MtP Artcorner


SOD1Kalender
Die Kalender und Artbooks von MtP Art (Mario Heyer),
die in Zusammenarbeit mit dem CALVENDO Verlag
entstanden,
sind im Handel erschienen. Nähere infos bekommt ihr
hier -->

Follow us on Facebook

Pirats Tales of War: Iron Leviathans - Geburt des Ungeheuers 3

 

IL1-3

 

***

DP3

 

***

 

II

 

Ein Kriegsschiff zu bauen gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben für Englands Werften. Es ist mehr als ein Schiff zu bauen – es sind besondere Schiffe: Die Panzerung erfordert zusätzliche Arbeiten ebenso wie die Ausstattung mit der Bewaffnung. Letztere erfordert auch ganz andere hydraulische und elektrische Systeme als bei normalen Frachtschiffen. Je größer ein Kriegsschiff, umso komplexer ist es. Die Werften in Portsmouth haben in der Vergangenheit einen Rekord aufgestellt: Sie stellten ein Schlachtschiff nach nur 31 Monaten fertig – immerhin über zweieinhalb Jahre. In einer solch langen Zeit kann viel schiefgehen und damit sind nicht nur Unfälle gemeint. Auch politische Friktionen können zu weiteren Verzögerungen oder zum Abbruch des Baus führen. Admiral Fisher weiß das nur allzu gut. Sein Projekt will er auf gar keinen Fall gefährdet sehen. Deswegen macht er, wie es seiner Natur entspricht Druck. Der Konstruktionsentwurf seines Ausschusses soll nicht nur schnellstmöglich vom Parlament durchgewunken und die Finanzierung genehmigt werden. Auch der eigentliche Bau soll in einer neuen Rekordzeit vonstattengehen.

 

Fisher verlangt einen Zeitrahmen von 12 Monaten.

 

Im Monat nach der letzten Ausschusssitzung stellt die Admiralität die Baupläne und den Finanzierungsplan dem Parlament vor. Dank der Unterstützung durch den Premierminister kommt die Sache tatsächlich anstandslos durch. Glück für Fisher! Denn er hat bereits erste Materialbestellungen auf den Weg bringen lassen. Darunter Dutzende von Panzerplatten in standardisierten Größen – auch dies eine Neuerung, wurden früher die Platten doch einzeln zurechtgeschnitten kurz bevor sie verbaut wurden. Durch diese Änderung hofft Fisher Zeit zu sparen. So oder so kommen auf die Werftarbeiter in Portsmouth nun Überstunden und zumindest gefühlt Akkordarbeit zu. Gegenüber von Portsmouth, in Haslar, testen die Kollegen von der Royal Navy bereits sieben Rumpfmodelle auf ihre hydrodynamischen Eigenschaften. Es dauert etwas, aber schließlich wird ein Rumpfbau ausgewählt, der sich als besonders geeignet erweist – um das Schiff mit diesem Rumpf bei 17000 Tonnen Verdrängung auf 21 Knoten zu beschleunigen, werden nur 23000 PS anstatt zuvor geschätzte 28000 benötigt. Für Fisher ist das ein Glücksfall, wo er Effizienz doch so liebt – und er lässt sich überreden, die entsprechende Einsparung an Maschinengewicht in zusätzliche Panzerung umzumünzen. Dafür kann Fisher eine andere Umdisponierung durchsetzen: Der Bau der beiden letzten in Auftrag gegebenen älteren Schlachtschiffe Lord Nelson und Agamemnon, schon recht weit fortgeschritten, wird zurückgestellt. Nicht nur die Arbeitskräfte werden von diesen Rohbauten abgezogen, um für das neue Schiff herangezogen werden zu können – auch acht bereits in der Fertigung befindliche 30,5-cm-Geschütze für diese Schiffe werden nun für das neue Schlachtschiff eingeplant.

 

Der Sommer 1905 verläuft mit weiteren Vorbereitungen in Portsmouth. Das bestellte Material wird geliefert, zuerst 2200 Tonnen Stahlplatten. Alles wird zunächst wie es geliefert wird eingelagert. Ab dem 1. September dann beginnt ein Arbeiterteam von 1100 Mann mit der Verteilung des Baumaterials für die ersten Bauschritte. Die Kiellegung erfolgt am 2. Oktober und damit die Konstruktion des endgültigen Rumpfes. Die Arbeiter schaffen mit aller Anstrengung im Angesichte ihres Schweißes das fast unvorstellbare – einen raschen Zusammenbau. Schon nach zwei Tagen werden die ersten Mitteldeckträger eingebaut und 10 Tage darauf können die Platten des Mitteldecks verlegt werden. Das Hämmern und Schlagen der Werkzeuge erfolgt ohne Unterlass, fast bis zur Erschöpfung, nur um Fishers Traum wahr werden zu lassen. Mit starker Hand wacht der Leiter des Konstruktionsbüros des Portsmouth Naval Dockyard, Thomas Mitchell, über den Arbeiten. Seine Hunderte und Tausende von Arbeitern schaffen es tatsächlich, dass bei Jahresende der Rumpf zum größten Teil fertiggestellt ist, in nur drei Monaten. Der Stapellauf mit dem König als Gast ist da geradezu bequem noch Anfang Februar zu schaffen.

 

Dieses Bild zeigt die Dreadnought 36 Tage nach der Kiellegung – eine riesige Baustelle. Gerade haben die Vorarbeiten für das Hauptdeck begonnen. Quelle: Wikipedia.

 

 

Doch der Besuch des Königs beendet die Arbeit ja nicht. Noch ist nur der Rumpf fertig. Ein Rumpf macht noch kein Schiff. Und Fisher ist beflügelt von dem Stapellauf und verkürzt den Zeitplan für die Fertigstellung des Schiffs um einen Monat. Mitchell stellt nun noch mehr Arbeiter ab, es sind am Ende 3000. Und sie arbeiten noch länger. Die Arbeiter kommen morgens um 6 Uhr, im kalten Morgengrauen, zur Werft. Sie gehen erst um 17 Uhr 30 wieder nach Hause. Und das sechs Tage die Woche, mit nur wenig Pause am Tag. Tag ein, Tag aus arbeiten sie an der Dreadnought. Das Monster, das sie da zusammennieten hat ja nun einen Namen. Es ist in der Royal Navy ein Name mit Tradition. Schon sieben Schiffe führten ihn. Das erste Schiff mit diesem Namen war eine 1553 gebaute Galeone mit 40 Kanonen. Das zuletzt gebaute Schiff mit diesem Namen war ein Kriegsschiff mit zwei drehbaren Geschütztürmen, Baujahr 1879, welches inzwischen nur noch als Tender diente. Fisher hat bei seinen Einsparmaßnahmen dieses Schiff in die Reserve ausmustern lassen und längst ist seine Abwrackung geplant, da es in keiner Weise mehr dem Stand der Technik entspricht.

 

Wie schwer und schweißtreibend die Arbeit für die Werftarbeiter ist, erkennt man vielleicht auch daran, wie das Gewicht des Schiffes zunimmt. Am 2. März 1906 werden die letzten Arbeiten beim Einbau der Kessel abgeschlossen. Parallel dazu wurden 2000 Tonnen Panzerplatten vernietet. Erst im Mai werden die Turbinen geliefert und dann mit Kränen in den Rumpf eingelassen und montiert. Dies dauert bis Juni. Dadurch erreicht das Gesamtgewicht des Schiffes 11500 Tonnen. Im Juni dann kommt einer der kniffligsten Arbeitsschritte: Der Einbau der 30,5-cm-Geschütze. Die Geschütze werden quasi mit ihren Türmen per Kran in die Lager auf dem Schiff gehievt. Dies erfordert viel Präzision, außerdem sind alle gespannt, ob und wie sich die Balance des Schiffes durch die Montage der Geschütze verändert. Erst im Juli ist dieser Arbeitsschritt abgeschlossen und die Dreadnought verdrängt nun bereits 14000 Tonnen. Während einige der Arbeiter noch die letzten Handgriffe an den Geschütztürmen ausführen, beginnen andere bereits mit dem Hochziehen der Aufbauten in der Mitte des Schiffes. Den ganzen August über arbeiten die Werftarbeiter in der Sommerhitze auf Hochtouren an den Aufbauten und den Innenräumen.

 

Denn schon am 1. September gehen die ersten Matrosen der vorgesehenen Besatzung an Bord. Sie bringen ihre ersten Seesäcke mit und spannen in den Mannschaftsräumen ihre Hängematten auf. Bald wird das Monster, der „Fürchtenichts“, zum Leben erweckt werden.

 

 

Fortsetzung folgt