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Der Amerikanische Bürgerkrieg I-2: Panorama

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Panorama

 

Die Vereinigten Staaten von Amerika waren im 19. Jahrhundert ein rasant expandierendes Gemeinwesen – in jeglicher Hinsicht. Territorial dehnten sie sich schnell in Richtung Westen aus. Kurz nach dem Unabhängigkeitskrieg hatte man erste Territorien im Mittleren Westen in Besitz genommen und die Grenzen bis zum Mississippi vorgeschoben – teils durch Kauf, teils durch gewaltsame Aneignung. Dabei hatte es auch massive Konflikte mit den Indianern gegeben. Aber die Amerikaner glaubten an ihre „manifest destiny“ – ihre offensichtliche Bestimmung, dieses Land in Besitz und zum Erblühen zu bringen bei ihrem Streben nach Glück.1846 führten die USA einen Krieg gegen Mexiko, der ihnen nach zweijährigen Kampfhandlungen weitere riesige Gebiete verschaffte – bis zur Pazifikküste reichte das Land nun, eine gigantische Fläche. Die politische Entwicklung folgte bereits im mittleren Westen erprobten Strukturen: Zunächst wurden die neuen Gebiete als Territorien unter Bundesverwaltung gestellt, um sie dann auf eine Zukunft als eigenständige Bundesstaaten, die in Union aufgenommen werden konnten vorzubereiten. Die territoriale Erweiterung ging Hand in Hand mit anhaltender Einwanderung und allgemeinem Bevölkerungswachstum (obwohl vor allem im Norden die Geburtenrate im Laufe der Zeit leicht sank) sowie steigender wirtschaftlicher Produktivität. Zwischen 1800 und 1850 vervierfachten die USA ihr Territorium, die Bevölkerung verdoppelte sich gleich zweimal und das Bruttosozialprodukt stieg um das Siebenfache. 1800 lebten in den USA 5306000 Menschen, 1850 waren es 23192000. Dieses immense Wachstum kannte innerhalb der USA Sieger und Verlierer. Zu den Verlierern gehörten auf jeden Fall die Indianer, die immer mehr in immer kleinere Reservate zurückgedrängt und oftmals brutal deportiert oder vertrieben wurden, und die Schwarzen. Die Schwarzen machten ein Siebtel der US-amerikanischen Bevölkerung jener Zeit aus, die meisten lebten in den südlichen Bundesstaaten – als Sklaven. Sie trugen nicht unerheblich zum Wirtschaftswachstum dieser Regionen bei, profitierten davon aber fast gar nicht.

Die „manifest destiny“ wurde 1845 von einem New Yorker Journalisten als Begriff geprägt. Er umschrieb sie als „die offenkundige Bestimmung der Nation, sich auszubreiten und den gesamten Kontinent in Besitz zu nehmen, den die Vorsehung uns für die Entwicklung des großen Experimentes Freiheit und zu einem Bündnis vereinigter Souveräne anvertraut hat.“ Diese Ansicht wurde prägende politische Ideologie im 19. Jahrhundert und kaum angezweifelt. Zugleich sind die bestimmenden Reibungspunkte kommender Konflikte in diesem Zitat enthalten. Der moralische Reibungspunkt ist die Freiheit – Freiheit ja gerne, aber wirklich für alle? Und der machtpolitische Reibungspunkt ist das „Bündnis vereinigter Souveräne“ – niemand hatte jemals endgültig geklärt wie souverän die einzelnen Bundesstaaten im Zweifelsfall sind. Steht ihre Souveränität über der der Bundesregierung? Oder des Kongresses? In allen Fragen? Das mag eine Haarspalterei sein, aber im Kern ging es im heraufziehenden Bürgerkrieg genau darum.

Zunächst jedoch verfolgten die US-Regierungen im 19. Jahrhundert eine Politik der Umsetzung der „manifest destiny“ – in jeder Beziehung. Massive Erschließungsprogramme und Landvergaben brachten hunderttausende Amerikaner zu einer landwirtschaftlichen Existenz. Überwiegend handelte es sich dabei nicht einmal um neue Zuwanderer: Es waren Amerikaner aus den alten Ostküstengebieten, die sich von den noch unverbrauchten fruchtbaren Böden im unerschlossenen Westen ein besseres Auskommen versprachen. Man muss dazu wissen, dass weite Teile des amerikanischen Westens damals wesentlich günstiger für die Landwirtschaft waren als heute, vor allem feuchter. Erst ein Klimaumschwung im 20. Jahrhundert ließ weite Teile der Prärie veröden. Im 19. Jahrhundert waren die Bedingungen für Landwirte viel günstiger. Und man nutzte neue Technologien, um das neu erworbene Hinterland bis zum Pazifik an die alten, urban gemachten Kolonien an der Ostküste zu binden: Tausende Meilen Eisenbahngleise und Telegraphenkabel wurden verlegt. Zwischen 1850 und 1860 vergrößerte sich der Bestand an Eisenbahngleisen von 9000 Meilen auf 30000 Meilen. Die Schienenlänge der USA übertraf damit die der gesamten restlichen Welt! Damit liefen die Eisenbahnen um 1860 den Flüssen und künstlich angelegten Wasserkanälen bald den Rang ab. Gleichwohl blieben die großen Flüsse und Kanäle für Transporte und Reisen nicht unwichtig. Der Mississippi war und blieb eine wichtige Nord-Süd-Verbindung im Herzen der USA. Aber als das Land einende Ost-West-Verbindungen blieben die Schienenstränge einfach unschlagbar. Man konnte über weitere Strecken schneller und günstiger reisen als jemals zuvor. Dadurch wurde die Bevölkerung insgesamt natürlich mobiler.




Bild 1: Dieses Gemälde stammt aus dem Jahr 1872, trifft aber durchaus auch schon die Stimmung vor dem Bürgerkrieg – die Amerikaner glaubten an ihre „manifest destiny“. Sie ist hier sinnbildlich dargestellt: Die Figur der Columbia (eine alte personifizierende Bezeichnung für Amerika) bringt den Siedlern das Licht nach Westen, gefolgt von den Technologien des Telegraphen und der Eisenbahn, und verjagt die Dunkelheit links im Bild, in der Indianer und Büffel lauern. Der Künstler John Gast nannte das Bild „Der Fortschritt Amerikas“. Quelle: Wikipedia.

 

Die Regierungspolitik wurde vom Unternehmungsgeist und der Kreativität der eigenen Bevölkerung maßgeblich mit unterstützt – der Erfindungsreichtum der Amerikaner war schon bald auch in Europa bekannt. Die Amerikaner nutzten nicht nur neue Technologien, die in Europa entwickelt worden waren (wie die Eisenbahn), sondern entwickelten diese weitere bzw. selber neue. Im Ausland besonders bekannt wurde das in den USA entwickelte „System der austauschbaren Teile“: mechanische Einzelteile wurden mit Hilfe von neu entwickelten Werkzeugmaschinen so genau hergestellt, bei so minimalen Toleranzen, dass der komplette Mechanismus aus beliebigen Versionen der Einzelteile zusammengefügt werden konnte und trotzdem funktionierte. Wir kennen das bis heute: Wenn ein Bauteil kaputt ist, wird es durch ein Ersatzteil ersetzt, das genauso serienmäßig gefertigt wurde wie alle anderen Teile auch. Vorher war jedes Teil eines Mechanismus ein handwerkliches Einzelstück. Eines der ersten mit diesem System hergestellten Produkte war das Springfield-Gewehr. Dieses Gewehr war bereits vor dem Bürgerkrieg die Standardwaffe der US-Armee. Die Briten waren von der Herstellungsweise dieses Gewehrs so beeindruckt, dass sie in Enfield eine eigene Waffenfabrik mit den entsprechenden Herstellungswerkzeugen und-maschinen ausrüsteten und die Belegschaft im Umgang damit schulten. So entstand das englische Enfield-Gewehr, dessen einziger Unterschied zum amerikanischen Springfield-Gewehr lediglich das geringfügig größere Kaliber war. Aber auch andere mechanische Apparate konnten mit dem neuen Fabrikationssystem hergestellt und später mit Ersatzteilen versorgt werden: Uhren, Schlösser und so weiter. Außerdem entwickelten die Amerikaner Haushaltsgeräte und landwirtschaftliche Maschinen, deren Einzelteile ebenfalls wunderbar nach dem neuen System hergestellt und ausgetauscht werden konnten. Sogar Einzelteile für Möbel und andere Produkte aus Holz stellten sich als mühelos genauso passgenau und in Serie herstellbar heraus. Dies beflügelte sicherlich den wirtschaftlichen Aufschwung und für innovatives Unternehmertum war es eine gute Zeit.

Weitere Veränderungen erfassten das ganze Land. Riesige Waldflächen wurden gerodet, um neues Ackerland oder – etwa in den Bergen Pennsylvanias – neue Bodenressourcen zu erschließen. Außerdem war Holz immer noch der wichtigste Baustoff und wichtig zur Energiegewinnung. Ohne genügend Holzkohle fuhr schließlich keine einzige Lokomotive der Eisenbahn an. Viele Städte wurden neu gegründet oder wuchsen enorm an. Es war diese Zeit, in der Städte wie New York und Chicago zu ihrer Größe aufstiegen. Ihre Einwohnerzahlen stiegen sprunghaft an. Die Bevölkerung besaß einen zunehmend besseren Bildungsstand, zugleich sank die durchschnittliche Größe der Familien. Dies ermöglichte es den Eltern aber auch dem Nachwuchs mehr und bessere Chancen im Leben zu eröffnen, selbst bei bescheidenem Einkommen. Selbst die Frauen spielten erstmals zaghaft eine etwas selbstbestimmtere Rolle, da sie weniger Kinder bekamen und daher abseits von Schwangerschaft und Kleinkinderversorgung mehr Zeit für eigene Interessen hatten. Zwar war ihre Rolle in der Familie weiterhin stark häuslich geprägt, aber sie fanden erstmals besseren Zugang zumindest zu bescheidenen Bildungsabschlüssen und zu anderen außerhäuslichen Aktivitäten. Viele Frauen betätigten sich als Schriftstellerinnen. Die ersten feministischen Bewegungen begannen in jener Zeit in den USA ihren Aufstieg. Und im Zuge des Second Great Awakening, einer Welle erneut aufflammender Religiosität in den USA in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, betätigten sich viele Frauen in den Glaubensgemeinden. Religiöse Werte wie der Kirchgang und die Rückführung moralischer Werte auf die Heilige Schrift, um danach sein Leben auszurichten, fanden im Zuge dieser neuen Bewegung wieder einen Stellenwert im Leben der Amerikaner. Was einigend hätte sein können, beförderte zugleich aber auch wieder die Spaltung: Die Kirchengemeinden des Südens sahen sich auf einmal von jenen des Nordens in die Defensive gedrängt wenn es um die Sklaverei ging. Im Zuge der neuen Frömmigkeit war man im Norden zunehmend zu der Überzeugung gelangt, dass die „besondere Institution“ in den Südstaaten nicht mit dem Wort Gottes vereinbart werden könne. Dadurch erhielt der Abolitionismus durch das Second Great Awakening neuen Auftrieb und wurde wesentlich gesellschaftsfähiger. Es kam zum Bruch mit den Kirchenführern des Südens, zum Beispiel bei Baptisten und Methodisten, da diese sich verpflichtet sahen, die Sklaverei als durchaus gottgewollt zu verteidigen.

Konnte dieses Detail wirklich die beiden Hälften des Landes so unterschiedlich machen? Ja.

Der Norden. Der Norden war in vielen Bereichen der eigentliche Motor des Wachstums und der Modernisierung des Landes. Die meisten und größten Großstädte des Landes lagen im Norden, wozu auch passt, dass der Norden den geringsten Anteil an Landbevölkerung besaß. Einhergehend mit der Verstädterung ging eine Industrialisierung, der derjenigen in Europa in nichts nachstand und vor allem durch die oben beschriebenen Innovationen in der maschinellen Fertigung vorangetrieben wurde. Zentrum der Industrialisierung und Ort vieler Neuentwicklungen auf dem Gebiet der zunehmend automatisierten Fertigung mit Spezialmaschinen war vor allem der Bundesstaat Connecticut, aber auch New York und Pennsylvania besaßen industrielle Zentren. Allgemein war der Nordosten der USA das industrielle Herz des Landes. Die großen Städte boten eine große Zahl neuer Berufe und Anstellungsmöglichkeiten, die zu einer gewissen Landflucht führten. Obwohl insgesamt die meisten Einwohner der USA nach wie vor auf dem Lande lebten, sank der Anteil der Landarbeiter an der arbeitenden Bevölkerung im Norden auf weniger als 40 %. Die Industrie trieb auch die Erschließung neuer Verkehrsverbindungen voran, um Rohstoffe schneller herantransportieren zu können und neue Märkte zu erschließen. So kam es, dass der größte Teil der amerikanischen Bahnlinien im Norden lag. Außerdem führte die dortige Industrialisierung zu gesellschaftlichen Veränderungen: Lohnarbeiter wurden in vielen Städten zu einer bestimmenden Bevölkerungsschicht. Sie hatten als Angestellte in der Industrie ähnliche Probleme wie ihre Pendants in Europa: Ausbeutung durch die Fabrikmanager, schlechte Arbeitsbedingungen, oft zu geringe Löhne, ganze Viertel mit verdreckten Mietskasernen für die Arbeiterklasse. Dies führte durchaus auch zu Unruhen und schon vor dem Bürgerkrieg bildeten sich erste Gewerkschaften und ähnliche Zusammenschlüsse, um bessere Arbeitsbedingungen und Lohnerhöhungen zu erreichen. Die bedenkliche Entwicklung, dass wenige Aktionäre und Firmenbesitzer immer reicher wurden und der Abstand zwischen ihnen und der Arbeiterklasse immer größer wurde, während letztere um ihre Rechte kämpfen musste, wurde von den Südstaatlern häufig als Gegenargument in der Sklavereidiskussion verwendet: Wo war denn diese neuartige Lohnarbeit besser als Sklaverei? Für die Südstaatler war es ein und das Selbe. Gleichwohl gab es doch einen wichtigen Unterschied: Ein Lohnarbeiter im Norden hatte mehr Rechte und mehr Aufstiegschancen als jeder Sklave. Und der durchschnittliche Nordstaatler hätte es durchaus erkannt, wenn das nicht so gewesen wäre, denn gebildet war die Bevölkerung durchaus. Die Nordstaaten der USA gehörten zu den Ländern mit der höchsten Bildungsquote der Welt, die Alphabetisierungsrate betrug 95 %. Gerade auch in den Staaten Neuenglands im Nordosten besuchten praktisch 100 % aller Kinder zur Schule, zur damaligen Zeit weltweit ein einzigartiger Wert. Man darf sicherlich annehmen, dass das Zusammenfallen an großer Innovationsfreudigkeit und guter Bildung kein Zufall war. Dies belegt eine weitere Zahl: Zwischen 1790 und 1860 wurden in den USA 143 wichtigere Erfindungen patentiert, davon kamen 93 % aus den Staaten ohne Sklaverei und davon wiederum fast die Hälfte aus den Staaten Neuenglands.

Der Süden. Der Süden war in seiner gesamten Struktur durch und durch von der Tatsache geprägt, dass es die Sklaverei gab. Im Norden gab es die Sklaverei mit gutem Grund nicht: Es gab dort kaum einen Wirtschaftszweig, in dem sie sich gelohnt hätte. Im Süden dagegen, südlich der sogenannten Mason-Dixon (einer Linie, die einstmals als Grenze zwischen Pennsylvania und Maryland von den Gelehrten Charles Mason und Jeremiah Dixon festgelegt wurde und traditionell als die Trennlinie zwischen freien und unfreien Staaten galt), gab es landwirtschaftliche Betriebsformen, in denen seit der britischen Kolonialzeit Sklaven eingesetzt wurden: Plantagen, auf denen auf großen Flächen bestimmte Pflanzen angebaut wurden. Berühmt sind natürlich die Baumwollplantagen, doch das waren nicht die einzigen. Baumwolle war mehr für den tiefen Süden typisch, in Louisiana, Mississippi, Alabama, Georgia. In den beiden Carolinas (North und South) gab es zwar auch Baumwollplantagen, dazu aber auch Reisplantagen. In Virginia gab es fast keine Baumwollplantagen, das Klima ist hier nicht mild genug, dafür gedeiht hier der Tabak besser. Die Plantagenwirtschaft war der lukrativste Wirtschaftszweig im Süden.




Bild 2: Die Mason-Dixon-Linie. Sie sollte eigentlich nur einen lokalen Grenzstreit klären, wurde aber zur symbolischen Linie zwischen freien und unfreien Staaten in den USA. Quelle:Wikipedia/ National Atlas oft he United States.


Große Plantagenbesitzer bildeten die herrschende Oberschicht und häuften den größten Reichtum an, vergleichbar den Industriebaronen im Norden. Es war jedoch ein agrarischer Wirtschaftszweig, gleichwohl einer, der für die meisten Südstaatler die Erfüllung eines großen Traumes darstellte: Wer eine eigene Plantage besaß mit eigenen Sklaven, der hatte es geschafft, egal wie groß sie sein mochte. Dies verband sich mit der Verachtung für die im Norden so verbreitete Lohnarbeit in der Industrie. Die Folge war dramatisch: Südlich der Mason-Dixon-Linie gab es keinerlei industrielles Zentrum, das meiste an geringfügiger Industrie war in Virginia angesiedelt. 90 % der Bevölkerung lebten auf dem Land, die Großstädte des Südens reichten nicht wirklich an die im Norden heran, und der Anteil der Landarbeiter an der arbeitenden Bevölkerung betrug rund 80 %. Die Länge der Bahnlinien blieb gut ein Drittel hinter der des Nordens zurück, außerdem verbanden sie nicht systematisch alle Bevölkerungszentren des Südens miteinander. Bis auf wenige Ausnahmen führten die Bahnlinien eigentlich nur von den Plantagengebieten im Landesinneren zur Küste – damit Baumwolle und Tabak dort verschifft werden konnten. Auch das Straßennetz war in keinem vergleichbar ausgebauten Zustand wie im Norden, viele Straßen endeten blind. Die Bevölkerung war auch weniger gebildet als im Norden – die Alphabetisierungsrate betrug lediglich 80-85 %, nur ein Drittel der Kinder besuchte wenigstens drei Monate im Jahr eine Schule. Auch auf diesem Sektor belächelte man im Süden ein wenig die Yankees. Während im Norden Ordnung, Fleiß und Sparsamkeit als Weg zum Erfolg hochgehalten wurde, glaubte man im Süden an den Wert der harten Arbeit auf dem Felde. Denn die meisten Südstaatler waren ja Bauern, die zur Eigenversorgung Vieh züchteten oder Feldfrüchte anbauten und nur gelegentliche Überschüsse auf dem lokalen Markt verkauften. Die Schwarzen hatten natürlich überhaupt keinen ordentlichen Zugang zu Bildung. Man mochte im Süden einiges auf seinen eigenen Lebensstil halten, der vielfach romantisiert wurde. Außerdem war nicht geringes Vermögen im Süden ansässig – allerdings als Grundbesitz, Viehbestand und vor allem auch in Form von Sklaven. Es wurde nicht wie im Norden neu investiert und vermehrt in Form neuer Infrastruktur, neuer Firmengründungen und damit neuer Jobs. Letztlich führte die ganze Situation zu einigen kuriosen Beziehungen zwischen Norden und Süden. Der Süden musste seine von Sklaven geernteten und von einer Ende des 18. Jahrhunderts entwickelten Maschine von ihrem Samenkörnern befreite Baumwolle in den Norden exportieren, wo sie in den Webereien in Connecticut und andernorts weiterverarbeitet wurde, um dann als Stoffe und Tuch in den Süden zurücktransportiert zu werden. Nur so deckte der Süden seinen eigenen Bedarf. Das Gros der Baumwolle war sowieso für den Export nach Europa bestimmt. Auch andere Ressourcen bezog der Süden aus dem Norden. Von seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit überflügelte der Norden den Süden über kurz oder lang. Nur wenn der Süden sein Wirtschaftssystem geändert hätte, hätte er einer zunehmenden Abhängigkeit vom Norden entgehen können. Das war im Süden unterschwellig den herrschenden Eliten bewusst, aber sie wussten auch, dazu hätte man die Sklaverei aufgeben müssen. Und dazu war man nicht bereit. Stattdessen versuchte man es in den 1850er Jahren mit Programmen und Initiativen, mit denen man gegenüber dem Norden gleichziehen wollte. Die meisten Schienenkilometer im Süden wurden in jener Zeit gebaut, um nur ein Beispiel zu nennen. Es bleibt eine müßige und unbeantwortete Frage ob der Süden vielleicht nach 20 Jahren wirtschaftlicher Aufbauprogramme und Reformen konkurrenzfähig gewesen wäre – der Bürgerkrieg kam dazwischen. Allerdings kann man durchaus feststellen, dass der entscheidende Schritt – weg von agrarisch dominierter Wirtschaft und Sklaverei – nicht getan wurde. In den 1850er Jahren hatte der Süden durchaus eine gute Position, fast ein Monopol, im Baumwollhandel, national wie international. Die Welt brauchte Baumwolle, unter anderem für Kleidung. Dies brachte dem Süden einen nicht geringen Reichtum. Und machte es den Südstaatlern umso schwerer, sich von ihrer althergebrachten Lebensweise zu verabschieden. Im Gegenteil, man redete sich ein, man wäre dank „King Cotton“ (König Baumwolle) unantastbar. Niemand würde sich mit dem Süden anlegen und den Nachschub an Baumwolle riskieren wollen. Dies sollte ein folgenschwerer Irrtum sein.



Bild 3: Die südstaatliche Plantagenwirtschaft war abhängig von der Sklaverei. Auf diesem Bild sieht man links Sklaven auf einer Baumwollplantage. Rechts die Spuren einer Auspeitschung – und die Peitsche bekam praktisch jeder Sklave früher oder später zu spüren. Quelle: http://www.20min.ch/wissen/history/story/17153187


Die Sklaverei. Was die Sklaverei bedeutete, mag hier kurz etwas genauer beleuchtet werden, wenn auch nur im groben Umriss. Wie bereits erwähnt, waren viele Südstaatler kleinere Bauern, die selber den Acker bestellten. Bescheidene Viehzucht (meist Schweine) und Anbau von Feldfrüchten (überwiegend Mais) vor allem auch für die eigene Versorgung oder die des Dorfes waren die Grundlage ihres Auskommens. Abgesehen davon stellten die Bürger von Kleinstädten das Gros der Bevölkerung. Der Süden war dünner besiedelt als der Norden und hatte daher an der Gesamtbevölkerung der USA auch weniger Anteil: Gerade einmal etwa 5 Millionen Weiße lebten in den Südstaaten. Dem standen 4 Millionen Schwarze gegenüber – alles Sklaven. Diese Sklaven wurden nur von einer geringen Minderheit der Südstaatler gehalten. Etwa die Hälfte der Sklaven gehörten Männern, die weniger als 20 Sklaven in ihrem Besitz hatten. Oft waren es nur ein bis zwei Sklaven, mit denen zusammen die Männer ihren kleinen landwirtschaftlichen Betrieb bewirtschafteten. Besaß man mehr als 20 Sklaven, galt man als Pflanzer, mit größerer Plantage. 1860 gab es im Süden der USA 48000 Pflanzer. Etwa 3000 von ihnen besaßen mehr als 100 Sklaven. Und nur 11 Pflanzer waren so stinkend reich, dass sie sich 500 oder mehr Sklaven hielten. Zum umrechnen: Damals hatte ein Sklave einen Wert von etwa 1000 Dollar.

Von der „besonderen Institution“ profitierten direkt also vor allem die reichen Eliten des Südens. Später, im Krieg, prägte jemand den Spruch: „Eines reichen Mannes Krieg, aber eines armen Mannes Kampf.“ Das galt also nicht nur im Norden, wo vor allem sowieso schon wohlhabende Unternehmer mit dem Krieg gute Geschäfte machen sollten, während die meisten Soldaten ebenfalls aus der ärmeren Arbeiterklasse und vom Lande stammten, sondern ganz und gar auch im Süden. Die jungen Männer, die später die Armee der Konföderation stellen sollten, waren ein hartes, ärmliches Leben gewohnt. Doch so wie es im Norden immer noch die Hoffnung des Aufstiegs durch harte Arbeit und Sparsamkeit gab, gab es auch im Süden Aufstiegsträume: Irgendwann vielleicht das Geld für einen eigenen Sklaven zusammen zu haben. Und dann irgendwann noch mehr. Sklavenbesitz bedeutete, es geschafft zu haben. Mit der Zahl der Sklaven stieg das Ansehen. Wer Sklaven besaß, galt im Süden als erfolgreich und wohlhabend. Das war für jeden Südstaatler eine ernstzunehmende Perspektive, noch davon unterfüttert, dass selbst der ärmste Weiße im Süden immer noch gesellschaftlich über jedem Schwarzen stand. Die Oberschicht der Pflanzer wurde beneidet. Wer in einer für Baumwoll-oder Tabakanbau geeigneten Gegend des Südens lebte, konnte den Aufstieg vom Kleinbauern und Pächter zum Pflanzer durchaus schaffen. Wer dagegen in den Gebieten des Südens lebte, in denen Plantagen nicht rentabel angebaut werden konnten und daher weniger Sklaven gehalten wurden – etwa in den bergigen Gebieten Virginias und Georgias –, der hatte weniger Chancen. Ironischerweise waren das die Gebiete, die später die zähesten Soldaten hervorbrachten. Den Reichtum im Süden über den Besitz von Sklaven zu definieren, hatte eine seltsame Folge: Pro Kopf war der Südstaatler statistisch gesehen reicher als jeder Nordstaatler.

Was bedeutete Sklaverei für die Menschen? Erst einmal: Totale Entrechtung. Ob es einem Sklaven gut ging oder nicht war pures Glück – ob er einen Herren hatte, der sich ehrlich um das Wohl seiner Sklaven sorgte oder nicht. Zumindest verhungern ließen die wenigsten ihre Sklaven – diese waren meist gut genährt, damit sie auch arbeiten konnten. Aber der Arbeitstag war lang (12-15 Stunden) und hart, der Rhythmus wurde allein von den Aufsehern und Herren bestimmt, jeder Sklave bekam mehr oder weniger häufig die Peitsche zu spüren. Allerdings machten sich zu rohe Aufseher auch keine Freunde, nicht einmal unbedingt bei den anderen Weißen. Die Unterbringung war oft kärglich und nicht sehr komfortabel, Krankheiten und Parasiten waren in den Sklavenquartieren an der Tagesordnung. Auf großen Plantagen konnten die Sklaven häufig auf etwas zugeteiltem Land noch selber etwas anbauen. Auch gab es einen Tag, den viele Sklaven frei bekamen: Den Sonntag. Schließlich war der Süden ein gottesfürchtiges Land und die meisten Sklaven waren auch christlichen Glaubens. Allerdings beäugte man die Kirchen der Schwarzen mit Misstrauen und es war ihnen eigentlich untersagt, Gottesdienste zu praktizieren. Während die Kirchen der Weißen begannen, die Sklaverei mit christlichen Argumenten zu verteidigen (und sich dadurch von den Kirchen im Norden entfremdeten), waren die Sklaven natürlich eher für die Botschaft der Hoffnung im Christentum empfänglich. Außerdem waren Gottesdienste die beste Gelegenheit anhand der Bibel das Lesen zu lernen – denn Bildung wurde den Sklaven systematisch vorenthalten. In den meisten Südstaaten gab es Gesetze, die es verboten, Sklaven das Lesen und Schreiben beizubringen. Die Folge: 1860 konnten gerademal 5 % aller Sklaven lesen. Unwissenheit und mangelnde Bildung hielten die Sklaven in ihrer Unfreiheit. So richtig zu spüren bekamen die Sklaven dies nicht nur durch die Peitsche. Sondern auch dadurch, dass sie keinerlei persönliche Sicherheit ihrer Verhältnisse besaßen. Jederzeit konnten sie weiterverkauft werden und mussten alles zurücklassen. Dadurch wurden oft Familien auseinandergerissen, denn natürlich verliebten sich auch Sklaven ineinander. Und manche Herren ließen durchaus zu, dass zwei Liebende heirateten. Aber diesen Ehen war kaum Ewigkeit beschieden, jederzeit konnten diese Familien auseinandergerissen werden. Mancherorts endeten die Ehegelöbnisse der Sklaven daher mit „bis dass der Tod oder die Distanz uns scheidet“. Das seelische und soziale Leid, welches daraus entstand, musste jeden empathischen Menschen rühren. Auch konnten die Sklaven sich nicht frei bewegen. Für jeden Schritt außerhalb der Plantage brauchten sie einen Passagierschein ihres Besitzers. In den Südstaaten waren Patrouillen alltäglich, organisiert von den Sklavenbesitzern und ihren Handlangern, die jeden Sklaven auf der Straße anhielten und kontrollierten. Hatte er keinen Passierschein dabei, wurde er zusammengeschlagen oder schlimmeres. Dieses Patrouillensystem sollte nicht zuletzt Sklavenaufstände verhindern helfen. Vor denen hatten die Südstaatler panische Angst, geradezu paranoid. Dabei gab es solche Aufstände praktisch nicht, der letzte fand 1831 in Virginia statt, der sogenannte Turner-Aufstand. Er kostete 100 Weißen das Leben. Für die Weißen im Süden war ein Sklavenaufstand das Schlimmste nur Vorstellbare.



Bild 4: Das Titelblatt der Erstausgabe von „Onkel Toms Hütte“. Quelle: Wikipedia.


Onkel Toms Hütte. Dieser Punkt trifft auch in den Kern der Sache. Warum überhaupt hielten die Südstaatler so sehr an der Sklaverei fest? In den Nordstaaten gab es sie auch nicht, und dies führte offensichtlich nicht zu Problemen. Nur: Dort lebten auch nur wenige Schwarze. Im Süden waren sie mancherorts die Bevölkerungsmehrheit. Was im Norden eine reine Gewissens-und Moralfrage war, wurde im Süden eine Frage der harten alltäglichen Praxis. Hier war die Sklaverei ein Werkzeug der sozialen Kontrolle über eine unterdrückte Bevölkerungsschicht. Die Sklaverei sicherte den Weißen de facto dort die gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Kontrolle. Daher war für die Südstaatler die Frage der Sklavenbefreiung subjektiv eine auf Leben und Tod. Chaos und Anarchie wurde ganz selbstverständlich befürchtet, würden die Sklaven befreit werden. Daher musste die Sklaverei erhalten bleiben. Zu ihrer Verteidigung gab es allerhand vorgeschobene Argumente. Die gängigsten: Diese Institution sei die natürliche Lebensweise des Schwarzen und sichere diesem Wohlergehen und Fürsorge im Alter. Im selben Atemzug konnte jeder Südstaatler das hohe Lied der Grundfreiheiten Amerikas – Zynismus pur. Aber im Norden wurde diese Propaganda durchaus von nicht wenigen lange geglaubt. Weil man selber negrophob oder bestenfalls gleichgültig war. Wie gesagt – der Abolitionismus war nur die Sache einer Minderheit. Aber etwa um die Mitte des 19. Jahrhunderts drehte sich der Wind. Immer mehr Amerikanern wurde klar, dass sich Sklaverei und Amerikas Freiheiten eben nicht miteinander vertrugen. Und 1852 erschien dann ein Roman, geschrieben von der Sklavereigegnerin Harriet Beecher Stowe aus Connecticut, der den Nordstaatlern erstmals überaus emotional die erbarmungswürdige Lage der Sklaven im Süden vor Augen führte: „Onkel Toms Hütte“. Bereits ein Jahr vorher war der Roman in einer Abolitionisten-Zeitung als Fortsetzungsgeschichte erschienen, hatte da aber noch nicht die große Breitenwirkung. Als die Geschichte als Buch erschien, mit dem Sklaven Tom als Hauptfigur, ging es weg wie warme Semmeln. Allein im ersten Jahr wurde das Buch in den USA 300000mal verkauft. Dieses Buch heizte nicht nur die Debatte um die Sklaverei im Norden erneut an. Er drehte ihren Tenor auch stärker zugunsten der Abolitionisten. Schon wenige Jahre später schien es nicht unmöglich, dass irgendwann der Norden ein Bundesgesetz durchbringen würde, welches die Sklaverei verbieten würde. Bestimmt wenn jemals ein Präsident gewählt würde, der für die Sklavenbefreiung eintrat.

Die Südstaaten konnten dies niemals zulassen. Wie gesagt – für sie war die Sklaverei existenziell, eine Abschaffung hätte praktisch jeden führenden Politiker des Südens zum Beispiel seines Reichtums auf einen Schlag beraubt. Denn alle Politiker des Südens rekrutierten sich aus der sklavenhaltenden Oberschicht. Schon seit Jahrzehnten hatte der Süden genau darauf geachtet, dass innerhalb der USA kein Ungleichgewicht zwischen freien und Sklavenstaaten entstand. Jetzt wurde dies noch vordringlicher. Und um dieses Gleichgewicht zu erhalten ging der Süden aggressiver als jemals zuvor vor. Binnen weniger Jahre verengte sich die Position im Süden darauf, entweder ein Imperium für die Sklaverei zu errichten oder aber – aus der Union auszutreten. Es ging um den Erhalt von Macht und Einfluss – und ob die Sklaverei bestand oder nicht wurde zum Symbol dafür.

Wie prägend „Onkel Toms Hütte“ für diesen Prozess war zeigt sich auch daran, dass die Sklavereibefürworter sehr empfindlich auf dieses Buch reagierten – unter anderem mit 27 Veröffentlichungen, die als „Gegenromane“ zu verstehen sind. Mancherorts im Süden versuchte man das Buch zu verbieten. Auch die Reaktionen in der südlichen Presse waren entsprechend. Ein Beispiel aus der Zeitung New Orleans Crescent: „Noch nie hat eine Frau etwas so Verabscheuungswürdiges oder Widernatürliches hervorgebracht.“ Wie war das? Getroffene Hunde bellen.

Abraham Lincoln traf später, im Krieg, Harriet Stowe. Dabei soll er zu ihr gesagt haben:

„Sie also sind die kleine Frau, die das Buch geschrieben hat, das diesen großen Krieg auslöste.“