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Der Amerikanische Bürgerkrieg I-1: Der Geburtsfehler

Vorheriger Artikel: Der Amerikanische Bürgerkrieg (1861-1865): Ein Vorwort

 

 

I: Vor dem Krieg

 

Die USA sind bis heute eine bundesstaatliche Union, die ihren jeweiligen Bundesstaaten weitreichende Autonomie zugesteht. Dies war seit den ersten Tagen dieser Nation so vorgesehen und wurde sogar anfangs noch wesentlich stärker betont: Es gab zwar in hohen Politikerkreisen die Idee, dass die USA eine Nation wären, doch in der Praxis waren es eher mehrere Nationen mit einem gemeinsamen Ursprung. Entsprechend sprach man – anders als heute oft üblich – von den USA im Plural, nicht im Singular. Von den USA im Singular zu sprechen ist sogar relativ neuzeitlich. In der alltäglichen Praxis war es so, dass die verschiedenen Bundesstaaten ihre Eigenständigkeit noch mehr herausstrichen als heute. Solange das Projekt der Vereinigten Staaten von Amerika gut lief, war das nicht weiter problematisch, aber wenn es mal nicht so gut lief, knarzte es ordentlich im Gebälk. Wer im Zweifelsfall die letztendliche Entscheidungshoheit hatte, der Bund oder der Einzelstaat, war nicht abschließend geklärt und lag in lange im Argen. Allein dieser Punkt musste schon zu Konflikten führen auf Dauer. Was wie eine Verfahrensfrage klingt wurde schließlich durch die Gegensätze, die sich – grob gesagt – zwischen dem Norden und dem Süden des jungen Landes aufstauten, regelrecht brisant.


Der Geburtsfehler


Unterschiedliche Auslegungen der Bundesverfassung und daraus entstehende Kompetenzfragen waren ja nicht einmal die schlimmsten Geburtsfehler der USA. Es gab einen viel schwerwiegenderen Geburtsfehler, der das ganze Land und die ganze Gesellschaft auf unabsehbare Zeit belasten sollte. Dieser Geburtsfehler war die Sklaverei, von ihren Befürwortern auch euphemistisch als „besondere Institution“ bezeichnet. Die Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika hatten für Demokratie und Freiheit gekämpft – aber die Frage, ob diese Freiheit für alle Menschen gelten sollte, wurde von ihnen nie klar beantwortet. Was auch daran lag, dass sich durchaus nicht alle Zeitgenossen einig waren, wer alles als Mensch zu betrachten sei. 

Im Nordamerika jener Zeit gab es grob gesehen drei Bevölkerungsgruppen, die unterschiedliche Rechte genossen. Da waren zum einen die eingewanderten Europäer, der weiße Mann. Sie bildeten in den von ihren Heimatstaaten gegründeten Kolonien und später in den frisch gegründeten USA die herrschende Schicht, genossen volle Rechte und nahmen auch das noch nicht erschlossene Land weiter im Westen ganz selbstverständlich für sich in Anspruch. Zum anderen gab es die von den Europäern als Sklaven auf den Kontinent gebrachten Schwarzafrikaner. Ursprünglich besaßen diese keinerlei Rechte. Weiße Europäer betrachteten die Schwarzen fast standardmäßig als minderwertig und eigentlich nicht als richtige Menschen. Bei der dritten Gruppierung war dies schon komplexer, es handelte sich um die Indianer, die eingeborenen Völker Nordamerikas. Ihnen sprachen manche Zeitgenossen alles Menschliche ab, andere wohlwollende Gemüter hielten sie für den Europäern fast gleichwertig. Weit verbreitet war vor allem die Auffassung, es handele sich um edle Wilde, die zwar höher als die Afrikaner stünden, aber primitiv waren und nur auf die Errettung durch die europäische Zivilisation warteten. Immer dann, wenn der Konflikt um Land zwischen Europäern und Indianern wieder schärfer wurde, setzten sich aber die deutlich negativeren Sichtweisen durch. Im 19. Jahrhundert waren die mit Indianern sympathisierenden Stimmen schließlich deutlich in der Minderheit. Letzten Endes war es dann auch im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg so, dass die nach Freiheit strebenden Kolonisten vor allem die Freiheit des weißen Mannes meinten.

Dies mögen die drei prominentesten Beispiele aus den Reihen der Gründerväter illustrieren. George Washington zum Beispiel trat in der Theorie wiederholt – vor allem in schriftlicher Form – für die Abschaffung der Sklaverei ein. Selber blieb er aber in der Praxis Sklavenhalter. Von seinem Vater hatte er 10 Sklaven mit etwas Land ererbt. Im späteren Leben vergrößerte er durch Grundstückspekulation seinen Landbesitz – und seinen Bestand an Sklaven, bis er fast 400 besaß. Einige Sklaven, die ihm entflohen, ließ er verfolgen, um sie wiederzubekommen. Thomas Jefferson war da nicht wesentlich anders. Genau wie Washington bei Grundstücksspekulationen erfolgreich, besaß Jefferson im Laufe der Zeit Tausende Hektar und diese ließ er von Hunderten Sklaven bewirtschaften. Die Tatsache, dass Jefferson seinen Sklaven viele Freiheiten beließ und sich durchaus um sie sorgte, änderte nichts an der Tatsache ihres Sklavendaseins. Gegen Ende seines Lebens spielte Jefferson mit verschiedenen Ideen, seine Sklaven schrittweise in die Freiheit zu entlassen – aber dies sollte erst nach seinem Tode geschehen. Solange er lebte, konnte er sich nicht zu diesem radikalen Schritt durchringen. In Bezug auf die Indianer kam Jefferson irgendwann zu der Erkenntnis, dass sie „edle Wilde“ wären, die durchaus beachtliche Kulturleistungen vollbringen könnten. Aber Schwarzen wollte er niemals vergleichbares zugestehen. Auch Rassenmischung lehnte er ab, vorgeblich weil diese nur zu menschlichem Elend führen würde, wie er selbst am Beispiel von Mischlingskindern, die aus Verbindungen seiner Sklaven mit Weißen hervorgingen, beobachten konnte. Diese Haltung wird noch dadurch schizophrener, dass zwei dieser Mischlingskinder, die die Sklavin Sally Hemings gebar, möglicherweise von Jefferson selbst oder einem seiner Söhne oder Brüder gezeugt wurden. Die genetische Verbindung der Nachkommen von Sally Hemings zur Familie der Jeffersons ist inzwischen durch DNA-Untersuchungen belegt, offen bleibt lediglich, ob es Jefferson selbst war. Jefferson trat zwar für das Verbot des internationalen Sklavenhandels ein, aber niemals für das Verbot von Sklavenhandel auf dem Gebiet der USA. Auch dahinter steckt letztlich eigennützige Bigotterie: Ein Verbot des internationalen Sklavenhandels würde den Handel auf dem amerikanischen Binnenmarkt beleben, was vor allem sklavenreichen Staaten wie Virginia – Jeffersons Heimatstaat – zu Gute kommen würde. Das dritte Beispiel ist schließlich Benjamin Franklin. Auch dieser besaß Sklaven, als er noch Verleger war. Aber bereits vor dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg kam er zu der Überzeugung, der Sklavenhandel müsse unterbunden und den Sklaven die Freiheit geschenkt werden. Er wurde schnell einer der ersten prominenten Vorkämpfer für die Sklavenbefreiung und gründete 1787, kurz nach dem Unabhängigkeitskrieg, die Pennsylvania Abolition Society. Damit war er weiter als Washington und Jefferson. Aber Franklin kam auch aus Neuengland, aus Massachusetts, während Washington und Jefferson beide aus Virginier war, davon letzterer aus einer wohlhabenden Grundbesitzer-und Pflanzerfamilie.



Bild 1: Thomas Jefferson um 1800, ein Porträt von Rembrandt Peale. Quelle: Wikipedia.



Bild 2: Diese Lithographie (etwa um 1853) zeigt George Washington in seiner Eigenschaft als Farmer und Grundherr. Zu sehen sind dabei auch farbige Erntehelfer, die ein dezenter Hinweis darauf sind, dass Washington seine Güter eben auch von Sklaven bewirtschaften ließ. Quelle: Wikipedia/ Library of Congress.


Bereits an diesen willkürlich herausgegriffenen drei Beispielen würde sich damit die spätere Spaltung in Nord-und Südstaatler vorzeichnen. Im Ergebnis klammerten die Begründer der USA die Frage, ob sie einen Staat mit oder ohne Sklavenhaltung wollten aus und überließen es den einzelnen Bundesstaaten. So zog man sich aus der Affäre. In der Unabhängigkeitserklärung stand zwar, dass alle Menschen gleich geschaffen seien und ein Recht auf Freiheit hätten. Die Befürworter der Sklaverei konnten diesen Punkt aber damit umschiffen, die Schwarzen gar nicht erst als richtige Menschen anzuerkennen. In der Praxis führte dies letztlich zu einer Zementierung sowieso vorgezeichneter Verhältnisse: In den nördlichen Bundesstaaten gab es keine Sklaverei oder sie wurde abgeschafft, da sie dort ohnehin wirtschaftlich unrentabel war. In den südlichen Bundesstaaten, wo die Sklavenhaltung durch die Plantagenwirtschaft lohnte, wurde sie beibehalten. Die Folge waren zwei Gesellschafts-und Wirtschaftssysteme, die immer weiter auseinanderdriften sollten.

Dabei sollte man aber nicht dem Irrtum verfallen, in beiden Fraktionen zwei monolithische völlig unvereinbare Blöcke zu sehen. So bedeutete die Abwesenheit der Sklaverei in den nördlichen Bundesstaaten der jungen USA keineswegs die Abwesenheit von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Die Abolitionisten-Bewegung, die die Abschaffung der Sklaverei forderte, war zunächst vor allem eine kleine Minderheit. Vielen Yankees, wie die Südstaatler die Menschen im Norden oft abfällig nannten, waren die Sklaven schlicht ziemlich egal, sie hatten ihre eigenen Sorgen. Und nicht wenige Bürger in den nördlichen Staaten waren nicht einmal für die Abschaffung der Sklaverei – oder zumindest nicht zu ihren Lebzeiten. Allgemein vertrat man die Ansicht – und das war auch die Hoffnung der Gründervätergeneration gewesen -, die Sklaverei würde schon von selbst in einer allmählichen Entwicklung verschwinden. Viele Lohnarbeiter zum Beispiel hegten durchaus Befürchtungen vor der Konkurrenz, die entstehen mochte, wenn Millionen von Sklaven auf einmal als freie Männer dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen könnten. Dies war verbunden mit der Befürchtung, die ehemaligen Sklaven könnten alle in den Norden abwandern – niemand wollte glauben, dass sie als Freie dann unter ihren früheren Herren leben wollten. Aber auch mit anderen Bevölkerungsgruppen gab es Reibungen – und zwar innerhalb der weißen Bevölkerung. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts erlebten die USA eine starke neue Zuwanderungswelle aus Irland, Deutschland, Polen und anderen europäischen Staaten. Die Zuwanderer flohen vor Hunger, Unterdrückung und Verfolgung – und waren meistens katholischer Konfession. In den USA herrschten bislang die verschiedenen Fraktionen der protestantischen Kirchen vor. Die Neuankömmlinge wurden entsprechend misstrauisch beäugt – es kam zu Zwischenfällen, Krawallen, Unruhen. Eine politische Bewegung, die sogenannten Know-Nothings, agitierte sogar ganz bewusst gegen katholische Zuwanderer, vor allem Iren und Deutsche. Das Ziel war, deren Zuwanderung zu begrenzen, wenn nicht gar zurückzudrehen. Die Know-Nothings agierten dabei aber verschwiegen, daher auch ihr Name: Fragte man einen ihrer Anhänger, ob er zu den Know-Nothings gehöre, war die Antwort ein „Ich weiß nichts“. Interessanterweise konnte man als Know-Nothing durchaus auch gegen die Sklaverei sein – die Bewegung verlor gegen Ende der 1850er Jahre an Stoßkraft, weil sie sich entlang der regionalen Grenzen der Bundesstaaten in Befürworter und Gegner der Sklaverei spaltete. Die Bedenklichkeit der Know-Nothings für die USA als Gemeinwesen fasste Abraham Lincoln einmal sehr prägnant in Worte und er traf dabei gleich in mehrfacher Hinsicht das gesamte Problem hinter dem latenten Rassismus in den USA:

„Unser Fortschritt in die Degeneration scheint mir ziemlich rasch vonstatten zu gehen. Als Nation begannen wir mit der Erklärung, dass alle Menschen gleich geschaffen seien. Inzwischen heißt es praktisch: ‚Alle Menschen sind gleich geschaffen, außer den Negern.‘ Wenn die Know-Nothings an die Macht gelangen, wird es heißen: ‚Alle Menschen sind gleich geschaffen, außer Negern und Ausländern und Katholiken.“

Schon dies zeigt, dass es in der Gesellschaft der frühen USA genügend Konfliktpotentiale gab. Darunter war die Sklavenfrage nur ein Punkt unter vielen und eigentlich galt allgemein: Es waren vorgeschobene Gründe, deren Ursachen ökonomische und politische Machtfragen waren. Die USA waren ein aufstrebendes Staatswesen, mit dem Versprechen, dass jeder seines Glückes Schmied sein könne. Die Frage war nur, wie viel Glück und Erfolg an wen verteilt wurde. Und genau dabei drohte der Süden des Landes Mitte des 19. Jahrhunderts ins Hintertreffen zu geraten.


Zusätzliche Literatur.


http://de.wikipedia.org/wiki/Benjamin_Franklin


Kennedy, R.G. 1994 (Originalausgabe). Die vergessenen Vorfahren. Die Wiederentdeckung der indianischen Hochkulturen Nordamerikas. Droemer Knaur, München, 1996 (deutsche Ausgabe).