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Pirats Bestiarium: Anophthalmus hitleri

 

Anophthalmus hitleri Scheibel, 1937

 

Namensbedeutung. Der Gattungsname Anophthalmus hat eine sehr schlichte Bedeutung: „ohne Augen“ bedeutet er übersetzt und verweist darauf, dass dieser Käfer keine Augen besitz. Der Artname ist für den Käfer wenig schmeichelhaft – er wurde nach Adolf Hitler benannt, einem der schlimmsten Diktatoren der Menschheitsgeschichte. Die Hintergründe dazu werden wir weiter unten genauer beleuchten.

 

In der Presse wird der Käfer gelegentlich „Hitlerkäfer“ genannt. Allerdings gilt dieser Name nicht als anerkannte Trivialbezeichnung und von der Herleitung her müsste er wenn überhaupt eigentlich korrekterweise „Hitlers Käfer“ heißen. Ich habe hier auf die Verwendung eines Trivialnamens verzichtet.

 

Verwandtschaftsbeziehungen. Animalia; Eumetazoa; Bilateria; Protostomia; Ecdysozoa; Panarthropoda; Arthropoda; Euarthropoda; Mandibulata; Pancrustacea; Hexapoda; Insecta; Dicondylia; Pterygota; Metapterygota; Neoptera; Eumetabola; Holometabola; Neuropteriformes; Coleopteroida; Coleoptera; Adephaga; Geadephaga; Caraboidea; Carabidae; Trechinae; Anophthalmus.

 

Anophthalmus hitleri ist als eine Art der Käfer (Coleoptera) sehr entfernt mit dem Wollkrautblütenkäfer (Anthrenus verbasci) und dem Achtfleckigen Kiefernprachtkäfer (Buprestis octoguttata) verwandt, den beiden bisher hier vorgestellten Käferarten. Während diese beiden jedoch zur größten Käfergruppe, den Polyphaga gehörten, gehört Anophthalmus hitleri zu einer anderen Linie, den Adephaga. Zu diesen gehören überwiegend räuberische Arten. Traditionell werden sie üblicherweise in eine aquatische Linie, die Hydradephaga, und eine landbewohnende Linie, die Geadephaga, unterteilt. Ob diese Gruppen jedoch wirklich monophyletische Abstammungslinien bilden, ist umstritten. Manche DNA-Untersuchungen belegen das zwar, sie stützen sich aber im Grunde auf nur ein einziges Gen, was ein wenig dünn ist. Andere sprechen dagegen. Es gibt auch Indizien, dass zwar die Geadephaga möglicherweise monophyletisch sind, aber als Linie inmitten verschiedener aquatischer Abstammungslinien anzusiedeln sind, womit die Hydradephaga also zu verwerfen wären. Vorerst folge ich hier dieser Möglichkeit. Die Monophylie der Adephaga insgesamt ist jedoch gut belegt, sowohl über den Körperbau wie über die Genetik. In welchem Verhältnis genau die Adephaga aber zu den Polyphaga stehen, ist unsicher. Erst in jüngster Zeit wurde ein direktes Schwestergruppenverhältnis vermutet, aber es ist alles andere als sicher.

 

Innerhalb der Geadephaga gehört Anophthalmus hitleri zu den Laufkäfern (Carabidae). Die Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb dieser artenreichen Gruppe sind wenig verstanden; man unterscheidet mehrere Teillinien, deren Beziehungen zueinander aber häufig unklar sind.

 

Verbreitung. Anophthalmus hitleri ist bisher nur aus einigen Höhlen der slowenischen Karstregion bekannt. Sicher nachgewiesen ist die Art in den Karsthöhlen und-spalten nördlich der Savinja zwischen Mozirje und Celje in Slowenien. In der Region gibt es noch andere Arten der Gattung Anophthalmus, die sich alle an ein Leben in den Höhlen angepasst haben – dabei hat die Begrenzung verschiedener Höhlensysteme wahrscheinlich eine Rolle bei der Artbildung gespielt.

 

SavinjaSlowMap

Bild 1: Das Gebiet, in dem die Höhlen liegen, in denen sich Anophthalmus hitleri findet. In der oberen Karte ist die Lage des Gebietes (schwarz eingekreist) im heutigen Slowenien dargestellt. Die untere Karte zeigt das Tal der Savinja zwischen Mozirje und Celje selber. Alle bekannten Vorkommen liegen in dem bergigen Gebiet auf dem Nordufer des Flusses. Quelle: GoogleMaps.

 

Zu Ehren des Diktators. Wie wir gleich noch sehen werden, ist Anophthalmus hitleri leider eine nur schlecht untersuchte Art. Der Grund ist auch jener, weshalb dieser Käfer überhaupt gelegentlich Aufmerksamkeit erfährt: Sein Name. Das Tier ist dummerweise nach einem der schlimmsten Diktatoren und Verbrecher gegen die Menschheit benannt, die die Historie gesehen hat. Deswegen scheuen bis heute Wissenschaftler sich dieses Tier als Untersuchungsgegenstand auszusuchen und es soll sogar wissenschaftliche Sammlungen gegeben haben, die sich weigerten, ein Exemplar des Käfers für ihre Insektenabteilung anzuschaffen. Dabei kann der Käfer ja nix dafür.

 

Die unrühmliche Geschichte beginnt in den 1930er Jahren in Slowenien. Der deutsche Ingenieur Oscar Scheibel (1881-1953) arbeitet und lebt zu jener Zeit viel in Zagreb und Ljubljana. Die Verbindungen zwischen den kroatischen und slowenischen gebildeteren Schichten und den Deutschen und Österreichern sind vielfältig. Zwar sind Kroatien und Slowenien Teil von Jugoslawien, aber die Vergangenheit innerhalb von Österreich-Ungarn ist noch nicht so lange her. Nebenher ist Scheibel freischaffender Käfersammler – seine Expertise ist in den regionalen Käferforscherkreisen durchaus bekannt und er veröffentlicht des Öfteren auch wissenschaftliche Artikel zum Thema. 1933 sieht Scheibel zum ersten Mal diesen kleinen blinden Käfer – ein slowenischer Höhlenforscher namens Kodric überlässt ihm das Exemplar, das er ein Jahr zuvor in einer Höhle nördlich des slowenischen Žalec gefangen hat. In den folgenden Jahren konnte Scheibel weitere Exemplare über seinen slowenischen Kollegen erlangen und gelangte zu der Einsicht, es mit einer neuen Art zu tun zu haben. An dieser Stelle müssen wir eine für das Verständnis wichtige Information über Scheibel hinzufügen: Der Mann war – zumindest zu der Zeit – überzeugter Nazi. Kein Wunder: Nach außen hin schien es vor allem, dass die nationalsozialistische Regierung Deutschland wieder geeinigt und gestärkt hätte. Diskriminierung von Juden? Damals auch in ganz anderen Staaten durchaus gesellschaftsfähig. Und sonst? Krieg und Vernichtung lagen 1937 noch in der Zukunft, viele konnten (oder wollten) sich das nicht vorstellen. Scheibel verehrte Hitler als großen Staatsmann und war damit – leider – in der deutschen Wissenschaftsgemeinde nicht ganz alleine. Als Scheibel nun also die neue Art offiziell beschrieb, verfiel er auf die Idee, den Artnamen zu Ehren von Adolf Hitler zu vergeben. Scheibel begründet dies in einer besonders geschwollenen Art in der Erstbeschreibung des Tieres wie folgt:

 

„Dem Herrn Reichskanzler Adolf Hitler als Ausdruck meiner Verehrung zugeeignet.“

 

Wem es hier hoch kommt, dem sei mein Verständnis zugesichert. Anekdotisch wird überliefert, dass Hitler sich mit einem persönlichen Schreiben an Scheibel bedankt haben soll, sicher ist das allerdings nicht. Was Scheibel nach dem 2. Weltkrieg von seiner Namenswahl hielt, ist leider auch nicht überliefert.

 

 

AhitleriSammlungsstücke

Bild 2: Mehrere Exemplare von Anophthalmus hitleri in einer Museumssammlung. Man erkennt gut, wie klein die Tiere eigentlich sind. Quelle: Arne Hodalić / https://issuu.com/dr-normanalibassamkhalaf/docs/hitler_beetle_anophthalmus_hitleri  

 

Darf man das? Die meisten Laien werden sich vermutlich wundern, dass man nicht zumindest nach dem 2. Weltkrieg den Namen von Anophthalmus hitleri geändert hat. Die Antwort darauf ist bestürzend nüchtern: Die Regeln des  International Code of Zoological Nomenclature, der von der International Commission of Zoological Nomenclature (ICZN) in seiner Befolgung überwacht wird, lassen hier keine Änderung zu. Oder zugespitzter formuliert: Es gibt keine Regel dagegen, eine Tierart nach einem Mann zu benennen, der ein ganzes Volk fast ausgerottet und die Welt in Tod und Verwüstung gestürzt hat. Der Codex gibt den Wissenschaftlern relativ große Freiheiten und unterscheidet nicht, ob man seine eigene Tochter oder einen Massenmörder mit dem Namen ehrt. Vor allem sieht sich die ICZN als unpolitisch und ebenso den Codex. Lediglich bei religiös motivierten Bezeichnungen wird man bei der ICZN angeblich nervös, aber Politik spielt keine Rolle. Genau genommen heißt es im Codex, „ein Zoologe solle keinen Namen vorschlagen, der bei Aussprache eine bizarre, komische oder anderweitig anstößige Bedeutung suggeriere“.  Diese Regel wurde 1999 noch darum erweitert, man solle bei der Auswahl eines Namens an die nachfolgenden Nutzer denken, weshalb der Name „so weit wie möglich angemessen, kurz, wohlklingend, einprägsam und nicht Ärger erregend“ sein solle. Wohlgemerkt: Es soll möglichst so sein – sprich, wenn kein besonders krasser Fall vorliegt und sich niemand beschwert, werden auch diese Punkte des Codex nicht zwangsläufig durchgesetzt.

 

Andere Bestimmungen werden da sehr viel strenger gehandhabt, da sie für die wissenschaftliche Arbeit wesentlich grundlegender sind. Zum Beispiel die Regel, dass ein vergebener Name so lange gültig ist, wie das nicht durch eine andere zwingende Regel oder eine vom ICZN erlassene gut begründete Ausnahmeregel in Frage gestellt wird. Eine solche Regel, die das aufheben könnte, wäre zum Beispiel, dass die Art bereits unter einem anderen Namen beschrieben wurde, der Priorität hätte. Nun ist das bei Anophthalmus hitleri nicht der Fall und die ICZN konnte sich bisher auch nicht zu einer Ausnahmeregelung durchringen, weil sie – wie gesagt – unpolitisch ist und Ausnahmeregeln üblicherweise nur im Sinne der Stabilität des ICZN-Systems erlassen werden. Heißt im Klartext: Anophthalmus hitleri wird seinen Namen beibehalten, egal wie abstoßend der Mensch war, nach dem er benannt wurde.

 

Wichtiger sollte also vielleicht für alle künftigen Forscher eine andere Lehre dabei sein: Unbedingt die eigenen politischen Ansichten und Deutungen aus der Namensgebung für neue Arten heraushalten! Es ist die eine Sache, einen Kollegen für seine Verdienste in der Forschung zu ehren, oder den Finder eines Fossils, oder auch einen Musiker oder Schauspieler, den man inspirierend findet (hier erinnere ich gerne an Kootenichela deppi und Masiakasaurus knopfleri). Etwas grenzwertig mag es vielleicht noch sein, wenn man einen wichtigen industriellen Sponsor für die Forschungen im Namen ehrt – auch das hat es schon gegeben. Aber bei politischen Persönlichkeiten, die ohne direkten Bezug zum Forschungsgegenstand sind und über die man nur eigene politische Ansichten kundtut…da sollte man besser Abstand von nehmen. Dann ist man garantiert auf der sicheren Seite, wenn man es einfach lässt. Nicht zuletzt auch, weil sich Forschung der Politik niemals anbiedern sollte. Und schon gar nicht gegenüber einem Tyrannen.

 

Bild 3: Dem Diktator überlassen wir hier keinen Raum für sein Bild, hier soll der Käfer gezeigt werden. Dieses Bild zeigt schön die Details von Anophthalmus hitleri: Die feine Skulptur der Flügeldecken und den allgemeinen Habitus. Quelle: Wikipedia/Michael Munich.

 

 

Der Käfer. Politisch mag der Käfer durch seinen Namen gebrandmarkt sein – was eigentlich schade ist, denn Anophthalmus hitleri ist eine sicherlich interessante, leider viel zu wenig bekannte Art. Er zeichnet sich durch seine Anpassungen an das Leben in Höhlen aus. Aber eins nach dem anderen.

 

Anophthalmus hitleri gehört zu den Laufkäfern und hat im Grunde immer noch deren typische Proportionen:  Einen relativ schlanken, länglichen Körper mit schlanken Beinen, einem langgestreckten Kopf und fadenförmigen Fühlern. Doch während freilebende Laufkäfer sehr markant gefärbt sein können, hat Anophthalmus hitleri eine deutlich reduzierte Pigmentierung: die Tiere sind nur matt gelblich-braun, wobei vor allem der Kopfbereich auch rötlich-braun sein kann. Diese blasse Färbung wird als eine der Anpassungen an das Höhlenleben interpretiert – eine aufwendige markante Pigmentierung auszubilden, war dort einfach nicht notwendig. Interessanterweise gibt es dennoch scheinbar einen Unterschied zwischen Männchen und Weibchen – während erstere glänzend gefärbt sind, sind letztere eher matt gefärbt.

 

Die Flügeldecken besitzen kaum eine Wölbung und sind besonders zur Mitte hin sehr flach. Die Seitenkanten sind in der vorderen Hälfte sehr gerade, in der hinteren deutlicher gerundet. Die Vorderkanten – die „Schultern“ – sind deutlich eingebuchtet. Die Oberfläche der Flügeldecken ist außerdem wie bei vielen anderen Laufkäfern von Reihen kleiner Vertiefungen punktiert, die weiter zur Mittellinie hin deutlicher ausgeprägt sind. In der dritten Reihe besitzen drei dieser Punkte deutliche Borsten, die möglicherweise eine wichtige sensorische Funktion haben.

 

Der Brustabschnitt ist durch eine deutliche Taille vom Hinterleib abgesetzt. Der vordere Teil jedoch ist mit einem leicht verbreiterten Halsschild bedeckt, vor dem direkt der längliche Kopf sitzt. Der Kopf besitzt gerundete Seiten, die durch zwei deutliche Stirnfurchen leicht abgesetzt wirken (was bei oberflächlicher Betrachtung wie ein Paar Augen wirkt, aber keines ist). Was völlig fehlt sind tatsächlich die Augen, die nicht einmal in rudimentärer Form vorliegen. Bei den Kieferwerkzeugen stechen wie bei allen Laufkäfern vor allem die kräftigen und langen Mandibeln hervor, die dazu dienen Beute zu packen.

 

Um all das zu sehen braucht man aber schon eine Lupe. Denn Anophthalmus hitleri ist sehr klein – nur 5,5 mm werden die Tiere lang. Ein Charakteristikum dieser Art kann man sogar nur unter dem Mikroskop richtig sehen: Wie bei vielen Käfern ist der Aufbau des sogenannten Aedeagus beim Männchen artspezifisch. Der Aedeagus ist das mit den Hoden verbundene und teilweise chitinisierte Organ, das von den Männchen zur Spermienübertragung ausgestülpt wird – im Grunde handelt es sich um den Penis der Tiere. Bei Anophthalmus hitleri ist der Aedeagus zwar kräftig, aber nur kurz und laut Originalbeschreibung „plump“. Die Spitze läuft eng zu und ist leicht gebogen.

 

Über die Larven von Anophthalmus hitleri ist leider nicht viel bekannt. Sie entsprechen offensichtlich dem Habitus, den auch andere Laufkäferlarven besitzen: Ein mit Borsten besetzter segmentierter, langer Hinterleib, der an einem von diesem nur durch drei kurze Beinpaare unterschiedenen Brustbereich ansetzt. Der Kopf ist vergleichsweise groß und besitzt wie bei den Imagines kräftige Mandibeln. Leider konnte ich keine genauere Beschreibung der Larven finden.

 

Bild 4: Der Kopf von Anophthalmus hitleri , hier als REM-Aufnahme. Man beachte die kräftigen Mandibeln. Direkt vor den Fühlern würden bei normalen Laufkäfern eigentlich die Augen sitzen – bei dieser Art befindet sich nur eine längliche flache Grube an dieser Stelle, oben und unten von Längsleisten begrenzt. Quelle: http://www.nationalgeographic.si / Meta Krese/ Arne Hodalić

 

 

Im Dunkeln. Dadurch, dass Anophthalmus hitleri so wenig untersucht wurde, weiß man über sein Leben in den Höhlen Sloweniens nur ausgesprochen wenig. Der Name schreckte viele Forscher ab, vielleicht erschien vielen das Tier als solches auch einfach nur nicht interessant genug, um nach Slowenien zu fahren. Am ehesten taucht der Name des Käfers tatsächlich auch in den Publikationen slowenischer Forscher auf. Aber auch hier eigentlich nur nebenbei, im Rahmen eines größeren Themas, etwa der allgemeinen Lebensumstände in den Höhlen. Nähern wir uns dem Leben dieses Käfers also am besten auch über diesen Weg.

 

Zunächst erst einmal grundsätzlich: Bei den Höhlen in Slowenien handelt es sich um Karsthöhlen. Der Untergrund besteht in großen Teilen aus Kalkstein, wie es auch im weiter südlich anschließenden Dalmatien der Fall ist. Durch Spalten und Klüfte ins Gestein sickerndes Wasser löst den Kalk an und bildet dadurch Hohlräume, die mit der Zeit immer größer werden und schließlich komplexe Höhlensysteme bilden, die tief in den Untergrund reichen. Teile dieser Höhlensysteme stehen unter Wasser und bilden wichtige Grundwasserleiter, regelreche Flüsse fließen durch sie hindurch. Manchmal brechen die Höhlendecken ein und erzeugen neue Öffnungen an die Erdoberfläche, sogenannte Dolinen. Es handelt sich also grundsätzlich um nach außen hin offene Höhlensysteme, die entsprechend leicht durch eine große Anzahl von Arten besiedelt werden können. Neben diesen karbonatischen Höhlen gibt es in Slowenien zwar auch andere Höhlen, die durch anderweitige Erosion entstanden sind, aber die karbonatischen Karsthöhlen sind klar in der Überzahl. Eine Übersichtsliste, die 2005 zusammengestellt wurde, verzeichnet allein für Nord-und Zentralslowenien 55 verschiedene Höhlen, davon die meisten Karsthöhlen. Zwar kommt Anophthalmus hitleri nicht in jeder davon vor, sondern lediglich in einem begrenzten Gebiet am Nordhang des Tals der Savinja. Aber in anderen nahe gelegenen Höhlen leben verwandte Arten. Dies spricht dafür, dass der gemeinsame Vorfahre all dieser Laufkäfer irgendwann in eines der Höhlensysteme eingewandert ist und im Laufe der Zeit nicht nur die für Höhlenbewohner typischen Merkmale ausgebildet, sondern in den verschiedenen voneinander isolierten Höhlen unterschiedliche Arten ausgebildet wurden.

 

Die Umweltbedingungen in den Karsthöhlen sind überwiegend relativ stabil. Es ist feucht, das Wasser ist sehr kalkhaltig und es ist dunkel. Die Temperatur in den größeren Tiefen der Höhlen ist zunehmend stabil. In den Höhlen, die Anophthalmus hitleri bewohnt, wurden relativ stabile Durchschnittstemperaturen knapp über 8 Grad Celsius gemessen, die sich selbst zwischen Winter und Sommer nur wenig ändern. Nur gelegentlich dringen in langen Frostperioden tiefere Temperaturen hierher vor, doch Anophthalmus hitleri  hält bis zu fast -5 Grad Celsius aus und ist da also entsprechend hart im Nehmen.

 

Man muss auch dazu wissen, dass sich Anophthalmus hitleri nicht überall in den von ihm bewohnten Höhlen aufhält. Wie die meisten Höhlenarten hat dieser Käfer so seine Präferenzzone. In einer Übersichtsuntersuchung verschiedener slowenischer Höhlenarten zeigte sich, dass Anophthalmus hitleri erst ab etwa 11 m hinter dem Höhleneingang auftritt und bis zu einem Abstand von 66 m vom Eingang vorkommt (die dabei untersuchte Höhle liegt dabei aber nirgends tiefer als 25 m unter der Erdoberfläche). In diesem Bereich sind also die Umweltbedingungen – Luftfeuchtigkeit, Temperatur etc. – für diesen Käfer und seine Larven geeignet.

 

In diesem Lebensraum leben auch verschiedene andere Tiere – darunter auch vergleichsweise viele Insekten und Spinnentiere und sonstige Wirbellose. Dies ist ein gewichtiger Umstand: Es bedeutet, dass es für eine räuberische Art wie Anophthalmus hitleri genügend potentielle Beute gibt. Über das Jagdverhalten ist wenig bekannt. Von an der Oberfläche lebenden Laufkäfern weiß man, dass die Imagines sehr aktive Jäger sind, schnell und flink (daher ja auch der deutsche Name). Möglicherweise trifft dies auch auf Anophthalmus hitleri zu. Während allerdings Laufkäfer üblicherweise auch auf Sicht jagen und gut ausgebildete Augen besitzen, fällt diese Möglichkeit hier weg. Wahrscheinlich reagiert Anophthalmus hitleri verstärkt auf Geruchsinformationen und über den Tastsinnen übertragene Vibrationen und findet so zur Beute. Geruchsinformationen könnten auch bei der Partnersuche eine Rolle spielen, aber über das Paarungs-und Fortpflanzungsverhalten dieser Tiere ist praktisch nichts bekannt.

 


Bild 5: Dieses Bild zeigt exemplarisch einen Eindruck aus einer der Karsthöhlen im Savinja-Tal. Hier ist ein Teil der Pekel-Höhle zu sehen, die nördlich der Savinja in den Bergen liegt (und damit in dem Gebiet, in dem tendenziell auch Anophthalmus hitleri vorkommt). In anderen Teilen der Höhle finden sich auch schöne Tropfsteinstrukturen. Die Höhle hat sich vor etwa 3 Millionen Jahren gebildet und ist seit 1972 touristisch erschlossen. Ihr Name bedeutet „Hölle“. Quelle: https://www.visitslovenia.net

 

 

Der zweite Fluch des Namens. Für Anophthalmus hitleri erweist sich im Laufe der Zeit sein Name dann noch auf eine zweite Weise als Fluch. Nicht nur, dass die Art kaum erforscht wird. Sie weckt im Laufe der Zeit anscheinend auch das Interesse von Sammlern von Nazi-Memorabilien oder rechtsradikalen Käfersammlern. Das Problem wird vielfach berichtet, in Forscherkreisen ebenso wie in der Presse: Die Sammler dringen in die Höhlen ein und fangen sich ein Exemplar. Oder aber – weniger schlimm für den Käfer, aber unangenehm für die betroffenen Institutionen – sie brechen in Museen oder andere Sammlungen ein, um ein dortiges Exemplar von Anophthalmus hitleri zu stehlen. Immer wieder wird berichtet, dass der Sammlerwert dieser Käfer inzwischen sehr hoch ist – bei 1000 Euro und mehr für ein Exemplar. Das weckt neben dem ideologischen Wert für manche Ewiggestrige auch finanzielle Begierden. Jedenfalls befürchten slowenische Forscher und Behörden inzwischen, dass die Sammler bereits so viele Wildexemplare gefangen haben, dass die Art als gefährdet oder bedroht angesehen werden muss.

 

Was für eine Ironie. Ein Käfer wird nach einem Diktator benannt und genau deshalb zur bedrohten Art.

 

Allerdings muss man hier tatsächlich relativieren: Es gibt auch Stimmen, die diese Geschichte in das Reich der „urban legends“ verweisen. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo in der Mitte: Anophthalmus hitleri lebt nur in einem sehr begrenzten Lebensraum und da können schon geringe Zahlen an gesammelten Individuen für die Population empfindliche Verluste bedeuten. Und wir erinnern uns aus dem Artikel über die Titiwai (Arachnocampa luminosa) daran, wie empfindlich die höhlenbewohnenden Arten auf Veränderungen des Höhlenklimas reagieren, die durch die schlichten Ausdünstungen von zu vielen menschlichen Besuchern entstehen können. Mit gutem Grund sind in Slowenien alle höhlenbewohnenden Arten grundsätzlich unter Schutz gestellt, unabhängig davon ob die Bestandszahlen wirklich rückläufig sind oder nicht. Auf der anderen Seite hat niemand verlässliche Zahlen zur Populationsgröße von Anophthalmus hitleri und daher wird er auch von der IUCN auf ihrer Roten Liste nicht als bedroht geführt, sondern lediglich als „not evaluated“ geführt – also als „nicht bewertet“.

 

 

Literatur.

 

Berenbaum, M. 2010. Buzzwords: ICE Breakers. – American Entomologist 56: 132/33 & 185.

 

Beutel, R.G., Wang, B., Tan, J.-J., Ge, S.-Q., Ren, D. & Yang, X.-K. 2012. On the phylogeny and evolution of Mesozoic and extant lineages of Adephaga (Coleoptera, Insecta). – Cladistics 2012: 1-19.

 

Hunt, T., Bergsten, J., Levkanicova, Z., Papadopoulou, A., St. John, O., Wild, R., Hammond, P.M., Ahrens, D., Balke, M., Caterino, M.S., Gómez-Zurita, J., Ribera, I., Barraclough, T.G., Bocakova, M., Bocak, L. & Vogler, A.P. 2007. A comprehensive phylogeny of beetles reveals the evolutionary origins of a superradiation. – Science 318: 1913-1916.

 

Jóźwiak, P., Rewicz, T. & Pabis, K. 2015. Taxonomic etymology – in search of inspiration. – ZooKeys 513: 143-160.

 

Maddison, D.R., Baker, M.D. & Ober, K.A. 1999. Phylogeny of carabid beetles as inferred from 18S ribosomal DNA (Coleoptera: Carabidae). – Systematic Entomology 24: 103-138.

 

Novak, T. 2005. Terrestrial fauna from cavities in northern and central Slovenia, and a review of systematically ecologically investigated cavities. – Acta Carsologica 34/1: 169-210.

 

Novak, T., Perc, M., Lipovšek, S. & Janžekovič, F. 2012. Duality of terrestrial subterranean fauna. – International Journal of Speleology 41: 181-188.

 

Novak, T., Šajna, N., Antolinc, E., Lipovšek, S., Devetak, D. & Janžekovič, F. 2014. Cold tolerance in terrestrial invertebrates inhabiting subterranean habitats. – International Journal of Speleology 43: 265-272.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Anophthalmus_hitleri

https://issuu.com/dr-normanalibassamkhalaf/docs/hitler_beetle_anophthalmus_hitleri

http://www.sueddeutsche.de/muenchen/serie-ein-brauner-kaefer-namens-hitler-1.2803036