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Pirats Bestiarium: Weißspitzen-Hochseehai (Carcharhinus longimanus)

Weißspitzen-Hochseehai (Carcharhinus longimanus (Poey, 1861))

 

Namensbedeutung. Die Gattung Carcharhinus ist eine artenreiche Haigruppe, die die typische vorspringende und in einer deutlichen Kante endende Schnauze besitzt, welche man allgemein mit dem Aussehen eines Hais assoziiert. Darauf bezogen bedeutet der Name etwa „scharfe Nase“. Zwar wurde der Gattungsname bereits 1816 geprägt, aber die meisten Arten der Gattung wurden ihr erst später korrekt zugeordnet. So hat es auch beim Weißspitzen-Hochseehai gedauert, bis seine Zuordnung zu dieser Gattung endgültig akzeptiert war. Sein Artname longimanus bedeutet schlicht „lange Hand“ und bezieht sich auf die besonders langen Brustflossen.

 

Synonyme. Carcharias insularum, Carcharias longimanus, Carcharias obtusus, Carcharinus longimanus, Pterolamiops budkeri, Pterolamiops longimanus, Pterolamiops magnipinnis, Squalus longimanus, Squalus maou.

 

Verwandtschaftsbeziehungen. Animalia; Eumetazoa; Bilateria; Deuterostomia; Chordata; Craniota; Vertebrata; Gnathostomata; Eugnathostomata; Chondrichthyes; Elasmobranchii; Euselachii; Neoselachii; Selachimorpha; Galeomorphii; Carcharhiniformes; Carcharhinidae; Carcharhinus.

 

Der Weißspitzen-Hochseehai ist hier der erste Vertreter der Knorpelfische (Chondrichthyes), der uns begegnet. Sie repräsentieren eine Linie, die die Schwestergruppe zu den Knochenfischen (Osteichthyes) inklusive der Landwirbeltiere darstellt und in vielen Dingen – etwa dem knorpeligen Skelett – sehr an basalere Vertreter der kiefertragenden Wirbeltiere (Gnathostomata) wie Dunkleosteus terrelli erinnern. Lange galten die Knorpelfische deshalb selbst als die ursprünglichere Gruppe. Neue fossile Befunde sprechen allerdings dafür, dass das reine Knorpelskelett inklusive knorpeligem Kiefer womöglich eine sekundäre und damit abgeleitete Entwicklung ist und der gemeinsame Vorfahre von Knorpel-und Knochenfischen womöglich tatsächlich zumindest einen knöchernen Kiefer hatte. Hier jetzt wesentlich interessanter sind die Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der Knorpelfische. Sie begannen als formenreiche Gruppe, von der zwei Hauptlinien bis heute überlebten, die Holocephali (zu denen heute nur noch die Chimären zählen) und die Elasmobranchii. Letztere sind heute am artenreichsten und umfassen die Haie und Rochen. Und hier fängt die Baustelle an: Die interne Systematik der Elasmobranchii ist höchst umstritten. Traditionell nahm man an, dass Haie und Rochen Schwestergruppen sind. Vor etwa 15 Jahren sah es dann aufgrund einiger morphologischer Detailuntersuchungen so aus, als würden die Haie eigentlich in zwei getrennte Gruppen (Galeomorphii und Squalomorphii) zerfallen, wobei die Rochen nichts anderes wären als ein Seitenzweig der Squalomorphii. Diese Sichtweise hatte schon fast viele für sich gewonnen, als molekulargenetische Daten wieder dazwischenfunkten und wieder die traditionellere Sichtweise favorisierten, wenn auch abgewandelt: Demnach sind die Rochen eine eigenständige Linie neben den Haien. Die Haie aber unterteilen sich tatsächlich in Galeomorphii und Squalomorphii. Der Weißspitzen-Hochseehai würde als Vertreter der Grundhaie (Carcharhiniformes) zu den Galeomorphii gehören; dieser Sichtweise habe ich mich hier angeschlossen, auch wenn das letzte Wort in dieser Sache möglicherweise noch nicht gesprochen ist.

 

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Bild 1: Die ungefähre Verbreitung des Weißspitzen-Hochseehais, basierend auf Daten der Roten Liste der IUCN. Quelle: Wikipedia/Cypron/TheEmirr.

 

 

Verbreitung. Der Weißspitzen-Hochseehai ist eine kosmopolitisch verbreitete Art, die sich entlang der für sie geeigneten tropischen bis subtropischen Temperaturen orientiert – das sind 18° bis 28° Celsius. Außerdem hält er sich größtenteils von flachen Küstengewässern fern, kommt erst ab dem tieferen Wasser über den Kontinentalhängen und schließlich auf hoher See vor. Rund um ozeanische Inseln jedoch wagen sich diese Tiere auch schon mal näher ans Ufer. Die Verbreitung dieses Hais wurde in den letzten Jahrzehnten unter anderem durch Markierung gefangener und dann wieder freigelassener Exemplare maßgeblich aufgeklärt. Im Atlantik jedenfalls findet man die Art im Westen etwa von der Höhe Maines (seltener wagt er sich bis Neufundland) bis hinunter zur Mündung des Rio de La Plata und im Osten von der Höhe Spaniens bis zur Höhe der angolanischen Küste. Im Indischen Ozean ist die südliche Verbreitungsgrenze etwa mit der Ostküste Südafrikas und der australischen Westküste bezeichnet. Im Norden findet man die Art im Roten Meer, bis in den Persischen Golf (wo er aber ein eher seltener Gast ist) und den Golf von Bengalen. Nach Osten zieht sich das Verbreitungsgebiet in den Pazifik hinein, wo er im Westen vom Südchinesischen Meer bis vor die Küste von New South Wales vorkommt, aber nicht mehr um Neuseeland. Im Osten liegt die nördliche Verbreitungsgrenze bei Hawaii und Kalifornien, die südliche Grenze beim südlichen Peru. Im Zentralpazifik findet man Weißspitzen-Hochseehaie besonders häufig um bestimmte Inselgruppen herum – etwa Tahiti oder die Galapagos-Inseln. Gelegentlich dringen neugierige Weißspitzen-Hochseehaie über die Straße von Gibraltar oder den Suez-Kanal bis ins Mittelmeer vor. So wurde etwa 1978 ein Exemplar mit einer Länge von 2,5 m allen Ernstes in einem der Kanäle von Venedig gefangen. Aber wirklich heimisch sind die Tiere im Mittelmeer nicht – die seltenen Sichtungen dort sind stets Irrläufer.

 

Späte Entdeckung. Der Weißspitzen-Hochseehai wurde erstaunlicherweise erst im 19. Jahrhundert wissenschaftlich beschrieben. Erstaunlich deshalb, weil seine in tropischen und subtropischen Breiten praktisch weltweite Verbreitung ja auch den Atlantik umfasst und er deshalb den europäischen Forschern auch früher schon hätte auffallen können. Erst dem französischen Arzt René Primevère Lesson (1794-1849) verdanken wir die erste wissenschaftliche Erwähnung des Weißspitzen-Hochseehais. Lesson nahm an Bord der La Coquille an einer Weltumsegelung teil, die von 1822 bis 1825 dauerte und auch quer durch den Südpazifik führte. Bei einem Abstecher zum Tuamotu-Archipel fing man zwei Exemplare des Weißspitzen-Hochseehais, die Lesson als bisher nicht benannte Art erkannte und entsprechend beschrieb. Er gab dem Tier den Namen Squalus maou. Der Artname bedeutet „Hai“ auf Polynesisch. Doch Lesson blieb der Ruhm der Erstbeschreibung versagt: Sie wurde zunächst schlicht vergessen. Und zwar auf Jahrzehnte, bis weit ins 20. Jahrhundert hinein.

 

1861 bekam der kubanische Schriftsteller und Naturforscher Felipe Poey (1799-1891) das Exemplar eines anscheinend bis dahin nicht beschriebenen Hais in die Finger. Poey war zu jener Zeit Zoologie-Professor und Universitätsdekan in Havanna. Er benannte den neuen Hai als Squalus longimanus. Diese Beschreibung wurde die allgemein bekannte Erstbeschreibung des Weißspitzen-Hochseehais, auf die sich dann jahrzehntelang jeder bezog.

 

Nach den Regeln des International Code of Zoological Nomenclature (ICZN) müsste eigentlich der von Lesson vergebene Name der gültige Name sein. Eigentlich. Als der Fehler auffiel, war der Name von Poey bereits so etabliert, dass es zu Verwirrungen geführt hätte, hätte man nun auf Lessons Name bestanden. In solchen Fällen macht die Kommission, die über den ICZN wacht, gelegentlich eine Ausnahme, um die Stabilität des taxonomischen Systems im wissenschaftlichen Alltag zu gewährleisten – und von diesem Spielraum machte sie auch hier Gebrauch. So wurde entschieden, dass Poeys Name für den Weißspitzen-Hochseehai weiterhin gültig ist, während Lessons Name als Synonym geführt wird.

 


Bild 2: Eine schöne Studie zum Aussehen des Weißspitzen-Hochseehais. Quelle: shark-references.com / Marc Dando (Künstler)/ FAO, Ebert, D.A. 2014: On Board Guide for the Identification of Pelagic Sharks and Rays of the Western Indian Ocean.

 

 

Geschöpf der offenen See. Der Weißspitzen-Hochseehai ist ein Geschöpf der offenen See – ein Leben, für das die typische Haiform seines Körpers prädestiniert ist. Daher nutzen wir nun die Gelegenheit die Grundzüge der Haianatomie am Beispiel des Weißspitzen-Hochseehais kennenzulernen. Neben der allgemeinen Körperform müssen wir dabei einige Besonderheiten der inneren Anatomie, der Bezahnung und der Sinnesorgane betrachten.

 

Der gesamte Körper des Weißspitzen-Hochseehais ist stromlinienförnig und langgestreckt. Der Kopf läuft in eine breite, von oben gesehen gerundete, von der Seite her gesehen abgeflachte Schnauze aus, unterhalb derer das halbkreisförmige Maul sitzt. Relativ dicht hinter dem Kopf sitzen die Brustflossen, etwas dahinter, in der Körpermitte, sitzt die erste Rückenflosse. Diese Flossen sind besonders groß ausgebildet: Vor allem die Brustflossen sind sehr lang, die Rückenflossen endet stark gerundet und wirkt dadurch in der Fläche deutlich größer als bei anderen verwandten Arten. Auch die Brustflossenspitzen sind gerundet. Erst im letzten Körperdrittel sitzen die anderen, deutlich kleineren Flossen: Die paarigen Bauchflossen und dicht dahinter die Afterflosse, der gegenüber auf der Körperoberseite die zweite Rückenflosse sitzt. Der Körper verjüngt sich nach hinten und geht schließlich in die Schwanzflosse über. Diese besteht aus einem längeren oberen Lappen, der auch direkt von dem nach oben gebogenen Ende der Wirbelsäule gestützt wird, und einem kürzeren unteren Lappen. Diese für viele Haie typische Form wird heterozerk genannt. Es sind fünf Kiemenspalten ausgebildet, die dicht vor der Höhe der Brustflossen sitzen.

 

Die Färbung des Weißspitzen-Hochseehais ist sehr charakteristisch. Die allgemeine Grundfarbe des Tieres ist variabel, auch zwischen geographischen Regionen – kein Wunder bei der großen Verbreitung (allerdings unterscheidet man dennoch keine Unterarten). Sie ist meistens auf der Oberseite bläulich-grau bis braun oder bronzefarben. An den Seiten gibt es eine scharfe Grenze zu der gelblich-weißen Unterseite. Die Brust-und Bauchflossen sowie die erste Rücken-und die Schwanzflosse besitzen mehr oder weniger stark ausgedehnte weiße Spitzen, gelegentlich dazu hellere Sprenkel auf dem Rest der Flosse. Diese weißen Flossenspitzen waren auch namensgebend. Die zweite Rückenflosse und die Afterflosse besitzen kleinere schwarze Markierungen an ihren Spitzen, vor allem bei Jungtieren. Was nur gelegentlich vorkommt ist ein heller, sattelartiger Fleck zwischen der ersten und zweiten Rückenflosse. Durch seine Färbung ist der Weißspitzen-Hochseehai eigentlich unverkennbar und leicht zu identifizieren.

 

Der innere Körperbau von Haien weist einige Besonderheiten gegenüber den bisher hier vorgestellten Fischen auf. Am offensichtlichsten ist das beim Skelett: Es besteht fast durchgehend aus Knorpel. Lediglich die Kiefer und seltener die Wirbel weisen Verkalkungen auf, die sie knöcherner erscheinen lassen. Der Schädel besteht besitzt im Gegensatz zu Knochenfischen und Landwirbeltieren aber keine Deckelemente, er besteht lediglich aus dem knorpeligen Hirnschädel, an den sich an der Unter-und Hinterseite die Kiefer, der Zungenbeinapparat und die Kiemenbögen anschließen. Bei Haien wie dem Weißspitzen-Hochseehai liegen die Kiefer deutlich unter dem eigentlichen Schädel und dem knorpeligen Rostrum (welches die Schnauze stützt) und sind nur lose mit diesem gelenkig verbunden. Dadurch haben die Kiefer dieser Räuber eine hohe Beweglichkeit und können vor allem nach vorne und hinten geschoben werden. Andere bemerkenswerte Merkmale der Innenanatomie sind zum Beispiel der sogenannte Spiraldarm, bei dem durch eine interne umlaufende Faltenstruktur die Verdauungsoberfläche vergrößert wird, und das Fehlen einer Schwimmblase. Dafür ist die Leber besonders groß und ölhaltig, wodurch sie die Funktion als Auftriebsorgan übernimmt. Viele dieser Merkmale wurden lange als sehr urtümlich gedeutet, doch inzwischen gibt es Indizien, dass zumindest die fehlende Verknöcherung der Kiefer ein sekundär erworbenes Merkmal ist.

 

Besonders bemerkenswert sind die Zähne der Haie und da bildet der Weißspitzen-Hochseehai keine Ausnahme. Die Zähne sitzen in mehreren Serien im Kiefer! Diese Serien liegen hintereinander, wobei nur die vorderste Serie in Gebrauch ist. Hinter jedem in Funktion befindlichen Zahn liegt eine Reihe von Ersatzzähnen, die weiter hinten, wo sie gebildet werden, noch flach an der Innenseite des Kiefers anliegen und weiter vorne sich mehr und mehr aufrichten. Fällt der vorderste Zahn der Reihe aus, rückt die ganze Reihe langsam nach vorne und der erste Ersatzzahn übernimmt den Platz des verlorenen Zahns. Dieses sogenannte Revolvergebiss sorgt dafür, dass Haie nie einen Mangel an ihrer Bewaffnung haben – und im Laufe ihres Lebens tausende Zähne produzieren. Die Form der Zähne ist bei Haien artspezifisch, so auch beim Weißspitzen-Hochseehai. Interessanterweise sind die Zähne in Ober-und Unterkiefer bei dieser Art unterschiedlich geformt. Die Zähne im Oberkiefer sind kräftig, dreieckig und besitzen grob gesägte Schneidekanten. Etwa auf halber Höhe haben sie eine leichte Delle. Auf jeder Oberkieferseite sitzen bis zu 15 dieser Zähne, die gerade in Gebrauch sind. Die Zähne im Unterkiefer sind kleiner und zierlicher. Ihre breite Basis geht ab einem bestimmten Punkt in eine deutlich schmalere, aber immer noch dreieckige Form über. Diese eigentliche Spitze ist leicht gebogen und besitzt fein gezähnelte Schneidekanten. Auch hier sitzen auf jeder Kieferseite bis zu 15 Zähne. Hinter jedem Zahn folgen fünf bis sieben Ersatzzähne, die wie beschrieben bei Bedarf nachrücken. Ein anderer bemerkenswerter Aspekt der Bezahnung bei Haien: Ihre Hautschuppen sind im Grunde nichts anderes als kleine, vereinfachte Versionen der Zähne im Kiefer – sie haben den gleichen Aufbau und die gleiche mineralische Zusammensetzung. Diese kleinen Hautzähnchen werden Placoidschuppen genannt. Ihre Spitzen sind nach hinten gerichtet. Deshalb fühlt sich die Haihaut glatt an, wenn man von vorne nach hinten streicht – aber rau in der Gegendrichtung. Die Placoidschuppen besitzen auch eine gerillte Oberflächenstruktur. Dadurch entsteht eine nahtlos über die gesamte Körperoberfläche ausgedehnte Mikrostruktur, die den Reibungswiderstand im Wasser verringert, vor allem bei schnellerem Schwimmen. Dies ist gerade auch für die auf hoher See jagenden Räuber wie den Weißspitzen-Hochseehai durchaus von Bedeutung.

 

Denn der Weißspitzen-Hochseehai lebt komplett in der freien Wassersäule. Deshalb wagt er sich nur gelegentlich unweit von Inseln und noch seltener am Kontinentalabhang in flacheres Wasser mit weniger als 50 m Tiefe vor; üblicherweise findet man ihn nur in Bereichen, die mindestens 180 m tief sind. Diese Haie halten sich dabei in den oberflächennahen Wasserschichten auf, gehen meist nie tiefer als etwa 150 m. Bei Feldstudien, bei denen gefangene Weißspitzen-Hochseehaie mit Sendern versehen und wieder freigelassen wurden, konnte sehr gut gezeigt werden, dass die Tiere mehr als 99 % ihrer Zeit in geringerer Tiefe als 200 m zubringen. Allerdings hat sich auch gezeigt, dass Weißspitzen-Hochseehaie ganz gelegentlich, vor allem nachts, auch schon mal kurze Ausflüge in wesentlich tieferes und kälteres Wasser wagen. Vor den Bahamas zum Beispiel tauchte einer dieser Haie auf über 1000 m hinab. Dieses Leben im offenen Wasser bedingt unablässiges Schwimmen, und da ist es für das Tier natürlich wichtig, möglichst effizient durch das Wasser zu gleiten. Nicht nur die besondere Oberflächenstruktur der Haut hilft dabei – auch die langen Brustflossen und die markante erste Rückenflosse erzeugen zusätzlichen Auftrieb. Weißspitzen-Hochseehaie können bei dieser Lebensweise binnen weniger Wochen hunderte Kilometer zurücklegen. Dabei scheint es aber durchaus wiederkehrende Bewegungsmuster zu geben. So zeigte eine Feldstudie vor den Bahamas, dass die mit Sendern versehenen Tiere im Schnitt nach 150 Tagen wieder zu den Bahamas zurückkehrten, um dann von neuem in die offenen Weiten des tropischen Atlantik aufzubrechen.

 

 

Bild 3: Die Kiefer mit Bezahnung des Weißspitzen-Hochseehais. Quelle: squali.com / Bill Heim

 

 

Gipfelräuber. Der Weißspitzen-Hochseehai ist in seinem Lebensraum sicherlich einer der Gipfelräuber – oder auch Apex-Predatoren. Denn sein tödliches Gebiss paart er mit einer durchaus stattlichen Größe und bemerkenswerten Sinnesorganen.

 

Die Augen sitzen beim Weißspitzen-Hochseehai in der Mitte der Kopfseiten. Sie sind relativ klein und ermöglichen mit ihrer Ausstattung an Sinneszellen lediglich Schwarz-Weiß-Sehen, doch dafür sind sie sehr leistungsstark bei Dämmerlicht. Wenn das Tier Beute angreift, schützt es die Augen im letzten Augenblick mit einer Nickhaut, die es über die Pupille ziehen kann. Weiter vorne an den Schnauzenseiten sitzen die Nasenöffnungen. Deren Zugang besitzt besondere Falten, die eine stete Wasserströmung in den Naseninnenraum leiten, der durch Falten eine vergrößerte Oberfläche besitzt und durch eine Membran noch einmal zweigeteilt ist. Dadurch entsteht eine enorm große Schleimhautfläche für Riechrezeptoren. Deren Nervenimpulse werden im Gehirn von einer besonders stark vergrößerten Riechregion verarbeitet. Dieser Riechapparat ist in der Lage, zum Beispiel Spuren von Blut noch milliardenfach verdünnt im Meerwasser wahrzunehmen. Auch der Geschmackssinn von Haien ist gut ausgebildet, Geschmacksknospen finden sich nicht nur im Maul, sondern auch verteilt über den Körper auf der Haut. Für Weißspitzen-Hochseehaie ist der Geschmackssinn zum Beispiel wichtig, um ihre Beute korrekt zu identifizieren, was dann zum Beispiel auch durch kurzes Anstoßen möglich ist.

 

Neben dem Geruchssinn sind zwei Sinne besonders darauf ausgerichtet, Beute zu finden: Zum einen das Gehör, bestehend aus sehr einfachen Ohrkapseln, die nur durch eine kleine kaum sichtbare Pore mit der Außenwelt in Verbindung stehen. Sie nehmen zwar fast ausschließlich niedrigere Frequenzen wahr, unterhalb von 600 bis 800 Hertz. Doch genau diese sind wichtig: Zappelnde und verwundete Beute im Wasser erzeugt gerade in den niederfrequenten Bereichen pulsierende Laute, dies gilt vor allem für Fische. Diese Geräusche kann ein Weißspitzen-Hochseehai bereits auf große Entfernungen wahrnehmen. Druckwellen und Wasserströmungen in der näheren Umgebung nimmt der Hai über sein Seitenlinienorgan war, welches er wie andere Fische auch besitzt. Zum anderen kommen dann auch noch die Lorenzinischen Ampullen hinzu. Diese bestehen aus Poren mit anschließenden mit Gallerte gefüllten Kanälen, die zu Kammern mit Sinneszellen führen, die Haie verteilt über den ganzen Kopfbereich besitzen, häufig in Verbindung mit Ausläufern des Seitenlinienorgans. Die Lorenzinischen Ampullen dienen neben der Temperaturwahrnehmung vor allem der Wahrnehmung von elektrischen und magnetischen Signalen. Während letzteres wahrscheinlich der Navigation dient – der Weißspitzen-Hochseehai kann durch die Wahrnehmung des Erdmagnetfeldes jederzeit seine eigene Position im Ozean bestimmen -, dienen diese Elektrosensoren explizit dem Auffinden von Beute. Andere Tiere erzeugen durch Muskel-und Nervenaktivität ein eigenes elektrisches Feld und der Hai kann dieses wahrnehmen. Selbst blind wäre ein Weißspitzen-Hochseehai daher noch in der Lage, seine Beute exakt anzupeilen.

 

Die Beute…dank seiner Größe ist der Weißspitzen-Hochseehai einer der Spitzenräuber im marinen Ökosystem. Seine Durchschnittslänge liegt bei etwa 1,9 m für die Weibchen und 1,8 m für die etwas kleineren Männchen. In nicht wenigen Fällen werden die Tiere aber auch über 2 m lang, selten sogar über 3 m. Das längste bekannte und vermessene Exemplar war 3,9 m lang, eine recht beachtliche Größe. Das schwerste gewogene Exemplar erreichte immerhin 167,5 kg; durchschnittlichere Gewichtswerte sind bei etwa 2 m langen Exemplaren rund 60 bis 65 kg (das genaue Gewicht hängt aber immer auch vom Ernährungszustand der Tiere ab). Dank dieser Größe und seines Gebisses kann dieser Hai eine breite Palette von Beutetieren jagen, was es ihm zugleich ermöglicht, bei jeder sich bietenden Gelegenheit in den riesigen Weiten der Ozeane an Nahrung zu kommen. Oft legt der Weißspitzen-Hochseehai weite Strecken auf der Pirsch nach Hochseefischen zurück, meist einzeln und mit moderater Geschwindigkeit dahingleitend. Seine großen Brustflossen leisten ihm dabei ausgezeichnete Dienste, wie Flügel. Tagsüber bewegen sich die Tiere meist in Oberflächennähe, nachts gehen sie auch etwas tiefer. Wenn sie dann einen Fischschwarm erreicht haben, stoßen Weißspitzen-Hochseehaie häufig bereits beißend hinein – eine Taktik, um in dem Chaos eines Fischschwarms, in dem ein einzelnes Ziel eh nicht fixiert werden kann, irgendetwas zu erwischen. Zwar jagen Weißspitzen-Hochseehaie meist einzeln, doch finden sich in der Nähe von Fischschwärmen immer wieder kleine Gruppen dieser Jäger zusammen, vor allem wenn es sich um jüngere Exemplare handelt. Wenn es darum geht, sich selbst Beute gegen andere Haie – auch die anderer Arten – zu sichern, können Weißspitzen-Hochseehaie jedoch sehr aggressiv werden.

 

Am häufigsten jagen Weißspitzen-Hochseehaie größere in Schwärmen lebende Hochseefische, wie Stachel-und Goldmakrelen, Thunfische und Barrakudas, dazu Tintenfische. Seltener werden Schwertfische, Meeresschildkröten, Meeresvögel, Krebse oder gar Delfine angegriffen. Und wenn alle Stricke reißen, geht er auch an Kadaver oder verfolgt Schiffe oder räuberische Wale, um von deren Abfällen und Beuteresten ein paar Bissen zu ergattern. Gerade wenn Schiffe verfolgt werden, kann es sich dabei auch schon mal um eigentlich unverdauliche Gegenstände der heutigen Industriegesellschaft handeln. Aus den Mägen gefangener Weißspitzen-Hochseehaie wurden aber auch schon Seetangreste herausgeholt, die vermutlich ebenso versehentlich gefressen wurden. Das genaue Jagdverhalten auf größere schnell schwimmende Beute wie Thunfische oder Barrakudas wurde nie direkt beobachtet. Die meist gemächlich wirkende Fortbewegungsweise des Weißspitzen-Hochseehais täuscht, auf kurzen Strecken kann er auf über 30 km/h beschleunigen. Allerdings ist schwer vorstellbar, dass er einen Thunfisch tatsächlich in einer Art Aufholjagd einholt. Eine Art Hinterhalt liegt näher – aber welche Möglichkeiten gibt es dafür in der offenen See? Der amerikanische Biologe Arthur Myrberg Jr. entwickelte dazu in den 1980er Jahren eine Theorie. Bei Tauchgängen war ihm aufgefallen, dass auf größere Entfernung nur die weißen Flecken an den Flossenenden des Weißspitzen-Hochseehais sichtbar waren. Der dunkle Körper verschwamm mit dem Hintergrund. Myrbergs Theorie zufolge werden die weißen Flossenspitzen von Thunfischen zum Beispiel auf größere Entfernung als potentielle Beute wahrgenommen und veranlassen sie dazu, sich dem Hai zu nähern. Bis sie bemerken, dass sie es in Wirklichkeit mit einem überlegenen Gegner zu tun haben, ist es zu spät – sie sind in Reichweite des Überraschungsangriffs seitens des Weißspitzen-Hochseehais.

 

 

Bild 4: Dieser Weißspitzen-Hochseehai schwamm einem Taucher 2003 im Roten Meer vor der ägyptischen Küste vor die Kamera. Wie es häufiger der Fall ist, wird der große Hai von mehreren sogenannten Pilotfischen der Art Naucrates ductor begleitet, die ständig darauf aus sind, Nahrungsreste des Hais aufzuschnappen und manchmal auch Hautparasiten des größeren Räubers fressen. Bedenkt man, dass Pilotfische durchschnittlich um einen halben Meter lang sind, erkennt man, dass dieser Weißspitzen-Hochseehai sicherlich über zwei Meter misst. Quelle: Wikipedia/ Thomas Ehrensperger/ underwaterpicture.com

 

 

Bild 5: Diese Nahaufnahme der Unterseite der Schnauze eines Weißspitzen-Hochseehais zeigt deutlich die Poren, die die Lorenzinischen Ampullen beherbergen. Quelle: Arkive.org/ David Fleetham

 

Gelegenheitsbeute Mensch. Große räuberische Haie beschwören unweigerlich die Frage herauf, wie gefährlich sie für den Menschen sind. Gerade seit dem Kinohit „Der weiße Hai“ aus dem Jahr 1975 und seinen Fortsetzungen ist die gängigste Assoziation vieler Menschen mit großen Haien die des Menschenfressers. Einmal abgesehen davon, dass statistisch gesehen pro Jahr nur wenige Menschen Haien zum Opfer fallen, ist die Frage, wie gefährlich die Tiere tatsächlich sind von Haiart zu Haiart unterschiedlich zu beantworten. Eine pauschale, für alle großen räuberischen Haie gültige Antwort gibt es nicht.

 

Im Falle des Weißspitzen-Hochseehais kann man zumindest schon einmal festhalten: Es gibt nur wenige Fälle, in denen er sicher Schwimmer oder Taucher angegriffen hat und davon nur wenige tödliche. Dies ist sicherlich dem Umstand geschuldet, dass er selten in Küstengewässern auftritt. Nichtsdestotrotz rechnete der bekannte Meeresforscher Jacques Cousteau 1970 den Weißspitzen-Hochseehai zu den gefährlichsten Haiarten überhaupt. Ursächlich für diese Einschätzung war wohl die Tatsache, dass diese Haie nicht nur große opportunistische Räuber, sondern bei der Jagd auch ausgesprochen aggressiv sind. Das kann dann tatsächlich zu Problemen führen. 2010 wurde ein Weißspitzen-Hochseehai vor der Küste des ägyptischen Touristenortes Sharm El Sheikh im Roten Meer auffällig. Dort werden zur Belustigung von Tauchtouristen gerne Haie angefüttert. Dies zog schließlich auch einen Weißspitzen-Hochseehai an, der weiter draußen auf See anscheinend nicht mehr genügend Nahrung fand. Ob dies daran lag, dass die Gewässer in der Region überfischt sind, wie manche meinen, oder weil eine kurzzeitige Strömungskonstellation Plankton und damit die Beutefische des Hais in Küstennähe trieb, wird sich vermutlich nicht mehr restlos klären lassen. Auch die Tatsache, dass in der Nähe des Urlaubsortes Schafskadaver illegal im Meer entsorgt wurden, könnte den Hai und seine Artgenossen in die Gegend gezogen haben. Diese Mischung musste zu Konflikten führen. Haie sind nicht dumm – sie lernen ziemlich gut. Zum Beispiel welche Situationen sie mit Nahrung assoziieren können. In diesem speziellen Falle lernte der Weißspitzen-Hochseehai, dass menschliche Taucher Nahrung bedeuten. Dies veranlasste ihn dazu, sich Tauchern zu nähern und zwar im aggressiven Jagdmodus. Was dann Anfang Dezember 2010 passierte musste den betroffenen Touristen wie eine Episode aus den bekannten Kinofilmen erscheinen. Der erste Angriff richtete sich gegen zwei tauchende Ukrainerinnen. Eine wurde am Rücken und die Füße gebissen, die linke Hand wurde ihr zerfetzt. Die andere Frau wurde an einer Hand und einem Fuß schwer verletzt. Beiden mussten im Krankenhaus Teile von Armen und Beinen amputiert werden. Tags darauf erwischte der Hai zwei russische Schnorchler. Einer kann den Bissen entkommen, dem anderen wurden beide Arme abgebissen. Ein in der Nähe befindlicher Tauchlehrer konnte den Angriff teilweise filmen. Die Bilder zeigten einen Weißspitzen-Hochseehai mit einer ausgefransten Kerbe an der Schwanzflosse. Die angegriffenen Touristen überlebten, wenn auch schwer verletzt. Die ägyptische Küstenwache jedenfalls ließ die Badestrände für einige Tage sperren und ging sofort auf großangelegte Haijagd. Schon nach einem Tag präsentierte sie einen erlegten Weißspitzen-Hochseehai von über 2 m Länge, der der angebliche Angreifer gewesen sein soll. Allerdings filmte ein Schweizer Pärchen kurz darauf einen rund 2,5 m langen Weißspitzen-Hochseehai mit einer Kerbe in der Schwanzflosse quicklebendig bei einem Tauchgang vor der Küste, bei dem zum Glück nichts passierte. Der übergriffig gewordene Hai war also noch unterwegs. Die ägyptischen Behörden hatten da die Strände allerdings bereits wieder geöffnet. Es dauerte nur einen Tag, da erfolgte der nächste Angriff – diesmal auf eine 71jährige Deutsche, die gerade in einer Bucht nahe des örtlichen Hyatt Hotel schwamm. Auch dieser Angriff war schnell, aggressiv und brutal. Er trennte der  Frau einen Arm ab. Durch Schock und Blutverlust verstarb sie kurz darauf. Daraufhin wurden die Strände wieder gesperrt, diesmal für längere Zeit, und die ägyptische Küstenwache unternahm einen weiteren ausgedehnten Fischzug, bei dem sie mehrere Haie fingen und töteten. Ob der Angreifer wirklich darunter war weiß niemand, jedenfalls hörte die Angriffsserie damit auf. Seitdem debattieren Experten die oben skizzierten Gründe für diese ungewöhnliche Angriffsserie und wie sie zu gewichten sind. Nicht alle Experten sind sich sicher, dass es nur ein bestimmter Weißspitzen-Hochseehai war, manche glauben auch, dass sogar noch eine andere Haiart beteiligt war. Allerdings spricht die Aggressivität der Angriffe für den Weißspitzen-Hochseehai und wenigstens ein Teil der Angriffe ging auf sein Konto. Einig sind sich die Forscher aber in einem Punkt: Bei jedem dieser Angriffe handelte es sich um Probebisse. Nach den ersten Bissen merkte das Tier, dass diese Beute nicht passend war. Keiner der Angriffe wurde konsequent zu Ende gebracht, sonst hätte es viel mehr Tote gegeben.

 

Diese Angriffsserie zeigt, dass es aber besonderer Umstände bedarf, damit Weißspitzen-Hochseehaie und Menschen auf eine solche Weise aneinandergeraten. In Küstennähe ist das im Grunde besonders selten. Wesentlich gefährlicher kann der Weißspitzen-Hochseehai in seinem eigentlichen Lebensraum sein – auf der hohen See. Und zwar für in Seenot geratene Menschen. Dies zeigte sich besonders dramatisch im 2. Weltkrieg, insbesondere ab 1942 während des Feldzuges im Pazifik. Mehr als jemals zuvor oder danach gerieten in diesen Jahren Menschen in tropischen Breiten in Seenot, weil ihr Schiff versenkt oder ihr Flugzeug abgeschossen wurde. Und in der Tat wurden nicht wenige davon von Haien angegriffen oder erlebten solche Angriffe mit. Diese werden zumindest teilweise auf den Weißspitzen-Hochseehai zurückgeführt, insbesondere die Attacken bei zwei bestimmten Vorfällen.

 

 

Bild 6: Diese Sicht von unten auf den Weißspitzen-Hochseehai zeigt deutlich die großen, tragflächenartigen Brustflossen. Außerdem kann man etwas unscharf die Klasper an den Bauchflossen erkennen, es handelt sich also um ein Männchen. Quelle: Arkive.org / David Fleetham

 

 

Der erste dieser beiden Vorfälle ist der Untergang des bewaffneten britischen Truppentransporters Nova Scotia. Das Schiff war am Morgen des 28. November 1942 vor der Ostküste Südafrikas mit Kurs nach Süden unterwegs. Es kam aus dem Roten Meer und hatte neben der Crew und zahlreicher Feldpost noch reichlich Passagiere an Bord: 765 italienische Soldaten und Zivilisten, die während des Feldzugs in Eritrea und Äthiopien gefangengenommen worden waren, und 134 südafrikanische Soldaten als Bewachung. An diesem Morgen fuhr das Schiff genau vor das Fadenkreuz des Seerohres des deutschen U-Bootes U177. Ein Torpedofächer versenkte die Nova Scotia binnen 10 Minuten. Erst als U177 zwei Überlebende an Bord nahmen, stellten sie fest, dass an Bord des Schiffes hunderte italienische Gefangene – also Verbündete! – waren und dementsprechend jetzt im Wasser dümpelten, teilweise in Booten oder auf Trümmerteilen. Per Funk hielt der deutsche Kommandant Rücksprache mit seinen Vorgesetzten in Europa. Ihm wurde aufgrund der Sicherheit des eigenen U-Bootes untersagt eine Rettungsoperation zu starten. Widerstrebend musste U177 von dannen ziehen. Für die Schiffbrüchigen bedeutete das eine Katastrophe. Die wegen Verletzungen oder vor Erschöpfung Sterbenden zogen Haie an. Diese fraßen die Leichen an und griffen auch die Überlebenden an. Inzwischen hatten die Deutschen die einzige neutrale Macht, die in der Nähe eine Kolonie besaß informiert: Portugal. Ein portugiesisches Schiff erreichte mit reichlich Verspätung die Unglücksstelle. Den Portugiesen bot sich ein furchtbarer Anblick. Im Wasser schwammen Leichen und Leichenteile, nur noch in den wenigen Booten und auf einigen besseren Flößen hielten Überlebende aus – und im Wasser zogen große Haie ihre Runden und fraßen sich satt. 192 Überlebende konnten die Portugiesen retten, alle anderen waren tot. Von den meisten Opfern sah man nie wieder etwas, lediglich 120 angefressene Leichen wurden in Südafrika in den folgenden Wochen an die Strände gespült. Nach dem Krieg kam eine südafrikanische Untersuchung zu dem Ergebnis, dass Weißspitzen-Hochseehaie an dem Massaker zumindest beteiligt waren.

 

Der zweite bekanntere Vorfall handelt vom amerikanischen Kreuzer Indianapolis, der sich mitten im Pazifik auf dem Rückweg von einer Geheimmission zu der Marianeninsel Tinian befand, als er am 30. Juli 1945 zufällig vom japanischen U-Boot I-58 entdeckt wurde. Die Japaner schossen einen Fächer aus sechs Torpedos ab, zwei davon trafen die Indianapolis mittschiffs und vorne. Dabei flog eine Munitionskammer in die Luft und tötete 300 Mann. Das Schiff sank innerhalb von nur 12 Minuten. Die Besatzung konnte nur wenige Boote rechtzeitig zu Wasser lassen und die meisten der über 800 Überlebenden fanden sich kurz darauf im Wasser wieder, viele von ihnen verletzt. Ihnen stand ein wahres Martyrium bevor. Zunächst fiel den zuständigen Kommandostellen nicht auf, dass ein Schiff fehlte – man wähnte die Indianapolis noch auf ihrer geheimen Mission. So dauerte es, bis man überhaupt eine Suche einleitete und schließlich wurden die Schiffbrüchigen erst nach mehreren Tagen im Wasser gefunden! Viele waren da schon an Verletzungen, Dehydrierung und schlichter Erschöpfung gestorben. Und die Haie waren gekommen. Sie kamen ursprünglich wohl wegen der Leichen und fraßen diese an. Doch inmitten der Leichen trieben ja auch die noch lebenden Seeleute. Sie sahen oder hörten, wie die Haie die Leichen in die Tiefe zogen und zerfetzten. Sie bemerkten, wie sie von den Raubtieren mit ihren Schnauzen angestupst wurden, um die Reaktion zu testen. Und schließlich hat es dann durchaus auch ein paar Schiffbrüchige gegeben, die von den Haien tatsächlich erbeutet und getötet wurden. Der Anteil dieser Unglücklichen mag nicht so groß gewesen sein, wie es der subjektive Eindruck der anderen Überlebenden war, aber es war so oder so fürchterlich genug. Am Ende werden nur etwas mehr als 300 Überlebende gerettet. Aufgrund ihrer Schilderungen und der Gegebenheiten auf hoher See wird allgemein davon ausgegangen, dass Weißspitzen-Hochseehaie die Hauptbeteiligten an den Angriffen auf die Schiffbrüchigen waren. Für die Haie waren so viele Verletzte und Leichen im Wasser wie ein Festmahl, das ähnlich wie ein großer Fischschwarm alle Haie aus einem größeren Umkreis anzog. Ähnliches haben auch Schiffbrüchige anderer versenkter Schiffe im Pazifikkrieg erlebt, aber der Fall der Indianapolis ging als besonders markantes Martyrium in die Geschichtsschreibung ein.

 

Was kann man als Quintessenz aus all dem mitnehmen? Weißspitzen-Hochseehaie sind als große Raubtiere definitiv gefährlich. Unter bestimmten Umständen haben sie Menschen auch schon angegriffen – wobei man aber auch sagen muss, dass die Menschen dabei eher die Eindringlinge im Lebensraum des Weißspitzen-Hochseehais waren. Aber eines lässt sich nicht sagen: Dass diese Tiere gewohnheitsmäßige Menschenfresser wären. Es gibt genauso viele Berichte von Tauchern, die ein kurzes Zusammentreffen mit Weißspitzen-Hochseehaien unbeschadet überstanden haben. Vermutlich wird man festhalten können, dass es den Weißspitzen-Hochseehai im Zweifel nicht interessiert, ob er einen Mensch vor sich hat oder nicht. Aus seiner Sicht ist vermutlich nur wichtig, ob die Situation und die Sinneseindrücke alle Faktoren hergeben, die einen Angriffsversuch als angebracht erscheinen lassen.

 

 

Bild 7: Der US-Kreuzer Indianapolis 20 Tage vor seiner schicksalhaften Versenkung, die zu einer der dramatischsten Begegnungen zwischen Menschen und Weißspitzen-Hochseehaien führte. Quelle: Wikipedia.

 

 

Mehr als eine Fressmaschine. Haie werden häufig nur über ihr Jagd-und Fressverhalten und die eventuellen Angriffe auf Menschen definiert. Da ist der Weißspitzen-Hochseehai keine Ausnahme. Dies lässt aber außer Acht, dass sie wie alle Arten eine wesentlich größere Palette an Verhaltensweisen zeigen. Auch diese Tiere haben ein Sozialverhalten und müssen sich irgendwie fortpflanzen. Auch da ist der Weißspitzen-Hochseehai keine Ausnahme.

 

Weißspitzen-Hochseehaie sind aber auch ein sehr typisches Beispiel für die Schwierigkeiten, die die Forscher dabei haben, das Verhalten dieser Art zu untersuchen. Die meiste Zeit seines Lebens verbringt dieser Hai als Einzelgänger und das auch noch in den riesigen Weiten der Ozeane. Eine geordnete Datenaufnahme durch reine Beobachtung, vor allem durch Langzeitbeobachtung, ist unter diesen Umständen eine besondere Herausforderung und mag manchmal fast unmöglich sein. Daher sind große Teile des Lebens dieser Art bis heute geradezu kryptisch. Im Grunde genommen sind die klassischen Studien immer dergestalt aufgebaut, dass man eine statistisch auswertbare Anzahl von Weißspitzen-Hochseehaien fängt und dann deren Daten nach Geschlecht aufschlüsselt – Größe, Wachstumsphase und Alter, sind die Weibchen trächtig oder nicht etc. Daraus wurden dann Schlussfolgerungen zum Fortpflanzungsverhalten abgeleitet. In jüngerer Zeit hielten natürlich auch – ich erwähnte das Beispiel einer Studie auf den Bahamas – Ansätze mit dem Einsatz von Funk-und GPS-Sendern Einzug in die Forschung. Dadurch erfährt man wenigstens etwas mehr direkt vom lebenden Tier. Immer noch eher die Ausnahme sind verwertbare direkte Beobachtungen am lebenden Tier – so wurde zum Beispiel eine Paarung noch nie direkt dokumentiert.

 

Immerhin weiß man inzwischen, dass es in bestimmten Meeresbereichen, etwa bei den Bahamas, in der Nähe von Cat Island, Regionen gibt, in denen sich die sonst einzelgängerischen Weißspitzen-Hochseehaie saisonal zu lockeren Gruppen zusammenfinden. Diese Zusammenkünfte haben sicherlich eine wichtige soziale Funktion, allerdings ist diese noch nicht restlos geklärt. Sicher ist, dass die Tiere dann sonst nicht beobachtete Verhaltensweisen an den Tag legen, wie es etwa ein Autorenteam um Austin Gallagher von der University of Miami im Jahre 2014 beschrieb. Die Forscher tauchten etwa eine Woche lang im April 2013 in dem Gebiet bei den Bahamas, in dem sich die Weißspitzen-Hochseehai jedes Frühjahr in größerer Zahl einfanden. Sie machten dabei bemerkenswerte Beobachtungen. Zunächst einmal begegneten ihnen fast nur Weibchen. Als dann endlich einmal ein Männchen hinzukam, verhielt dieses sich auffällig aggressiv gegenüber Weibchen und menschlichen Tauchern und schwamm besonders hektisch hin und her. Die Geschlechteridentifizierung ist zum Glück relativ einfach: Die Männchen besitzen an ihren Bauchflossen längliche Anhänge, sogenannte Klasper, die eine wichtige Rolle bei der Paarung spielen. Bei anderen Gelegenheiten beobachteten die Forscher weibliche Weißspitzen-Hochseehaie, die zu dritt in einer Linie dicht hintereinander schwammen. Der Abstand betrug dabei zwischen den Tieren kaum einen halben Meter, was eindeutig für ein gewolltes Manöver spricht. Welche Bedeutung dieses Verhalten genau hat, weiß man nicht genau. Möglicherweise schützen sich die Weibchen so vor Übergriffen durch zu aggressive und aufgedrehte Männchen. So oder so ist es ein Indiz darauf, dass die Weißspitzen-Hochseehaie ein durchaus komplexeres Verhalten haben, als man gemeinhin denkt. Markant ist auch das aggressive Verhalten der Männchen gegenüber Weibchen. Eventuell ist dieses nötig, um bei einer Art, die Artgenossen üblicherweise nicht zu nahe an sich heran lässt, den Zugang zum Geschlechtsakt erzwingen zu können. Allgemein sind Paarungsakte bei Haien ja eine recht rabiate Angelegenheit. Zwar wurde dieser bei Weißspitzen-Hochseehaien noch nicht dokumentiert, doch sieht man häufiger Weibchen mit Narben, die von Bissen eines Männchens herrühren. Mit solchen Bissen halten sich die Haimännchen fest, während sie ihren Hinterleib um den des Weibchens schlingen, um einen der Klasper in ihre Kloake einzuführen. Die Klasper sind eigentlich ein eingerollter und mit Kalkeinlagerungen versteifter Teil der Bauchflossen. Sie besitzen durch diese Bauweise einen Kanal, über den dann die Spermien in die Geschlechtsöffnung des Weibchens fließen. Die Funktionsweise ist also im Grunde der von einem Penis vergleichbar. 

 

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Bild 8: Diese Grafik zeigt eine Auswertung von aufgezeichneten Daten von an Weißspitzen-Hochseehaien befestigten Datenschreibern mit Peilsendern. Sie stammen aus dem westlichen Nordatlantik, die meisten dieser Haie wurden nahe der Bahamas im Mai 2011 gefangen und markiert. Später wurden sie wieder eingefangen, die Dreiecke zeigen den jeweiligen Zeitpunkt für die betreffenden Haie. Die Datenpunkte dazwischen zeigen hier, zu welchem Zeitpunkt (X-Achse) sich die Haie wie weit vom Startpunkt entfernt hatten (Y-Achse). Die Größe der als Kreise dargestellten Datenpunkte zeigt an, wie weit sie sich seit dem letzten Datenpunkt bewegt hatten. Es fällt auf, dass viele dieser Haie sich zunächst weit vom Startpunkt entfernten (viele schwammen weit raus in den offenen Atlantik) – resultierend hier in einer weit nach oben reichenden Kurve. Zum Ende hin jedoch, nach einigen Monaten, bewegten sie sich wieder in die Gewässer, in denen sie ihre Reise begannen – deshalb liegen die meisten Wiederauffindungspunkte hier nahe der Null-Linie der Grafik. Dies ist ein starker Hinweis auf regional zyklische Bewegungsmuster beim Weißspitzen-Hochseehai. Quelle: Howey-Jordan et al. 2013.

 

 

Fortpflanzung. Während die Erforschung des weiteren Sozialverhaltens des Weißspitzen-Hochseehais also noch in den Anfängen steckt, hat man aufgrund von systematischen Fangaktionen mit anschließender Untersuchung der gefangenen Exemplare einige recht gut dokumentierte Eckdaten zur Fortpflanzungsbiologie dieser Art. Ein amerikanisch-brasilianisches Forscherteam um Rui Coelho stellte 2009 die verschiedenen Daten unterschiedlicher Studien, die jeweils andere Teilpopulationen des Weißspitzen-Hochseehais im Fokus hatten, zusammen und fügte seinerseits weitere Daten hinzu. Alle diese Daten basieren überwiegend auf gefangenen und dann untersuchten Exemplaren. Coelhos Team untersuchte dabei die Population dieser Haie im südwestlichen tropischen Atlantik. Wesentlich älter sind vergleichbare Untersuchungen im nordwestlichen Atlantik – sie wurden bereits in den 50er Jahren gemacht. Die Population im südwestlichen Pazifik wurde Anfang der 1980er Jahre untersucht und die Ergebnisse für den nordwestlichen Pazifik wurden 1998 berichtet. Anfang der 70er Jahre wurden außerdem die Weißspitzen-Hochseehaie im südwestlichen Indischen Ozean untersucht.

 

Gewisse Muster wiederholen sich erwartungsgemäß bei allen Populationen, mit nur geringen Abweichungen. Auf der Südhalbkugel liegt die Paarungszeit anscheinend meistens zwischen März und Mai. Lediglich im Indischen Ozean scheint es eher der dortige Frühsommer zu sein, also ein halbes Jahr später. Im nordwestlichen Pazifik liegt die Paarungszeit definitiv im Sommer, im Juni und Juli. Im nördlichen Atlantik scheint sie nur geringfügig früher zu liegen. Möglicherweise sind für die Haie nicht allein die Temperaturen ausschlaggebend für ihren Fortpflanzungszyklus, sondern auch die Muster des Nahrungsvorkommens durch die Meeresströmungen. Ein für den Laien ungewohntes Detail: Weißspitzen-Hochseehaie sind lebendgebärend! Die Weibchen besitzen ein als Gebärmutter angelegtes Organ, das sogar so etwas wie eine Plazenta ausbildet. Diese ist natürlich nicht mit der Plazenta der Säugetiere identisch, aber in ihrer Funktionsweise vergleichbar. Die Tragezeit scheint mehrere Monate bis etwas weniger als ein Jahr zu betragen. Genau bekannt ist das leider nicht und konnte nur etwa überschlagen werden anhand des Entwicklungszustandes von in gefangenen Weibchen gefundenen Föten. Die Wurfgröße jedenfalls kann stark schwanken: Manche Weibchen bringen nur ein Jungtier zur Welt, andere bis zu 14. Der Durchschnitt scheint in den meisten Regionen bei 5 bis 7 Jungtieren pro Wurf zu liegen. Nur im südwestlichen Atlantik und im nordwestlichen Pazifik scheinen die Wurfgrößen tendenziell höher zu sein, hier liegt die durchschnittliche Wurfgröße bei fast 10 Jungtieren. Die Jungtiere sind etwa 60 bis 65 cm lang, nur gelegentlich etwas kleiner, und vom ersten Moment an bereits voll selbständig. Sie können direkt auf die Jagd nach anderen Fischen gehen, wenn auch natürlich noch nicht unbedingt in der Größenklasse der erwachsenen Weißspitzen-Hochseehaie.

 

Die Jugendzeit des Weißspitzen-Hochseehais dauert anscheinend relativ lange. Man weiß, dass die Männchen frühestens mit 1,6 m Länge geschlechtsreif werden, die Weibchen sogar noch später, mit frühestens 1,75 bis 1,8 m. Die Geschlechtsreife kann über verschiedene Indizien festgestellt werden – über die Reifung der Eier im Weibchen oder über die Kalzifizierung der Klasper bei den Männchen. Allgemein wird der Weißspitzen-Hochseehai als langsam wachsende Art betrachtet, was bedeutet, dass die Tiere mehrere Jahre brauchen um ihre Geschlechtsreife zu erlangen. Genauer lässt sich das nur schwer eingrenzen. 1999 versuchte eine Studie das für die Population im Südwestatlantik.  Dort kamen die Forscher nach sorgfältiger Untersuchung von 258 gefangenen Individuen zu dem Schluss, dass die Tiere in den ersten vier Jahren mit 13,6 cm pro Jahr wachsen. Danach sinkt die Wachstumsrate auf unter 10 cm im Jahr. Davon ausgehend schätzten sie, dass die Weißspitzen-Hochseehaie in dieser Region mit 6 bis 7 Jahren und einer Länge von 1,8 m geschlechtsreif werden. Das älteste gefangene Exemplar wurde auf ein Alter von 17 Jahren geschätzt. Auf jeden Fall nehmen die Forscher an, dass der Weißspitzen-Hochseehai dadurch trotz einer manchmal höheren Anzahl Jungtiere in einem Wurf eine insgesamt moderate bis langsame Vermehrungsrate hat. Es gibt Indizien, dass die Jungtiere sich räumlich in anderen Gebieten aufhalten als die voll ausgewachsenen Tiere. Diese wurde zum Beispiel im Atlantik beobachtet. Sollte dies allgemein zutreffen, könnte dahinter eine Strategie dieser Haie stehen, dafür zu sorgen, dass die kleineren Exemplare nicht andauernd auf die Beuteliste der größeren Exemplare rücken. Oder es widerspiegelt noch Unterschiede im Jagdverhalten oder den Umweltpräferenzen der Jungtiere.

 

Überstehen die jungen Weißspitzen-Hochseehaie die schwierigste Zeit – mit weniger als einem Meter Länge sind sie naturgemäß noch wesentlich bedrohter durch anderen räuberische Meeresbewohner als die erwachsenen Haie -, so müssen sie sich dennoch zeitlebens einer großen Bedrohung stellen. Dem Menschen.

 

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Bild 9: Das jüngst beobachtete Verhalten weiblicher Weißspitzen-Hochseehaie an bestimmten saisonalen Treffpunkten in einer Dreier-Kolonne zu schwimmen. Das obere Bild (a) zeigt dies aus der Ferne, das untere Bild (b) aus größerer Nähe. Quelle: Gallagher et al. 2014.

 

 

Des Haies größter Feind. Tatsächlich ist der Mensch der größte Feind aller Haie und das nicht erst, seitdem die Angst vor Haiattacken virulent geworden ist. Menschen bringen wesentlich mehr Haie um als diese jemals Menschen angegriffen haben. Da bildet der Weißspitzen-Hochseehai keine Ausnahme. Denn während der Weißspitzen-Hochseehai ein Gipfelräuber in der offenen See ist, ist es der Mensch auf dem ganzen Planeten. Und Weißspitzen-Hochseehaie gehören mit zu jenen Haien, die entweder als Beifang erbeutet werden oder gezielt wegen der Flossen.

 

Weißspitzen-Hochseehaie sind seit jeher traditionell Beifang bei der Thunfisch-Fischerei und etwas allgemeiner bei Langleinenfischern mit Jagdrevieren auf hoher See. Dies liegt nicht nur daran, dass die Fischer in den Lebensraum dieser Art vordringen. Ein Faktor ist auch, dass die anderen gefangenen Fische, die zappeln und Blut ins Wasser abgeben, die Haie anlocken, die dann versuchen Beute zu machen. Ironischerweise sind ausgerechnet die Daten aus den Beifängen der Fischerei der beste Zugang der Wissenschaft dazu, die Populationsgrößen und-dichten des Weißspitzen-Hochseehais abzuschätzen. Dies ist deshalb wichtig, weil man nachvollziehen will, ob die Bestände stabil sind oder abnehmen. Ältere Datensätze haben dabei häufig eher anekdotischen Charakter und auch in jüngerer Zeit ist die Dokumentation der Beifänge häufig nicht zufriedenstellend. Häufig werden die gefangenen Haie nicht näher bis auf Artniveau bestimmt, wodurch die Zahlen nicht aussagekräftig sind. In vielen tropischen Ländern legen lokale Fangflotten häufig gar keine Aufzeichnungen an. Doch die Bemühungen laufen, die Fischer zu einer besseren Dokumentation und korrekten Einordnung der Beifänge zu bewegen. Außerdem entwickelten verschiedene Forscher auch statistische Methoden, um von den wenigen bekannten Zahlen ausgehend halbwegs belastbare Schätzungen abzuleiten.

 

Ein Beispiel für diese Bemühungen sind die Zahlen, die die japanische Langleinenfischerei für ihre Fanggründe im Indischen Ozean erhebt. Es ist lange bekannt, dass die Japaner bei ihren Fischzügen auch viele Haie erbeuten. An dieser Stelle sei kurz das Prinzip erklärt: Die Fischer legen lange Kunststoffleinen aus, die an der Meeresoberfläche treiben und von denen dann Nebenleinen mit Köderhaken herabhängen. Eine Hauptleine kann bis zu 130 km lang sein und über 20000 Haken tragen. Diese Konstruktion lässt man dann treiben, eine an ihr befestigte Boje mit Peilsender garantiert das Wiederfinden. Diese Fangmethode eignet sich besonders für viele pelagische Raubfische wie etwa Thunfische. Ihr Vorteil ist, dass sie nicht so viele Kollateralschäden wie Netze verursacht; aber die immer noch hohe Beifangquote von teilweise über 20 % bleibt ein Problem. Die Japaner besitzen eine ziemlich große Langleinenindustrie. Lange schlüsselten sie ihren Beifang kaum auf – alle Haiarten wurden einfach nur als „Hai“ notiert. Etwa ab 2000 herum begannen sie, mit einem neuen Dokumentationsverfahren aufzuschlüsseln, welche Haiarten sie mitfangen. Daraus können die Wissenschaftler für standardisierte Zeiteinheiten einen „Catch Per Unit Effort“ (CPUE) ermitteln, in diesem Falle wie viele Haie auf 1000 Haken gefangen werden. In diesem Fallbeispiel begannen die ersten Zahlen wegen der neuen Erfassungsmethode der Japaner mit dem Jahr 2000. Die ersten zwei Jahre sind es noch niedrige Zahlen – ein CPUE von 0,0005 bis 0,002. Also maximal 2 Weißspitzen-Hochseehaie auf 1000 Haken (bedenkt man die Vielzahl der Haken mit Köder beim Langleinenfischen kommen da aber schon ganz gute Kopfzahlen zusammen, vor allem wenn man bedenkt, dass Gipfelräuber wie diese Haie nie besonders zahlreich sind). Die Wissenschaftler glauben, dass dies damit zusammenhängt, dass die Dokumentation der Beifänge da noch nicht flächendeckend und lückenlos funktioniert hat. Ab etwa 2003 ist das aber der Fall. In jenem Jahr lag der CPUE bereits bei 0,005 (= 5 Weißspitzen-Hochseehaie pro 1000 Haken). Danach jedoch ging die Zahl wieder langsam, aber stetig zurück, auf etwa 0,003 im Jahre 2009.

 

Ein ähnliches Muster fanden Forscher, die in einer 2008 veröffentlichten Studie mit statistischen Methoden versuchten, die historischen Fangmengen von Haien mehrerer Arten im Atlantik zu kalkulieren. Dabei nutzten sie Daten aus dem internationalen Haifischflossen-Handel – ein gigantisches Geschäft vor allem in Ostasien, wo Haifischflossensuppe zu den größten Delikatessen gehört. Für diesen Markt werden die Haie gezielt gejagt und dann auf bestialische Weise getötet: Bei lebendigem Leib werden ihnen die Flossen abgeschnitten, die noch lebenden Körper wieder zurück ins Meer geworfen, wo sie langsam verbluten. Der Weißspitzen-Hochseehai ist mit seinen großen Flossen eine besonders dankbare Beute. Diese spezielle Haifischerei hat eine enorme Größe erreicht. Für das Jahr 2000 zum Beispiel kalkulierten die Forscher weltweit etwa 600000 erlegte Weißspitzen-Hochseehaie, was einer Biomasse von etwa 22000 Tonnen entspricht. Speziell im Nordatlantik erreichten die Fangquoten nach diesen Berechnungen ebenfalls Anfang der 2000er Jahre ihren Höhepunkt, mit rund 200000 Weißspitzen-Hochseehaien, die den Fischern zum Opfer fielen. Danach jedoch sacken die Zahlen auch hier leicht ab.

 

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Bild 10: Die kalkulierten CPUEs des Weißspitzen-Hochseehais für die japanische Langleinenfischerei im Indischen Ozean von 2000 bis 2009. Die mittlere durchgehende Linie stellt den durchschnittlichen Wert dar, die gestrichelten Linien die obere und untere Fehlergrenze. Die niedrigen Werte vor 2003 hängen vermutlich mit einer mangelnden Datenlage zusammen, während der langsame Zahlenrückgang in späteren Jahren einen echten Populationsrückgang markieren könnte. Quelle: Semba & Yokawa 2011.

 

 

Wie es scheint ist dieses Muster global verfolgbar. Einstmals hohe Fangzahlen, ob als Beifang oder als gezielte Beute, gehen früher oder später überall zurück – häufig in den 90er Jahren (etwa im Golf von Mexiko) oder in den 2000er Jahren. Dies kann man als indirekten Nachweis zurückgehender Populationszahlen werten. Kein Wunder, bedenkt man den Aderlass, den diese Art allein für den Flossenhandel lassen muss. Die Händler haben für den Weißspitzen-Hochseehai übrigens einen eigenen Markennamen: „Liu Qiu“.  Die Folgen jedenfalls sind nach Schätzungen von Meeresbiologen dramatisch. Im westlichen Atlantik sind die Bestände von 1992 bis 2000 um schätzungsweise 70 % zurückgegangen. Im Golf von Mexiko soll es heute nur noch weniger als 1 % der Bestandszahlen von 1950 geben. War der Weißspitzen-Hochseehai einst einer der häufigsten großen Haiarten auf hoher See, gilt das heute längst nicht mehr. Die enormen Fangzahlen kann die Art mit ihrem eher moderaten Vermehrungstempo nicht kompensieren. Potentielle Verluste durch Nahrungsmangel in überfischten Gebieten oder Umweltverschmutzung sind da noch gar nicht mit drin.

 

Die Folgen für die hochmarinen Ökosysteme sind schwer abzuschätzen. Gipfelräuber haben für die Balance im Ökosystem häufig eine wichtige regulierende Bedeutung. Diese ist aber in diesem Falle nur schwer zu beziffern. Auf jeden Fall reagierte 2008 die IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) auf die bedenklichen Zahlen und setzte den Weißspitzen-Hochseehai erstmals auf die Rote Liste für gefährdete Arten. Sie stufte ihn als „gefährdet“ ein. Einzelne Populationen, wie jene im westlichen Atlantik, werden sogar als „vom Aussterben bedroht“ eingestuft. 2013 dann beschloss die Artenschutzkonferenz im Rahmen der CITES (Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora) den Handel mit Weißspitzen-Hochseehaien oder Teilen von diesen zu regulieren. Die entsprechenden Regulierungsbestimmungen sind erst am 14. September 2014 in Kraft getreten – die Kontrolle ihrer Umsetzung wird wie so häufig wohl erst noch greifen müssen. Einzelne Länder ergriffen bereits eigene Gesetzesinitiativen. So hat Neuseeland den Weißspitzen-Hochseehai bereits Anfang 2013 innerhalb seiner Hoheitsgewässer unter Schutz gestellt.

 

Philosophischer Schluss. Wenn man sich das mal vergegenwärtigt: Statistisch gesehen töten Weißspitzen-Hochseehaie nicht einmal einen Menschen im Jahr. Wenn es doch geschieht, durch Verkettung unglücklicher Umstände, werden nicht nur Strände gesperrt, sondern es entwickelt sich eine quasi-hysterische Stimmung und in gezielten Fangaktionen werden dutzende Haie getötet. Auf der anderen Seite jedoch töten wir Menschen im Rahmen der Fischerei zehn-bis hunderttausende dieser Haie und treiben sie an den Rand der Ausrottung.

 

Damit ist der Weißspitzen-Hochseehai auf dieser Welt natürlich nicht alleine, viele andere Arten sind ebenso bedroht. Er ist ein Teil des großen Mosaiks, welches das sich anbahnende und vom Menschen verursachte Massenaussterben darstellt. Wie so viele andere Arten, die in ihrer Evolutionsgeschichte etliches überstanden haben, wird sich zeigen müssen, wie gut er den Menschen übersteht. Der Mensch bleibt dabei letztlich der Eindringling in einen Lebensraum, an den der Weißspitzen-Hochseehai hervorragend angepasst ist. Die Folgen seines Verschwindens haben möglicherweise zwei Dimensionen.

 

Die eine ist die direkte, praktische Dimension: Es geht ein Teil des ökologischen Netzes in der offenen See verloren, ein regulierendes Korrektiv, welches jeder Gipfelräuber in Bezug auf seine Beute darstellt. Ein solcher Verlust kann eine Kaskade von Folgewirkungen im gesamten Ökosystem nach sich ziehen. Diese sind selten absehbar, da wir bei den meisten Ökosystemen die meisten Beziehungen immer noch viel zu wenig verstehen.

 

Die andere Dimension betrifft uns auf einer eher philosophischen, dennoch wichtigen Ebene. Der Wissenschaftsjournalist David Quammen vertrat die Auffassung, dass uns etwas verloren geht, wenn mit uns in Interaktion befindliche Arten, zum Beispiel große Raubtiere, verschwinden. Und zwar etwas von unserem Verständnis für diese Welt und unseren Platz in dieser. In gewisser Hinsicht braucht die Menschheit die Herausforderung einer Art wie dem Weißspitzen-Hochseehai: Geheimnisvoll und in einem schwer zugänglichen Lebensraum lebend, dadurch schwer zu erforschen; zugleich gefährlich genug, um Beachtung zu erfahren und Vorsicht einzufordern. Wir können nicht alles wissen und manchmal sind wir nicht das Ende der Nahrungskette. Beide Erkenntnisse schärfen unser Bewusstsein für unsere eigenen Grenzen. Und sie sind der Antrieb für die ewige Suche nach Antworten und das Bemühen um eine für beide Seiten verträgliche Koexistenz. Wenn wir einseitig den Weißspitzen-Hochseehai ausrotten, verlieren wir die Herausforderung seiner Geheimnisse und dadurch eine Quelle unserer Neugier und wir verlieren die Erfahrung der Möglichkeit einer Koexistenz. Gerade aber auch schwierige Koexistenzen zu führen ist etwas, was die Menschheit unbedingt lernen muss. Diese Möglichkeit nur für eine etwas eklige Suppe über Bord zu werfen, ist eine wenig inspirierende Aussicht.

 

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Bild 11: Das Verhältnis zwischen Menschen und Haien bleibt problematisch und ambivalent. Leider geht dieses Spannungsverhältnis überwiegend zu Lasten der Haie. Majestätische Anblicke wie der dieses Weißspitzen-Hochseehai-Männchens, das dem Taucher mit aggressivem Näherkommen klarmacht, wer hier in seinem eigentlichen Revier ist, werden künftig vermutlich immer seltener werden. Quelle: Gallagher et al. 2014.

 

 

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