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Der Deutsche Bauernkrieg I-4: Armer Konrad

Anmerkung: Zum Armen Konrad begegneten mir zum Teil widersprüchliche Informationen, an eine Quelle, die ich gern gehabt hätte, bin ich nicht gekommen. Ich habe mich daher hier bemüht nur die Informationen zu verwenden, die etwa deckungsgleich waren und den Rest weggelassen. Und sorry, dass es so lange gedauert hat.

 

Vorheriger Artikel: Der Deutsche Bauernkrieg I-3: Joß Fritz

 

Armer Konrad

 

Der Bundschuh war nicht die einzige Bewegung der Bauernschaft und des gemeinen Mannes, die die Bedrückung durch die Obrigkeiten mindern wollte. Eine weitere Bewegung wurde nicht weniger bekannt: Der Arme Konrad. Der Name leitet sich von einem spöttischen Begriff des Adels und der Kleriker für das gemeine Volk her und hatte etwa die Bedeutung „armer Kerl“ oder „armer Teufel“. Sprachlich gesehen leitet er sich wohl von den Dialektworten „koan Rath“ ab, beschrieb also jemandem, der „keinen Rat“ wusste oder erhielt. Indem sich aufständische Bauern diesen Namen selber gaben, eroberten sie zumindest die begriffliche Hoheit über ihr Schicksal zurück. Fortan wurde der Arme Konrad für Adlige fast zu einem genauso großen Schreckgespenst wie der Bundschuh.

Der Arme Konrad hatte seinen Ursprung und Schwerpunkt in Württemberg. Ähnlich wie auch die Bundschuhbewegung speiste er sich neben allgemeinen Anliegen aus den sehr charakteristischen regionalen Gegebenheiten.

Das Herzogtum Württemberg. Das Herzogtum Württemberg war eines der größten Staatswesen im Südwesten des Reiches. Beiderseits des Neckar, durchsetzt nur von wenigen anderen Herrschaften, zog sich das Herzogtum großflächig hin und war im Prozess der Bildung eines echten Territorialstaates bereits stark fortgeschritten. Dies ging auch auf die Politik von Herzog Eberhard im Bart zurück, der aber 1496 starb. Sein Tod begründete eine instabile Zeit in Württemberg. Die Landstände wollten die Kontrolle über das Herzogtum gewinnen. Dazu setzten sie Eberhard II. 1498 ab und den erst 11jährigen Ulrich als Herzog ein. Da dieser noch zu jung war, stellten die Landstände einen Vormund – ein sehr offensichtliches Manöver. Ulrich stand also unter dem Einfluss der Landstände. Ein weiteres Manöver war Ulrichs Verlobung mit der sechsjährigen Sabina von Bayern, um so ein Bündnis mit dem Herzogtum Bayern zu schmieden. Eine Liebesbeziehung wurde dies nie, Ulrich und Sabina heirateten erst 1511 auf kaiserlichen Druck hin. Ulrich werden zahlreiche Affären nachgesagt und da er und Sabina beide ein aufbrausendes Gemüt gehabt haben sollen, gab es häufig Krach. Gleichwohl gingen Kinder aus der Beziehung hervor.

Aber zurück zum Beginn von Ulrichs Regentschaft. 1503 wurde Ulrich im Alter von 16 vorzeitig für volljährig erklärt und war seitdem Herzog, auch ohne Vormundschaft. Seine Herrschaft erwies sich als drückend für das gemeine Volk, da er nach Ruhm, Prunk und Luxus gierte. Auf regionalen Kriegszügen zeichnete sich Ulrich zwar als Kommandeur aus, aber die Kriegskosten drückten schwer auf die Staatskasse. Außerdem liebte es Ulrich, die edelsten Kleider und Delikatessen an den Hof zu holen. Feste, Bankette und Turniere waren mit allem Prunk an der Tagesordnung. Auch die Edelleute Württembergs profitierten: Bei Hofe lebten sie selbst wie kleine Könige, außerdem gestattete Ulrich ihnen sich ganz nach Gutdünken gegenüber dem Volk zu gebärden. Misshandlungen oder Gewalttaten gegen Untertanen seitens von Adeligen wurden nicht verfolgt oder geahndet. Solange Ulrich sein Leben im Luxus hatte und die Bespaßung bei Hofe war ihm das Los des gemeinen Mannes egal. Quellen beschreiben ihn als einen hochmütigen Tyrannen.

Die enormen Kosten des höfischen Lebens seitens Ulrich und des Adels wurden komplett auf das Volk abgewälzt. Die Forste wurden unter herzogliche Aufsicht gestellt, also die Allmenden eingeschränkt, und zur Kontrolle Forstmeister und-knechte eingesetzt. Diese waren von Abgaben befreit und hatten weitreichende Vollmachten. Die Jagd war für gemeine Leute zunehmend verboten, denn das Wild sollte zahlreich sein. Der Grund: Ulrich und seine Höflinge liebten die Ausritte zur Jagd. Häufig verwüsteten die Jagdgemeinschaften auch rücksichtslos die Äcker. Auch Vögel durften kaum noch gejagt werden. Vor allem Weinbauern beklagten Verluste durch Vogelfraß in den Weinbergen, aber wenn sie mal einen Vogel erlegten, mussten sie empfindliche Strafen verspüren. Andere Beamte kontrollierten die Einziehung verhängter Steuern, die schwer auf der Allgemeinheit lasteten. Viele Beamte und Edelleute bauten sich von diesen Geldern ihre eigenen prächtigen Häuser, andere schafften das Geld sicher ins Ausland (ja, das gab es damals schon).

Ein erster Höhepunkt der Prasserei war sicherlich Ulrichs Hochzeit mit Sabina im Jahre 1511. Die Feierlichkeiten dauerten zwei Wochen, 7000 Gäste aus Adel und Bürgertum waren geladen und wurden gänzlich auf herzögliche Rechnung verköstigt. Zu dieser Zeit waren die Staatskassen des Herzogtums Württemberg bereits vollkommen hinüber. Um diesem Übel zu behelfen verlegte sich Ulrich auf eine Besteuerungspolitik, die dem Aussaugen des Landes gleichkam. Ämter und Gemeinden wurden gezwungen, als Bürgen für die Schulden des Herzogs einzustehen und Pfänder zu hinterlegen. 1512 wurde ein hoher Weinzoll eingeführt – und das von einem Land, in dem der Weinanbau und der Weinhandel zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen gehörten. Zur selben Zeit wurden neue Münzen unter ihrem nominellen Wert geprägt. Später entstand bei Hofe die Idee, eine Vermögenssteuer einzuführen. Dies wäre tatsächlich sinnvoll gewesen und hätte die Richtigen getroffen. Doch Höflinge, Adel und die Landstände verhinderten diese Steuer, die sie ja belastet hätte. Im Jahre 1514 wurde Plan B umgesetzt: Eine Verbrauchssteuer auf Fleisch, Mehl und Wein. Das allein musste den Unmut des Volkes bereits erregen, doch es kam dann noch eine besonders hinterlistige Art der Erhebung hinzu. Der Herzog ließ auf Märkten, in Ständen und Wirtshäusern die Maßeinheiten der Gewichte verringern. Dies hatte den Effekt, dass die Käufer für weniger Fleisch oder Mehl für das selbe Geld wie vorher bekamen. Die Differenz mussten Metzger, Bäcker und Wirte an den Hof abführen. Und das nachdem die Jahre zuvor schlecht gelaufen waren für Bauern und Winzer. Die Verbrauchssteuer sollte zuerst für Fleisch eingeführt werden.

 

Bild 1: Herzog Ulrich von Württemberg rief mit seinem verschwenderischen höfischen Leben den Groll seiner Untertanen hervor. Dieser Holzschnitt von Hans Brosamer entstand allerdings erst 1545. Ein Bild von Ulrich in seinen jüngeren Jahren habe ich bisher nicht finden können. Quelle: http://germanhistorydocs.ghi-dc.org

 

 

„Der arm Konrad heiß ich…“ Ein Blick auf die Karte verrät, dass Württemberg in direkter Nachbarschaft der Gebiete liegt, die zuvor vom Bundschuh betroffen waren. Im Wesentlichen trennte sie nur der Schwarzwald voneinander. Viele frühere Bundschuh-Mitglieder waren nach dem Scheitern ihrer Verschwörungen nach Württemberg geflohen und sie hatten die Widerstandstradition mitgebracht. Über Jahre hinweg hatten sich daher auch in Württemberg Unzufriedene in geheimen Bünden zusammengefunden, die sich bereits augenzwinkernd als Armer Konrad bezeichneten. Allerdings handelte es sich dabei noch um keine politische Kraft. Man half sich untereinander, richtete sich moralisch auf und versuchte so über schwere Zeiten zu kommen. Zunächst durften nur Arbeiter, Bauern, Handwerker Mitglieder werden – keine Reichen, keine Bettler und Tagelöhner. Es war also eine Verbindung aus der Mitte der Gesellschaft.

Zur politischen Bewegung wurde das Ganze erst anlässlich der Einführung der Verbrauchssteuer, die das Fass zum Überlaufen brachte. Die Mitglieder des Armen Konrad und Sympathisanten hielten im April eine Versammlung ab, um ihrem Unmut Luft zu machen. Hier trat einer der führenden Vertreter der Versammlung hervor, Peter Gaiß, von allen Gaißpeter genannt. Er stammte aus dem nahen Beutelsbach an der Rems (östlich von Stuttgart) und hatte angeblich vier Kinder. Jedenfalls stellte sich Gaiß vor versammelte Mannschaft, zog einen Kreis auf dem Feld und rief:

„Der arm Konrad heiß ich, bin ich, bleib ich. Wer nicht will geben den böse Pfennig, der trete mit mir in diesen Ring!“

Angeblich etwa 2000 Gleichgesinnte traten in den Kreis. Und der Gaißpeter sprach den Vorschlag aus, der den Aufstand auslösen sollte: Man solle sich die neuen Gewichte schnappen und einer Wasserprobe unterziehen. Würden sie oben schwimmen, wäre der Herzog im Recht, würden sie sinken, das einfache Volk. Uns heutigen erscheint dies natürlich eine wenig seriöse Methode, schließlich würden die Gewichte so oder so schwerer als Wasser sein und sinken. Aber der Gedanke des Gaißpeters dahinter war ein anderer: Es ging um göttliches Recht – Gott sollte den Konflikt entscheiden und dieser in dessen Sinne gelöst werden. Damit nahm der Arme Konrad ein Motiv vorweg, das uns noch mehrmals im Bauernkrieg begegnen wird. Zu jener Zeit war der Gedanke an solches göttliches Recht für die Menschen absolut logisch und naheliegend.

Und so wurde es umgesetzt. Der Gaißpeter und einige Getreue drangen ins Rathaus von Beutelsbach und die Metzgerei ein und bemächtigten sich der neuen Gewichte. Anschließend zogen sie zur Rems bei Großheppach, wo sie die Gewichte in den Fluss warfen. Wie zu erwarten war versanken die Gewichte. Also war der Herzog im Unrecht! Groß war darauf die Erregung und nun zogen andere Ansässige los, um auch andernorts im Remstal die Wasserprobe zu wiederholen. Aufforderungen der Obrigkeit, sofort die Gewichte zurückzugeben verhallten einfach – kein Wunder, die Dinger lagen auf dem Grund des Flusses. Während Herzog Ulrich, der gerade den Landgrafen Philipp von Hessen besuchte, alarmiert wurde, schnell wegen des Aufruhrs zurückzukehren, ließ Peter Gaiß im Remstal die Glocken läuten und die Menschen zu den Waffen rufen. Am 4. Mai 1514 zogen er und hunderte andere (je nach Quelle 3000-5000 Menschen) gegen Schorndorf, die nächste wichtigere Amtsstadt. Die Menge forderte die Stadt auf sich ihnen anzuschließen – sie wollten die Steuern aufheben und die Freiheit erlangen. Der Statthalter und Georg von Geisberg, der Vogt, behielten einen kühlen Kopf. Sie hatten sich bisher immer gut mit dem gemeinen Volk stellen können. Sie ließen den bewaffneten Aufrührern Essen und Wein trinken und erklärten ihnen, man würde ihre Anliegen dem Herzog vorlegen, in der Hoffnung auf Abschaffung der Steuer. Die Taktik hatte Erfolg – am folgenden Tag zerstreute sich die Menge zum größten Teil.

Der Herzog handelte rasch und setzt den Repressionsapparat in Gang, da sich innerhalb weniger Tage die Unruhen über weitere Teile Württembergs ausbreiteten und es längst nicht bei der Forderung nach Abschaffung einer unbeliebten Steuer blieb. Andernorts verlangten die Anhänger des „Armen Konrad“ auch freie Forstrechte und ähnliches, also die freie Nutzung der Allmenden. Ulrich schrieb daher am 4. Mai bereits an zwei befreundete Fürsten, den Pfalzgrafen bei Rhein und Kurfürsten Ludwig V: (genannt „der Friedfertige“) und den Markgraf von Baden, der ja bereits Erfahrung mit Aufständischen hatte. Beide Fürsten bat Ulrich um militärischen Beistand gegen das eigene Volk. Zugleich ergingen Befehle an alle Städte, die Tore keinerlei Aufständischen zu öffnen. Den Bauern und anderen Mitgliedern des „Armen Konrad“, wozu innerhalb weniger Tage in einigen Städten und Gemeinden dann auch nicht ganz so arme Opportunisten angehörten, wurde jedoch schnell zugetragen, dass Ulrich fremde Truppen ins Land holen wollte. Dies heizte die Aufstände noch mehr an.

 

Bild 2: Diese Statue des Gaißpeters von Fritz Nuss steht heute in Beutelsbach im Remstal. Quelle: Wikipedia, Foto von Veit Feger.

 

Der Aufstand. Die Tat des Gaißpeter war nur der Funke, der aufgestaute Wut hochgehen ließ. Anweisungen, keine Aufständischen in die Städte zu lassen, waren zu spät ergangen – die Aufrührer hatten längst Sympathisanten und Anhänger in den Städten. In Schorndorf selber gab es einen Treffpunkt im Haus des Messerschmieds, das die Eingeweihten „des Armen Konrads Kanzlei“ nannten. Die Unruhen ergriffen innerhalb einer Woche die Bezirke Urach, Tübingen, Balingen, Weinsberg, Brackenheim. Überall versammelten sich Bauern und erhoben Forderungen und Drohungen gegen die Obrigkeit. In Markgröningen versammelten sich am 8. Mai rund 200 Aufständische und drohten damit, alle Reichen totzuschlagen. Der örtliche Vogt reagierte besonnen und öffnete die Kornspeicher für die Einwohner, was die Lage dort vorerst beruhigte.

Herzog Ulrich war eigentlich entschlossen, den Aufständischen entgegenzutreten, musste aber Zeit gewinnen. So begab er sich nach Schorndorf, wo er den Aufständischen gegenübertrat. Bei dieser Gelegenheit hob er die Steuer auf Fleisch vorerst auf und versprach den Aufrührern Straffreiheit. Dies beruhigte zumindest im Remstal die Lage vorübergehend, zumal andere längst aufgekommene Forderungen – etwa die Allmenden-Freiheit, die Autonomie der Gemeinden und politische Mitbestimmung – von Ulrich einfach ignoriert wurden. Die verschiedenen Anführer des Aufstands, die sich jetzt zwei Wochen lang in den Dörfern hervorgetan hatten, knüpften ihre Verbindungen weiter untereinander und trafen neue Absprachen, um den Druck auf die herzogliche Regierung wieder zu erhöhen. Es dauerte nicht lange, da gab es neue Unruhen, diesmal in bisher nicht betroffenen Teilen des Landes, in Calw besetzten 200 Bauern die Tore, in Backnang rangen die Aufständischen dem Vogt am 25. Mai die Schlüssel zu den Toren ab, die sie dann verriegelten um vor fremden Angreifern sicher zu sein. In Winnenden übernahmen die Bauern, darunter etliche aus Schweikheim, die Stadt Anfang Juni im Handstreich. Ein neues Zentrum des Aufstands wurde Leonberg, wo sich sogar Ratsmitglieder dem Aufstand anschlossen. Es gab aber auch Rückschläge für die Bauern: Der Versuch, alle Aufständischen zur Kirchweih in Untertürkheim am 28. Mai zu versammeln, scheiterte. Es kamen nur einige, andere hatte die Nachricht nicht erreicht, denn wo die Obrigkeiten es konnten, fingen sie Nachrichten ab.

Das ganze Ausmass der Unruhen begriffen viele Edelleute, vielleicht sogar Ulrich selber erst jetzt. Das Unwort vom „Bundschuh“ ging um. Ulrich verfolgte aber seine Doppelstrategie weiter: Hinhalten und beruhigen der Lage, zugleich Vorbereitungen für verstärkte Repression treffen. Um den ersten Punkt zu erfüllen berief er zum ersten Mal seit Jahren einen Landtag ein – zum 26. Juni nach Stuttgart.

Der Landtag hätte ein politisches Mittel sein können, den Konflikt zu schlichten. Doch im Landtag sollten nur Vertreter von Kirche, Adel und der Obrigkeit. Schreiben gingen raus an die verschiedenen Gemeinden und Ämter, ihre entsprechenden Vertreter zu entsenden, normalerweise den Vogt und einen Vertreter des Gerichts. Zugleich reisten Abgesandte der Städte Stuttgart und Tübingen durch das Land, um dafür zu werben, den Konflikt durch den Landtag regeln zu lassen. Doch diese Propaganda zur Beruhigung der Lage war nur bedingt erfolgreich. Im Zabergau im Schwarzwald etwa ließen sich die Bauern beruhigen, doch der zu Leonberg versammelte Bauernhaufen ließ die Abgesandten schlicht abblitzen. In Böblingen und Sindelfingen versammelten sich die Bauern überhaupt erst jetzt zum Aufstand und zogen mit einem Fähnchen mit gekreuzten Schwertern darauf durch das Land. Die Aufrührer warfen den Gesandten ganz klar ihre Kritik an den Kopf: Was sollten sie von einem Landtag erwarten, in dem nur Vertreter von Klerus, Adel und Obrigkeiten hockten? Aber keine Vertreter des gemeinen Mannes, der Bauern? Die Bauern erwarteten also nicht viel von dem Landtag und so gingen die Unruhen weiter. Anfang Juni zogen wieder bewaffnete Bauern vor die Tore Schorndorfs – sie wurden zwar vom Vogt wieder abgewimmelt, aber einigen dort ansässigen Mitgliedern des „Armen Konrad“ gelang es die Schlüssel zu einem Tor an sich zu bringen. Auch in Tübingen rumorte es, dabei galt diese Stadt bisher als absolut treu zum Herzog stehend.



Bild 3: Diese Illustration mit einem Reimgedicht zum „Armen Konrad“ stammt aus dem Frühjahr 1514. Quelle: http://geschichtsverein-koengen.de/ArmKonrad.htm / Deutsches Landwirtschaftsmuseum Hohenheim.


Der Landtag. Herzog Ulrich hatte aus gutem Grund bisher keinen Landtag einberufen. Der könnte ihm ja in seine Regierungsweise pfuschen. Doch nun wollte er den Landtag instrumentalisieren, um dem aufmüpfigen Volk eine Regelung des Konflikts aufzudrücken. Zum Landtag würden auch Beobachter des Kaisers und der Fürsten umliegender Herrschaften kommen. Ulrich hoffte, dass deren Anwesenheit und seine fortschreitenden Rüstungen zur Unterdrückung des Aufstands den Landtag genügend einschüchtern würden. Dieses allzu durchsichtige Manöver allein sollte jedoch nicht reichen.

Der Landtag erwies sich zunächst als erstaunlich widerspenstig. Die Vertreter der ländlichen Gemeinden und Dörfer trugen im Wesentlichen die Anliegen der Bauern vor. Fast schien es sie könnten damit den Landtag zu ihren Gunsten ausgehen lassen. Es wurden Forderungen laut, dass die herzögliche Regierung ihre Schulden selbst bereinigen müsse. Dazu sollte der Unterhalt des Herzogs festgesetzt und begrenzt werden, außerdem sollten die im Namen des Herzogs vornehmlich regierenden Vertreter der Ehrbarkeit abgestraft werden (es wurden diese Vertreter sogar namentlich genannt). Als Begründung wurden lang und breit die von den Untertanen beklagten Willkürlichkeiten der Obrigkeiten vorgetragen. So hatte sich der Herzog das aber nicht vorgestellt.

Herzog Ulrich ritt mit seinen Beratern von der Ehrbarkeit nach Tübingen. Hier rief er die Vertreter der Städte im Landtag dazu auf, sich eben dort mit ihm zu treffen. Sie sollten sich doch mit ihm und seiner Regierung einigen. Ein geschickter Schachzug: Er warf den städtischen Abgeordneten einen Knochen hin, um sie von den ländlichen Vertretern zu spalten. Es glückte: Die städtischen Abgeordneten verließen den Landtag in Stuttgart und begaben sich nach Tübingen. Sie brachen ihr bisheriges Einvernehmen mit den Abgeordneten der ländlichen Gemeinden. Bitten dieser Abgeordneten, der Herzog möge doch nach Stuttgart zurückkehren und sie wenigstens anhören, liefen ins Leere. Die Reaktion der Bauern darauf waren neue Unruhen, die für einige Tage sogar Stuttgart erfaßten. In Tübingen selber wurde von den Abgeordneten der Städte, der Ehrbarkeit und dem Herzog ein Vertrag ausgehandelt, der als Tübinger Vertrag in die Geschichte eingehen sollte. Im Wesentlichen wurde darin vereinbart, dass die Stände für die nächsten 40 Jahre die Unkosten des Herzogs decken und dessen Schulden tilgen sollten – die großen finanziellen Belastungen sollten dabei auf das allgemeine Volk abgewälzt werden. Der Herzog machte im Gegenzug geringfügige Zugeständnisse, darunter kleinere Erleichterungen bei den Fronen, ein klein wenig mehr Mitspracherecht von Stände und Gemeinden und den Untertanen sollte fortan ein ordentlicher Prozess vor Gericht zustehen. Ob diese Zugeständnisse so wirklich zur Umsetzung kommen würden war natürlich schwer zu sagen. Lediglich die Landstände der Ehrbarkeit bekamen die wirksame Zusage, dass ohne ihre Zustimmung der Landesfürst keinen Krieg anfangen und keine neuen Steuern mehr erheben konnte. Damit schützte die Ehrbarkeit aber nur ihre eigenen Interessen, nicht die des gemeinen Mannes.

Eskalation und Zusammenbruch. Der Herzog und die Obrigkeit erwiesen sich auch hier als geschickte Taktiker. Der „Arme Konrad“ bestand immer nur aus einem kleinen harten Kern, der allein nicht so viel bewirken konnte. Die meisten anderen Aufrührer waren Mitläufer, Unzufriedene, die von der momentanen Stimmung mitgerissen wurden. Auf sie musste der Tübinger Vertrag den Eindruck machen, den er erzeugen sollte: Den Eindruck scheinbarer Zugeständnisse.

Das Manöver verfing vielerorts. Viele Gemeinden ließen sich mit dem Tübinger Vertrag abspeisen, gelobten neue Treue der herzoglichen Regierung. Am schnellsten vielen die Gemeinden und Ämter nahe dem Schwarzwald um. Doch ein wesentlicher Konfliktherd blieb das Remstal. Auch Ulrich wusste, wenn Ruhe einkehren sollte, musste dort Ruhe einkehren. Der Herzog begab sich mit seiner persönlichen Hofwache von 80 Berittenen, seinem Kanzler, seinem Marschall und seinem Landschreiber (die drei verhasstesten Vertreter seiner Regierung) nach Schorndorf, um dort mit den Bauern zusammenzutreffen. Wie groß deren Misstrauen war zeigte die Tatsache, dass diese in voller ihnen zur Verfügung stehenden Bewaffnung auftauchten, mehrere tausend Köpfe stark. Der Herzog blieb zunächst in Schorndorf, aber sein Marschall Thumb trat vor die Tore und verlas den Versammelten den Vertrag. Die Stimmung brodelte jedoch. Schließlich ritt Ulrich selbst vor das Tor und ergriff das Wort gegenüber den Aufrührern. Sie sollten gefälligst heimgehen und wieder ihrem Tagewerk nachgehen, dann werde er alles vergeben und vergessen. Das war der Punkt, wo es zur Eskalation kam. Die Sympathisanten des „Armen Konrad“ innerhalb Schorndorfs besetzten die Tore und schlossen sie, zugleich versuchten die Bauern außerhalb einen Zugriff auf Ulrich. Es gab ein Handgemenge, ein Spieß ging ins Leere, ebenso ein Büchsenschuss. Der Herzog entkam dank seines schnellen Pferdes. Er ritt schnellstens wieder nach Stuttgart, von wo aus er verlauten ließ, die Aufrührer hätten vier Tage Bedenkzeit, um den Vertrag von Tübingen anzunehmen. Später wurde diese Frist auch auf Drängen der Ehrbarkeit verlängert. Sie diente aber nur dazu, Ulrich Zeit zu verschaffen, endlich genügend eigene Bewaffnete zusammenzubekommen. Sein Problem war, dass seine prekäre Finanzlage allgemein bekannt war – Söldner anzuwerben war da schwierig.

Der „Arme Konrad“ versuchte zum letzten Mal aufs Ganze zu gehen. Aufrührerische Bauern versammelten sich auf dem Kappelberg, einem Rebenhügel mit einer Kapelle und einer Burgruine auf der Südseite des Remstals, und wählten Hauptleute. Erneut gingen Aufrufe an andere Gemeinden heraus, sich ihnen anzuschließen. Die Versammlung verabschiedete außerdem drei Artikel: 1. Die Bauern und Gemeinden in Württemberg und allen umgebenden Herrschaften sollten von ihren Obrigkeiten und Fronen erlöst und frei werden. 2. Man wollte bis zu einer Stärke von 30000 Mann rüsten, um den Kampf gegen die Herrschenden zu beginnen und deren Güter einziehen, um sie an die Armen zu verteilen. 3. Herzog Ulrich sollte gefangen genommen und vor Gericht gestellt oder aber getötet werden.



Bild 4: Der Kappelberg heute. 1514 versammelten sich hier die Aufrührer des Armen Konrad. Heute liegt am Fuße des Berges die Westeinfahrt eines Tunnels für die B 14. Quelle: Wikipedia.


Es war Mitte Juli und die Lage war prekär. Der Landtag war in Stuttgart wieder zusammengetreten und versuchte mit Abgesandten Kontakt zu den Aufständischen auf dem Kappelberg herzustellen. Ein Handstreich der Aufrührer gegen Stuttgart scheiterte, da einige Mitverschwörer in der Hauptstadt selbst kurz zuvor festgenommen wurden. Dafür erhoben sich erneut die Bauern in einigen anderen Gemeinden, vor allem in Geißlingen. Die Stimmung kochte, Botschaften beider Seiten versuchten die eigenen Reihen zu schließen. Gerüchte gingen rund: Der Herzog habe inzwischen fremdes Kriegsvolk versammelt; eine Wahrsagerin habe vorhergesagt, dreimal werde der „Arme Konrad“ scheitern, beim vierten Male werde er siegen. In dieser Situation zeigte sich wer die besseren Nerven hatte – und das waren nicht die Aufständischen. Viele fürchteten die Rache des Herzogs. Andere ließen sich von den Abgesandten des Landtags beeindrucken, die zum Frieden drängten, wie auch immer der aussähe. Viele verschwanden nach und nach aus dem gemeinsamen Heerlager auf dem Kappelberg, um sich wieder heimwärts zu schleichen. Andere Aufständische stritten miteinander, es kam sogar zu gewaltsamen Zwischenfällen. Zur selben Zeit fanden sich unter Herzog Ulrichs Banner endlich Söldner und andere Reisige ein – gemäß dem Tübinger Vertrag hatten die Gemeinden seine Schulden übernommen und damit galt der Herzog wieder als kreditwürdig.

Die Spannung entlud sich dann doch nicht in neuen bewaffneten Zusammenstößen. Vielmehr begaben sich die Hauptleute der Bauern vom Kappelberg aus ins Wirtshaus des unterhalb gelegenen Beutelsbach, um dort mit den Vertretern des Landtags und des Herzogs zu verhandeln. Man einigte sich darauf, dass sich beide Seiten gegenseitig Frieden und freies Geleit zusicherten, der Landtag sollte die Beschwerden der Bauern behandeln. Als dieser Vertragsabschluss auf dem Kappelberg verkündet wurde, begann sich die Versammlung hunderter oder tausender Bauern aufzulösen. Die meisten begaben sich heim, erleichtert. Damit war dem Aufstand endgültig das Rückgrat genommen.

Bestrafung. Die Obrigkeit jedoch, allen voran die herzogliche Regierung, hatte nicht die Absicht, die Dinge einfach auf sich beruhen zu lassen – und schon gar nicht sich an die Abmachung des freien Geleits zu halten. Aus Baden, Konstanz, der Pfalz, Würzburg und andernorts trafen nun Hilfstruppen befreundeter Fürsten ein. Die Städte Württembergs sahen ihre Anliegen seit dem Tübinger Vertrag durchgesetzt und schauten ohnehin auf die aufwieglerischen Bauern herab. Willig stellten sie Herzog Ulrich daher nun Reitervolk und Knechte zur Verfügung. Schließlich hatte Ulrich Ende Juli rund 1800 Mann zusammen, inklusive Kanonen. Mit diesem kleinen Heer zog Ulrich gegen das Remstal. Dort hatten die Bauern nach der geschlossenen Vereinbarung Schorndorf bereits wieder freigegeben und die Soldaten besetzten den Ort kampflos. Die Schorndorfer empfingen sie zunächst freundlich, dann aber gab der Herzog die Stadt zur Plünderung frei. Die Tore blieben geschlossen, damit niemand entkommen und die umgebenden Gemeinden warnen konnte. Deren wehrhafte Männer wurden vom Herzog vor die Tore Schorndorfs geladen. Es hieß, sie sollten unbewaffnet kommen und den Beschluss des Landtags erfahren. Einige ahnten wohl, was bevorstand und ergriffen die Flucht, aber die meisten waren arglos und versammelten sich mit über 3000 Mann vor den Toren Schorndorfs. Dort wurden sie sofort von den bewaffneten Streitkräften des Herzogs und befreundeter Fürsten umringt und eingekesselt. Sodann wurde ihnen der Beschluss des Landtags verlesen, im Grunde schlicht die Willensbekundung des Herzogs: Der Vertrag von Tübingen sei anzunehmen und einzuhalten, dem Herzog zu huldigen und dieser habe das Recht gegen jeden der Unruhestifter wegen deren Straftaten vorzugehen. Danach gab der Herzog mit einem Wink den Befehl und seine Reisigen (Bewaffneten) drängten die Menge zusammen, zogen bestimmte Personen heraus um sie festzunehmen – die Zahl ging in die hunderte. Der Rest wurde zusammengetrieben und nach Schorndorf hinein. Dort waren Gefängnis und Türme bald gefüllt und hunderte Menschen wurden ins Rathaus gesperrt.

Dies geschah Anfang August und Herzog Ulrich hielt nun Gericht, zuerst in Schorndorf, eine Woche später aber auch in Stuttgart. Er ließ peinlich befragen, also foltern und es wurden auch einige Todesurteile ausgesprochen und sofort vollstreckt. Andere wurden mit ihren Familien verbannt, wieder andere zwar freigelassen, mussten aber alle Waffen außer Messern abgeben. Sie durften gehen, nachdem sie auf den Tübinger Vertrag geschworen hatten. Manche krochen vor dem Herzog auf den Knien und bettelten um Gnade – sie wurden mit Geldstrafen belegt. Viele verloren dabei noch die bürgerlichen Ehren. Einige wurden mit Verstümmelungen und Brandmarkungen gestraft. In Stuttgart wurden die Köpfe zweier Hingerichteter auf den Tortürmen aufgesteckt. Die meisten Hauptmänner und Fähnriche des „Armen Konrad“ wurden in Schorndorf abgeurteilt und enthauptet.

Auch in die anderen am Aufstand beteiligten Gemeinden zogen die Häscher der Obrigkeit aus, nahmen fest, folterten, urteilten ab. Diejenigen Sympathisanten des „Armen Konrad“, die ins Ausland, vor allem die Schweiz geflohen waren, wurden auf Antrag des Herzogs hin vom Kaiser in die Acht und Aberacht erklärt, also geächtet und verbannt.



Bild 5: Die Hinrichtung der wichtigsten Rädelsführer des „Armen Konrad“: Zu Schorndorf werden sie enthauptet. Ein zeitgenössischer Holzschnitt. Quelle: Kreisarchiv Esslingen/ Esslinger Zeitung.de

 

Folgen. Der „Arme Konrad“ war von der Eskalation her bereits eine Stufe weiter als der Bundschuh. Er scharte eine größere Sympathisantenmenge um sich, war gewillt wesentlich schneller zur Tat zu schreiten. Für das Herzogtum Württemberg bedeutete er letztlich eine bürgerkriegsartige Episode. Er inspirierte ähnlich wie der Bundschuh auch andere. In der Ortenau am rechten Ufer des Oberrheins flackerte eine ähnliche Bewegung kurz auf, wurde aber vom badischen Markgrafen sofort im Keim erstickt, der Rädelsführer nach langer Suche gefasst und im Herbst 1514 in Freiburg enthauptet.

Damit hatten sich die Obrigkeiten, Adel und Leibherren wie schon gegenüber der Bundschuhbewegung durchgesetzt. Die tatsächlichen Konflikte wurden nicht gelöst, man zog vor, dem gemeinen Mann gegenüber eine Friedhofsruhe zu erzwingen. Dies sollte später die Marschrichtung im Bauernkrieg vorgeben. Der gemeine Mann wiederum begründete zunehmend seine Forderungen mit von Gott hergeleitetem Rechtsempfinden. Dies begann langsam, aber sicher die Berufung auf das „alte Herkommen“, welches längst durch die Herren diskreditiert worden war, abzulösen.

Das württembergische Volk musste aber – Ironie der Geschichte – nicht mehr sehr lange unter Herzog Ulrichs verschwenderischer und willkürlicher Herrschaft leben. Es sollte aber kein Bauernaufstand sein, der ihn entmachtete. Seine Ehe mit Sabina lief trotz Nachwuchses nicht gut, die beiden wurden sich nie grün. Ulrich bevorzugte seine Geliebte, deren Mann er 1515 höchst selbst erschlug. Sabina opponierte nach diesem Ereignis öffentlich gegen den Herzog. Die Schlammschlacht zwischen den beiden fand ihren vorläufigen Höhepunkt damit, dass Sabina schließlich zurück zu ihrer Familie nach Bayern floh. Kaiser Maximilian sprach schließlich gegen Ulrich die Reichsacht aus. Dieser war nun in Ungnade gefallen. Seinen schwersten Fehler beging er jedoch 1519. Ulrich griff die Reichsstadt Reutlingen an. Daraufhin befasste sich der Schwäbische Bund als regionale Ordnungsmacht mit der Sache und schickte Truppen unter dem erfahrenen Feldkommandeur Georg III. Truchsess von Waldburg-Zeil (geboren 1488) aus. Zugleich eroberten bayerische Truppen Reutlingen zurück. Der Truchsess kannte Ulrich – er hatte ihm seit 1508 gedient und hatte einen Teil der Truppen kommandiert, die 1514 den Aufstand des „Armen Konrad“ beendeten. Nun entmachtete er Herzog Ulrich. Der gerade erst nach Maximilians Tod zum römisch-deutschen König ernannte Karl V. (der sich bereits Kaiser nannte, auch wenn der Papst dies erst 1520 anerkannte) unterstellte Württemberg daraufhin habsburgischer Herrschaft. Sabina konnte ins Land zurückkehren, während Ulrich verbannt wurde. Dies war eine Unruhe mehr in jenem Winkel des Heiligen Römischen Reiches, der notorisch instabil zu sein schien. Sie legte den Grundstein für einen Handlungsstrang des Bauernkrieges, der an Ironie nur schwer zu überbieten war.

Es gab in den verschiedenen südwestdeutschen Herrschaften in jenen Jahren noch andere kleinere Unruheherde, die alle das Konfliktpotential bereits andeuteten, welches sich dann im Bauernkrieg entlud. Mehr als eine Gemeinde kämpfte mehr oder weniger vergeblich um ihr mutmaßlich von alters her verbrieftes Recht. Immer wieder leisteten sich geistliche wie weltliche Herren Willkür, die den gemeinen Mann erbittern musste. Aber auch in anderen Teilen des Reiches brodelte es kurz vor dem Bauernkrieg. Mit Schwerpunkt mehr in Mitteldeutschland trat nämlich eine neue Bewegung hinzu, die für Unruhe sorgte: Die Reformation.

 Zusätzliche Quellen:


http://de.wikipedia.org/wiki/Armer_Konrad

http://geschichtsverein-koengen.de/ArmKonrad.htm