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Der Deutsche Bauernkrieg I-2: Der erste Bundschuh

Unruhen häufen sich

 

Die Spannungen zwischen Bauern und Herren, zwischen Untertanen und Obrigkeit kamen natürlich nicht über Nacht. Es handelte sich um Prozesse, deren Konfliktpotential sich stellenweise über Jahrzehnte hinweg aufbaute. Grundsätzlich gab es ähnliche Konflikte im ausgehenden Mittelalter und am Vorabend der Renaissance in ganz Europa und in ganz Europa entluden sie sich immer wieder – teils in lokalen und kurzfristigen Unruhen, manchmal in richtigen Aufständen. Die Aufzählung einiger Beispiele beginnend mit dem Jahr 1400 mag dies verdeutlichen:

Zwischen 1401 und 1408 kommt es in der Schweiz zum Appenzeller Krieg, einer Erhebung gegen den Abt von St. Gallen.

1411 gibt es Unruhen gegen die städtischen Obrigkeiten von Zürich, Luzern, Bern und Interlaken.

Etwa um 1413 gibt es einen Aufstand in Leicestershire in England.

1431 kommt es zu antisemitischen Bauernunruhen rund um Worms.

1434 rebellieren Bauern und Bergleute in Schweden, der Aufstand dauert zwei Jahre. Im selben Jahr rebellieren die Bauern in Friesland und gründen die legendäre Bauernrepublik Dithmarschen, die erst 1559 endgültig vom norddeutschen Adel mit Söldnerheeren zerschlagen wird.

1437 kommt es zu einem Bauernaufstand in Katalonien.

1439 trifft es Finnland.

Anfang der 1440er Jahre gibt es Bauernaufstände in Dänemark, in der zweiten Hälfte des gleichen Jahrzehnts wieder in der Schweiz.

1450 gibt es erneute Unruhen in Spanien, unter anderem auf Mallorca.

1462 kommt es zu verbreiteten Unruhen um Salzburg und Brixen, Auslöser war die Einführung einer neuen „Weihsteuer“. Etwa zur selben Zeit beginnen Aufstände einmal mehr in Katalonien, die fast 10 Jahre andauern.

1476 gibt es Unruhen in Franken und in Spanien in Andalusien.

1478 sind Kärnten und die obere Steiermark Schauplatz von Unruhen.

In den 1480er Jahren wird Spanien wieder von Aufständen in Katalonien und auf den Balearen erschüttert. Gegen Ende des Jahrzehnts gibt es neue Bauernunruhen in Cornwall in England. 1489 gibt es auch wieder Erhebungen in der Schweiz.

1491 erheben sich die holländischen Bauern und 1497 die friesischen Bauern.

Dies ist eine Auswahl einiger Bauernunruhen quer durch Europa. Die Ursachen waren zum Teil unterschiedlich, zum Teil ähnlich zu jenen, die 1524 zum Deutschen Bauernkrieg führen sollten. Den meisten dieser Erhebungen und Unruhen war gemeinsam, dass sie lokal begrenzt waren und rasch von den adeligen Grundherren niedergeschlagen werden konnten. Bemerkenswerte Ausnahmen bildeten da die Aufstände in Spanien, die schon kriegerische Ausmaße annahmen, und die Bauernrepublik Dithmarschen. Oft lösten auch Missernten die Unruhen aus bzw. verschärften Missernten bereits bestehende Konflikte. Missernten waren zu jener Zeit nichts außergewöhnliches, da die Bauern letztlich vom Wetter in ihrem Ernteerfolg abhängig waren und zu jener Zeit erste Temperaturrückgänge auftraten, die den Beginn der sogenannten Kleinen Eiszeit einläuteten – einer Periode mit bis zu einem Grad niedrigeren Temperaturen als im 20. Jahrhundert in Europa, die erst im 19. Jahrhundert endete. Man wird die Unruhen in der Bevölkerung und den Bauernkrieg wohl nicht als direkte Folge der Klimaverschlechterung auffassen können, aber diese durfte bestehende Spannungsverhältnisse sicherlich noch stärker zur Geltung gebracht haben.

Im Folgenden wird der Fokus auf einigen Unruhen in Mitteleuropa liegen, die dem Bauernkrieg den Boden bereiteten und daher traditionell als Teil seiner Vorgeschichte aufgefasst werden.


Bundschuh (Teil 1)


Einer der berühmtesten Versuche der Bauern im Vorfeld des Bauernkrieges, sich gegen die Ungerechtigkeiten zu erheben war die sogenannte Bundschuh-Bewegung oder besser Bundschuh-Verschwörung. Zeitgenössisch wurde stets nur von dem Bundschuh gesprochen. Jeder Umtrieb des Bundschuhs wurde von den Obrigkeiten und Herrschaften gestoppt und unterdrückt, bevor er sich zu sehr ausweiten konnte. Gleichwohl mahnten diese Ereignisse Adel und Klerus bereits sehr eindringlich – sie wussten, dass es im Volk brodelte und fürchteten neue Verschwörungen gegen die eigene Herrschaft. Rückblickend war es daher umso törichter, dass sie vorhandene Missstände nicht abstellten.


Der erste Bundschuh. Die Bauern, die den ersten Bundschuh bildeten, hatten ein Beispiel vor Augen. Das des Predigers Hans Böhm aus Niklashausen, der 17 Jahre zuvor im Taubertal (heute im nördlichen Baden-Württemberg) erfolglos versuchte einen Bauernaufstand zu entfachen und dann auf dem Scheiterhaufen in Würzburg landete. Es war im Elsass, dass sich Bauern und andere einfache Leute zusammentaten, um diesem Beispiel zu folgen, nur mit dem Ansinnen mehr Erfolg bei ihrer Sache zu haben. Deshalb ging man in zwei Punkten anders vor: Zum einen wollte man den Aufstand im Geheimen vorbereiten, zum anderen sollten auch Vertreter anderer Berufe und Stände als Bauern daran teilhaben. Eine breitere gesellschaftliche Basis für das Vorhaben sollte einen größeren Erfolg garantieren – rückblickend muss man sagen, dass dadurch die Verschwörung anfälliger für Verrat wurde.


Das Elsass war damals in vielerlei Herrschaften unterteilten. Während der Sundgau im Süden habsburgisch war, nur Mülhausen gehörte zur Schweizer Eidgenossenschaft. Nördlich davon war das Gebiet ein Sammelsurium kleinerer unzusammenhängender Gebiete. Viele davon gehörten zum Bistum Straßburg. Straßburg selber war Reichsstadt, gleiches galt für einige kleinere Orte wie Hagenau im Norden. Die erste Bundschuh-Verschwörung entstand hier im oberrheinischen Hinterland am Fuße der Vogesen. Der Begriff Verschwörung trifft es. Es gab einen heimlichen Treffpunkt, den Hungerberg, 20 km westlich von Straßburg, eine der ersten Erhebungen der Vogesen, recht einsam gelegen. Hier trafen sich die Verschwörer in der Nacht, erkannten sich an verabredeten Zeichen und schlossen ihren Bund angeblich durch geheime Rituale. Neue Mitglieder wurden nur unter Eid aufgenommen – und unter der Androhung empfindlicher Strafen, sollten sie die Verschwörung verraten. Als Erkennungszeichen kreierte man ein Banner: Dieses Banner trug das Bild eines Bundschuhs, der damals üblichen Fußbekleidung der unteren Bevölkerungsschichten. Meistens waren diese Schnürschuhe aus Leder gearbeitet und wurden von den Eliten nicht getragen – diese bevorzugten Schuhe mit Schnallen.


Den Kern des Bundschuhs bildeten 110 Verschwörer unter der Führung von Jakob Hanser, Schultheiß aus Blienschweiler, Nicolaus Ziegler und Johann Ullmann. Die Mitverschwörer kamen aus zahlreichen Orten zwischen Mülhausen und Straßburg – aus Schlettstadt, Sulz, Epffig, Andlau, Tiefenthal, Scherweiler und anderen. Neben vielen Bauern und Handwerkern waren darunter auch städtische Würdenträger und sogar ein paar Reisige (bewaffnete Reiter). Johann Ullmann selbst war ein ehemaliger Bürgermeister der Reichsstadt Schlettstadt, weshalb man bei ihm wohl einen gewissen Eigennutz bei der Sache unterstellen kann.




Bild 1: Ein Holzschnitt, der Schlettstadt aus der Luftsicht zeigt, mit dem Rhein im Vordergrund. Entstehungsjahr etwa 1550, Künstler: Sebastian Münster. Quelle: http://www.vintage-maps.com


Die Verschwörer stellten eine Reihe von Forderungen auf. Zentral war eine Milderung der Abgabelasten: Zoll, Umgeld (eine Art Umsatzsteuer auf verschiedene Güter, die gerade von Reichsstädten erhoben wurde) und andere Abgaben sollten aufgehoben werden. Mit Hilfe eines Jubeljahres sollten alle Schulden verjährt werden, um die Verarmung von Schuldnern zu stoppen. Ein anderer wichtiger Punkt war auch hier bereits die Stärkung der Gemeindeautonomie: das geistliche Gericht und jenes in Rottweil (vergleichsweise weit weg im heutigen Baden-Württemberg gelegen!) sollten abgeschafft werden, dafür sollten die Gemeinden eigene Geschworenengerichte wählen und das Steuerbewilligungsrecht ausüben. Die Geistlichkeit sollte darüber hinaus in ihrer Macht dadurch eingeschränkt werden, dass kein Pfarrer mehr als Pfründe von maximal 50-60 Gulden Wert besitzen dürfe. Darüber hinaus gehende bestehende Pfründe sollten den Pfarrern genommen werden. Um die Macht des Klerus über die Menschen außerdem einzuschränken, sollte außerdem die Beichte abgeschafft werden. Zu den unschöneren Punkten des Bundschuh-Programms gehört eine antisemitische Zielsetzung: Juden sollten geplündert und vertrieben werden – letztlich eine Planung von Progromen. Daraus wird aber auch ersichtlich, dass die Bundschuh-Verschwörer die regionalen wirtschaftlichen Besitzverhältnisse radikal umverteilen wollten – und Juden wurden allgemein als wohlhabender wahrgenommen und waren damit natürlich auch Zielscheibe des Neides, ebenso wie die Geistlichkeit.

Die Verschwörer standen vor der Frage, wann sie ihren Aufstand lostreten wollten. Als sie glaubten, in genügend Ortschaften Unterstützer gewonnen zu haben, setzten sie den Anfang der Karwoche als Beginn des Aufstands fest. Direkt zu Beginn sollte das befestigte Schlettstadt im Handstreich eingenommen werden und zum Kristallisationspunkt des Aufstands werden – der Ort, wo einer der Bundschuh-Anführer vormals Bürgermeister war, was wohl kein Zufall ist.

Doch dazu kam es nicht mehr. Kurz vorher wurde die Verschwörung verraten. Die Herrschaften nahmen die Verschwörer in Razzien fest, und jagten diejenigen, die flüchten konnten. Manche Flüchtige wurden unterwegs in Richtung Schweiz aufgegriffen. Zumindest der berittene Knecht Ulrich von Andlau versuchte sich in den Schutz eines befreundeten Edelmannes zu retten, der dem Druck ihn auszuliefern aber nicht standhielt. Viele Verschwörer wurden vor mehreren Landgerichten, die unter starkem Einfluss des Adels standen, abgeurteilt. Auch Basel war, obschon eidgenössisch, kein sicherer Zufluchtsort. Johann Ullmann wurde hier abgeurteilt und anschließend gevierteilt. In Schlettstadt selber wurde Nicolaus Ziegler hingerichtet.



Bild 2: Der Bundschuh blieb sowohl bei Bauern als auch bei Geistlichen und Adel in langer Erinnerung. Später stellte man sich zum Beispiel wie auf diesem Bild aufrührerische Bauern vor, die einen Edelmann umzingeln und dabei die Bundschuhfahne schwingen. Dieser Holzschnitt stammt aus dem „Trostspiegel“ von 1539. Quelle: Wikipedia.


Damit war der erste Bundschuh tot. Für die Obrigkeiten im Südwesten des Reiches war der ganze Vorfall ein Schock, man spürte durchaus, dass hier an bestehenden Verhältnissen gerüttelt werden sollte. Aber man zog die falschen Schlüsse daraus. Anstand einer vorbeugenden Politik sah man eher die Tatsache, dass man die Sache durch hartes Durchgreifen unterdrückt hatte. Allerdings ahnten die Obrigkeiten wohl, dass sie den Gedanken an Aufruhr nicht völlig hatten ausrotten können. Als 1499 Krieg zwischen den Habsburgern, angeführt von Maximilian I., seines Zeichens deutscher König, und der Schweizer Eidgenossenschaft ausbrach, schlugen den im Südwesten des Reiches einmarschierenden Schweizern die Sympathien der lokalen Bauernschaft entgegen. Die Bauern hofften darauf, an die Eidgenossenschaft angeschlossen und dadurch frei zu werden. Dazu kam es nicht, der Krieg führte zu keiner Grenzveränderung. Aber die Hoffnung, sich den Schweizern anschließen zu können, sollte nicht vergehen.


Zusätzliche Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Bundschuh-Bewegung