Pirats Bestiarium: Zangenartige Dornspinne (Macracantha arcuata)

Zangenartige Dornspinne (Macracantha arcuata (Fabricius, 1793))

 

Namensbedeutung. In diesem Falle ist der wissenschaftliche Name kein besonders kreativer, dafür ein sehr passender: Macracantha bedeutet in etwa „großer Stachel“ und arcuata bedeutet „gebogen“ oder „gekrümmt“, beides als Verweis auf die langen gebogenen Stacheln des Hinterleibs.

 

Synonyme. Aranea arcuata, Epeira curvicauda, Gasteracantha arcuata, Gasteracantha beccari, Gasteracantha curvicauda, Gasteracantha fabricii, Macracantha arquata, Macracantha curvicauda, Plectana arcuate, Plectana curvicauda.

 

Verwandtschaftsbeziehungen. Animalia; Eumetazoa; Bilateria; Protostomia; Ecdysozoa; Panarthropoda; Arthropoda; Euarthropoda; Chelicerata; Euchelicerata; Arachnida; Tetrapulmonata; Araneae; Opisthothelae; Araneomorphae; Araneomorphi; Araneoclada; Entelegynae; Orbiculariae; Araneoidea; Araneidae; Gasteracanthinae; Macracantha.

 

 

Die Zangenartige Dornspinne gehört zu einer Gruppe überwiegend tropischer, bizarr aussehender Spinnen, den Stachelspinnen (Gasteracanthinae). Diese gehören zur Familie der Echten Radnetzspinnen (Araneidae) und sind damit mit unseren heimischen Kreuzspinnen verwandt. Die Radnetzspinnen stellen eine basalere Linie der in den Entelegynae zusammengefassten Spinnen dar als die Wolfsspinnenartigen (Lycosoidea), von denen wir bereits die Piratenspinne (Pirata piraticus) kennengelernt haben. Innerhalb der Gasteracanthinae wurde die Zangenartige Dornspinne lange zur Gattung Gasteracantha gezählt, doch ist sie nach phylogenetischer Analyse weniger stark abgeleitet als diese. Daher wird die Art nun endgültig in die eigene Gattung Macracantha gestellt.

 

Verbreitung. Die Zangenartige Dornspinne kann man nur in geeigneten Lebensräumen in Südostasien finde. Ursprünglich vor allem von Sumatra, Java und Borneo bekannt, weiß man inzwischen, dass die Art auch auf der Malaiischen Halbinsel, in Thailand, Burma und im östlichsten Teil Indiens, in Assam, Meghalaya und Sikkim, vorkommt. Vereinzelte Meldungen gibt es auch aus dem südlichsten China, von Sri Lanka und aus Bangladesch. Wirklich häufig ist sie eigentlich nirgends, aber im Westen des Verbreitungsgebietes scheint sie am seltensten zu sein. 

 

Bild 1: Johann Christian Fabricius, der Erstbeschreiber der Zangenartigen Dornspinne. Quelle: Wikipedia.

 

Exotisch. Johann Christian Fabricius (1745-1808) gehörte zu seiner Zeit zu den großen Zoologen und quasi zur ersten Generation jener Forscher, die Linnaeus‘ Konzept der Nomenklatur anwendeten und verbreiteten. Das lag nicht zuletzt daran, dass er 1762 bis 1764 bei Linnaeus in Uppsala studierte und von diesem begonnene Forschungen im Bereich der Insektenkunde (Entomologie) übernahm. Später wurde er vor allem Professor in Kopenhagen, unternahm aber ausdauernde und lange Reisen nach Norwegen, Paris und London, um mit dortigen Forschern zusammenzuarbeiten. Für sein großes Werk über die Insekten, deren Arten er komplett zu erfassen und zu beschreiben gedachte, waren diese Besuche von unschätzbarem Wert, denn er hatte Zugang zu den entomologischen Sammlungen vor allem in London, die viele neue Arten von Gliederfüßern enthielten, von denen Exemplare in den verschiedenen englischen Kolonien und Außenposten in Übersee gesammelt wurden. Dadurch bekam Fabricius auch Kenntnis von einigen sehr exotischen Tieren.

 

Darunter befand sich auch eine überaus merkwürdige Kreatur mit einem stark verhärteten trapezförmigen Hinterleib, der zwei Paare kurzer Dornen und ein Paar sehr langer, gekrümmter Dornen trug. Und dabei war der Hinterleib auch noch bunt! Der Körper war darüber hinaus so sehr chitinisiert, dass das Tier wie ein Käfer trocken präpariert und verschickt werden konnte – während Spinnen sonst üblicherweise in Spiritus präpariert werden mussten. Fabricius erkannte dennoch die Verwandtschaft dieser Art zu europäischen Radnetzspinnen und beschrieb sie als Aranea arcuata. Der Exot erschien späteren Bearbeitern dann aber doch erkennbar verschieden von den europäischen Arten. Außerdem hatte man inzwischen weitere tropische Spinnen mit Stacheln am Hinterleib gefunden. Was lag da näher, als sie zusammenzufassen? 1837 ordnete der deutsche Zoologe Carl Ludwig Koch daher die Zangenartige Dornspinne der Gattung Gasteracantha zu, eine Zuordnung, die sich über Jahrzehnte hielt. Zwar war der Spinnenforscher (Arachnologe) Eugène Simon, der maßgeblich die spätere Systematik der Spinnentiere mitbegründete, schon 1864 der Meinung, dass man die Zangenartige Dornspinne besser in eine eigene Gattung, Macracantha, stellen sollte. Doch dies setzte sich zuerst nicht durch. Erst 1974 wurde Macracantha wieder als eigene Gattung akzeptiert. Allerdings kommt es bis heute vor, dass die Art noch Gasteracantha zugeordnet wird. Exotisch erscheint die Zangenartige Dornspinne unabhängig von ihrer fachlichen Bezeichnung natürlich bis heute – zu abseitig scheint ihr Äußeres im Vergleich zu anderen Spinnen. Werfen wir einen näheren Blick darauf.

 

Bild 2: Dieses Exemplar der Zangenartigen Dornspinne wurde auf Sumatra fotografiert. Quelle: Dick Culbert/ Wikipedia.

 

Bild 3: Bei diesem Bild erkennt man gut die kleineren Nebenstacheln. Quelle: Maik Schaffer / https://waji203.wordpress.com/2013/02/23/long-horned-spider/

 

Bunt und stachelig. Schaut man genauer hin, kann man erkennen, dass die Zangenartige Dornspinne grundsätzlich den typischen Spinnenbauplan aufweist: Der Körper ist unterteilt in das vordere Prosoma und das hintere Opisthosoma. Das Prosoma trägt wie üblich Kiefer, Augen und die Beine. Die Beine sind dunkel rotbraun gefärbt, ebenso wie die hinter Rückseite des Prosomas. Der Vorderteil und die Seiten des Prosomas sind beim Weibchen schwarz, wobei vorne kräftige weiße Haare die Körperoberfläche rund um die Augen bedecken. Die Beine sind im Verhältnis zum Körper relativ kurz und das Prosoma im Vergleich zum Hinterleib relativ klein. Das Opisthosoma ist beim Weibchen groß und trapezförmig, es verbreitert sich nach hinten. Es ist stark chitinisiert, bildet also eine ziemlich harte und starre Kapsel. Dabei ist der Hinterleib abgeplattet. Auf der Unterseite befinden sich die Spinnwarzen auf einer zylindrischen Erhöhung und sind von einem stark chitinisierten Ring umgeben. Die Funktion dieser Struktur ist nicht näher bekannt. Der Hinterleib ist am auffälligsten bei den Weibchen: Ein kurzes Stachelpaar vorne an der oberen Seite und ein weiteres kurzes Stachelpaar an der oberen Rückkante werden in den Schatten gestellt von einem Paar sehr langer, dünner, gebogener Stacheln an den Ecken des Trapezes. Die Färbung ist dabei auch auffällig: Entlang der Vorder-und Seitenkante verläuft eine Reihe tropfenförmiger schwarzer Flecken auf der Oberseite, in der Mitte der Oberseite des Hinterleibs kommen vier schwarze Flecken hinzu. Die Grundfärbung ist dabei meistens rot, kann aber auch gelb oder weiß sein. Sie kann teilweise auf die ansonsten schwarzen langen Stacheln übergreifen. Die Unterseite des Hinterleibs ist schwarz, mit gelegentlichen weißen Flecken. Der Grund für die variable Grundfärbung ist noch nicht erforscht. In weiten Teilen des Verbreitungsgebietes scheinen rote bis gelbliche Färbungen am häufigsten zu sein, während weiße Exemplare eher aus Südchina gemeldet sind. Vielleicht steckt dahinter eine bestimmte Unterart oder aber auch eine neue Art.

 

Die Männchen sehen dagegen sehr viel anders aus. Sie besitzen eine rotbraune Grundfärbung, die am Opisthosoma hellere Flecken aufweisen kann. Das Prosoma ist komplett glatt. Von den vier Laufbeinpaaren ist das erste und das letzte am längsten. Der Hinterleib ist zwar auch grob trapezoid, wenngleich deutlich mehr in die Länge gezogen, und besitzt auch drei Paar Stacheln, doch diese sind hier alle gleich lang und lassen das Tier ein wenig wie eine stachelige Frucht aussehen. Die seltsame Struktur mit den Spinnwarzen findet sich aber auch hier.

 

 

Nicht nur im Aussehen sind die beiden Geschlechter massiv unterschiedlich – auch, typisch für Spinnen, in der Größe. Die Weibchen haben eine Länge von nur maximal knapp 1 cm, bei einer Breite von bis zu 1,3 cm. Das lange Stachelpaar jedoch ist wesentlich länger als der ganze Körper, bis zu 4,5 cm lang und die Spitzen können bis zu 3 cm auseinanderliegen. Dagegen ist das Männchen der Zangenartigen Dornspinne geradezu winzig – gerade einmal 3 mm groß. Der Geschlechtsdimorphismus zwischen Männchen und Weibchen bei der Zangenartigen Dornspinne gehört selbst innerhalb der Spinnentiere zu den krassesten Beispielen – wüsste man es nicht besser, könnte man meinen es wären zwei verschiedene Arten.

 

 

Bild 4: Die Unterseite der Zangenartigen Dornspinne, aufgenommen in Bangladesch. Quelle: Wikipedia.

 

Bild 5: Das Männchen der Zangenartigen Dornspinne. Quelle: Melvyn Yeo / http://melvyn-yeo.blogspot.nl

 

 

Immer Netz. Die Zangenartige Dornspinne lebt an den Rändern der dichten tropischen Wälder ihres Verbreitungsgebietes – also dort wo der Wald in offeneres Gelände übergeht oder Lichtungen auftreten. Deshalb findet man sie auch öfters in der Nähe menschlicher Siedlungen oder Plantagen. Hier hält sie sich meist im Geäst und Blattwerk der Bäume und Büsche auf, wo sie ihre Netze baut. Oft baut sie die Netze in der Nähe der Netze von großen Seidenspinnen der Art Nephila pilipes. Dies wurde zumindest im Nordosten Indiens beobachtet. Der genaue Grund dafür ist unbekannt; in seltenen Fällen scheinen die Zangenartigen Dornspinnen auch verlassene Netze der Seidenspinnen für sich selber zu nutzen.

 

 

Die von der Zangenartigen Dornspinne gebauten eigenen Netze sind angesichts der Körpergröße der Tiere erstaunlich groß. Es handelt sich um Radnetze mit einem Durchmesser von bis zu 1,2 m. Gebaut werden sie in Höhen von bis zu etwa 2 m. Die Fäden sind relativ dick und vor allem an ihren Kreuzungspunkten weisen sie erkennbare perlenartige Klebetröpfchen auf. Auffallend ist, dass im Zentrum nur ein kleiner Bereich ohne querstehende Fangfäden existiert; viel größer ist der Bereich mit den Querfäden, die zum Beutefang dienen. Die Außenbereiche wiederum weisen nur wenige Querfäden auf. Diese Verteilung der Fangfäden hängt mit dem Verhaltensmuster der Zangenartigen Dornspinne zusammen. Anders als andere Radnetzspinnen sitzt sie fast nie im Zentrum des Netzes, dem sogenannten Aufenthaltsbereich – deswegen ist dieser auch nur sehr klein. Der Fangbereich, in dem die Beute hängen bleibt, ist wesentlich wichtiger und daher auch so breit ausgelegt. Die Zangenartige Dornspinne selber sitzt meistens am Ende eines der Verankerungsfäden unter oder zwischen Blättern. Bleibt eine Beute im Netz hängen, registriert die Spinne über den Faden die entsprechenden Vibrationen und eilt dann in ihr Netz, um die Beute mit ihrem Gift zu töten, einzuspinnen und dann auszusaugen. Eine bestimmte Vorliebe auf bestimmte Beute ist nicht bekannt, vermutlich frisst die Zangenartige Dornspinne jede kleinere Beute, die sich in den Fäden verfängt – also meistens wohl kleine Fluginsekten.

 

Netz

Bild 6: Die Zeichnung eines Netzes der Zangenartigen Dornspinne. Quelle: Siliwal & Molur 2006.

 

Selten und wenig bekannt. Die Zangenartige Dornspinne ist insgesamt eine eher seltene Art. Wären die Weibchen nicht so auffällig in ihrer Erscheinung, würde man sie wohl auch noch seltener wahrnehmen. Gut erforscht ist sie bis heute eigentlich nicht und auch ihr Entwicklungszyklus ist nur wenig bekannt. Die Männchen spinnen anscheinend kein großes Radnetz, sondern sind auf der Suche nach den Weibchen. Wie die ungleich kleineren Männchen, die von den Weibchen wie bei allen Spinnen schnell für Beute gehalten werden können, sich zur Paarung annähern können, ist kaum bekannt. Ähnlich wie bei anderen Spinnenarten dürften sie ein bestimmtes Ritual einhalten müssen. Die Spermienübertragung erfolgt ähnlich wie bei der Piratenspinne (Pirata piratica) beschrieben über die verbreiterten Endglieder der Pedipalpen des Männchens, die wie ein Schlüssel zu der sogenannten Epigyne des Weibchens passen – die speziell strukturierte Platte vor den eigentlichen Genitalöffnungen des Weibchens. Das Männchen scheint zwar überwiegend davon zu kommen, wenn es ein Weibchen begattet hat, aber nach Vollzug des Paarungsaktes hat das Männchen dennoch seine Aufgabe erledigt und sein Leben verwirkt – die Tiere sterben binnen einer Woche. Paarung und Eiablage erfolgen normalerweise in der zweiten Jahreshälfte (also etwa im Herbst, auch wenn dieser Begriff in den Tropen nicht ganz zutreffend ist). Sobald das Weibchen die Eier als massigen Kokon abgelegt hat, stirbt es ebenfalls. Die Jungspinnen schlüpfen dann im „Winter“ – und der Lebenszyklus beginnt erneut. Die Zangenartige Dornspinne wird damit anscheinend nicht älter als ein Jahr.

 

Das größte Rätsel geben jedoch die besonders langen gebogenen Dornen der Weibchen auf. Wozu diese gut sind, weiß so genau kein Mensch. Vielleicht lassen sie die Spinne größer und sperriger für potentielle Fressfeinde – etwa kleine Vögel – erscheinen. Eine ernsthafte Waffe stellen diese Dornen jedenfalls nicht dar. Dazu brechen sie viel zu leicht hab – nicht selten trifft man Zangenartige Dornspinnen an, denen ein Stachel teilweise fehlt. Effektiv bringen sie also als direkte Waffe nichts. Sie scheinen tatsächlich nur sowas wie ein halbwegs funktionierender Bluff zu sein.

 

Bild 7: Oft brechen die Stacheln der Spinne ab. Dieser zum Beispiel fehlt einer der ganz langen Stacheln. Aufgenommen wurde das Bild in Thailand. Quelle: Wikipedia.

 

 

Inspiration. Das bizarre Äußere der Zangenartigen Dornspinne ist für die Menschen immer wieder auch inspirierend. Besonders im 19. Jahrhundert, als Museen die Besucher mit umfangreichen Sammlungen von Insekten und anderem Krabbelgetier begeisterten, wurden Exemplare dieser Art zahlreich nach Europa geschickt – so bizarre Spinnen waren durchaus ein Blickfang für das Publikum. Außerdem traf sich dies hier mit dem Vorteil der relativ einfachen Konservierung, dank der starken Chitinisierung des Hinterleibs.

 

 

Die Ästhetik dieser Spinnenart verschaffte ihr auch einen Platz in dem Werk „Kunstformen der Natur“, das der philosophisch veranlagte Zoologe Ernst Haeckel in den Jahren 1899 bis 1904 herausbrachte. Das Werk verbindet Wissenschaft mit Kunst und zwar in Form von 100 Bildtafeln mit verschiedensten Organismen. Auf der Bildtafel für die Spinnen ist dann auch die Zangenartige Dornspinne abgebildet (auch wenn ihre Darstellung zu den schwächeren Abbildungen des gesamten Werks gehört, würde ich sagen).

 

In jüngerer Zeit schaffte es die Zangenartige Dornspinne auf eine Briefmarke Malaysias, wo sie eine durchaus gängige Spinne ist. Auch ist sie inzwischen ein beliebtes Motiv von Fotografen, die in der Region leben oder diese bereisen. Dadurch ist sie inzwischen vermutlich eine der am häufigsten fotografierten tropischen Spinnen, deren Bilder zahlreich im Internet zu finden sind. Umso erstaunlicher, dass so verdammt wenig wirklich bekannt ist über diese Spinne. Es ist nicht einmal klar, ob diese Art vielleicht gefährdet ist. Denkbar wäre allerdings sogar, dass sie zunächst vom Menschen profitieren kann, da sie die etwas lichteren Waldränder bevorzugt – ein Lebensraum, der sich am Rande menschlicher Siedlungen durchaus öfter findet oder dem Plantagen sehr nahe kommen.

 

Bild 8: Die Grundfarbe der Zangenartigen Dornspinne kann sehr variabel sein – sie kann zum Beispiel auch weißlich sein. Quelle: https://waji203.wordpress.com/2013/02/23/long-horned-spider/

 

Die Riesin und der Zwerg. Gehen wir zum Schluss noch einmal auf eines der bemerkenswertesten Merkmale dieser Art ein – der enorme Größenunterschied zwischen den Weibchen und den noch viel kleineren Männchen. Dieser Größenunterschied ist auch von anderen Radnetzspinnen in mehr oder weniger ähnlicher Form bekannt. Der evolutionäre Hintergrund eines solch enormen Größenunterschiedes ist aber noch unzureichend verstanden.

 

Ein sehr offensichtlicher Umstand wird bei dieser Frage oft übersehen, da man sich fast automatisch vor allem auf die meist sehr viel auffälligeren Weibchen konzentriert (was ganz besonders auch auf die Zangenartige Dornspinne zutrifft – von den Weibchen gibt es hunderte Bilder online, aber nur wenige von den Männchen und in Büchern wird fast nur das Weibchen abgebildet): Männchen und Weibchen führen ein sehr unterschiedliches Leben und haben damit eine im Kern sehr unterschiedliche Biologie – damit wirken sehr unterschiedliche Selektionsmechanismen auf sie. Das sich Selektionsmechanismen innerhalb einer Art je nach Geschlecht unterscheiden können, ist als solches nichts Besonderes, doch die Zangenartige Dornspinne und andere Radnetzspinnen treiben diese Unterschiede ins Extrem. Wie die Forscher Gustavo Hormiga, Nikolaj Scharff und Jonathan Coddington im Jahre 2000 herausarbeiteten, ist der evolutionäre Ursprung dieses massiven Geschlechtsdimorphismus daher eine sehr komplexe Frage, die nicht mit einer einzigen alleingültigen Erklärung beantwortet werden kann. Trotz mancher allgemeinerer Muster muss immer der Einzelfall betrachtet werden. Durch den Versuch, die Größenentwicklung der Geschlechter entlang der vermuteten phylogenetischen Abstammungslinien nachzuverfolgen, konnten sie zeigen, dass es im Laufe der Evolution der Radnetzspinnen auch zum Teil Umkehrungen vorheriger Trends gegeben haben muss. Vor allem aber ergaben ihre Analysen ein bemerkenswertes Ergebnis, dass auch auf die Zangenartige Dornspinne wahrscheinlich zutrifft.

 

 

Üblicherweise wird ja immer angenommen, dass die kleinen Männchen bei diesen Spinnen durch Verzwergung entstanden sind. Auch diese Theorie ist aber stark davon geprägt, dass wir üblicherweise immer nur die weiblichen Spinnen wahrnehmen und daher diese als den normalen Maßstab betrachten. Was aber, wenn das nicht stimmt? Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass eher das Gegenteil der Fall war: Sehr wahrscheinlich waren die Ahnen etwa der Zangenartigen Dornspinne eher klein. Die Männchen sind es geblieben; die Weibchen aber haben sich zu deutlich größeren Tieren entwickelt. Zumindest in diesem Fall wirkten bestimmte Selektionsmechanismen eher auf die Weibchen und ließen diese größer werden. Die Männchen dagegen blieben klein, wie sie es immer waren. Für diese war dies wohl eher von Vorteil, da sie von Feinden unentdeckt durch das Dickicht krabbeln, unterwegs schon mal kleinere Beute machen und dann die Weibchen finden müssen, um sich zu paaren. Die evolutionären Gründe für eine stärkere Größenentwicklung der Weibchen mögen dagegen vielfältig sein – einer könnte zum Beispiel sein, dass sie fruchtbarer sind und mehr Eier hervorbringen können, wenn sie größer sind.

 

Diese Schlussfolgerungen sind erst einmal eine gut begründete Theorie. Völlig verstanden ist die Sache, wie gesagt, noch nicht. Es wird noch weitere Forschungen über die Radnetzspinnen brauchen, bis das der Fall ist – nicht zuletzt müssen die Verwandtschaftsbeziehungen innerhalb der Gruppe noch besser verstanden werden, um die Entwicklung von bestimmten Merkmalskomplexen durch den Stammbaum hindurch besser zu verstehen.

 

Ultraviolett

Bild 9: Auch unter ultraviolettem Licht ist die Zangenartige Dornspinne faszinierend anzuschauen. Das Bild wurde Dr. Tan Ji gemacht, der nicht nur begeisterter Fotograf, sondern auch von Hause aus Molekularbiologe ist. Quelle: Pixelsdimension.com/Wildlifemalaysia.com

 

 

Literatur.

 

Hormiga, G., Scharff, N. & Coddington, J.A. 2000. The Phylogenetic Basis of Sexual Size Dimorphism in Orb-Weaving Spiders (Araneae, Orbiculariae). – Systematic Biology 49: 435-462.

 

Molur, S., Daniel, B.A. & Siliwal, M. 2004. First Record of Macracantha arcuata Fabricius, 1793 (Araneae: Araneidae) from Assam, India. – Zoos’ Print Journal 19, 11: 1696.

 

Nasir, D.M., Su, S., Mohamed, Z. & Yusoff, N.C. 2014. New distributional records of Spiders (Arachnida: Araneae) from the West Coast of Peninsular Malaysia. – Pakistan Journal of Zoology 46, 6: 1573-1584.

 

Nasir, D.M., Wong, C.X., Goh, T.G., Juhaida, H. & Faszly, R. 2014. Spider fauna (Arachnida, Araneae) from Sabah, Malaysia. – Journal of Entomology and Zoology Studies 2, 5: 335-344.

 

Scharff, N. & Coddington, J. 1997. A phylogenetic analysis of the orb-weaving spider family Araneidae (Arachnida, Araneae). – Zoological Journal of the Linnean Society 120: 355-434.

 

Siliwal, M. & Molur, S. 2006. Some observations on the webs of Gasteracantha geminate (Fabricius. 1798) and Macracantha arcuata (Fabricius, 1793) (Araneae: Araneidae). – Zoos’ Print Journal 21, 1: 2133-2134.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Zangenartige_Dornspinne

https://whyevolutionistrue.wordpress.com/2012/12/16/spiders-dimorphic-mimetic-and-fluorescent/

http://melvyn-yeo.blogspot.nl/2011/10/spiny-orb-weavers-gasteracantha.html#more