Kapelle unter lautem Jubel „God Save the King“. Als Edward gefolgt von Fisher die Stufen der hölzernen Plattform hinabsteigt, weiß der Admiral um seinen Triumph.

 

Das Monster hat jetzt einen Namen. Und bald wird es ausgewachsen sein.

 

HMS Dreadnought, frisch zu Wasser gelassen, am 10. Februar 1906. Quelle: www.maritimquest.com

 

 

***

 

Fortsetzung folgt