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Pirats Bestiarium Special: Brachytrachelopan mesai

 

Brachytrachelopan mesai  Rauhut, Remes, Fechner, Cladera & Puerta, 2005

 

Namensbedeutung. Klassischerweise neigen Forscher bei Dinosauriern ja dazu, in den Namen Bezug zu körperlichen Besonderheiten der Tiere oder zu mythischen Bezügen zu nehmen. In diesem Fall trafen beide Traditionen im Gattungsnamen zusammen: „brachytrachelos“ ist griechisch für „kurzhalsig“, weil diese Art für einen Sauropoden einen bemerkenswert kurzen Hals besaß. „Pan“ wiederum verweist auf den alten griechischen Hirtengott Pan, weil die ersten Knochen von einem Schafhirten entdeckt wurden. Der Artname ehrt eben jenen Schafhirten, Daniel Mesa.

 

Verwandtschaftsbeziehungen.  Animalia; Eumetazoa; Bilateria; Deuterostomia; Chordata; Craniota; Vertebrata; Gnathostomata; Eugnathostomata; Osteichthyes; Sarcopterygii; Rhipidistia; Elpistostegalia; Stegocephali; Tetrapoda; Reptiliomorpha; Amniota; Reptilia; Eureptilia; Romeriida; Diapsida; Neodiapsida; Sauria; Archosauromorpha; Archosauriformes; Archosauria; Ornithotarsi; Ornithodira; Dinosauromorpha; Dinosauria; Saurischia; Sauropodomorpha; Plateosauria; Massopoda; Sauropodiformes; Anchisauria; Sauropoda; Gravisauria; Eusauropoda; Neosauropoda; Diplodocoidea;  Flagellicaudata; Dicraeosauridae; Brachytrachelopan.

 

Brachytrachelopan mesai gehört zu einer Familie, den Dicraeosauridae, von der wir mit Amargasaurus cazaui bereits einen Vertreter kennengelernt haben. Was bei dessen Vorstellung zur Stellung dieser Gruppe im Stammbaum gesagt wurde, gilt auch immer noch. Innerhalb der Familie ist noch nicht ganz klar, welche der beiden Arten etwas basaler anzusehen und welche stärker abgeleitet ist. John Whitlock sah 2011 Amargasaurus cazaui als die basalere Art, ebenso wie die Erstbeschreiber von Brachytrachelopan mesai. Es ist aber noch nicht hundertprozentig sicher, ob es sich nicht in Wirklichkeit genau andersherum verhält. Dies ist auch deshalb schwierig zu sagen, weil jede der beiden Arten auf ihre Art stark spezialisiert ist.

 

Fundorte. Brachytrachelopan mesai ist bisher nur von einem einzigen Fund bekannt. Dieser wurde auf dem Gipfel einer Höhenkette etwa 20 bis 25 km nord-nordöstlich des kleinen Nestes Cerro Cóndor in der argentinischen Provinz Chubut gemacht.

 

Datierung. Die stratigraphische Einteilung der Gesteinsformationen in der Fundregion von Brachytrachelopan mesai unterliegt immer noch fortwährender Bearbeitung, weshalb manche Forscher einige Gesteinsschichten als eigene Formation ansehen, andere aber genau diese Gesteinsschichten als Teil einer anderen Formation. Hier folge ich den Angaben aus der Originalbeschreibung von Brachytrachelopan mesai aus dem Jahre 2005. Die Gesteinsschichten, aus denen die Knochen stammen, gehören demnach zur Cañadón Calcáreo Formation, die man beruhend auf radiometrischen Messungen in den letzten Zeitabschnitt des Jura (vor 201,3 bis vor 145 Millionen Jahren), ins Tithonium (vor 152 bis 145 Millionen Jahren) datiert.

 


Bild 1: Diese Karten zeigen etwa die Lage der Fundregion von Brachytrachelopan mesai in der Provinz Chubut in Argentinien, auch wenn sie aus einer Arbeit über Fischfossilien stammen – die dort beschriebenen Fischfossilien stammen aus den selben Gesteinsschichten. Die Cañadón Calcáreo-Formation ist auf der Teilkarte unten rechts in ihrer Verbreitung rot dargestellt. Man beachte zur Orientierung die Lage des Ortes Cerro Cóndor. Quelle: López-Arbarello, A., Sferco, E. & Rauhut, O.W.M. 2013. A new genus of coccolepidid fishes (Actinopterygii, Chondrostei) from the continental Jurassic of Patagonia. – Palaeontologia Electronica 16,1: 7A 23p; palaeo-electronica.org/content/2013/397-new-coccolepidid-from-patagonia

 

 

Die Entdeckung eines Hirten. Die Fundgeschichte von Brachytrachelopan mesai ist ein Beispiel dafür, dass paläontologische Feldforschung in vielen abgelegenen Gebieten ohne einen guten Draht zur einheimischen Bevölkerung nicht möglich ist. Die besten Fundstellen mit den schönsten Funden befinden sich mit schöner Regelmäßigkeit nämlich in relativ unwirtlichen Regionen. Entsprechend braucht es eine Mischung aus Glück und harter Arbeit, etwas zu finden, es zu bergen und dann zu untersuchen.

 

Diese Geschichte beginnt im Jahr 2000. Der deutsche Paläontologe Oliver Rauhut hatte gerade seinen Doktor gemacht und heuerte als sogenannter Postdoc am Museo Paleontológico Egidio Feruglio in Trelew an, mit der Absicht über jurassische Dinosaurier in Argentinien zu arbeiten. Im November machte er sich zusammen mit anderen Mitarbeitern des Museums zu einer ersten Tour ins Hinterland der Provinz Chubut auf – ein karger, dünn besiedelter Landstrich mit wenig Vegetation, wodurch die fossilhaltigen Sedimentschichten über weite Strecken offen zu Tage treten. Die meisten Menschen dort draußen sind Farmer, die ein einfaches, hartes Leben führen. Und die die Region besser kennen als jeder andere. Deshalb suchen die Forscher bei jeder Expedition den Kontakt zu den Leuten vor Ort, denn häufig haben diese Tipps, wo man gute Fossilien finden kann. Zu vielen der Farmersfamilien gibt es inzwischen langjährige, vertrauensvolle Beziehungen. Dies sollte auch für den Fund von Brachytrachelopan mesai wichtig werden. Damals, im November 2000, machte der Forschertrupp länger Station in der kleinen Siedlung Cerro Cóndor am Ufer des Rio Chubut und erkundeten die Umgebung. Und natürlich suchte man auch den Kontakt zu den Bewohnern des Ortes, die auf ihre typische Weise gastfreundlich waren. Man kriegte natürlich auch mehr mit als nur wo der nächste Knochen liegt. Die Farmer hatten einen harten Winter hinter sich. Als die frischgebackene Witwe Dońa Emiliana den Forschern erzählte, dass für sie von der Regierung bereitgestellte Hilfsmittel – Zaunmaterial, Impfstoffe und dergleichen – in einer über 100 km entfernten Stadt hinterlegt sind, entschloss man sich spontan zur Hilfe. Als an einem Tag mal nicht beide Geländewagen der Expedition gebraucht wurden, schickte man einen der Präparatoren mit der Dame los, die Materialien holen. War ja Ehrensache. Niemand dachte daran, dass diese Hilfe nebenbei auch bei der Fossiliensuche noch gutes Karma bringen würde.

 

Im darauffolgenden Jahr 2001 machten Rauhut und seine Kollegen wieder eine Expedition in die Region entlang des Rio Chubut. Diesmal hatten sie aber nicht so viel Glück bei der Fossiliensuche. Auch die Stippvisiten bei den lokalen Farmern brachten nicht viel. Ein Farmer namens Daniel Mesa zeigte den Forschern einige Stellen, an denen sich Fossilien finden ließen, doch es war nur stark erodiertes Material, für wissenschaftliche Arbeiten nicht zu gebrauchen. Immerhin konnten die Wissenschaftler an diesem Tag ihre Mittagspause bei Mesas Familie verbringen. Beim Smalltalk stellte sich dann ein fast unglaublicher Zufall heraus: Die Frau, der man im vorigen November in Cerro Cóndor geholfen hatte, war Daniel Mesas Schwester. Und Mesa hatte von der spontanen und willkommenen Hilfe der Forscher gehört. Als sich zeigte, dass er eben jenen hilfsbereiten Wissenschaftlern gegenübersaß, wurde er direkt aufgeschlossener. Er erklärte, ihnen noch etwas zeigen zu können. Und das war eben nicht mehr nur erodierter Schrott. Daniel Mesa führte die Paläontologen auf eine Hügelkette, wobei er berichtete, dass er ursprünglich auf die Knochen gestoßen sei, weil er hier nach einem verirrten Schaf gesucht habe. Auf dem höchsten Punkt des höchsten Hügels präsentierte er den staunenden Forschern endlich etwas viel versprechendes: Eine noch zusammenhängende Wirbelsäule, die buchstäblich selber den höchsten Punkt des Grates darstellte. Rauhut und seine Kollegen staunten nicht schlecht, als sie feststellten, dass irgendwann ein Kartograph oder Landvermesser sogar ein Höhenkreuz angebracht hatte – und es direkt durch das Kreuzbein des fossilen Tieres gejagt hatte, offensichtlich ohne zu erkennen, was da lag.

 

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Bild 2:  Daniel Mesa neben der an der Erdoberfläche sichtbaren Wirbelsäule von Brachytrachelopan mesai, und zwar an dem Tag, an dem er den Fund erstmals den Forschern zeigt. Quelle: Oliver Rauhut.

 

 

Eine noch zusammenhängende Wirbelsäule…das verspricht mehr, wesentlich mehr. Mesa erzählte den erfreuten Forschern, dass er diesen Ort mit seinen Knochen schon länger kennt, aber sie die ersten sind, denen er ihn zeigt. An diesem Tag legten die Wissenschaftler zunächst ein kleines Stück frei so gut es geht, um einen besseren Eindruck von dem Stück zu bekommen. Auch Rippen sind teilweise zu erkennen, ebenfalls noch in ihrem ursprünglichen Zusammenhang mit den zugehörigen Wirbeln. Bei der Lage der Wirbelsäule spekulieren die Forscher, dass eventuell der Hals nach hinten gebogen im Gestein stecken könnte und dann vielleicht auch der Schädel erhalten ist. Es könnte ein großer Fund werden. Das Problem war, die Überreste zu bergen. Sie lagen sehr abgelegen auf einem Höhenkamm in sehr hartem Gestein. Der reine Erkundungstrupp würde nicht reichen, um sie zu bergen. Man würde erst einmal bei Museum Mittel zur Bergung durchsetzen müssen – Ausrüstung und Helfer. Wieder kam es zu einem glücklichen Zufall. Ein Reporter der größten argentinischen Tageszeitung – „La Nacion“ – war gerade auf der Suche nach Meldungen fürs Sommerloch (Argentinien hat seinen Sommer aufgrund seiner Lage auf der Südhemisphäre zu der Zeit, wenn in Deutschland Winter ist, nur zur Erinnerung). In Trelew hatte er den Tipp bekommen, doch mal bei der Erkundungsexpedition vorbeizuschauen…und so landete Mesas Wirbelsäule auf dem Bergkamm wenig später bereits in den Schlagzeilen (und schaffte es mit einer ziemlich verkorksten Meldung in der „BILD“ sogar in die deutsche Presselandschaft). Ein wenig PR hilft immer dabei, genügend Rückendeckung für eine richtige Grabungsexpedition zu bekommen.  Sie lief tatsächlich dann sogar noch 2001 ein und sollte bis 2002 dauern.

 

Die Ausgrabung und Bergung erwiesen sich als noch schwieriger als gedacht. Bei einer näheren Begutachtung stellte man noch dazu leider fest, dass die Halswirbelsäule offensichtlich anders gebogen war, als man das ursprünglich dachte – nicht in die Tiefe des Gesteins, sondern zur Erdoberfläche hin. Was darin resultierte, dass sie bereits größtenteils der Erosion zum Opfer gefallen war. Die Erosion auf dem Bergkamm wurde vor allem durch den Wind geleistet. Er pfiff Rauhut und seinen Leuten geradezu um die Ohren. Mit fünf Leuten versuchte man sich zunächst mit Hammer und Meißel an der Freilegung der Knochen. Man kam nicht weit. Nach einer Woche hatte man sich gerade mal 10 cm ins Gestein vorgearbeitet – es handelte sich um einen feinkörnigen Sandstein, der hart wie Beton war. So würde man nicht weiterkommen. Man entschied sich dazu, die Sache mit rabiateren Mitteln anzugehen. Also wurden eine Gesteinssäge und ein benzingetriebener Presslufthammer herangeschafft. Bei pfeifendem Wind, der lose Kiesel, Sandkörner und Staub über den Bergkamm jagte, weshalb die Ausgräber sich eine kleine Schutzmauer aus Felsbrocken errichten mussten, wurden nun mit der Säge Lücken ins Gestein gefräst, um die Knochen wenigstens notdürftig gegen die Erschütterungen des Presslufthammers zu schützen. Und dann ging es dem Gestein an den Kragen…

 

Wirklich einfacher wurde es aber nicht. Wie sich zeigte, konnte man den Fund nicht am Stück bergen. Schweren Herzens musste man die Wirbelsäule an drei Stellen mit der Gesteinssäge durchsäbeln, um die Überreste in drei Blöcken zu bergen. Jeder Block wurde noch mit Bandagen verpackt, um ihn zu schützen. Schließlich hatte man drei große Jackets (also die mit Gipsbandagen umhüllten Stücke) transportfertig, jedes beinahe eine Tonne schwer. Einziges Problem: Wie sollte man die Dinger von dem Berg runterkriegen? Es war die argentinische Atomenergiebehörde (CNEA), die aushalf. Sie unterhielt nahe der Grabungsstelle (also was „nahe“ halt so bedeutet in der argentinischen Einöde) ein eigenes Camp, um geologische Untersuchungen in der Region durchzuführen – und die Mannschaft in dem CNEA-Camp hatte einen Unimog zur Verfügung. Das Fahrzeug war schon älter, aber bekanntlich sind Unimogs ja unverwüstlich. Der Unimog mühte sich tatsächlich den Bergkamm hoch, konnte die drei Jackets an Bord nehmen und zum CNEA-Camp bringen. Freundlicherweise konnten die Paläontologen ihren Fund dort tatsächlich zwischenlagern, bis sie eine weitere Transportmöglichkeit fanden. Es brauchte dann tatsächlich noch ein paar Monate, bis man einen Lastwagen zur Verfügung hatte, um die drei geborgenen Stücke Fels mit Knochen im CNEA-Camp abzuholen und nach Trelew zu bringen.

 

In Trelew begann der nächste Teil der Arbeit: Die Präparation. Die Knochen mussten noch zu einem großen Teil in mühsamer Feindarbeit vom harten Gestein befreit werden. Diese mühselige Arbeit der Präparatoren im Museum von Trelew ist bis heute nicht völlig abgeschlossen. Im Laufe des Jahres 2004 waren die Arbeiten immerhin schon so weit fortgeschritten, dass erste Untersuchungen vorgenommen werden konnten, um die Verwandtschaft des Tieres zu klären und sein ungefähres Erscheinungsbild zu rekonstruieren. Dabei wurde schnell klar, dass es sich um eine neue Art handelte! Daher entschloss sich Rauhut zusammen mit einigen Kollegen aus Trelew und aus seiner deutschen Heimat, schon in diesem Stadium eine erste Beschreibung der neuen Art vorzulegen. Diese erschien tatsächlich dann 2005 in Nature, als kurzer Artikel, in dem der neue Sauropode der Fachwelt als Brachytrachelopan mesai vorgestellt wurde. Daniel Mesa für seine Mithilfe beim Finden und Ausgraben zu ehren war natürlich auch Ehrensache. Ein weiterer umfassenderer Artikel über jeden einzelnen Aspekt der gefundenen Knochen steht allerdings bis heute aus – dafür müssen die Präparationsarbeiten erst abgeschlossen werden. Daher sind künftig auch noch weitere Erkenntnisse zu erwarten. Was man aber bis heute nun schon weiß, ist für Sauropoden-Fachleute jetzt schon bemerkenswert.

 

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Bild 3: Bei schneidendem Wind mussten die Forscher die Knochen von sehr hartem Gestein befreien. Hier der deutsche Paläontologe Oliver Rauhut selbst bei der Arbeit, im Hintergrund der Cerro Los Chivos, ein über 1000 m hoher Vulkanschlot. Quelle: Oliver Rauhut.

 

 

Der Fund im Überblick. Kommen wir nun dazu, was also bisher von der Anatomie von Brachytrachelopan mesai bekannt ist. Das einzige gefundene Exemplar hat die Inventarnummer MPEF-PV 1716 bekommen. Es umfasst 8 Halswirbel, 12 Rückenwirbel und 3 Kreuzbeinwirbel (Sakralwirbel), dazu Teile der hinteren Halsrippen, Teile aller Rumpfrippen, vom Becken ein rechtes Darmbein (Ilium), außerdem das linke Knie in Form des unteren Endes des linken Oberschenkels und des oberen Endes des linken Schienbeins. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass die erhaltenen Wirbel nicht wie so oft vereinzelte Abschnitte der Wirbelsäule mit großen Lücken dazwischen repräsentieren, sondern eine durchgehende Abfolge darstellen, die nur durch die notwendigen Maßnahmen bei der Bergung unterbrochen wurde. Die Wirbel weisen auch – im Gegensatz zu den wenigen Resten des Beckens und des Hinterbeins – die meisten bemerkenswerten anatomischen Details auf.

 

Die 8 Halswirbel repräsentieren den mittleren und hinteren Halsabschnitt. Es wird vermutet, dass vier vordere Halswirbel durch Erosion verlorengegangen sind, denn von verwandten Arten aus der Familie der Dicraeosauridae weiß man, dass sie 12 Halswirbel besaßen. Die erhaltenen Halswirbel zeigen mehrere Besonderheiten. Zum einen sind die Wirbelzentren sehr kurz – die hinteren Wirbelkörper sind sogar kürzer als hoch. Sie sind deutlich opisthocoel, das bedeutet, dass die vordere Gelenkfläche als konvexer Gelenkkopf ausgebildet ist und die hintere Gelenkfläche als konkave Gelenkpfanne. Die Dornfortsätze der Halswirbel sind gegabelt, wie wir das bereits bei Amargasaurus cazaui gesehen haben, allerdings sind sie nicht so stark verlängert. Dafür sind sie deutlich nach vorne gerichtet, ein wirklich bemerkenswertes Merkmal. Von den verschiedenen Laminae, jenen markanten Knochengraten, die für Sauropodenwirbel so besonders typisch sind, ist hier vor allem eine besonders bemerkenswert ausgebildet – die Centropostzygapophyseale Lamina, die von der Unterseite des Postzygapophyse genannten Knochenfortsatzes zum oberen hinteren Rand des Wirbelzentrums verläuft. Diese Lamina stellt keinen einfachen schmalen Grat dar, sondern einen geradezu massiven und säulenartigen Knochensteg, was man so bisher von keinem anderen Sauropoden kennt. Irgendwelche tiefen Hohlräume für die Ausläufer des Luftsacksystems zeigen die Halswirbel nicht.

 

Die Rumpfwirbelsäule ist über die gesamte Länge erhalten mit allen 12 Wirbeln und den Anfängen der Rumpfrippen. Der wichtigste Unterschied der Rumpfwirbel zu den Halswirbeln ist die Lage der Rippenfacetten. Die Rippen gelenken mit jedem Wirbel an zwei Facetten, eine sogenannte Parapophyse und eine Diapophyse. Letztere liegt stets am Ende des Querfortsatzes der Wirbel. Bei Brachytrachelopan mesai liegt die Parapophyse der Halswirbel relativ weit vorne und unten an der Seite des Wirbelzentrums. Bei den Rumpfwirbeln liegt sie dagegen viel höher, direkt an der Oberkante des Wirbelzentrums.  Die Querfortsätze der Rumpfwirbel sind lang und sind stark nach oben gerichtet, was auch zu einer recht hohen Lage der Diapophyse führt. Die Centropostzygapophyseale Lamina ist auch hier kräftig ausgebildet, wenn auch nicht so markant wie bei den Halswirbeln. Besonders hervorstechend sind auch bei den Rumpfwirbeln die Dornfortsätze. Bei den ersten sechs Wirbeln sind sie verlängert, tief gegabelt und die jeweiligen beiden Spitzen schließlich nach vorne gerichtet. Ab dem siebten Wirbel sind die Dornfortsätze nicht mehr gegabelt und breit und von vorne gesehen fast paddelförmig. Sie sind immer noch hoch, aber nur noch leicht nach vorne geneigt. Bei den hinteren Rumpfwirbeln vereinigen sich in den Dornfortsätzen im Grunde mehrere sehr markante Laminae. Ähnlich wie die Halswirbel weisen die Rumpfwirbel keine markanten Hohlräume für Luftsäcke auf, lediglich oberflächliche Mulden.

 

BrachytrachVertebralcol

Bild 4: Das Original der Wirbelsäule von Brachytrachelopan mesai, digital überarbeitet, um die Knochen ohne das umgebende Sediment zu zeigen. Erkennbar sind außerdem die beiden Trennstellen, an denen mit der Knochensäge gearbeitet wurde. Der vorderste Abschnitt umfasst die erhaltenen Halswirbel. Der zweite Teil umfasst den letzten Halswirbel und die Wirbelsäule mit Rippenansätzen bis zum achten Rumpfwirbel. Der letzte Teil schließlich umfasst den Rest der Rumpfwirbelsäule und das Kreuzbein. Quelle: Oliver Rauhut.

 

 

Das Kreuzbein ist leider ja nur teilweise erhalten – zwei Wirbel vollständig, ein Dritter teilweise. Immerhin erkennt man, dass die Sakralwirbel komplett miteinander verschmolzen waren und auch die Dornfortsätze zu einem durchgehenden Kamm miteinander verschmolzen waren. Dabei wiesen sie seitlich markante Laminae auf. Das rechte Darmbein (Ilium) und die spärlichen Beinreste scheinen keine sonderlichen markanten Merkmale aufzuweisen.

 

Die erhaltenen Rippen zeigen einige interessante Muster, die aufgrund der Erhaltung auf bemerkenswerte Weise nachvollzogen werden können. Zwar sind gerade nur die Rumpfrippen lediglich mit ihrem Basisbereich erhalten. Doch dafür sind sie in natürlicher Gelenkung mit den Wirbeln erhalten, was nicht sehr häufig ist. Dadurch kann die beim lebenden Tier korrekte Ausrichtung der Rippen rekonstruiert werden. So ergibt sich folgendes Muster: Die Halsrippen sind ausgesprochen kurz und ragen kaum über den hinteren Rand des zugehörigen Wirbels hinaus. Lediglich die Rippen des letzten Halswirbels sind etwas länger. Die Rumpfrippen sind dann sofort deutlich länger und deutlich nach hinten ausgerichtet, abgesehen von der Rippe des letzten Rumpfwirbels. Die Rippen der ersten sieben Rumpfwirbel sind breit und stehen dadurch dichter zusammen. Ab dem achten Rumpfwirbel sind die Rippen deutlich schlanker, wodurch zwischen ihnen mehr Freiraum ist.

 

Welches Bild bietet sich dann in der Gesamtschau? Dies ist die nächste Überraschung. Dass die verlängerten Dornfortsätze der Wirbel eine Art langgestreckten Höcker oder etwas in der Art auf dem Rücken formten, war zwar vorher schon von verwandten Arten aus der Familie der Dicraeosauridae bekannt – bei Amargasaurus cazaui war dieses Merkmal ja gerade auch bei den Halswirbeln in ein besonderes Extrem gesteigert worden. Was bei Brachytrachelopan mesai noch wesentlich überraschender war, war der extrem kurze Hals – also nach Sauropoden-Maßstäben. Zwar waren auch andere Dicraeosauriden nicht gerade berühmt für einen langen Hals – auch hier darf an Amargasaurus cazaui erinnert werden. Aber bei Brachytrachelopan mesai war er noch einmal kürzer, sogar kürzer als der Rumpf. Während der Hals bei Amargasaurus cazaui immerhin noch 136 % der Rumpflänge ausmachte, sind es bei Brachytrachelopan mesai sogar nur 75 %. Die nach vorne gerichteten Dornfortsätze sorgten außerdem dafür, dass der Hals grundsätzlich nach vorne und unten ausgerichtet war. Damit hielt das Tier den Kopf grundsätzlich sehr niedrig. Eine solche Spezialisierung war vorher von Sauropoden in diesem Ausmaß unbekannt. Brachytrachelopan mesai stammte sicher von langhalsigen Vorfahren ab – aber bei ihm war der Hals sekundär, also nachträglich, wieder kürzer geworden. Geschehen war dies offenbar durch eine markante Verkürzung der einzelnen Halswirbel. Ähnlich wie Amargasaurus cazaui war auch Brachytrachelopan mesai ein eher kleiner Sauropode – seine Gesamtlänge wurde von Rauhut und seinen Mitarbeitern auf weniger als 10 m geschätzt. Die starke Verschmelzung der Sakralwirbel ist dabei ein Indiz, dass es sich bei dem gefundenen Exemplar durchaus um ein ausgewachsenes Tier handelte.

 

BrachytrachHolot

Bild 5: Die zeichnerische Aufarbeitung der gefundenen Reste aus der Originalbeschreibung von Brachytrachelopan mesai zeigt weitere Details. Die Einzelabbildungen werden im Folgenden erläutert. a: Rekonstruktion der gefunden Skelettteile in ihrer Lage im Körper des lebenden Tieres. Die volle Länge der Rippen ist hier ergänzt. C5, C12, D1 und D12 bezeichnen die Wirbelpositionen (C sind dabei Halswirbel – von „Cervicalwirbeln“ – und D sind die Rumpfwirbel bzw. Dorsalwirbel). Der Maßstab beträgt 1 m. b: Der rekonstruierte fünfte Halswirbel in linker Seitenansicht. c: Der Neuralbogen mit nach vorne gerichtetem Dornfortsatz des achten Halswirbels in linker Seitenansicht. Das Wirbelzentrum darunter ist umrissen. d: Das Wirbelzentrum des zehnten Halswirbels in linker Seitenansicht. Deutlich erkennbar ist der vordere Gelenkkopf des Wirbelkörpers. e: zweiter Rumpfwirbel in linker Seitenansicht. f: der siebte Rumpfwirbel in Vorderansicht, wobei der vorderste Teil im Anschnitt (Schraffur!) zu sehen ist. g: Der elfte Rumpfwirbel in linker Seitenansicht. Maßstab bei den Teilabbildungen b bis g nur 10 cm. h: die artikulierte Rumpfwirbelserie mit den auf der rechen Seite erhaltenen Rippenresten, von links gesehen. 1, 7 und 12 markieren die jeweilige Positionszahl der Rumpfrippen. Maßstab hier 1 m. Wichtige Abkürzungen: di = Diapophyse; nc = Neuralkanal (für das Rückenmark); ns = Dornfortsatz (Neuraldorn); pap = Parapophyse; pl = Wirbelkörpermulde, Vertiefungen für potentielle oberflächliche Luftsäcke; poz = Postzygapophyse; prz = Präzygapophyse; tp = Querfortsatz. Die anderen Kürzel bezeichnen wichtige Laminae, die die Morphologie der Wirbel bestimmen. Besonders wichtig sind hier die Centropostzygapophysealen Laminae, abgekürzt als cpol. Quelle: Rauhut et al. 2005.

 

 

Lebensraum und Lebensweise. Aus nur einem unvollständigen Skelett Aussagen zum entsprechenden Tier als lebendes Wesen zu treffen, ist gar nicht so einfach. Wie meistens in diesen Fällen nähert man sich dieser Perspektive zunächst am besten über den Lebensraum an. Dieser lässt sich ja rekonstruieren aus der Interpretation der Sedimente, in denen die Knochen erhalten blieben, und der sonstigen Fossilien in diesen Schichten.

 

Die Cañadón-Calcáreo-Formation wurde in einem Becken abgelagert, das sich durch tektonische Vorgänge als Senke im Landesinneren des heutigen Südamerika gebildet hatte. Im Inneren dieses Beckens bildeten sich Seen, in denen feinere Ton-und Siltsteine abgelagert wurden. Aus den umliegenden Hochländern zufließende Flüsse lagerten dagegen Sandsteine ab, die schließlich die verlandenden Seen überdeckten. Die Gewässer waren reich an Fischen und klimatisch lag die Region in gemäßigt warmen Breiten. Die mit Seen durchsetzte und von Flüssen durchzogene Senke war damals sicherlich nicht die raue Ödnis, die sich heute bietet. Im Westen des südamerikanischen Kontinents, kaum 200 km entfernt, gab es zwar bereits Vulkane aufgrund der tektonischen Aktivität am westlichen Plattenrand – dort schob sich bereits damals allmählich die pazifische Kruste unter die südamerikanische Kontinentalplatte. Doch die Bergketten waren noch nicht so hoch, dass sie Niederschläge zu sehr von den Senken im Inland fern hielten.

 

In diesem Lebensraum fand Brachytrachelopan mesai sicherlich genügend pflanzliche Nahrung. Der kurze Hals, der noch dazu nicht in der Lage war, den Kopf höher als ein bis zwei Meter anzuheben, deutet dabei stark darauf hin, dass er ausschließlich niedrige Vegetation abweidete. Das ist für einen Sauropoden in der Tat eine bemerkenswerte Spezialisierung. Die Tatsache, dass man aus der gleichen Formation auch andere Sauropoden mit deutlich längerem Hals geborgen hat, deutet auf ein mögliches Beispiel für „niche partitioning“ hin. Dieser Begriff beschreibt die Aufteilung der Ressourcennutzung in einem Lebensraum zwischen mehreren mehr oder weniger näher verwandten Arten, was überhaupt erst deren Ko-Existenz in diesem Lebensraum ermöglicht. Ein typisches heutiges Beispiel wäre die Vielfalt an Huftierarten in den Savannen Afrikas. In dem hier angedeuteten Falle wäre anzunehmen, dass die langhalsigeren Sauropodenarten im Lebensraum von Brachytrachelopan mesai sich auf die Abweidung höherer Vegetation konzentrierten, während Brachytrachelopan mesai ihre Konkurrenz bei der Nutzung der bodennahen Vegetation allenfalls seitens von Jungtieren fürchten musste.

 

Leider sind weder Schädel noch Vorderextremitäten oder weitere Teile der Hinterbeine von Brachytrachelopan mesai erhalten. Sie könnten mit ihrer Anatomie weitere Aufschlüsse zur Lebens-und Ernährungsweise dieses Tieres geben, was womöglich die „niche partitioning“-These weiter unterstützen würde.

 

Bild 6: In der Ausstellung über argentinische Dinosaurier, die vor einigen Jahren auch durch Deutschland tourte, wurde auch diese komplette Skelettrekonstruktion von Brachytrachelopan mesai gezeigt. Die fehlenden Teile des Skeletts wurden dabei nach dem Vorbild verwandter Formen aus der Gruppe der Dicraeosauriden gestaltet. Quelle: Wikipedia.

 

Evolutionäre Trends. Der Fund von Brachytrachelopan mesai ist auch von Interesse in einem größeren Rahmen, nämlich für das Verständnis von evolutionären Trends innerhalb der Sauropoden. Evolutionäre Trends sind prinzipiell selten sicher nachzuweisen, nicht zuletzt deshalb, weil die Verwandtschaftsbeziehungen speziell fossiler Arten selten in der nötigen Weise klar sind. Ein anderer Grund ist die Tatsache, dass die Evolution als ein stark zufallsgesteuerter Vorgang unter Umständen ziemliche Kapriolen schlagen kann. Diese Gedankengänge lassen sich am Beispiel von Brachytrachelopan mesai erläutern.

 

Dazu muss man sich zunächst nochmal die Verwandtschaftsbeziehungen innerhalb der Dicraeosauriden vergegenwärtigen. Die meisten (aber nicht alle) Analysen sehen Brachytrachelopan mesai als den nächsten Verwandten der für die Familie namengebenden Gattung Dicraeosaurus, während Amargasaurus cazaui der Vertreter eines basaleren Seitenzweiges der Familie sein soll, ungeachtet der Tatsache, dass er deutlich nach den beiden anderen Formen lebte (das ist kein zwingender Widerspruch: Manchmal überleben eigentlich ursprünglichere Formen die abgeleiteten nahen Verwandten und tauchen dann eben nach diesen im Fossilbericht auf – es geht hier allein um die Reihenfolge der Abspaltungsereignisse im Stammbaum).  Wenn dies stimmt, ergäbe dies ein interessantes Muster: Amargasaurus cazaui hat von allen bekannten Dicraeosauriden den im Verhältnis längsten Hals und die beiden anderen Formen haben die kürzesten Hälse. Daraus könnte man im Laufe der Evolution der Dicraeosauriden einen Trend hin zu kürzeren Hälsen ableiten – mit allen Fallstricken die da vielleicht noch reinspielen.

 

Nicht alle Forscher glauben das. Solange die Knochen von Brachytrachelopan mesai nicht abschließend bearbeitet sind und auch angesichts der fehlenden Teile des Skeletts, bleibt eine große Unsicherheit. Einige argentinische Forscher zweifeln auch an, dass die Dicraeosauriden zu den höheren Sauropoden (Neosauropoda) gehören und glauben, dass sie eine wesentlich basalere Linie der Gruppe sind, die auf den Südkontinenten lange überlebt hat. Dann wären die relativ geringe Größe von Tieren wie Amargasaurus cazaui und Brachytrachelopan mesai ebenso wie deren wenig entwickelte Hohlräume für Luftsäcke in den Wirbeln und der relativ kurze Hals tatsächlich keine für diese Familie spezielle Spezialisierungen. Es wären einfach ursprüngliche Merkmale, die die Tiere beibehalten haben. Eine solche Sichtweise würde den nachträglichen Trend zu kürzeren Hälsen bei Dicraeosauriden grundsätzlich in Frage stellen – dafür gäbe es dann keine Ausnahme von dem allgemeinen evolutionären Trend zu längeren Hälsen bei Sauropoden. Allerdings sprechen zahlreiche Merkmale der Dicraeosauriden – sowohl bei Wirbeln wie beim Schädel – gegen diese Auffassung: allgemein gelten sie als eine Untergruppe der Diplodocoidea, einer Gruppe von Neosauropoden mit ansonsten zum Teil sehr langem Hals, und diese Ansicht ist morphologisch sehr gut gestützt. Das bedeutet dann aber auch, dass gerade eine Art wie Brachytrachelopan mesai ein gutes Beispiel dafür ist, dass ein evolutionärer Trend nicht unbedingt unumkehrbar ist. Hier wurde aus einem langen ein kurzer Hals.

 

Angesichts all dieser für die Forscher spannenden Fragen ist es umso bedauerlicher, dass die Erosion auf dem Bergkamm in der Provinz Chubut große Teile des Skeletts von Brachytrachelopan mesai bereits vor seiner Entdeckung zerstörte. Es bleibt die Hoffnung vielleicht eines Tages ein zweites Exemplar zu finden, um mehr zu erfahren – ähnlich wie bei Amargasaurus cazaui.

 

 

Literatur

 

Gasparini, Z., Salgado, L. & Coria, R.A. (Herausgeber) 2007. Patagonian Mesozoic Reptiles. Indiana University Press.

 

Rauhut, O.W.M., Remes, K., Fechner, R., Cladera, G. & Puerta, P. 2005. Discovery of a short-necked sauropod dinosaur from the Late Jurassic period of Patagonia. – Nature 435: 670-672.

 

Whitlock, J.A. 2010. Paleoecology and Systematics of the Diplodocoid Sauropods. Dissertation, University of Michigan.

 

Whitlock, J.A. 2011. A phylogenetic analysis of Diplodocoidea (Saurischia: Sauropoda). – Zoological Journal of the Linnean Society 161: 872-915.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Brachytrachelopan

https://de.wikipedia.org/wiki/Cañadón-Calcáreo-Formation

https://en.wikipedia.org/wiki/Brachytrachelopan

 

 

Besonderer Dank geht an dieser Stelle an Dr. Oliver Rauhut von der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie, der nicht nur einige Bilder für diesen Artikel zur Verfügung stellte, sondern auch ausführlich aus erster Hand über die Ereignisse Auskunft gab, die zur Entdeckung von Brachytrachelopan mesai führten.