Pirats Bestiarium: Piratenspinne (Pirata piraticus)

Piratenspinne (Pirata piraticus (Clerck, 1757))

 

 

Namensbedeutung. Die Piratenspinne wurde zuerst von dem schwedischen Naturforscher Carl Alexander Clerck (1709-1765), der sich auf Insekten und Spinnen spezialisiert hatte, beschrieben. Und zwar bereits im Jahre 1757 in seinem Werk „Svenska spindlar“ (etwa: „Spinnen Schwedens“), in dem er bereits ein aus zwei Teilen bestehendes Namenssystem zur Beschreibung der Arten verwendete – genau wie sein Kollege und Freund Linnaeus ein Jahr später. Linnaeus übernahm in seiner „Systema Naturae“ von 1758 die von Clerck vergebenen Namen für Spinnen. Deshalb sind Clercks an Spinnen vergebene Namen die einzigen wissenschaftlichen Artnamen, die vor 1758 vergeben wurden und trotzdem anerkannt werden (und auch mit dem Datum „1757“ angegeben werden).

 

Die Piratenspinne beschrieb Clerck zunächst als Araneus piraticus – was etwa so viel bedeutet wie „seeräuberische Spinne“. Dabei leitet sich Araneus, die lateinische Bezeichung für „Spinne“, vom griechischen „Arachne“ ab. Dies bedeutet im weitläufigen Sinne ebenfalls Spinne, so heißt aber auch eine Weberin aus der griechischen Mythologie, die sich mit der Göttin Athene anlegte. Ein altes Wort für Weberin ist eben auch Spinnerin. Tiere, die selbst Fäden spinnen und daraus Netze weben, nach einer solchen mythologischen Figur zu benennen, liegt nahe. Clerck fasste in Araneus aber noch ein buntes Sammelsurium unterschiedlicher Spinnenarten zusammen. Heute ordnet man dieser Gattung nur noch Kreuzspinnen zu.

 

Es war der schwedische Zoologe Carl Jakob Sundevall, der die Piratenspinne aus dieser Gattung herausnahm und einer neuen Gattung Pirata zuordnete. Der vollständige Name bedeutet etwa so viel wie „seeräuberischer Seeräuber“. Warum eigentlich? Die Piratenspinne lebt und jagt gerne in den Randbereichen von Gewässern. Dies hat schon Clerck eben an einen „Seeräuber“ denken lassen. Und lateinisch sind Seeräuber „pirata“, abgeleitet vom griechischen „peirates“.

 

Synonyme. Aranea piratica, Araneus piraticus, Lycosa argenteomarginata, Lycosa febriculosa, Lycosa piratica, Pirata febriculosa, Pirata prodigiosa, Pirata sylvestris, Potamia argenteomarginata, Potamia piratica.

 

Verwandtschaftsbeziehungen. Animalia; Eumetazoa; Bilateria; Protostomia; Ecdysozoa; Panarthropoda; Arthropoda; Euarthropoda; Chelicerata; Euchelicerata; Arachnida; Tetrapulmonata; Araneae; Opisthothelae; Araneomorphae; Araneomorphi; Araneoclada; Entelegynae; Lycosoidea; Lycosidae; Pirata.

 

Mit der Piratenspinne treffen wir erstmals auf einen Vertreter der Chelicerata, die neben Spinnen auch solche Gruppen wie Milben, Skorpione und Weberknechte umfassen. Die Verwandtschaftsbeziehungen der Chelicerata zu anderen großen Arthropodenlinien waren und sind umstritten. Hier folge ich der Auffassung, dass die Chelicerata die basalere Schwestergruppe der Mandibulata sind, die die Tausendfüßlerverwandten und Krebstiere einschließlich der Insekten (Pancrustacea) umfassen. Verschiedenste morphologische wie molekulare Befunde deuteten zuletzt wieder in diese Richtung, aber wie bei allen phylogenetischen Baustellen kann sich das künftig ja durchaus nochmal ändern. Da bleibt die Forschung im Fluss – ebenso wie bei der Erforschung der Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der Chelicerata. Verschiedene Gruppen sind relativ gut als monophyletisch begründet, aber die jeweiligen Schwestergruppenverhältnisse sind oft ungeklärt und jedes Konzept daher sehr hypothetisch. Eine besonders tiefgreifende Veränderung erfuhr die Phylogenie der Echten Webspinnen (Araneomorphae) in den letzten etwa 20 Jahren. Ursprünglich unterteilte man diese Gruppe weiter nach dem Verhalten der Tiere und vor allem danach, ob sie in der Lage waren Fangfäden mit oder ohne Leimtröpfchen zu produzieren (daraus folgte die Unterteilung in cribellate und ecribellate Spinnen). Doch wie sich herausstellte, gibt es mehrere Linien von Webspinnen, die unabhängig voneinander Fangfäden der einen oder der anderen Sorte entwickelt haben. Andere Merkmale wiesen viel eher den Weg zur tatsächlichen Verwandtschaft: Der Aufbau der Geschlechtsorgane zum Beispiel. Inzwischen werden innerhalb der Araneomorphae vier Linien unterschieden, bei denen die meisten Arten auf die Gruppen der Haplogynae und der Entelegynae verteilt sind. Die Entelegynae zeichnen sich dabei durch besonders komplex gebaute Geschlechtsorgane aus, die zum Teil sogar artspezifisch sind.

 

Innerhalb der Entelegynae gehört die Piratenspinne zur Gruppe der Wolfsspinnenartigen (Lycosoidea), die mehr als 3200 Arten umfasst, die überwiegend aktive Jäger sind und sich dabei weniger auf ihre Netze verlassen. Wer das nun aber für eine primitive Jagdtaktik im Vergleich zu anderen Webspinnen mit Radnetzen zum Beispiel hält irrt: von der Stammesgeschichte her sind die Lycosoidea hoch abgeleitet und ihre Jagdtaktiken sind hochspezialisiert.

 

Verbreitung. Die Piratenspinne ist eine außergewöhnlich weit verbreitete Art. Man findet sie in praktisch ganz Europa, wobei sie im Norden bis ins zentrale Finnland vorkommt und auch auf Island. Nach Osten kann man die Piratenspinne in fast ganz Russland inklusive Sibirien finden, sieht man von den allernördlichsten Zipfeln des Landes am Rande der Arktis ab. Im Osten reicht die Verbreitung bis zur russischen Pazifikküste. Von dort aus erstreckt sich ihre Verbreitung über Japan und die Mandschurei bis nach Zentral-und Südchina. In Zentralasien findet man Piratenspinnen in Kasachstan, Usbekistan, Kirgisien und bis in den Norden Afghanistans. Im Nahen Osten besiedelt diese Art den Kaukasus, die Türkei und den Iran und kommt über Syrien bis nach Israel vor. In Nordafrika ist die Art aus Algerien, Tunesien und Libyen bekannt. Aber auch in der neuen Welt ist die Piratenspinne bekannt: Sie besiedelt den größten Teil der USA, inklusive Alaska, aber ohne den äußersten Südwesten, und fast ganz Kanada, sieht man von den höchsten arktischen Breiten des Landes ab. Eine kleinere Population lebt im südlichen Grönland. Eine solche Verbreitung auf dem größten Teil der nördlichen Halbkugel nennen die Fachleute holarktisch.

 

An dieser Stelle muss auf einen vermeintlichen Nachweis verwiesen werden, von dem der französische Spinnenforscher Eugène Simon (1848-1924) im Jahre 1899 berichtete. Demnach habe der deutsche Zoologe Hugo Schauinsland an der Nordküste der Südinsel Neuseelands ein Exemplar der Piratenspinne gefunden. Diese kurze knappe Anmerkung wurde von Fachkollegen relativ bedenkenlos übernommen, 1917 und 1946 tauchte die Piratenspinne in Katalogen von in Neuseeland heimischen Spinnenarten auf. Das Gerücht von der neuseeländischen Piratenspinnen-Population hielt sich ausgesprochen hartnäckig. Schließlich war Simon zu seiner Zeit eine echte Autorität in Sachen Spinnenkunde. Die Sache wurde von keinem überprüft – bis sich der neuseeländische Spinnenforscher Cor Vink das Problem im Jahr 2002 näher beschaute. Vink stellte fest, dass nicht nur er niemals ein Exemplar der Piratenspinne auf Neuseeland gefunden hat, sondern seit 1899 offensichtlich auch niemand sonst. Nach menschlichem Ermessen kommt die Art de facto auf Neuseeland nicht vor. Aber was ist mit Simons angeblichem Nachweis? Vink hält drei Hintergründe für denkbar: 1. Ein Exemplar der Piratenspinne wurde versehentlich mit den von Schauinsland auf Neuseeland gesammelten Spinnen eingelagert. 2. Die Piratenspinne wurde im 19. Jahrhundert nach Neuseeland eingeschleppt, dort tatsächlich von Schauinsland gesammelt und starb danach dort wieder aus. 3. Simon verwechselte das Exemplar einer ähnlichen Spinnenart mit der Piratenspinne. Auf Neuseeland gibt es in der Tat eine der Piratenspinne sehr ähnliche Art. Welche dieser drei Möglichkeiten der wahre Hintergrund ist, ist aber nicht geklärt. Sicher ist nur: Die Piratenspinne lebt nicht auf Neuseeland!

 

Spinnenanatomie

Bild 1: Diese Zeichnung zeigt im Längsschnitt die wichtigsten anatomischen Aspekte einer Webspinne. Quelle: Wikipedia; nach J.H.Comstock durch S. Wallroth überarbeitet.

 

 

Spinnenanatomie. Die Anatomie von Spinnen unterscheidet sich trotz vieler Gemeinsamkeiten – zum Beispiel dem Außenskelett mit seinen einzelnen Gliedern – doch deutlich von dem Bauplan, den wir bisher bei anderen Arthropoden kennengelernt haben.

 

Die verschiedenen Körperabschnitte sind bei den Webspinnen (Araneae) wesentlich stärker zusammengefasst, als wir das bisher bei anderen Arthropoden wie Insekten kennengelernt haben. Kopf und Brust sind zu einem einheitlichen Cephalothorax verschmolzen, der hier Prosoma genannt wird. Die Segmente des Abdomen sind dagegen zu einem deutlich größeren Hinterleib verschmolzen, dem Opisthosoma, welches mit einem Stiel mit dem Prosoma verbunden ist. Dieser Stiel ist eigentlich das erste Hinterleibssegment.

 

 

Das Prosoma trägt die verschiedenen Gliedmaßenpaare dieser Tiere. Das vorderste Gliedmaßenpaar bilden die sogenannten Cheliceren oder Kieferklauen, die ein gemeinsames Merkmal aller Chelicerata sind. Bei den Webspinnen sind sie zweigliedrig, wobei das Endglied eine kräftige Klaue darstellt, die gegen das andere Glied eingeschlagen werden kann. Eine Besonderheit ist hier, dass die Cheliceren einen Giftkanal besitzen, der in eine Ausführöffnung an der Spitze der Klaue endet. Das hier austretende Gift wird den Beutetieren injiziert, betäubt und tötet diese, außerdem zersetzt es deren innere Organe. So verflüssigt kann die Spinne ihr Opfer anschließend aussaugen. Auf die Cheliceren folgen als nächstes Beinpaar die Pedipalpen oder Kiefertaster. Vor allem bei den Weibchen sehen sie eigentlich nach nicht mehr als einem etwas schlankeren, kürzerem Laufbeinpaar aus und dienen tatsächlich zum Betasten und besserem Halten von Beute. Bei den Männchen sind sie aber noch einmal spezieller ausgebildet und spielen eine Rolle bei der Paarung. Dies wird uns später noch begegnen. Die vier nächsten Extremitätenpaare sind reine mehrgliedrige Laufbeine und deutlich länger als die beiden vorherigen Paare. Sie werden auch vom Laien sofort als Beine erkannt und haben den Tieren ihren Spitznamen „Achtbeiner“ eingebracht. Das Prosoma trägt auf seiner vorderen Oberseite mehrere Einzelaugen, im Falle der Piratenspinne acht Stück, wobei ein Paar besonders groß und ausgeprägt ist. Diese Augen geben den Tieren ein erstaunlich weites Gesichtsfeld. Daneben besitzen die Webspinnen als weitere Sinnesorgane an den Beinen sogenannte lyriforme Organe und Trichobothrien. Erstere sind spaltenförmige Organe in der Nähe der Gelenke, in denen eine Membran gespannt ist. Bei Erschütterungen gerät diese Membran in Schwingung, was an Sinneszellen übermittelt wird. Trichobothrien funktionieren sehr ähnlich: Es sind in tiefe Gruben im Exoskelett eingelassene und dort mit Membranen verbundene Haare oder Borsten, die bereits auf feinste Schwingungen reagieren. Während lyriforme Organe bei den Spinnen vor allem für die Wahrnehmung von Bodenvibrationen genutzt werden, dienen die Trichobothrien der Schallwahrnehmung. Innerhalb des Prosomas wird der meiste Platz vom zentralen Nervensystem und dem verzweigten Magen eingenommen.

 

Bild 2: Das Prosoma einer Piratenspinne in Frontalansicht. Man erkennt die Anordnung der acht Augen in drei Reihen – 4 Augen in der vordersten Reihe, danach je zwei pro Reihe. Quelle: https://araneae.nmbe.ch/data/1062/Pirata_piraticus (nach Zyuzin A A (1985) Generic and subfamilial criteria in the systematics of the spider family Lycosidae (Aranei), with the description of a new genus and two new subfamilies. Trudy zool Inst Leningr 139: 40-51)

 

Die restlichen wichtigen Organe liegen praktisch vollständig im Hinterleib. Der Stiel bietet gerade genug Platz um die Verbindung zwischen Magen und Darm, Nerven und eine Hauptschlagader durchzulassen. Im Opisthosoma liegt im oberen Bereich dann das große langgezogene Herz, im Zentrum der stark verzweigte Darm und darunter liegen die Geschlechtsorgane. Deren Ausgänge liegen im vorderen unteren Bereich des Hinterleibs. Direkt davor liegen die Spaltöffnungen für die Atmungsorgane. Bei den höher entwickelten Spinnen, zu denen auch die Wolfsspinnenartigen (Lycosoidea) gehören, bestehen diese aus einer Kombination aus sogenannten Buchlungen und den auch von Insekten her bekannten röhrenförmigen Tracheen. Die Buchlungen sind eine erstaunliche Struktur: Sie sind Einstülpungen der Außenhülle des Körpers, nur mit stark verdünnten Wänden. Von einem Vorhof aus gliedern sich dabei viele kleinere Einstülpungen, die Atemtaschen, ab, die untereinander durch stützende Säulen stabilisiert sind. Dadurch entsteht eine fächer-oder buchartige Struktur. Diese ragt ein einen als Lungensinus bezeichneten Hohlraum, durch den das Blut auf dem Weg zum Herzen fließen muss. Bei diesem Durchfluss diffundiert der Sauerstoff aus der Luft ins Blut. Die Buchlungen haben strukturell starke Gemeinsamkeiten mit den röhrenförmigen Tracheen, weshalb angenommen wird, dass letztere aus Buchlungen hervorgingen. Bezeichnenderweise besitzen höhere Spinnen ja eben auch beide Strukturen. Für die Buchlungen nutzt man daher vielleicht besser auch den synonymen Begriff „Fächertracheen“. Übrigens fließt das Blut dann frei weiter durch den Hinterleib und tritt dann über seitliche Öffnungen, Ostien genannt, in das Herz ein. Dieses pumpt das Blut dann über Arterien durch den gesamten Körper, bevor es am Ende der Arterien in die Leibeshöhle austritt.

 

Das erstaunlichste Organ am Hinterleib ist vielleicht der für Webspinnen typische Spinnapparat. Er besteht aus zum Teil recht großen Spinndrüsen, die über die Spinnwarzen dicht vor dem After nach außen münden. Die Spinnwarzen sind eine eigentümliche Struktur: Bei den Lycosoidea sind drei Paare davon vorhanden. Sie sind mehrgliedrig und sehr beweglich. Wie man heute weiß, leiten sie sich von den ehemaligen Extremitätenpaaren des 4. und 5. Hinterleibssegments ab. Ein weiteres ehemaliges Spinnwarzenpaar ist zu einem funktionslosen Hügel, dem Colulus, zurückgebildet.

 

Dies sind die wichtigsten anatomischen Grundmerkmale der höheren Webspinnen. Schauen wir uns nun die Eigentümlichkeiten der Piratenspinne selber an.

 

Bild 3: Eine weibliche Piratenspinne. Quelle: www.spiderling.de

 

 

Bild 4: Eine Piratenspinne in ihrem natürlichen Lebensraum. Quelle: www.spiderling.de / W.Borlinghaus

 

Grazile Jägerin. Die Piratenspinne besitzt einen robusten, aber durchaus feingliedrigen Körperbau. Das Prosoma und das Opisthosoma sind bei ihr ungefähr fast gleichgroß. Das Prosoma trägt acht Augen in drei Reihen. Die Grundfärbung ist braun. Der Vorderkörper besitzt darauf dann weiße Seitenstreifen und dicht darüber dunkle Längsstreifen. Die Mitte der Oberseite ist heller mit einer dünnen, dunklen gabelförmigen Zeichnung, die nach vorn offen ist und meist an eine Stimmgabel erinnert. Der Hinterleib oder Opisthosoma besitzt ebenfalls weiße Seitenstreifen, außerdem vorne auf der Oberseite einen heller umrandeten beigen Fleck und dahinter zwei Reihen weißer Punkte.

 

Die Färbung ist bei Männchen und Weibchen sehr ähnlich, allerdings sind die Männchen deutlich kleiner. Die Weibchen erreichen eine maximale Körperlänge (ohne Beine) von 9 mm, während die Männchen sogar nur 6,5 mm als Körperlänge erreichen. Daneben kann man die Männchen noch anhand ihrer Pedipalpen von den Weibchen unterscheiden. Die Pedipalpen sind beim geschlechtsreifen Männchen sehr markant ausgebildet: Das Endglied, der sogenannte Bulbus, ist dreiteilig, wobei der größte Abschnitt vergrößert, breit und kahnförmig ist. Diese große mit Chitin verhärtete Spange wird Cymbium genannt. In seiner Innenseite sitzt der sogenannte zweiteilige Embolus, eine komplizierte Struktur mit einem Hohlraum. Diese Strukturen können durch Erhöhung des Innendrucks im Pedipalpus entfaltet werden.

 

Zu dieser Struktur passt bei den Weibchen eine Struktur an der Unterseite des Hinterleibs: Die Epigyne. Dabei handelt es sich um eine harte sklerotisierte Platte, die vor dem Zugang zu den Geschlechtsorganen auf der Unterseite des Hinterleibes des Weibchens liegt. Die Platte selber weist genau wie der Pedipalpus der Männchen komplexe Strukturen auf. Paarige Einführöffnungen, die in der mittleren sogenannten Epigastralfurche liegen, führen über eingestülpte Gänge zu Kammern, die man Spermatheken oder Recaptulum seminis nennt. Bei der Piratenspinne gibt es davon auf jeder Seite der Epigastralfurche zwei: die mittleren Spermatheken, die näher zur Furche liegen, und die weiter außen gelegenen Spermatheken. Sie sind in einem deutlichen spitzen Winkel zur Epigastralfurche angeordnet. Von den Spermatheken wandern andere Kanäle zur eigentlichen Geschlechtsöffnung der weiblichen Spinne, dem Uterus externus.

 

Die Strukturen des männlichen Pedipalpus und der weiblichen Epigyne sind artspezifisch. Die Pedipalpen der Männchen passen wie ein Schlüssel in die Zugangsöffnungen der Epigyne. Zugleich sind diese komplexen sekundären Geschlechtsorgane – denn um nichts anderes handelt es sich – ein typisches Merkmal der Webspinnengruppe der Entelegynae.

 

Bild 5: Diese Zeichnung zeigt die typische Musterung auf der Oberseite des Vorderkörpers (Prosoma) noch einmal im Detail. Quelle: https://araneae.nmbe.ch/data/1062/Pirata_piraticus (nach Wiebes J T (1959) The Lycosidae and Pisauridae (Araneae) of the Netherlands. Zool Verh 42: 1-78)

 

Bild 6. Eine Detailzeichnung des männlichen Pedipalpus. Quelle: https://araneae.nmbe.ch/data/1062/Pirata_piraticus (nach Roberts M J (1995) Spiders of Britain and Northern Europe. Collins Field Guide Bath)

 

Lebensraum und Lebensweise. Die Piratenspinne braucht Feuchtigkeit und bevorzugt kühlere Temperaturen. Solche Bedingungen findet sie am ehesten in den Uferbereichen von Gewässern vor – Tümpeln und Teichen, Seen und Flüssen. Vor allem in Abschnitten mit reichlich Ufervegetation ist die Art häufig. Die Tiere können auch über die Wasseroberfläche laufen und trauen sich dabei sogar bis weit auf die offene Wasserfläche. Auf der anderen Seite findet man sie an Land fast nur innerhalb eines relativ begrenzten Streifens entlang des Ufers. Eine Studie im kanadischen Alberta ergab mit Hilfe von kleinen Fallen zum Fangen der Spinnen, dass sich Piratenspinnen fast nur innerhalb von 3 m Abstand von einem Gewässer finden ließen. In größerer Entfernung vom Gewässer fanden sich nur sehr vereinzelte Exemplare.

 

 

Eine gewisse Vegetation, gerade aus Moosen und anderen niedrigen, krautigen Pflanzen, ist für die Piratenspinne aber mindestens so wichtig wie die Nähe zum Wasser. Denn an Pflanzen befestigen die Tiere kurze aus Spinnfäden zusammengesetzte Wohnröhren, die ihnen als Versteck dienen. Von hier aus gehen die Piratenspinnen auf Jagd in der näheren Umgebung. Dabei fangen sie ihre Beute nicht mit Spinnfäden, sondern indem sie sie blitzschnell packen und zubeißen um ihr Gift zu injizieren. Die Beuteliste ist lang: Neben Insekten werden auch andere kleine Gliedertiere und manchmal sogar kleine Kaulquappen erbeutet, die die Piratenspinne von der Wasseroberfläche aus ergreift. Die Fähigkeit unter Ausnutzung der Oberflächenspannung über das Wasser zu laufen nutzen die Piratenspinnen aber nicht nur zur Jagd, sondern auch um etwaigen Feinden an Land auszuweichen. Bei großer Gefahr für das eigene Leben können diese Spinnen sogar kurzzeitig untertauchen, um einer Bedrohung etwa durch einen Fressfeind zu entkommen. Aufgrund dieser Beweglichkeit auch auf und im Wasser sind Piratenspinnen auch wenig anfällig für die Folgen kurzfristiger Überflutungsereignisse, die in ihrem Lebensraum logischerweise häufiger vorkommen können.

 

Bild 7: Piratenspinnen können auch übers Wasser laufen. Quelle: www.welokee.nl

 

 

Anpassungsfähig. Die Piratenspinne ist anpassungsfähig. Das gilt auch für die Fortpflanzung – bei Partnerwahl und in der Entwicklung der Jungtiere kann es zu großen Variationen kommen, die von Umwelteinflüssen verursacht werden. Diese Variationen ermöglichen es der Piratenspinne wiederum, sich auch unter wechselnden Umständen erfolgreich fortzupflanzen.

 

Die Partnerwahl ist wie bei allen Spinnen eine vor allem für die Männchen äußerst gefährliche Angelegenheit. Die Weibchen signalisieren prinzipielle Paarungsbereitschaft durch Duftstoffe, doch nehmen sie die kleineren Männchen dennoch schnell als Beute wahr, wenn diese sich nicht korrekt verhalten. Die Männchen nähern sich stets vorsichtig, mit erhobenen Pedipalpen. Mit diesen führen sie außerdem trommelnde Bewegungen aus, deren Vibrationen vom Weibchen wahrgenommen werden. Wenn das Weibchen nun das Männchen als Paarungspartner erkennt, ist es milder gestimmt und lässt die Paarung zu. Wie groß das Risiko für die Männchen aber immer ist, zeigt folgende Feststellung: Weibchen aus Populationen in beuteärmeren Gebieten lassen bevorzugt kleinere Männchen an sich heran – denn sie gehen auch, aufgrund ihres großen Hungers durch Beutearmut, auf jede noch so kleine Beute los. Scheinbar werten sie das kleinere Männchen hier also ebenfalls zuerst als Beute. Erst kurz vor der Paarung erkennen sie dann, dass es ein Artgenosse ist, der sich paaren will. Weibchen in nahrungsarmen Gebieten paaren sich auch seltener, wesentlich kürzer erst vor der Eireifung. Dies hat vermutlich mit dem Energiehaushalt der Tiere zu tun. Die durch begrenzte Nahrungsressourcen limitierte Energie für den Stoffwechsel wird lieber in wenige, aber erfolgreiche Paarungen investiert anstatt in viele.

 

Die Paarung selber ist ein sehr spezieller Akt. Das Männchen hat vorher aus seiner Geschlechtsöffnung eine Spermienportion abgesondert und diese in dem Embolus der Pedipalpen gespeichert. Wenn das Männchen das Weibchen so milde gestimmt hat, dass es die Paarung vollziehen kann, entfaltet es durch steigenden Innendruck im Pedipalpus den gesammten Bulbus und führt diesen in die Epigyne ein. Die artspezifisch komplexen Strukturen des Pedipalpen-Bulbus und der Epigyne passen zusammen wie ein Schlüssel in ein Schloss. Hier werden die Spermien nun übertragen und gelangen in der Epigyne erst einmal in die Spermatheken, wo sie wiederum gespeichert werden. Nach vollzogener Paarung versucht das Männchen dann schnellstens Abstand zum Weibchen zu gewinnen. Die eigentliche Befruchtung erfolgt bei der Eiablage. Dann gelangen die Spermen von der Spermathek zum eigentlichen Ausgang der weiblichen Geschlechtsorgane. Das Weibchen kann diesen Vorgang sogar dosieren und immer noch einen Rest Spermien zurückbehalten – und so theoretisch mehr als ein Gelege befruchten.

 

Die Eier werden vom Weibchen in einen großen, kugelförmigen und weiße Kokon eingesponnen. Diesen hält es dann mit den Spinnwarzen fest. Die Eierzahl und die Größe des Eisacks (wie der Kokon genannt wird) hängen von verschiedenen Faktoren ab, die wiederum einer optimalen Anpassung an Umgebungsbedingungen dienen. Prinzipiell sind die Größe des Eisacks und die Eierzahl größer, je größer das Weibchen ist – gemessen an der Breite des Vorderkörpers. Aber weitere Aspekte spielen hinein. Unter umweltbedingtem Stress, zum Beispiel bei Nahrungsmangel oder wenn Giftstoffe den eigenen Körper belasten, produzieren die Weibchen weniger, dafür größere Eier. Letzteres ist zum Beispiel für die Belastung durch Schwermetalle nachgewiesen. Auch hier spielt dann wohl der Aspekt eine Rolle, dass lieber weniger Eier, diese dafür aber umso sicherer überleben. Andererseits produzieren Piratenspinnen unter günstigen Bedingungen auch zwei Eisäcke in einer Saison, zumindest in Mittel-und Westeuropa. Maßgeblich für günstige Bedingungen ist vor allem ein gutes Beuteangebot. Diese Schwankungen führen auch entsprechend zu einer relativ großen Populationsdynamik. In manchen mageren Jahren können Piratenspinnen ausgesprochen selten werden, nur um in den besseren Jahren dann umso häufiger zu sein.

 

Relativ wenig untersucht scheint der Einfluss der Außentemperatur zu sein. Eine Untersuchung aus China aus dem Jahr 2000 spricht dafür, dass höhere Außentemperaturen eine höhere Eierzahl begünstigen und auch die Brutzeit verkürzen.

 

Bild 8: Eine weibliche Piratenspinne mit einem Eisack, aufgenommen in Litauen. Quelle: wikipedia/ Lukas Jonaitis

 

Saisonalität. Die Piratenspinne lebt fast ausschließlich in Breitengraden mit besonders deutlichem Jahreszeitenwechsel – etwa Mitteleuropa, Nordeuropa, Sibirien und Nordamerika. Entsprechend folgt auch ihr Lebensrhythmus den Jahreszeiten. Während des Winters findet man meistens – wenn überhaupt – nur vereinzelte Jungtiere. Und auch diese nur bei mildem Wetter. In Europa trifft man die Tiere erst ab April häufig an, dann als geschlechtsreife Tiere. Die Fortpflanzungsperiode beginnt relativ bald und ab Mai sieht man viele Weibchen bereits mit einem Eisack herumrennen. Laut einer belgischen Studie aus dem Jahr 2003 steigt der Anteil von Weibchen mit Eisäcken von etwa 60 % im Mai auf über 70 % im August an. Im September hingegen sind nur noch wenige Weibchen mit Eisäcken unterwegs (nur noch 20 %). Und schon im August sind in den Eisäcken die ersten Jungen bereits geschlüpft – sie brechen dann wenig später aus dem Eisack hervor. Die erste Zeit bleiben die Jungen noch auf dem Hinterleib der Mutter sitzen, wo sie einen gewissen Schutz genießen.

 

Die Jungtiere durchlaufen eine relativ schnelle Wachstumsphase, je nach Wetterlage bis in den November. Danach überwintern die Tiere, um dann im nachfolgenden Jahr selber zur Fortpflanzung zu schreiten. In Jahren mit zwei Bruten kommt es zu einem weiteren Effekt: Der Nachwuchs der zweiten Brut ist im nachfolgenden Jahr noch nicht geschlechtsreif und verbringt dieses gesamte Jahr mit einer weiteren Wachstumsphase, um dann ein zweites Mal zu überwintern. Erst nach dem zweiten Winter gehen sie dann im Frühjahr selber zur Brut über. Dann sind diese Piratenspinnen aber tatsächlich größer als ihre Artgenossen aus dem Vorjahr. Zwei Bruten gibt es zumindest in Europa gelegentlich. In der Region Wuhan im zentralen China konnten sogar schon drei Bruten in einer Saison nachgewiesen werden, die vermutlich ähnliche Effekte auf Populationsdynamik und Reifung der einzelnen Individuen haben. Das in dieser Region mildere Klima scheint dort auch zu einem schnelleren Wachstum mit einer schnelleren Häutungssequenz der Piratenspinnen zu führen.

 

In Jahren mit besonders zahlreichem Nachwuchs wirkt sich aber auch die erhöhte Populationsdichte aus – und zwar dadurch, dass es verstärkt zu Kannibalismus kommt. Die Piratenspinnen jagen durchaus auch ihre eigenen Artgenossen, gerade wenn sie kleiner sind. Am Ende einer solchen Saison bleiben dann von den jeweiligen Bruten nur einige, dafür umso besser genährte Exemplare übrig.

 

Bild 9: Eine Piratenspinne mit frisch geschlüpftem Nachwuchs auf dem Hinterleib. Quelle: www.welokee.nl

 

 

Heavy Metal. Es klang bereits mehrfach an: Es sind auch Giftstoffe, die die Fruchtbarkeit und Fortpflanzung der Piratenspinne beeinflussen. Und Giftstoffe gibt es im Lebensraum der Piratenspinne leider immer noch genügend, vor allem in Europa und den USA, aber auch zum Beispiel in China – überall dort wo Industrien Schadstoffe zwangsläufig in die Umwelt eintragen. Vor allem Schwermetalle sind es, die sich im Uferschlick niederschlagen und damit bereits den Lebensraum der Piratenspinne kontaminieren. Aufgenommen werden die Schwermetalle aber auch über die Beutetiere. Näher untersucht wurden diese Mechanismen zum Beispiel auch in der Piratenspinnen-Population im Mündungsgebiet der Schelde. Drei Schwermetalle standen dort im Fokus – Cadmium (Cd), Kupfer (Cu) und Zink (Zn). Diese Schwermetalle fanden sich in den größten Mengen in den Spinnen wieder, die Bereiche des Mündungsgebietes mit größerem Salzeintrag vom Meer her bewohnten. Mit dem Salz gab es mehr Chloride im Uferschlick. Chloride erhöhen die Mobilität von Kationen an den Zellwänden, was wiederum den Eintrag von Schwermetallen ins Gewebe fördert.

 

Eine andere Studie im selben Gebiet, der Scheldemündung, zeigte außerdem, dass die Piratenspinne wesentlich höhere Schwermetallwerte in ihrem Körper aufweist als eine vergleichbare andere Art. Die Erklärung dafür liegt vermutlich darin, dass die Piratenspinne sehr bodenbezogen lebt und jagt. Dadurch nimmt sie mehr von den Stoffen auf, die die Umgebung kontaminieren. Diese Zusammenhang gilt vor allem für Kupfer, Cadmium und Zink, erstaunlicherweise aber nicht für Blei (Pb). Zwar sind auch in Piratenspinnen in der Scheldemündung Pb-Kontaminationen nachweisbar. Aber sie fallen nicht höher aus als bei anderen Spinnen in diesem Lebensraum.

 

Die Piratenspinne ist ein vor allem in der Scheldemündung gut studiertes Beispiel für die Schwermetallproblematik in Süßwasserlebensräumen in Industrieländern. In diesen Lebensräumen sammeln sich die Schwermetalle an, sie ziehen sich durch die Nahrungskette durch und sammeln sich an deren Endgliedern. Ihre Auswirkungen können dabei vielfältig sein. Bei der Piratenspinne sind die Schwermetalle nicht in erster Linie tödlich. Doch die Fruchtbarkeit nimmt ab und die Fortpflanzungsstrategie der Tiere ändert sich von vielen Eiern zu wenigen Eiern, was langfristig die Populationsdynamik verändern kann. Kurzfristig betrachtet gleichen die Auswirkungen denen, die bei Jahren mit wenig Nahrungsangebot beobachtet werden. Nur sind diese ein kurzfristiges Phänomen, während sich die Piratenspinnen mit den Schwermetallen über lange Zeit herumschlagen müssen. Glücklicherweise ist die Piratenspinne bisher nicht bedroht, aber ähnliche Effekte könnten bei einer selteneren Art wirklich bedrohliche Auswirkungen haben.

 

 

Literatur.

 

 

Bellmann, H. 2010. Der Kosmos Spinnenführer. Franckh-Kosmos-Verlag.

 

Decleer, K. 2003. Population dynamics of marshland spiders and carabid beetles due to flooding: about drowning, air bubbling, floating, climbing and recolonization. – International conference ‘Towards natural flood reduction strategies’, Warsaw, 6-13 September 2003.

 

Du Laing, G., Bogaert, N., Tack, F.M.G., Verloo, M.G. & Hendrickx, F. 2002. Heavy metal contents (Cd, Cu, Zn) in spiders (Pirata piraticus) living in intertidal sediments of the river Scheldt estuary (Belgium) as affected by substrate characteristics. – Science of the Total Environment 289: 71-81.

 

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http://de.wikipedia.org/wiki/Entelegynae

http://de.wikipedia.org/wiki/Pirata_piraticus

http://de.wikipedia.org/wiki/Webspinnen

https://araneae.nmbe.ch/data/1062/Pirata_piraticus