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Pirats Tales of War: Iron Leviathans - Geburt des Ungeheuers 2

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I

 

„Jacky“ Fisher wird im Oktober 1904 zum Ersten Seelord ernannt. Er steht vor gewaltigen Aufgaben. Die Royal Navy ist seit rund 100 Jahren die unbestrittene Herrscherin über die See. Jede Herausforderung seitens der Franzosen hat man in der Vergangenheit bewältigt. Allgemein hat man sich stets an den Grundsatz gehalten, dass die Flotte mindestens so stark sein sollte wie die beiden nächststärkeren Flotten auf der Welt zusammen. Ein großer Anspruch, der bis vor kurzem problemlos einzulösen war. Doch jetzt ist das anders. Seit einigen Jahren wird auf der anderen Seite der Nordsee, in Deutschland, fleißig an einer neuen Flotte gebaut. Inzwischen wird dies zunehmend von maßgeblichen britischen Stellen als beunruhigend empfunden. Fishers Auftrag ist glasklar: Dafür zu sorgen, dass die Royal Navy mit dieser neuen Herausforderung jederzeit fertig wird. Fisher hat diese Entwicklung bereits seit Anfang des Jahrhunderts im Blick und arbeitet deshalb schon lange mit seinem unermüdlichen Geiste an Ideen, wie man die Royal Navy auf drohende neue Gefahren vorbereiten kann. Nun ist er Erster Seelord und setzt seine unbändige, unwiderstehliche Energie ein, um seine Ideen und Visionen umzusetzen. Dies bringt ihm viele Feinde in der Flotte ein, aber zugleich revolutioniert er sie. Dabei kommt Fisher sein großes Ego und seine relativ einfache Weltsicht auf seine Mitmenschen zugute: Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn und wird gnadenlos fertig gemacht. Andererseits fördert er seine Schützlinge – nicht wenige jüngere Offiziere in der Royal Navy lassen sich von Fishers Elan mitreißen.

 

Als man Fisher im Sommer 1904 bereits mitteilt, dass er für den Posten des Ersten Seelords vorgesehen ist, beginnt er sofort mit der Arbeit an einem 120seitigen Schriftstück mit all seinen Reformideen. Zu dieser Zeit ist er noch Oberkommandierender in Portsmouth, wo später seine Vision wahr wird, und als Zweiter Seelord für die Personalfragen der Royal Navy zuständig. Als er am 21. Oktober jenen Jahres seinen neuen Posten als oberster militärischer Vertreter der Royal Navy antritt, ist Fisher stark von der Grippe heimgesucht. Wochenlanger Husten hindert ihn gleichwohl nicht an einem immensen Arbeitspensum. Schon morgens um fünf erscheint er in der Admiralität, jenem weitläufigen Gebäudekomplex am Nordende von Whitehall, wo diese auf The Mall trifft und der Trafalgar Square nahebei liegt. Teile des Gebäudekomplexes gehen bis auf das 18. Jahrhundert zurück. Der jüngste Anbau liegt im Norden und ist am größten, ein riesiger fast palastartig wirkender Bau, der endlich Platz für die vielen zusätzlichen Dienststellen bietet, die die Royal Navy Anfang des 20. Jahrhunderts aufbaut. Ganz im Süden liegt am anderen Ende der Admiralität ein kleinerer Anbau, ein Herrenhaus, in dem der Erste Lord der Admiralität residiert. So nennt sich in Großbritannien zu jener Zeit der Marineminister und er ist Fishers direkter Vorgesetzter. 1904 ist das William Palmer, Zweiter Earl of Selborne. Selborne hat Fishers Berufung betrieben und ist nun beeindruckt von Fishers Arbeitseinsatz. Wenn Selborne seine Wohnung verlässt, ist Fisher schon am Arbeiten. Und frühstückt unter Umständen gerade erst. Das Mittagessen schiebt Fisher irgendwann zwischendurch ein. Diese Arbeitswut hat Selborne schon in Portsmouth an Fisher begeistert, doch jetzt nimmt sie ungeahnte Ausmaße an – Fisher ist ein Getriebener, ein Besessener. Abends verlässt der Admiral die Admiralität erst spät, meist um neun Uhr. Nicht einmal Sonntag gönnt sich Fisher eine Pause. Allerdings ist Fisher auf seine Art tiefgläubig, weshalb er sich am Sonntagmorgen und abends zum Gottesdienst in die Westminster-Abbey zur Messe begibt. Danach kehrt er in die Admiralität zurück und arbeitet weiter. Aber auf welche Weise! Alles was nicht in seine Arbeitskonzeption passt, schiebt er beiseite. Memoranden und Berichte, die ihm nicht passen ignoriert er; bestenfalls schließt er sie einer Schublade weg, schlimmstenfalls wirft er sie in den Kamin! Seine Begründung: Unwichtige Einzelheiten, die einen nur vom großen Ziel ablenken. 

 

Dieser Anbau ist der größte der Admiralität, genannt „Admiralty Extension“, zu Fishers Zeit als Erster Seelord der jüngste Teil des Komplexes. Quelle: Wikipedia. 

 

 

So wenig ungewöhnlich diese Arbeitswut für Fisher eigentlich ist, so macht sie doch manchem nach einigen Wochen doch Sorgen – vor allem im Zusammenspiel mit der nun schon doch etwas verschleppten Grippe könnte dieses Pensum auf die Dauer auf die Gesundheit des 64jährigen gehen. Vor allem seine Frau sorgt sich – Frances Katharine Josepha, geborene Broughton und seit 1866 mit Fisher verheiratet. Während eines Essens mit dem König spricht sie ihre Besorgnisse an. Edward ist erschrocken. Er ist sich bisher der Arbeitsbelastung seines neuen Ersten Seelords nicht völlig bewusst gewesen. Rasch greift er nach einer Speisekarte und einem Stift und schreibt auf die Rückseite:

 

„Admiral Sir John Fisher hat an Sonntagen nicht zu arbeiten noch in die Nähe der Admiralität zu gehen, noch hat er Untergebenen Sonntagsarbeit zu erlauben. Dies ist ein Befehl. Edward R.“

 

Fisher ignoriert diese Anordnung geflissentlich. Und der König lässt es ihm dann doch durchgehen. Der Grund werden wohl die Ergebnisse sein, die Fisher liefert. Bemerkenswerte Ergebnisse. Er lässt zahlreiche Schiffe umstationieren, um die Flotte völlig neu aufzustellen – vor allem sollen möglichst alle großen und schweren Einheiten in der Nähe des Mutterlandes sein, um im Zweifel rasch gegen einen europäischen Konkurrenten (aller Wahrscheinlichkeit nach Deutschland) eingesetzt werden zu können. Und Fisher lässt gnadenlos Bilanz ziehen, welche Schiffe veraltet sind – und diese dann gnadenlos verschrotten. Nur einige werden noch eine Weile eingemottet, um im Zweifel eine Reserveflotte aufstellen zu können. In Friedenszeiten sind sie nur durch Rumpfbesatzungen besetzt, aber diese sollen dann aus dem Pool von nun überschüssigen Besatzungen und Offizieren aufgefüllt werden, sollte der Kriegsfall eintreten. Mit solchen Schritten macht sich Fisher nicht nur Freunde. Es gibt eine ganze Reihe von zum Teil hohen und einflussreichen Offizieren, die er sich zu erbitterten Feinden macht. Er kanzelt sie einfach ab. Er hat seinen Plan und zieht ihn durch. Er hämmert seinen Mitarbeitern ein:

 

„Keine Gefühlsduselei! Keine Rücksicht auf Empfindlichkeiten! Kein Mitleid mit irgendwem! Wir müssen rücksichtslos, unnachgiebig und unbarmherzig sein! Und darum brauchen wir den Plan! Den ganzen Plan! Und nichts als den Plan!“

 

Die Royal Navy soll kampfbereiter, effizienter, schlagkräftiger werden. Dazu gehört auch, dass sie besser wirtschaftet. Fisher selbst durchforstet den ganzen Betrieb nach unnützen Ausgaben. Allein das verschrotten veralteter Schiffe spart am Ende 845000 Pfund an Reparaturunkosten. Manchmal aber findet Fisher auch geradezu kurioses vor – was dann zu einem veritablen Wutanfall zu führen pflegt, den er an irgendeinem anderen Offizier auslässt. So zum Beispiel, als er entdeckt, dass die Royal Navy 10000 Stühle vorrätig hält. Und Fisher brüllt durch die Admiralität:

 

„Es steht nur so viel Geld für die Marine zur Verfügung! Wenn Sie es in Stühle stecken, die nicht kämpfen können, nehmen Sie das Geld den Schiffen und Männern weg, die es können!“

 

Fisher hat Erfolg. Seit langem fordert die Royal Navy jedes Jahr mehr Geld als im Vorjahr bei der Haushaltsplanung. Unter Fisher sinken die Geldanforderungen zum ersten Mal. Als Fisher sein Amt als Erster Seelord antritt, hat die Royal Navy gerade erst 36,8 Millionen Pfund als Bedarf angemeldet. Bis 1907 senkt Fisher diesen Wert auf 31,4 Millionen Pfund. Zumindest bei den Finanzfachleuten des Schatzkanzlers ist Fisher vermutlich eher gerne gesehen. Seine Feinde in der Royal Navy glauben, er würde die Flotte zugrunde richten. Dabei ist das definitiv nicht Fishers Ziel. Fisher will die Royal Navy zu einer modernen Flotte schmieden, die überall auf der Welt praktisch jeden Gegner schlagen kann. Vor allem den Gegner in Deutschland. 1905 erläutert er seine Ansicht dazu, wie die Royal Navy kämpfen können muss in folgenden Worten:

 

„Das Wesen von Krieg ist Gewalt. Mäßigung im Krieg ist Schwachsinn. Schlag zuerst zu. Schlag hart zu. Und schlag überall zu.“

 

Dafür braucht die Royal Navy Waffen. Fisher begeistert sich für neuartige Waffen – Minen, Torpedos, U-Boote. Gerade Minen und U-Boote erfreuen sich zu jener Zeit wenig Beliebtheit bei den Marineoffizieren. Fisher geht darüber hinweg und setzt durch, dass die Royal Navy sich mit beiden Waffensystemen genauer befasst. Aber auch das Geschützwesen geht Fisher an. Er weiß, dass die Trefferquote der britischen Marinekanoniere bisher katastrophal ist. Schon Jahre vorher hat eine Königliche Kommission die diesbezüglichen Zielfähigkeiten der Kanoniere als etwas beschrieben, „was einer Mädchenschule Schande gemacht hätte“. Fisher will das ändern. In seiner Zeit im Mittelmeer war er in Kontakt mit Percy Scott gekommen, ein Geschütznarr, der seine Mannschaften tatsächlich darin drillte, zielsicher zu schießen. Später, als Fisher in Portsmouth das Kommando geführt hat, hat er Scott nach England geholt und ihm ein Schulschiff anvertraut, damit dort ordentliches Schießtraining umgesetzt wird. Jetzt ist Fisher Erster Seelord und holt sich wieder Scott heran, um ihm den gleichen Auftrag zu geben – nur in viel größerem Maßstab. „Jacky“ macht den kleinen, vorlauten Scott zum Marineinspekteur für Schießwesen und befördert ihn dafür zum Rear-Admiral. Und er gibt ihm einen einfachen Auftrag: Schnellstmöglich die Schießleistungen der Schiffskanoniere zu verbessern. Scott geht ebenso besessen an diese Arbeit wie Fisher an seine und macht sich dabei ebenso wie Fisher nicht nur Freunde. Was vielleicht auch daran liegt, dass er sich außerhalb des Dienstes schon einmal gehen lässt. Da fließt schon mal harter Alkohol und ob er seiner Frau immer so hundertprozentig treu ist, zweifeln manche an. Manche Offiziere wittern die Chance, Scott durch diese Geschichten loszuwerden. Sie melden ihre Vorbehalte Fisher. Dessen lapidarer Kommentar:

 

„Mir ist es gleich, ob er trinkt, spielt und ein Schürzenjäger ist. Er trifft das Ziel.“

 

Und Scott hat Erfolg. Binnen weniger Jahren verbessert sich die Treffsicherheit der britischen Schiffskanoniere um ein vielfaches und das von Scott eingeführte Wettschießen wird zu einer festen Institution. Im Frieden zumindest klopfen sich dann schließlich die britischen Admiräle für diese Leistung auf die Schulter. Ob es im Krieg reichen wird, muss sich zeigen.

 

Percy Scott, hier mit den Abzeichen eines Captains, irgendwann vor 1903. Quelle: Wikipedia.

 

 

Aber eines fehlt noch in Fishers Plan. Sein Meisterstück. Seine Schöpfung. Sein Baby, wenn man so will. Sein Monster, das nichts auf Gottes weiter See fürchtet. Letzten Endes kann man das Wettrüsten mit der deutschen Marine auf zwei Arten entscheiden: Einfach darauf hoffen, beim Schiffsneubau immer schneller zu sein. Oder aber: Etwas Neues entwickeln, was alle bisherigen Schiffe deklassiert. Fisher entscheidet sich für letzteres. Wieder einmal sind es Ideen und Konzepte, die Fisher bereits seit einiger Zeit mit sich herumträgt – basierend auf eigenen Erfahrungen und auch auf Konzeptarbeiten anderer. Die Entwicklung neuer Kriegsschiffe befindet sich Anfang des 20. Jahrhunderts nämlich an der Schwelle der nächsten Revolution. Die letzten großen Revolutionen hat es auf diesem Sektor zwischen 1840 und 1870 gegeben, als erstmals Kriegsschiffe mit Dampfantrieben ausgerüstet und ganz aus Stahl gebaut wurden. Beide Male hatte dies vorherige Schiffstypen auf einen Schlag deklassiert: Dampfgetriebene Schiffe waren schneller als jedes Segelschiff und die neuen gepanzerten Schiffe waren theoretisch in der Lage ein regelrechtes Massaker unter den vorherigen Schiffstypen anzurichten, ohne selber mehr als eine Beule abzubekommen. Ende des 19.Jahrhunderts schien es dann nur noch darum zu gehen, die Pötte immer größer zu bauen, um sie besser panzern zu können und möglichst viele Geschütze auf ihnen unterzubringen. Dabei wurden meist nur bis zu vier Hauptgeschütze von großem Kaliber installiert, die von einem Sammelsurium zahlreicher kleinerer Geschütze begleitet waren. Was kann da schon noch kommen? Mehrere Staaten basteln an neuen Ideen. Taktisch hat sich vieles verändert. Das Entern von Schiffen ist aus der Mode gekommen, die Gefechte werden durch die modernen Geschütze auf zu großen Entfernungen geführt. Treffen Großkampfschiffe auf hoher See aufeinander, liefern sie sich im Grunde ein Duell auf mehreren Meilen Entfernung, bei dem es für jede Seite nur Sieg oder Untergang gibt – wenn sich keine Nebelbank oder eine ähnliche Deckung auftut. Also kommen folgende Faktoren zum Tragen: Welches Schiff am schnellsten ist und welches die meisten Geschütze mit der größeren Reichweite hat. Erst in zweiter Linie wirken sich dann Durchschlagskraft der Granaten und Panzerung und robuste Bauweise aus. Ausgehend von diesen Überlegungen versuchen sich mehrere Konstrukteure an der Entwicklung von riesigen Kriegsschiffen, die mindestens 20 Knoten (etwa 37 km pro Stunde; in der Nautik sind Knoten jedoch die üblichere Geschwindigkeitsangabe, weshalb ich sie hier beibehalte) fahren und weniger kleinkalibrige, dafür mehr großkalibrige Waffen mit hoher Reichweite tragen sollen. Die USA beginnen 1904 mit der Entwicklung zweier Schlachtschiffe, die 16000 Tonnen verdrängen und 8 Geschütze des Kalibers 30,5 cm tragen sollen. Allerdings sind auch noch einige kleinere Geschütze vorgesehen. Ähnliche Konzepte verfolgen auch Russen, Japaner und Briten etwa zur gleichen Zeit. In den verschiedenen Marinen entsteht dabei eine Hand voll entsprechender Neubauten. Aber die letzte Konsequenz fehlt ihnen allen – der wirkliche Schritt zum „All-big-gun-battleship“.

 

1903 erscheint in Jane’s Fighting Ships ein Artikel von Contrammiraglio (etwa der Konteradmiral der damaligen deutschen Marine) Vittorio Cuniberti, dem Chefkonstrukteur der italienischen Marine. Cuniberti bastelt seit einigen Jahren an dem Konzept des „All-big-gun-battleships“. Für Italien hat er bereits vier Schlachtschiffe entworfen, die mit zwei verschiedenen Kalibern arbeiten: zwei 30,5-cm-und 12 20,5-cm-Geschützen. Auch dies Schiffe, die auf halbem Weg zu dem neuen Konzept stehenbleiben. Ähnlich wie Fisher denkt Cuniberti längst weiter. Der Contrammiraglio versucht um die Jahrhundertwende der italienischen Marineführung ein neues Schlachtschiff mit 12 30,5-cm-Geschützen und ohne sonstige weitere Bewaffnung näher zu bringen. Er kann mit dem Vorschlag aber nicht durchdringen. 1900 skizziert er das Konzept erstmals in einer deutschen Marinezeitschrift, unter dem Titel „Ein neuer Schlachtschifftypus“. Wirklich inspirierend scheint dieser Artikel aber noch nicht zu sein. Nun, drei Jahre später, veröffentlicht er in der britischen Zeitschrift einen detaillierteren Entwurf, übrigens durchaus mit der Erlaubnis seiner Regierung. Der Beitrag nennt sich „An ideal Battleship for the British Navy“. Darin entwirft Cuniberti eine beeindruckende Vision: Das Schiff soll bei einer Panzerung von 30 cm etwa 17000 Tonnen verdrängen, 12 30,5-cm-Geschütze besitzen und dank des neuartigen Turbinenantriebs 24 Knoten erreichen. Seiner Prognose nach sollten sechs solcher Schiffe genügen, um eine beliebige Flotte traditioneller Linienschiffe auszulöschen. Die Kriegsschiffkonstrukteure aller großen Seemächte diskutieren spätestens seit diesem Artikel über das Thema – doch im Gegensatz zu Cuniberti scheint niemand wirklich an die Umsetzbarkeit zu glauben.

 

Doch, einer. „Jacky“ Fisher. Er will als Krönung seiner Erneuerung der Royal Navy genau das bauen lassen, was Cuniberti angedacht hat. Um genau das umzusetzen, braucht er einen Planungsausschuss in der Konstruktionsabteilung der Admiralität, den er mit seinen Gefolgsleuten besetzen kann. Dieser Ausschuss soll all die Ideen, die Fisher dazu in der Birne herumschwirren, in praktische Planung und Entwürfe umsetzen. Fisher selber würde die Arbeit nur grob als Vorsitzender überwachen, aber im Wesentlichen versuchen keine Angriffsfläche für Kritiker zu bieten. Er erläutert dieses Vorgehen auch Selborne, der seine Zustimmung gibt. Fisher ist keine zwei Monate im Amt, als er mit der Bildung des Ausschusses beginnt. Ein wichtiger Posten ist bereits in guten Händen, zumindest aus Fishers Sicht: Direktor der Konstruktionsabteilung der Marine ist bereits jetzt Sir Philip Watts, der von dem Konzept schneller „All-big-gun-battleships“ genauso fasziniert ist wie Fisher. Die beiden kennen sich schon seit über 20 Jahren, als beide zusammen im Mittelmeer auf dem gleichen Schiff dienten. Nun stellt Fisher Watts einen weiteren Mitstreiter zur Seite, indem er W.H. Gard zu Watts‘ Stellvertreter ernennt. Gard kennt Fisher seit seiner Zeit auf Malta ein paar Jahre zuvor – Gard war dort Chefkonstrukteur der Marinewerft von Malta. Die zwei haben auf Malta zusammen im Offiziersclub gesessen und dabei über neuartige Schlachtschiffkonzepte gefachsimpelt. Watts und Gard gehören zu den zwei der neun Zivilisten, die Fisher in seinen Ausschuss holt. Er erweitert diesen aber auch um sieben Offiziere – alles Schützlinge des streitbaren Admirals. 

 

Der italienische Marinekonstrukteur Vittorio Cuniberti. Quelle: Wikipedia.

 

Ähnlich wie Fisher, der sich aus nicht so hochgestellten sozialen Verhältnissen hochgekämpft hat, haben viele dieser Schützlinge ihre ganz eigenen bewegenden Familiengeschichten. Prinz Louis of Battenberg etwa, frisch ernannter Rear-Admiral und noch Director of Naval Intelligence. Battenberg ist ein Spross eines Prinzen von Hessen-Darmstadt, doch hatte dieser leider eine Dame aus dem niedersten Adel geheiratet. Durch diese morganatische Ehe bedingt besitzt Battenberg keinerlei Ansprüche auf den großherzoglichen Thron in Darmstadt. Damit seine Mutter und er überhaupt einen vorzeigbaren Titel haben, hatte der amtierende Großherzog den verwaisten Titel der Grafschaft von Battenberg übertragen, später erhöht zum Fürstenstand. Doch würde Louis – bei Geburt eigentlich Ludwig Alexander – niemals ein Gleichgestellter bei Hofe sein. Früh hat er begriffen, dass er sein Glück woanders suchen muss. Über eine angeheiratete Tante, die eine Tochter von Königin Victoria von Großbritannien war, kam er früh in Kontakt mit englischen Adelskreisen. Und er begeisterte sich für die Marine. So entschloss er sich 1868 mit 14 Jahren, britischer Staatsbürger zu werden und in die Royal Navy einzutreten. Mit einer Mischung aus eigener Leistung und der Förderung seitens der königlichen Familie hinter den Kulissen hat er sich dort nun hochgearbeitet. Der gutaussehende Prinz mit seinem typischen geschwungenen Schnurrbart und dem zugespitzten Kinnbart zeichnet sich, wichtig für Fisher, dadurch aus, für neue Konzepte aufgeschlossen zu sein.

 

Captain John Jellicoe, Jahrgang 1859, ist ein weiterer Protegé von Fisher, ebenfalls aus bescheideneren Verhältnissen stammend. Bis vor kurzem hat er den Panzerkreuzer Drake kommandiert, jetzt macht ihn Fisher zum Director of Naval Ordnance und beruft auch ihn in den Ausschuss. Ähnlich wie Fisher ist Jellicoe ein Mann der harten Arbeit, der sich in seiner bisherigen Laufbahn in der Royal Navy, die er 1872 begonnen hat, vor allem dadurch ausgezeichnet hat, dass er sich stetig und ohne große Aufregung nach oben gearbeitet hat. Mit „Jacky“ ist er zuerst 1884 in Portsmouth zusammengetroffen, als Fisher gerade die dortige Schulungsanlage fürs Zielschießen, die ein Schulungsschiff umfasst und daher die Bezeichnung HMS Excellent trägt, kommandiert hat. Jellicoe war noch ein junger Offizier und gehörte zu Fishers Stab. Genau wie Fisher glaubte Jellicoe an Effizienz und harte Arbeit. So etwas vergisst Fisher nicht. Und Jellicoe war damals schon eine gute Ergänzung zu Fishers visionären, manchmal fast träumerischen Gedanken: Jellicoes Stärke ist die praktische, zielorientierte Arbeit, das Organisieren und die volle Konzentration aller Kräfte auf die tatsächlichen Aufgaben in der realen Welt.

 

Zum Jahresende 1904 hat Fisher alle seine Kandidaten zusammen. Er selbst ist der Vorsitzende des Ausschusses, gleichwohl lässt er den anderen Teilnehmern viel freie Hand. Am Dienstag, dem 3. Januar 1905 tritt der Ausschuss in der Admiralität zum ersten Mal zusammen. Fisher spricht als erster, um alle auf das gemeinsame Ziel einzuschwören. Er hat eine Grundsatzerklärung vorbereitet:

 

„Zwei entscheidende Bedingungen der Seekriegsführung sind Geschütze und Geschwindigkeit. Theorie und Kriegserfahrung diktieren eine einheitliche Anordnung der schweren Kanonen, verbunden mit einer Geschwindigkeit, die jene des Feindes übertrifft, um in der Lage zu sein, eine Aktion zu erzwingen.“

 

Und nicht nur das, mit überlegener Geschwindigkeit kann ein Schlachtschiff auch dem Feind die Entfernung, über die hinweg gekämpft, diktieren. Idealerweise eine Entfernung, in der das angreifende Schlachtschiff außerhalb der Reichweite gegnerischer Geschütze bleibt, selbst aber trifft. Die nächsten Wochen verbringen die Mitglieder des Ausschusses damit, einen Entwurf zu erarbeiten, der solche Anforderungen erfüllen kann und die damit verbundenen technischen Probleme zu lösen; die letzte Sitzung des Ausschusses findet am 22. Februar statt. Zunächst klopfen sie die verschiedenen Vor-und Nachteile eines „All-big-gun-battleships“ ab. Hierbei laufen zunächst einmal die Artillerieexperten Scott und Jellicoe zur Hochform auf. Das Konzept fasziniert sie, es gilt jetzt herauszuarbeiten, was es in der Realität wirklich schaffen kann, welche Geschütze man dafür am besten nimmt und wie man sie am besten anordnet. Einen Vorteil hat das Konzept auf jeden Fall: Man muss nur noch für einen Geschütztypus Ersatzteile und Munition an Bord haben. Die Logistik wird dadurch zumindest teilweise einfacher, Reparaturzeiten verkürzen sich. Man muss die Geschütze aber auch richtig einsetzen. Jellicoe bringt das Problem auf den Punkt: Ein feindliches Schiff in 10 km Entfernung zu treffen, dass sich auch noch bewegt, ist bei aller Liebe zum Zieltraining nicht so einfach. Das gesamte Konzept erfordert auf jeden Fall eine ausgefeilte Feuerleitlösung. Und hier setzt Percy Scott jetzt an und wirft ein Schlagwort ein: Salven. Feuern in Salven. Alle Geschütze auf einmal auf ein Ziel. Salven zu feuern hätte gleich zwei Vorteile: Erstens wäre die Zielkorrektur einfacher, wenn man nicht trifft. Liegen die Einschläge vor dem Feind, würde man einfach alle Geschütze auf eine etwas weitere Entfernung ausrichten, würde das Feuer hinter dem Feind liegen, verlegt man es einfach etwas vor. Da alle Geschütze die gleiche Reichweite hätten, wäre dies einfacher als wenn man mit unterschiedlichen Kalibern feuert. Zweiter Vorteil: Salven großer Kaliber richten am Ziel mehr Schaden an.

 

Fisher gefällt diese Überlegung extrem gut. Es ist genau sein Denken. Gestikulierend steht er vor seinen Leuten und fasst diese ersten Ergebnisse zusammen:

 

„Das schnelle Schiff mit der schwereren Bewaffnung sollte über ein Schiff gleicher Geschwindigkeit mit vielen leichteren Geschützen, deren bloße Zahl gegen genaue Feuerleitung und Treffsicherheit spricht, ohne weiteres den Sieg davontragen…Angenommen, ein 12-inch-Geschütz feuert, sobald die richtige Entfernung durch Einschießen festgestellt ist, jede Minute eine Granate ab. Sechs Rohre würden demnach bedeuten, dass alle 10 Sekunden eine sorgsam gezielte Granate mit einer hohen Explosivladung ins Ziel gebracht wird. 50 % davon sollten über 6000 m Treffer sein. Drei 12-inch-Granaten, die jede Minute an Deck und in den Aufbauten detonieren, würden die Hölle sein!“

 

12 Inch entsprechen 30,5 cm. Eine gewaltige Ladung, die allein schon durch ihr schieres Gewicht beim Herabfallen unglaubliche Wucht entfaltet. Eine fast zeitgleich einschlagende Salve von drei bis sechs solche Granaten könnte ein kleineres Schiff theoretisch in wenigen Augenblick als Schrotthaufen auf den Grund schicken. Ein Problem bleibt dabei aber die richtige Anordnung: Wie bekommt man es hin, dass alle Geschütze gleichzeitig auf ein Ziel feuern können? Klassische Breitseitenanordnung wie zu Zeiten der Segelschiffe würde dies unmöglich machen. Eine Schiffsseite wäre immer zur Untätigkeit verdammt. Von dieser Anordnung ist man in der Kriegsschiffentwicklung aber ja auch schon seit einiger Zeit abgekommen. Längst hat man Geschütztürme, meistens mit Zwillingsgeschützen, entwickelt, innerhalb derer Munition und Pulver per Aufzug hochgebracht und dann von gedrillten Geschützbedienungen in die Hinterladergeschütze eingelegt werden. Geschütztürme sind schwenkbar und theoretisch kann man diese alle zu einer Breitseite ausrichten, die alle Geschütze umfasst. Soweit denken auch schon Jellicoe und Scott. Aber Fisher denkt noch weiter: Er will die Granatenladung, die man über Bug oder Heck feuern kann auf ein Maximum erhöhen. Und zwar, weil er nicht an die Dominanz der Breitseite glaubt: Wichtiger wäre oft während der Verfolgung zwischen den feindlichen Parteien feuern zu können. Fisher doziert und bringt seinen Ausschuss auf Kurs:

 

„Ich bin ein Apostel des Feuerns über Bug und Heck, denn in meinen Augen ist Breitseitenfeuer einfältig. Gezwungen zu sein, die Verfolgung zu unterbrechen, indem man nur einen Strich vom geraden Kurs hinter einem fliehenden Feind abweicht, ist für mich der Gipfel der Eselei!“

 

Diese Anforderung Fishers wird zum ersten ernsthaften Problem im Ausschuss. Denn die Frage, wie man die Geschütze anordnen könnte, um sie zu erfüllen ist so einfach nicht zu lösen. Die vielleicht einfachste Möglichkeit wäre, die Geschütztürme hintereinander anzuordnen, wobei die hinteren Türme höher liegen und über die vorderen hinwegschießen. Doch diese gestufte Anordnung ist den Ausschuss-Mitgliedern nicht sicher genug. Sie befürchten, dass die Druckwelle so gewaltiger Geschütze die Geschützbedienungen im niedrigeren Turm in Gefahr bringt. Nach etwas hin und her nimmt der Ausschuss am 12. Januar einen anderen Entwurf an: Ein Geschützturm wird etwas erhöht vor der Brücke installiert, während an Backbord und Steuerbord (also links und rechts) der Aufbauten je ein Seitenturm angebracht wird. Die Seitentürme liegen etwas hinter dem erhöhten Bugturm und sollen so vor dessen Druckwellen geschützt sein. Zugleich hat Fisher sich mit dem erhöhten Deck für den Bugturm durchgesetzt, weil er nicht will, dass die dortigen Geschütze unbrauchbar sind, wenn der Bug bei schwerer See von Wellen überspült wird. Der Ausschuss nimmt diesen Vorschlag trotz der Bedenken wegen einer gewissen Kopflastigkeit des gesamten Schiffes an – Fishers starkes Ego hat sich hier durchgesetzt. Hinter den Aufbauten sollen zwei heckwärtige Türme hintereinander, aber ohne Staffelung installiert werden. Von ihnen kann nur der hinterste stets nach hinten feuern, beide kommen erst bei seitlichem Schießen zur Geltung. Aber das ist egal, da für Fisher am wichtigsten ist, massiv nach vorne feuern zu können während einer Verfolgung: Die beiden Seitentürme können zusammen mit dem Bugturm nach vorne wirken. Bei drei Zwillingstürmen macht das sechs Geschütze, die eine Salve über den Bug feuern können. Bei einer Breitseite werden dann der Bugturm, ein Seitenturm und beide Hecktürme zusammenwirken – macht acht Geschütze, alle vom 12-inch-Kaliber. Da alle bisherigen Schlachtschiffe maximal vier solcher Geschütze besessen haben, würde das neue Schiff eine Kampfkraft wie zwei oder drei feindliche Schiffe besitzen.

 

Ab Mitte Januar lenkt Fisher die Aufmerksamkeit seines Ausschusses auf einen anderen wichtigen Punkt: Die Geschwindigkeit. Wie schnell soll das neue Schiff werden? Wie schnell kann es werden? Welchen Antrieb sollte man nehmen? In einem Brief an den Earl of Selborne macht Fisher klar, wohin die Diskussion für ihn gehen muss:

 

„Es ist offensichtlich notwendig, überlegene Geschwindigkeit zu haben, um den Gegner zur Annahme des Kampfes zu zwingen oder um selbst in der Lage zu sein, den Kampf zu vermeiden und den Gegner von seinem Ziel wegzulocken, bis es einem geeignet erscheint, sich zum Kampf zu stellen.“

 

Fisher schwebt eine Zahl vor: 21 Knoten. Das sind knapp 39 km pro Stunde. Das klingt nach nicht viel. Aber Fisher weiß um die Realität in der Royal Navy zu diesem Zeitpunkt: Die schnellsten Schiffe sind für maximal 19 Knoten konzipiert, erreichen diese Geschwindigkeit in der Realität aber fast nie. Stattdessen bleiben sie weit darunter, meist nur bei etwa 14 Knoten, und können auch dieses Tempo dann nicht lange durchhalten. Nach spätestens acht Stunden bei dem Tempo kommt es zu maschinellen Problemen. Das wissen auch die Mitglieder des Ausschusses. Als Fisher von 21 Knoten anfängt sind sie mehr als nur skeptisch. Im Ausschuss sitzen genügend Männer mit technischem Verstand – sie sind nicht nur alle Offiziere, sondern als Seeleute auch durchaus technisch versiert -, damit in der Diskussion der Grund für diese offensichtliche Begrenzung klar wird. Der Grund liegt in der Konstruktion und Funktionsweise der Antriebsmaschinen – es sind schlichte Dampfmaschinen, bei denen Kolben in Zylindern auf und nieder gestoßen werden, um die Schiffsschrauben anzutreiben. Die enormen Kräfte, die dabei auf die zahlreichen beweglichen Teile der Maschine wirken, entfalten sich bis zu vier Mal pro Minute, um die Schrauben auf 120 Umdrehungen in der Minute anzutreiben. Dies führt zu einer enormen Beanspruchung der Maschinenlager, und werden diese nicht nachjustiert und gewartet, kommt es schnell zu gravierenderen Maschinenschäden. Schon nach wenigen Stunden unter Volldampf kann es vorkommen, dass ein Kriegsschiff deswegen für über eine Woche wieder im Hafen ankern muss, um gewartet zu werden. Nicht nur Fisher sieht darin einen unhaltbaren Zustand.

 

Fisher wirft einen Lösungsvorschlag in die Überlegungen: Er will das Schiff mit Dampfturbinen ausstatten. Die Vorstellung löst bei einigen der Offiziere Unwillen aus. Dampfturbinen sind eine relativ neue Technik. Bei ihnen bewegt komprimierter Dampf Turbinenschaufeln, die um eine Welle angeordnet sind. Der Vorteil ist die gleichmäßige Bewegung bei geringer Abnutzung – dies ist in vielerlei Hinsicht effizienter. Es geht weniger Bewegungsenergie verloren, die beweglichen Teile werden weniger verschlissen. Aber: Es ist eine wenig erprobte Technologie. Nur kleinere Schiffe sind bisher mit Erfolg damit gefahren. Erst im Vorjahr (1904) versuchte die Royal Navy den Kreuzer Amethyst mit einer Dampfturbine auszustatten, was prompt schief ging: Beim ersten Auslaufen brach ein Stück der Turbinenschaufeln ab und legte den Kreuzer kurzerhand still. Um ihn zu reparieren, musste man ihn ins Dock schleppen. Das haben die Ausschussmitglieder vor Augen. Die meisten sind eher ablehnend gegenüber Fishers Idee. Einige Tage diskutiert man hin und her. Einer jedoch bleibt verdächtig still, hört nur zu, macht sich Notizen und denkt sich seinen Teil: Philipp Watts. Schließlich richten die anderen in der Runde den Blick auf Watts und fragen ihn nach seiner Meinung. Watts blickt in die Runde und erklärt dann:

 

„Wenn wir Kolbenmaschinen einbauen, werden diese Schiffe innerhalb von fünf Jahren veraltet sein.“

 

Das Votum fällt: Es werden Dampfturbinen in das neue Schiff eingebaut.

 

Der nächste Punkt der Konstruktionsplanung ist die Panzerung des neuen Schiffes. Hier ist Fisher eigentlich am wenigsten interessiert. Er tut die Forderungen nach einer soliden Panzerung des neuen Schlachtschiffes mit dem Spruch „Geschwindigkeit ist Panzerung“ ab. Er geht einfach davon aus, dass man den Gegner schon dank überlegener Geschwindigkeit und Feuerreichweite auf den Meeresgrund geschickt hat, bevor man selber beschossen wird. Wozu da Panzerung? Doch damit kann sich Fisher nicht durchsetzen. Die Ausschussmitglieder weisen sehr zu Recht darauf hin, dass das Schiff genügend Schutz haben muss, um eventuelle Gegentreffer abzuhalten. Es soll also eine Panzerung erhalten. Als Zugeständnis an Fisher soll diese aber anders verteilt werden als bei den früheren Schlachtschiffen. Jellicoe zufolge, bringt eine besondere Turmpanzerung nicht viel – wird ein Geschützturm voll getroffen, fällt er durch die massive Erschütterung ohnehin aus, selbst wenn die Panzerung nicht durchdrungen wird. Daher wird beschlossen bei den Geschütztürmen an Panzerung zu sparen. Dafür soll vor allem die gürtelförmige Zone ober-und unterhalb der Wasserlinie gut gepanzert  werden, sogar besser als bei früheren Schlachtschiffen. Dies soll vor den wirklich gefährlichen Treffern im unteren Schiffsbereich schützen, die zu Wassereinbrüchen führen. Dabei denken gerade Jellicoe und Fisher nicht nur an Granaten, sondern auch schon an die neuartigeren Torpedos. Insgesamt sieht der Ausschuss am Ende rund 5000 Tonnen Stahlpanzerung für das neue Schiff vor.

 

Inzwischen ist es Februar. Fisher und seine Planungsgruppe gehen nun dazu über, neben den Hauptaspekten der Waffen, des Antriebs und der Panzerung auch einige auf den ersten Blick trivialere Konstruktionseigenschaften zu überarbeiten. Dabei misten sie alte Konzepte aus. Ein besonderes Anliegen ist es für Fisher, dass das neue Schiff auch aufgrund seiner internen Konstruktion schwerer sinkbar ist. In der Vergangenheit hat es Zwischenfälle gegeben, bei denen unerwartete Wassereinbrüche die Kriegsschiffe zum Sinken brachten, weil die wasserdichten Türen in den Schotten unterhalb der Wasserlinie geöffnet waren und nicht mehr rechtzeitig geschlossen werden konnten. Jellicoe kann davon ein Lied singen – er selbst hat sich 1893 an Bord des Schlachtschiffes Victoria befunden, als dieses bei einem Manöver vor der libanesischen Küste vom Schlachtschiff Camperdown versehentlich gerammt wurde und binnen 10 Minuten sank. Fisher schlägt auch hier eine radikale Änderung vor: Keine Türen mehr unterhalb der Wasserlinie – lediglich kleine Öffnungen für Kabel und Rohre will er noch gelten lassen. Ansonsten soll jede Zelle zwischen zwei Schotten im Schiffsrumpf eine eigene abgeschlossene Einheit sein. Um von einer Zelle zur nächsten zu gelangen, würde man künftig über eine Leiter oder einen Aufzug hoch zum Hauptdeck und von dort wieder nach unten müssen. Umständlich, aber im Sinne der Schiffssicherheit. Wesentlich grausamere Konsequenz: Wer bei einem Wassereinbruch in einer Zelle die Leiter nicht mehr erreicht, ist verloren. Aber Fisher geht es um die Schiffe, weniger um das Kanonenfutter. 

 

Die HMS Victoria. Dieses 1890 in Dienst gestellte britische Schlachtschiff sank 1893 nach einer versehentlichen Kollision – auch dank konstruktiver Mängel, die Fisher in seinem neuen Schlachtschiffprojekt ausmerzen will. Quelle: Wikipedia.

 

 

Andere Änderungen betreffen geradezu anachronistische Dinge. Noch Anfang des Jahrhunderts haben viele Kriegsschiffe einen scharfen Rammbug – ein Relikt aus den Zeiten, als Seeschlachten noch auf kurze Entfernung geführt wurden. Auch hier sind sich Fisher und der Ausschuss einig: Das Ding muss weg. Künftig werden Seeschlachten vor allem auf große Entfernung geführt, bei denen es kaum zu Rammstößen kommt. Der Rammsporn des Buges selber ist für Fisher ohnehin nur unpraktisch. Allein schon der Platz, der durch ihn unnötigerweise im Dock eingenommen wird! Mindestens ebenso anachronistisch sind auf vielen größeren Kriegsschiffen die Anordnungen der Quartierräume. Dass die Offiziersquartiere im Heckbereich untergebracht sind, stammt eigentlich noch aus der Zeit der Segelschiffe, als die Schiffe vom Achterdeck aus kommandiert wurden. Jetzt aber sind wir in der Zeit der dampfgetriebenen stählernen Kolosse und die Kommandobrücke liegt mittschiffs oder gar in der bugwärtigen Hälfte. Wenn die Offiziere auf die Gefechtsstationen eilen müssen, haben sie dadurch einen unnötig langen Weg. Beim neuen Schiff soll das vermieden werden. Schnell einigt sich der Ausschuss darauf, die Offiziersquartiere nach vorne zu verlegen, während die Mannschaftsquartiere in den Heckbereich kommen.

 

In den letzten Tagen des Ausschusses schließlich geht Fisher noch einmal auf einen besonders wichtigen Punkt ein: Das neue Schiff soll billiger als alle seine Vorgänger sein. Mühsam feilt das Team an der Konstruktion, um sie nicht zu groß werden zu lassen und damit Kosten zu sparen. Am Ende ist der Entwurf nur 1400 Tonnen schwerer als die modernsten gerade erst auf Kiel gelegten Schlachtschiffe. Fisher veranschlagt lediglich 181000 Pfund zusätzlich. Er hofft, der zu erwartenden Kritik dadurch den Wind aus den Segeln zu nehmen. Am 22. Februar 1905 reicht der Ausschuss seinen Abschlussbericht ein, den Fisher dem Kabinett und dem Schatzamt vorlegt.

 

Der Entwurf steht – die eigentliche Arbeit beginnt erst. 

 

Fortsetzung folgt