MtP Artcorner


SOD1Kalender
Die Kalender und Artbooks von MtP Art (Mario Heyer),
die in Zusammenarbeit mit dem CALVENDO Verlag
entstanden,
sind im Handel erschienen. Nähere infos bekommt ihr
hier -->

Follow us on Facebook

Pirats Bestiarium: Goliathkäfer (Goliathus goliatus)

Goliathkäfer (Goliathus goliatus (Linné, 1771))

 

Namensbedeutung. Sowohl der Gattungs-wie der Artname leiten sich von der biblischen Figur des Goliat (gelegentlich auch Goliath geschrieben) ab. Bei Goliat soll es sich laut des Alten Testaments um einen riesenhaften und schwer gerüsteten, fast unbesiegbaren Krieger gehandelt haben. Darauf spielte Linné, in früheren Jahren noch als Linnaeus bekannt und als Urheber der zweiteiligen zoologischen Namen berühmt geworden, an, als er den Goliathkäfer als Scarabaeus goliatus beschrieb – als besonders großen, schwer gebauten Vertreter der Gattung Scarabaeus, die der Wissenschaft damals bereits mit kleineren Vertretern wie dem berühmten nordafrikanischen Heiligen Pillendreher (Scarabaeus sacer) bekannt war. Der französische Naturforscher Jean-Baptiste de Lamarck sah 1801 aber so deutliche Unterschiede zwischen dem riesigen Käfer aus Zentralafrika und den anderen Scarabaeus-Arten, dass er für den Goliathkäfer eine eigene Gattung aufstellte: Goliathus. Dabei ließ er sich vom Artnamen und dem Bezug zur biblischen Goliat-Figur inspirieren, zeigte allerdings zugegeben wenig Kreativität.

 

Synonyme. Goliathus adspersus, Goliathus africanus, Goliathus albatus, Goliathus albipennis, Goliathus albovariegatus, Goliathus apicalis, Goliathus confluens, Goliathus conjunctivittis, Goliathus connectens, Goliathus curtivittis, Goliathus druryi, Goliathus giganteus, Goliathus goliath, Goliathus grandis, Goliathus guttatus, Goliathus hieroglyphicus, Goliathus imperialis, Goliathus intermedius, Goliathus longivittis, Goliathus magnus, Goliathus marginatus, Goliathus nigripes, Goliathus palmatus, Goliathus quadrimaculatus, Goliathus striatus, Goliathus trivittatus, Goliathus undulatus, Goliathus vittiger, Scarabaeus goliatus.

 

Verwandtschaftsbeziehungen. Animalia, Eumetazoa; Bilateria; Protostomia; Ecdysozoa; Panarthropoda; Arthropoda; Euarthropoda; Mandibulata; Pancrustacea; Hexapoda; Insecta; Dicondylia; Pterygota; Metapterygota; Neoptera; Eumetabola; Holometabola; Neuropteriformes; Coleopteroida; Coleoptera; Polyphaga; Scarabaeoidea; Scarabaeidae; Cetoniinae; Goliathus.

 

Der Goliathkäfer gehört zu der großen, vielgestaltigen Käferlinie der Polyphaga, von denen wir bereits den Achtfleckigen Kiefernprachtkäfer (Buprestis octoguttata) und den Wollkrautblütenkäfer (Anthrenus verbasci) kennengelernt haben. Alle drei Käfer gehören zu verschiedenen Teillinien der Polyphaga, deren genauen Verhältnisse zueinander aber noch nicht restlos aufgeklärt sind, auch wenn eine neue genetische Studie von 2015 neue Einsichten dazu brachte.  Demnach sind die Scarabaoidea basaler als die Elateriformia (zu denen der Achtfleckige Kiefernprachtkäfer gehört) und stehen in einem noch etwas unklaren näheren Verhältnis zu den Staphyliniformia, zu denen unter anderem die auch aus Europa bekannten Kurzflügelkäfer und Aaskäfer gehören. Innerhalb der Scarabaeoidea ist die Stellung des Goliathkäfers als Vertreter der Rosenkäfer (Cetoniinae) gut gesichert. Allerdings sind die Verwandtschaftsbeziehungen innerhalb der der Blatthornkäfer (Scarabaeidae) im Allgemeinen und der Rosenkäfer im Besonderen noch einer weiteren Aufklärung bedürftig, wie eine auf DNA und Flügelmorphologie beruhende Studie im Jahr 2016 zeigte. So hatte man innerhalb der Rosenkäfer lange einige Dutzend Arten mit der Gattung der Goliathkäfer zum sogenannten Tribus der Goliathini zusammengefasst. Die neue Studie zeigt, dass diese Gruppierung kein reales Verwandtschaftsverhältnis spiegelt. Wie allerdings die Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der Rosenkäfer genau aufzuschlüsseln sind, wird noch einige weitere Studien und Untersuchungen erfordern.

 

Verbreitung. Der Goliathkäfer gehört zu den weitverbreiteten Käferarten des tropischen Afrika. Sicher kennt man ihn von Kamerun, Gabun und der Zentralafrikanischen Republik über das gesamte Kongobecken hinweg bis nach Sambia, in das tansanische Grenzgebiet und Uganda. Eine etwas isolierte Population kennt man außerdem aus dem nordwestlichen Kenia. 2010 beschrieb der französische Entomologe (Insektenforscher) Philippe Le Gall die erste bekannte Population des Goliathkäfers westlich des Niger-Deltas, aus dem Süden von Benin. Dies ist deshalb interessant, weil damit das Vorkommen des Goliathkäfers im sogenannten „Dahomey-Gap“ belegt ist. Dabei handelt es sich um eine trockene Savannenzone im Bereich von Togo und Benin, die die Regenwälder im Westen (wo sie sich entlang der westafrikanischen Küste erstrecken) und im Osten (wo sie von Teilen Nigers bis ins Kongobecken reichen) voneinander trennt. Diese trockenere Zone stellt für viele Tiere eine Art natürliche Barriere dar, die die Populationen einer Art oder gar nahe verwandte Arten voneinander trennt. Das Vorkommen des Goliathkäfers genau in diesem Gebiet könnte andeuten, dass er in der Lage ist, auch solche Ausbreitungsbarrieren zu überwinden. Bemerkenswerterweise ist der Goliathkäfer in weiten Teilen Nigers aber noch nicht sicher nachgewiesen, sein Vorkommen in Benin legt aber nahe, dass er auch dort vorkommen muss!

 

GgoliatusDistribution

Bild 1: Auf dieser Karte von Afrika ist das ungefähre Hauptverbreitungsgebiet des Goliathkäfers eingezeichnet (durchgehende Linie). Die beiden isolierten Nachweise in Kenia und Benin sind als Kreise dargestellt. Die gestrichelte Linie deutet an, in welchen Regionen man aufgrund der isolierten Vorkommen ebenfalls den Goliathkäfer erwarten könnte, sofern er dort nicht bereits unbemerkt in historischer Zeit ausgestorben ist. Quelle der unbearbeiteten Karte: Wikipedia/NASA.

 

 

Was der Fluss so anspült… Die Entdeckungsgeschichte des Goliathkäfers lohnt sich, erzählt zu werden, weil sie ein Schlaglicht darauf wirft, auf welche Art und Weise die frühen europäischen Naturforscher überhaupt Kenntnis von neuen Tierarten in tropischen Gefilden erhielten. Es war die Zeit der großen Entdeckungen, als weite Teile Afrikas und Asiens für die Europäer noch weiße Flecken auf der Landkarte waren.

 

Eine zentrale Rolle spielt für diese Geschichte der schottische Mediziner William Hunter (1718-1783). Hunters Karriere war für das Großbritannien jener Tage vielleicht nicht gerade typisch – er war der Sohn einer Landwirtsfamilie, also aus relativ einfachen Verhältnissen, und schaffte trotzdem den Aufstieg zum Arzt. Nicht ohne Schlenker – wie viele junge Männer, die aufsteigen wollten in jener Zeit, versuchte er sich zunächst am Theologiestudium, aber die Medizin faszinierte ihn dann doch mehr – ähnlich wie seinen Bruder, der Chirurg werden sollte. 1750 machte Hunter seinen Abschluss als Doktor der Medizin an der Universität von Glasgow. In der Folgezeit spezialisierte er sich zunächst im Bereich der Anatomie. Dies tat er vor allem in London, wo er sich auch als Arzt niederließ. Außerdem bereiste er die Niederlande und Frankreich, um sich mit dortigen Kollegen auszutauschen. Als er 1768 Professor für Anatomie an der Royal Academy wurde (nachdem er bereits ein Jahr zuvor Mitglied der Royal Society geworden war), hatte er außerdem damit begonnen, auf den Gebieten der Geburtshilfe und der Leichenkonservierung tätig zu sein und ebenfalls recht erfolgreich zu forschen. Das war aber noch nicht das Ende der vielfältigen Interessen des William Hunter: Er sammelte außerdem antike Münzen, alte Bücher, manchmal auch Kunstwerke oder Mineralien – und Insekten!

 

Hunter sammelte überwiegend aber gar nicht mal selber. Er hatte regen Kontakt zu zahlreichen Naturforschern, Entdeckern und Abenteurern, die ihm bereits konservierte Insekten aus allen Teilen der damals zu entdeckenden Welt zusandten oder aus eigenen Sammlungen überließen. Teilweise kaufte Hunter auch ganze andere Sammlungen auf. So sammelte Hunter mit der Zeit eine der beeindruckendsten entomologischen Sammlungen überhaupt an, die bereits zu seinen Lebzeiten eifrig von anderen Naturforschern genutzt wurde und noch heute im Hunterian Museum der University of Glasgow aufbewahrt wird. Da sie viele Holotypen – also die Exemplare, anhand derer Arten zuerst beschrieben wurden – enthält, ist sie auch heute noch wichtig und zum Glück in einem ziemlich guten Zustand.

 


Bild 2: Der Mediziner und Anatom William Hunter (1718-1783), der unter anderem eine bis heute bedeutende Insektensammlung aufbaute. Quelle: Wikipedia.

 

 

Im Jahre 1766 war ein englisches Handelsschiff an der Küste des Golfs von Guinea unterwegs. Für Europäer war Afrika noch ein riesiger unerforschter Kontinent, aber entlang der Küsten unterhielten sie bereits kleinere Stützpunkte und trieben Handel mit den Einheimischen. Nicht zuletzt gingen von diesen Küsten die Sklaventransporte nach Amerika aus. Besagtes Handelsschiff ankerte gerade im Gabun-Fluss, wie die große, grob trichterförmige Mündung des Komo-Flusses heißt und der dem ganzen Land Gabun den Namen gab. Von seiner Natur her ist der Gabun-Fluss daher eigentlich ein Ästuar – eine stark von den Meeresgezeiten geprägte, brackige Mündung. Heute liegt dort die Hauptstadt von Gabun, Libreville, die es damals aber noch nicht gab. Damals war die Region nur von einheimischen Siedlungen geprägt, es bildete sich oft starker Nebel, was bereits den Portugiesen aufgefallen war, die den Gabun-Fluss als erste erkundeten. Das englische Handelsschiff fischte jedenfalls etwas Ungewöhnliches aus dem Fluss, etwas, was von weiter flussaufwärts zum Meer hinab getrieben worden war: Einen ziemlich großen Käfer (die Länge betrug 9,5 cm), der noch dazu einen auffallend schwarz-weiß-gestreiften Brustschild hatte. Der Kapitän des Schiffes fand den Fund ungewöhnlich genug, um das tote Insekt dem Bordsarzt David Ogilvie zu überlassen. Noch im selben Jahr kehrte Ogilvie nach England zurück (wo er später auf dem Kriegsschiff Renown seinen Dienst antrat) und überließ den Käfer nun William Hunter für seine Sammlung. Hunter selber bezeichnete das Tier auch in eigenen Aufzeichnungen als „Zebrakäfer“.

 

Damit war der erste Goliathkäfer schon mal in einer europäischen naturkundlichen Sammlung. Aber bevor er der Wissenschaft offiziell zur Kenntnis kam und einen Namen erhielt, kam es noch zu einer kleinen Posse. Hunter verlieh den Käfer irgendwann vor August 1767 an Emanuel Mendes da Costa (1717-1791), der den Käfer bereits gesehen hatte als er noch in Ogilvies Besitz war und nun eine Darstellung des Käfers in sein naturgeschichtliches Werk „Gleanings of natural history“ aufnehmen wollte, welches sich gerade in der Vorbereitung befand. Da Costa war trotz seines spanischen Namens tatsächlich Engländer – sein Name ist seiner Abstammung als sephardischer Jude geschuldet. Seit 1747 war er Mitglied der Royal Society und seit einigen Jahren arbeitet er für diese als Bibliothekar, Museumskustus und sogar Hausmeister. Hunter dachte sich entsprechend nichts dabei, als Da Costa ihn darum bat, den Käfer leihweise haben zu können – schließlich verlieh Hunter häufiger bemerkenswerte Stücke seiner Sammlungen an andere Naturforscher und Da Costa war immerhin auch Zoologe und Fossilienexperte. Da Costa hatte bereits den Illustrator Moses Harris (1731-1788) für sein Buchprojekt gewonnen, der bereits im Jahr zuvor einen eigenen Bildband mit wundervoll kolorierten Bildtafeln von verschiedensten Insektenarten herausgebracht und damit Aufmerksamkeit erregt hatte. Harris begann noch 1767 mit den Arbeiten an den Abbildungen für Da Costas Projekt, darunter auch zahlreiche Abbildungen vom „Zebrakäfer“, den wir heute Goliathkäfer nennen. Von diesen Abbildungen ist nur noch eine heute erhalten; Da Costa vermerkte in einem Textzusatz zu der Illustration auch ordnungsgemäß, dass sich das abgebildete Käferexemplar im Besitz von William Hunter befinde, der es als Vorlage für das Bild dankenswerterweise überlassen hat. Soweit so gut. Ab dem Punkt liefen die Dinge nicht so, wie Hunter sich das vorgestellt hatte – sein „Zebrakäfer“ wurde zu einem Urheberrechtsfall.

 

GoliathHolotyp

Bild 3: Der erste Goliathkäfer, der von europäischen Wissenschaftlern zur Kenntnis genommen wurde, wie er noch heute in der Hunter-Sammlung aufbewahrt wird. Quelle: Hancock & Douglas 2009.

 

 

Es fing damit an, dass Ende 1767 die krummen Geschäfte aufflogen, die Da Costa getätigt hatte.  Da Costa verwaltete die Aufnahmegebühren, die neue Mitglieder der Royal Society entrichten mussten – 25 Pfund pro Kopf. Neue Mitglieder konnten sich aussuchen, ob sie diese auf einmal oder in Raten zahlten. Da Costa registrierte Mitglieder, die sofort voll bezahlten, einfach als Ratenzahler und strich die überzählige Summe als eine Art zinslosen Kredit selber ein. Insgesamt entstand so ein Schaden von 1100 Pfund. Für diese Veruntreuung kam Da Costa am 9. November 1768 ins Schuldengefängnis. Er sollte erst 1772 wieder freikommen; bis dahin versuchte er vom Gefängnis aus alles, um seine Schulden zurückzuzahlen. Dafür verkaufte Da Costa nun Bücher, Schriften und Illustrationen, die sich in seinem Besitz befanden – auch jene von Harris, inklusive einiger Abbildungen des „Zebrakäfers“. Von letzteren gehörte wenigstens eine zu Abbildungen von Insekten, die Da Costa an den britischen Insektenkundler Dru Drury (1725-1804) veräußerte. Dieser nutzte die Abbildungen nun für sein Werk „Illustrations of natural history“, welches 1770 erschien. Nach dem Kauf der Druckvorlagen von Da Costa ließ Drury sich die entsprechende Abbildung des „Zebrakäfers“ auch von Harris selber noch kolorieren. Als Drurys aufwändiges Werk 1770 in London veröffentlicht wurde, enthielt es dadurch die erste publizierte Abbildung eines Goliathkäfers, mit einer Beschreibung des Tieres, aber ohne ihm einen Namen zu geben. Und Drury unterlief ein Fauxpas: Er teilte zwar kurz mit, wie der Käfer, der dem Bild zur Vorlage diente, nach England gekommen war – aber er unterließ es, im Text zu vermerken, dass Hunter der Besitzer des Käferexemplars war und nur durch seine Leihgabe überhaupt ein Bild möglich wurde.

 

Hunter erfuhr davon erst im Januar 1771, als er ein Exemplar von Drurys Werk in Händen hielt. Erfreut war er nicht gerade. Er schrieb einen Brief an Da Costa, in dem er zwar höflich und eben typisch Britisch bleibt, aber sein Unmut doch klar erkennbar ist. Vor allem stellt er klar, dass er künftig keine Geschäfte oder Vereinbarungen mehr mit Da Costa treffen würde und gibt seiner Verwunderung über Drurys Verhalten Ausdruck. Da Costa entschuldigt sich zwar später, aber man kann wohl davon ausgehen, dass Verstimmungen bleiben. Stil gilt schließlich erst recht in der Royal Society. Aber einen weiteren Nebeneffekt hatte Drurys Werk dann doch noch: Der Goliathkäfer bekam endlich seinen Namen. Drury hatte ein Exemplar seines Werkes an Carl von Linné geschickt, wie der inzwischen in den Adelsstand erhobene Linnaeus inzwischen hieß. Es war eines der ersten Exemplare, sogar noch ohne Index. Linné beschrieb 1771 dann in seinem Werk „Mantissa Plantarum Altera“, das als Anhang zur letzten Ausgabe der „Systema Naturae“ von 1768 gedacht war, neben vielen neuen Pflanzen auch den Goliathkäfer erstmals mit einem wissenschaftlichen Namen, Scarabaeus goliatus, basierend auf der Abbildung und den weiteren allgemeinen Angaben in Drurys Werk. Als Drury 1773 endlich einen Index zu seinem eigentlichen Werk vorlegte, verwies er wiederum auf den von Linné vergebenen Namen. Dieses Wechselspiel führte wiederum dazu, dass spätere Bearbeiter die Erstbeschreibung des Goliathkäfers wahlweise Drury (1770), Linné (1771) oder Drury (1773) zurechneten. Ersteres wurde zumindest zeitweise von der Nomenklaturischen Kommission (ICZN) unterstützt. Ich folge hier dem tatsächlichen Vorgang, dass Linné den Namen zuerst benutzte.

 

GoliathDrury1770

Bild 4: Die Abbildung des Goliathkäfer-Holotyps in Drurys „Illustrations of Natural History“. Quelle: Drury 1770.

 

Die Jagd nach dem zweiten Exemplar. Genau zu der Zeit, als Drury gerade im Gefängnis saß, starteten die Vorbereitungen für eine wissenschaftliche Expedition an die Westküste Afrikas. Bereits zuvor hatte Drury versucht, weitere Exemplare des Goliathkäfers zu erstehen, jedoch ohne Erfolg. Keines der anderen britischen Schiffe in westafrikanischen Gewässern brachte einen weiteren dieser großen Käfer mit. Als nun sein Freund Dr. John Fothergill, ein Physiker und ebenfalls eifriger Sammler von Insekten und Muschelschalen, den Plan fasste, eine eigene Expedition in die spanischen Kolonien an der westafrikanischen Küste zu finanzieren, ergriff Drury die Gelegenheit. Er schoss etwas Geld hinzu, ebenso wie der Botaniker Joseph Banks (1743-1820), der gerade erst von der Weltumsegelung mit James Cook zurück war. Fothergill, Drury und Banks konnten für die Expedition den Insektenforscher Henry Smeathman (1742-1786) gewinnen, der geradezu darauf brannte, ferne und noch nicht erkundete Gebiete zu erforschen.

 

Smeathmans Expedition führte ihn von 1771 an für vier Jahre die westafrikanische Küste, vor allem im Gebiet von Sierra Leone, entlang und danach nochmal für vier Jahre in die Karibik. Er sandte tausende von konservierten Insektenexemplaren zurück nach London, vor allem zu Händen von Drury, als dieser wieder auf freiem Fuß war. 1775 war unter einer Einsendung von Smeathman auch ein in Sierra Leone gefangener Goliathkäfer, der allerdings sehr viel anders aussah als das Exemplar in Hunters Sammlung. Die Flügeldecken waren großflächiger weiß gefärbt und die dunkleren Flächen waren eher schwarz als kastanienfarben. Drury freute sich sehr, endlich ein eigenes Goliathkäfer-Exemplar zu haben, dessen Bild er 1782 publizierte, wobei er bereits vermerkte, dass es vermutlich eine unbeschriebene Art war. Das Exemplar selber ist wohl verschollen, aber aufgrund der Bilder kann es einer anderen Art der Gattung der Goliathkäfer, Goliathus regius, zugeordnet werden (Goliathus regius galt eine Weile als Unterart des Goliathkäfers, ist inzwischen aber meistens als eigene Art anerkannt – die genauen Abgrenzungen von Arten und Unterarten innerhalb der Gattung Goliathus gestalten sich aber bis heute alles andere als einfach, siehe auch weiter unten).

 


Bild 5: Ein männlicher Goliathkäfer, der sich an einer Banane gütlich tut. Aufgenommen im Insektarium von Montreal. Quelle: Wikipedia.

 

Bild 6: Die Unterseite eines männlichen Goliathkäfers. Das Exemplar stammt aus der Zentralafrikanischen Republik. Quelle: Wikipedia/ Didier Descouens.

 

Groß und kompakt. Sehen wir uns den Körperbau des Goliathkäfers näher an, zunächst jenen der Imagines. Zwei Aspekte fallen direkt auf: Er ist groß und er ist ziemlich kompakt, ein wenig wie ein kleiner Panzer, der aber fliegen kann. Die Männchen sind am größten, mit einer Länge von bis zu 11 cm, während die Weibchen mit maximal 8 cm etwas kleiner bleiben. Goliathkäfer sind aber trotz ihrer Größe erstaunlich leicht. Das höchste berichtete Gewicht war ein Männchen, gefangen in Kamerun, dass bei 10 cm Länge etwa 42 Gramm wog. Allerdings wurde die Genauigkeit dieser Messung schon angezweifelt. Von frisch aus der Puppe geschlüpften Exemplaren, die dann „nur“ etwa 7 cm lang sind (manche sind sogar noch kleiner), weiß man, dass sie nur 14 Gramm wiegen, nachdem sie ihren Darm von den Abfallprodukten der Metamorphose entleert haben. Unterm Strich ist der Goliathkäfer damit zwar sehr groß – aber realistisch betrachtet nicht der größte aller Käfer, schon gar nicht nach Masse. Da gibt es noch andere Kandidaten.

 

Die Tiere sind stark gepanzert: Das erste Flügelpaar ist käfertypisch als breite, stark chitinisierte Flügeldecken oder Elytren ausgebildet und das vorderste Brustsegment (das Pronotum) bildet auf der Rückseite einen großen, gewölbten Schild aus. Der Kopf ist eine längliche, stark chitinisierte Kapsel, mit recht weit hinten liegenden Augen, vor denen nicht sehr lange, keulenförmige Fühler ansetzen. Im Vergleich zum großen Schild und dem breiten massigen Körper wirkt der Kopf vor allem bei den Weibchen relativ klein, wo er ohne weiteren Schmuck gerundet endet. Die Männchen dagegen haben noch ein nach vorne reichendes und nach oben gebogenes Y-förmiges Horn. Die Kiefer sind in Vergleich zu anderen Käfern nicht sehr kräftig entwickelt und wenig chitinisiert, typisch für Rosenkäfer (Cetoniinae). Die Beine sind kräftig, im Verhältnis zum Körper nur mäßig lang.

 


Bild 7: Bilder von ihnen sind seltener zu finden: Weibliche Goliathkäfer. Meistens scheinen die Männchen wohl spannender zu sein. Man beachte die andere Kopfform, da das Y-förmige Horn fehlt. Quelle: Borhuah Chen/ www.beetlebreeding.ch

 

 

Die Färbung ist sehr markant. Der Kopf ist weiß mit schwarzen Markierungen. Daran schließt sich das schwarze Pronotum mit einem Muster aus weißen Längsstreifen an – der Grund, warum die ersten Entdecker der Art diesen Käfer „Zebrakäfer“ nannten. Die Färbung der Deckflügel (Elytren) ist sehr variabel, daher wurden zum Teil mehrere Unterarten unterschieden. Hier eine beispielhafte Einteilung: Die Nominatform – Goliathus goliatus goliatus -, zu der auch das Exemplar aus Hunters Sammlung gehört, besitzt fast einfarbig kräftig kastanienbraune Elytren, die lediglich vorne einen helleren Rand aufweisen. Die Unterart Goliathus goliatus conspersus dagegen besitzt überwiegend weiße Elytren mit unregelmäßig geformten größeren schwarzen Flecken vorne seitlich und hinten sowie kleineren unregelmäßigen schwarzen Flecken dazwischen verteilt.  Das Muster ist bei der dritten Unterart Goliathus goliatus quadrimaculatus ähnlich, nur dass die Flecken hier nicht schwarz, sondern rötlich-braun sind und die weiße Grundfärbung noch dominanter ist. Ob schließlich  Goliathus goliatus undulus - mit ebenfalls dunkel rötlichbraune Flecken auf weißem Grund, nur ist die weiße Färbung hier weniger dominant und die Flecken wirken stellenweise wie ein unregelmäßiges Gittermuster – nicht nur eine Variation von G.g.conspersus ist, sei dahingestellt. Diese verschiedenen Musterungen weisen zum Teil noch weitere Variationen auf, was dazu führte, dass sogar noch mehr Unterarten beschrieben wurden. Eine allgemein anerkannte Einteilung gibt es nicht, zumal einige früher als Unterarten beschriebene Formen inzwischen als Arten anerkannt wurden. Erschwerend kommt hinzu, dass in einigen Regionen, etwa in Kamerun, verschiedene Variationen des Goliathkäfers im selben Gebiet im selben Lebensraum leben – und Kreuzungen dann weitere Variationen erzeugen. Außerdem berichten Privatzüchter von Goliathkäfern, dass aus einem Gelege desselben Elterntierpaares Individuen hervorgingen mit unterschiedlichen Flügelzeichnungen, wie sie oben beschrieben sind. Wüsste man nicht von ihrer gemeinsamen Herkunft, würde man diese Individuen unterschiedlichen Unterarten zuschreiben. Es scheint meines Erachtens nach daher viel wahrscheinlicher, dass die unterschiedliche Färbung der Elytren mitnichten wirkliche Unterarten des Goliathkäfers kennzeichnet, sondern eine ähnliche innerartliche Farbvariation darstellt wie zum Beispiel Haarfarben bei uns Menschen. Eine abschließende Studie dazu gibt es leider nicht. Sicher scheint zu sein, dass die Weibchen oft heller gefärbt sind bzw. mehr weiße Partien auf den Elytren haben als die Männchen. Auch mit nahe verwandten Arten gibt es – gerade in Gefangenschaft – immer wieder Hybriden mit entsprechend variablen Musterungen. Allerdings hat sich gezeigt, dass diese dann in der Regel nicht fruchtbar sind und damit die wichtigste Bedingung des biologischen Artbegriffes (aus einer Paarung müssen fruchtbare Nachkommen hervorgehen) nicht erfüllen. Unter anderem aufgrund dessen erscheint es angebracht die Arten Goliathus regius und G. orientalis zum Beispiel klar vom eigentlichen Goliathkäfer zu unterscheiden.

 

Die Elytren haben noch eine sehr spezielle Eigenschaft, die von wenigen Ausnahmen bei anderen Käfergruppen abgesehen charakteristisch für die Gruppe der Rosenkäfer (Cetoniinae) ist: Ihr Seitenrand ist auf markante Weise geschwungen. Dies ermöglicht es den Käfern ihr häutiges zweites Flügelpaar – in der Ruheposition unter den Elytren zusammengefaltet – seitlich zu entfalten und dann damit fliegen zu können, ohne dass die Elytren wie bei anderen Käferarten nach vorne und oben abgespreizt werden müssen. Die Elytren werden lediglich leicht angehoben. Die Bewegungsfreiheit des zweiten Flügelpaars bei diesem Bewegungsmanöver wird noch durch eine abgeflachte Form des Hinterleibs vergrößert. Auch Modifikationen der gelenkigen Verbindung der beiden Flügelpaare auf der Rückseite des Thorax stehen in diesem Zusammenhang. Die seitlich entfalteten häutigen Flügel haben dadurch volle Beweglichkeit und können selbst den schweren Goliathkäfer in die Lüfte heben. Die Tiere sind für ihre Größe sogar ausgesprochen gute Flieger, wie dies überhaupt auf Vertreter der Cetoniinae zutrifft. Im Flug halten die Tiere dann ihre kräftigen langen Beine ausgestreckt, quasi als Steuerorgane.

 

Bild 8: Männlicher Goliathkäfer in Flugpose. Das durchsichtige zweite Flügelpaar kann dank einer speziellen Form der Elytren zu den Seiten entfaltet werden, ohne die Elytren nach vorne abspreizen zu müssen. Es handelt sich um das gleiche Exemplar wie auf Bild 6. Quelle: Wikipedia/ Didier Descouens.

 

Bild 9: Diese abweichende Zeichnung wurde von einigen Autoren als Unterart Goliathus goliatus conspersus angesehen. Quelle: http://insects.wikia.com/wiki/Goliathus_goliatus_conspersus

 

Die Larve. Wie alle Käfer sind die Imagines beim Goliathkäfer am auffälligsten – zum Lebenszyklus gehören aber noch Larven und Puppen. Die Larven des Goliathkäfers erinnern an sehr große Engerlinge, wie wir sie hierzulande von Maikäfern kennen. Frisch geschlüpft sind sie nur wenige Millimeter groß, weißlich und haben eine gelbliche Kopfkapsel. Das Gewicht beträgt dann nur wenige Gramm. Sie wachsen allerdings zu einer beeindruckenden Größe heran und weisen zu den Engerlingen anderer Käfer der Familie der Scarabaeidae auch deutliche Unterschiede auf.

 

Insgesamt durchläuft die Larve des Goliathkäfers drei Stadien, bezeichnet als L1, L2 und L3. Dabei legt sie beträchtlich an Größe zu und wird immer massiger. Die dunkel gefärbte Kopfkapsel trägt  zwei gut entwickelte Einzelaugen (hier als Stemmata bezeichnet) und kurze seitliche Fühler. Die Stirnplatte des Kopfes ist von einer rauen Oberflächenskulptur. Bemerkenswert sind die kräftigen Kiefer: Die Mandibeln der Larven sind viel kräftiger ausgebildet als bei den Imagines. Sie sind leicht gebogen und besitzen im vorderen Bereich drei kräftige Zacken. Die Mandibeln besitzen auch ein kleines ovales Feld feiner gezähnelter Reihen nahe ihrer Basis, bei der linken Mandibel auf der Unterseite, bei der rechten auf der Oberseite. Mit diesem Feld können sie tatsächlich Geräusche hervorbringen, mutmaßlich um Feinde zu erschrecken (dieser Punkt der Lebensweise der Tiere ist kaum untersucht).

 


Bild 10: Eine Goliathkäfer-Larve des Stadiums L1. Quelle: Daniel Ambühl /www.hirschkaefer.ch

 

An die Kopfkapsel schließt sich der Thorax-Bereich der Larve an, bestehend aus drei Segmenten wie bei den Imagines. Das erste Segment trägt eine größere seitliche verhärtete Platte, außerdem besitzt jedes Thorax-Segment beidseits ein großes ovales sogenanntes Spiraculum, die Atemöffnung für das innere Tracheensystem. Da die Farbe der Thorax-und Hinterleibssegmente der Larve gelblich-bleich ist, fallen die Atemöffnungen sofort als dunkle Flecken auf. Die drei Thoraxsegmente tragen genau wie bei den Imagines als einzige segmentierte Beine. Diese sind zwar kräftig, aber nicht sehr lang, wobei das vorderste Paar am kürzesten ist. Die Beine besitzen als Endglieder allerdings sehr kräftige Klauen. Die Hinterleibssegmente sind den Thorax-Segmenten oberflächlich sehr ähnlich, tragen allerdings keine Beine, dafür einen dichteren Borstenbesatz, vor allem auf der Unterseite. Die Färbung ist auch hier weißlich bis gelblich. Das letzte Larvenstadium, L3, besitzt 8 Einzelsegmente und ein dickeres Endglied, welches aus den mehr oder weniger fusionierten Segmenten 9 und 10 besteht. Ein bemerkenswerter Umstand ist typisch für den Goliathkäfer und seine nächsten Verwandten der Gattung Goliathus: Bei aller optischen Ähnlichkeit der Larven mit einem mitteleuropäischen Engerling, so weisen die Larven doch eine gestreckte Haltung des massigen, walzenförmigen Körpers auf – eher an eine Raupe erinnernd. Die für Engerlinge typische C-Haltung nimmt der Körper erst an, wenn die Larve tot ist, vielleicht der einzige Hinweis, dass die gestreckte Haltung sekundär in der Evolution dieser Art erlangt wurde.

 

Die Larven werden im letzten Stadium bemerkenswert groß. Sie erreichen dann Längen bis zu 15 cm und sollen – einigen Berichten zufolge – bis zu 110 Gramm an Gewicht erreichen. Damit sind die Larven des Goliathkäfers so groß wie eine kleine Maus. Daraus gehen allerdings nicht annährend so massereiche Käfer hervor: Bei der Metamorphose im Puppenstadium wird viel davon verstoffwechselt und dann nach dem Schlupf des Imago mit dem ersten Kot ausgeschieden. Ein frisch geschlüpftes  Imago hat daher später vielleicht die Hälfte der Masse des letzten Larvenstadiums. Die Puppe selber zeichnet bereits in Form einer fast starren Hülle die grundlegenden Formen des Körpers der Imagines nach und ist mehr oder weniger bernsteinfarben.

 

L3LarvaeGgoliatus

Bild 11: Eine Larve des Stadiums L3 des Goliathkäfers. Da sie tot ist, hat der Körper die gekrümmte C-Form angenommen, die aber nicht die natürliche Lebendhaltung der Larve darstellt. Der kleine Maßstab oben links entspricht 1 mm. Quelle: Vendl & Šípek 2016.

 

GoliathLarvaeMouse

Bild 12: Die Larve eines Goliathkäfers direkt neben einer Maus…Quelle: Acorn 2006.

 

Aus dem Leben großer Käfer. Die Lebensweise des Goliathkäfers umfasst immer noch viele wenig verstandene Aspekte. Viele Beobachtungen wurden nicht in freier Wildbahn gemacht, sondern in Gefangenschaft, häufig von privaten Haltern. Inzwischen gibt es in Europa, den USA und Japan eine durchaus beachtliche Zahl von Käferliebhabern, die in Terrarien privat Goliathkäfer halten und züchten und ihre Erkenntnisse freundlicherweise auch häufiger auf Blogs veröffentlichen. Inzwischen gibt es sogar Fälle, wo Wissenschaftler Studien an im Labor gehaltenen Goliathkäfern und deren Larven durchführten, um vorher anekdotische Berichte von Privathaltern zu überprüfen. Dies eröffnete zum Beispiel neue Einsichten in die Lebensweise der Larven. Mehr dazu im Detail unten.

 

Schauen wir uns zunächst den natürlichen Lebensraum der großen Käfer an. Hier sind Goliathkäfer anscheinend nicht sonderlich zimperlich. Man findet sie ebenso in den dichten Regenwäldern des Kongobeckens, wie in den Sekundärwäldern im Einzugsbereich von Siedlungen als auch in den offeneren Baumsavannen, die an den Rändern der dichteren Waldgebiete liegen. Wichtig ist für Goliathkäfer ein warmes Klima und ausreichend Baumbestand, dass es Totholz gibt. Die Imagines sind gute Flieger und können sich damit entsprechendes Terrain gut erschließen. Die Imagines des Goliathkäfers sind überwiegend nachtaktiv. Tagsüber hocken sie an versteckten Stellen von Baumstämmen, oft zu mehreren. Nachts ziehen sie dann los, entweder krabbelnd oder fliegend, und suchen Bäume mit verletzten Stämmen oder Ästen auf, wo sie den austretenden Saft schlürfen. Besonders häufig suchen die Käfer dabei Palmen auf, deren Saft besonders proteinhaltig ist. Auch Früchte ziehen die Tiere an, deren Saft für sie ebenfalls sehr schmackhaft ist. In Gefangenschaft werden die Käfer auch fast überwiegend mit aufgeschnittenen Früchten gefüttert. Wie gut die Goliathkäfer fliegen können mag übrigens folgendes Beispiel illustrieren: Es gibt Berichte aus den 1950er Jahren aus Zentralafrika, dass die Kinder dort sich gerne Goliathkäfer fingen und mit einer Schnur an einem Bein festbanden. Dann ließen sie die Tiere fliegen, um sich an dem lauten Brummgeräusch der Flügel zu erfreuen, wenn die Käfer wegen der befestigten Schnur nicht vom Fleck kamen.

 

GoliathSubspecies

Bild 13: Goliathkäfer mit dieser Zeichnung werden häufig als Unterart G. goliatus quadrimaculatus angesehen. Es ist ein Männchen. Länge: 9,6 cm. Quelle: http://goliathus.net/dried-section.html

 

GoliathSubspecies2

Bild 14: Eine weitere Farbvariation des Goliathkäfers. Genau wie das vorige Exemplar stammt auch dieses aus Kamerun. Es ist etwas kleiner, mit 8,4 cm, auch hierbei handelt es sich um ein Männchen. Quelle: http://goliathus.net/dried-section.html

 

 

Stark ausgeprägt ist die Konkurrenz der Männchen um die Weibchen. Mit ihren Y-förmigen Hörnern kämpfen die Männchen erbittert um diese. Der Gewinner solcher Duelle kann sich schließlich mit dem Weibchen paaren. Große Romantik ist nicht gerade Goliathkäfer-Sache – da geht es rüde zu, der stärkere Schläger macht quasi das Rennen. Die Käfer sind extrem stark – unter Terrarienbesitzern kursiert nicht umsonst der Tipp, die Abdeckungen des Terrariums zu beschweren oder anderweitig zu sichern, weil die Käfer diese sonst anheben können.

 

Entwicklungszyklus: Die Geheimnisse der Larven. Nach Beobachtungen an Goliathkäfern in Terrarienhaltung zu urteilen, können die Weibchen hunderte Eier legen – meistens einzeln oder in kleineren Grüppchen über einen Zeitraum von mehreren Tagen verteilt. Zwischen der Paarung und dem Beginn der Eiablage können aber mehrere Wochen vergehen. Die Eier werden vom Weibchen in kleinen verklebten Klumpen in feuchtem, mit Pflanzenresten durchsetztem Erdboden vergraben. Dazu graben die weiblichen Käfer Tunnel etliche Zentimeter tief senkrecht in das Substrat, die auch manchmal hinter ihnen zusammenbrechen. Rund um die Eier formen die Weibchen dann eine Art Kapsel aus festgepresster Erde, innerhalb derer die Eier halbwegs geschützt sind. Die Eier sind zuerst länglich, werden mit der Reifung größer und rundlicher. Insgesamt sind sie nur wenige Millimeter groß. Ihre Entwicklung dauert knapp zwei Wochen, zumindest bei geeigneten Temperaturen. Aus Erfahrungen von Terrarienbesitzern weiß man, dass die Reifungsprozesse in den Eiern bei unter 21° Celsius aufhören – und nicht immer erholen sich die Eier von einem solchen Temperaturschock. Ähnliches gilt zumindest zu einem gewissen Umfang auch für die Larven.

 

Die Larven leben nach dem Schlüpfen im Erdboden weiter, wo sie sich lange Gänge graben. Lange nahm man an, dass sie sich von toten Holz-und Pflanzenteilen ernähren würden, wie man es von vielen anderen Rosenkäferartigen und europäischen Engerlingen kennt. Züchter von Goliathkäfern, die seit einigen Jahren recht erfolgreich die Art auch in Gefangenschaft züchten, berichteten jedoch davon sehr abweichende Dinge: So gediehen die Larven nur dann gut, wenn man ihnen auch große Mengen Proteine in Form von Pellets oder sogar Katzenfutter hinzu gab. Auch beobachteten manche Käferhalter kannibalistisches Verhalten der Larven: Schon L1-Larven fraßen andere Eier auf, größere Larven vertilgten andere kleinere Larven. Diese Beobachtungen gaben tatsächlich Anlass zu einer 2016 erschienen Studie, in der die beiden tschechischen Zoologen Tomáš Vendl und Petr Šípek nicht nur zum ersten Mal das Larvenstadium L3 des Goliathkäfers ausführlich beschreiben, sondern auch experimentell testeten, bei welcher Nahrungszusammensetzung die Larven am besten gediehen. Dabei zeigte sich tatsächlich, dass die Larven unbedingt Proteine in Qualität und Mengen brauchten, die sie eigentlich nur durch den Verzehr tierischer Nahrung bekamen. Zusammen mit den erstaunlich kräftigen Mandibeln und Beinklauen und der sehr gestreckten Haltung bei den lebenden Larven, vermuten die beiden Forscher daher, dass Goliathkäfer-Larven in freier Wildbahn vermutlich zumindest teilweise räuberisch leben – und zum Beispiel andere Käferlarven fressen. Der Beweis direkter Beobachtung im Freiland steht allerdings noch aus. So illustriert diese Frage sehr schön, wie wenig wir eigentlich von dem Leben dieser Tiere in freier Wildbahn wissen.

 

Am Ende ihrer Entwicklung stellen die Larven das Fressen ein und begeben sich auf die Suche nach einem geeigneten Platz in der Erde, um sich eine Art Kapsel zu bauen. Diese Suche kann Tage dauern. Die Larven brauchen zum Beispiel die richtige Erde – nicht zu feucht, nicht zu trocken, halbwegs schon leicht zusammenpappend. Die eigentliche Arbeit an der mehr oder weniger ei-bis kugelförmigen Kapsel dauert dann dennoch mehrere Tage. Die Larve presst dafür Erde zusammen und verklebt sie zusätzlich noch mit einem selbst hergestellten Sekret. Am Ende ist die Larve komplett von der so gebildeten Kapsel aus festgedrückter und verklebter Erde eingehüllt. Hier häutet sie sich das letzte Mal als Larve – aus der Larve kriecht das Puppenstadium, das ja im Groben bereits die Körperform des späteren Imagos aufweist. Dieses schlüpft nach der notwendigen Reifezeit noch in der Kapsel und ruht in dieser dann noch einige Zeit, bis der Panzer und die Elytren ausgehärtet sind. Erst danach kriechen die erwachsenen Käfer an die Oberfläche.

 

Bild 15: Die Puppe eines Goliathkäfers. Quelle: Daniel Ambühl/ www.hirschkaefer.ch

 

Bild 16: In solchen Kapseln verpuppen sich die Goliathkäfer. Quelle: Daniel Ambühl/ www.hirschkaefer.ch

 

 

Dieser Zyklus weist mit Sicherheit in freier Wildbahn halbwegs feste Zeiten auf. In Gefangenschaft können die Käfer bei guten Bedingungen relativ flott gedeihen – die Larvenphase dauert dann meist ein paar Monate, die Puppenphase ein paar Wochen und die Imagines leben auch wenigstens einige Monate, manchmal bis zu einem Jahr. Wie die Experimente von Vendl und Šípek zeigten kann bei unzureichender Ernährung die Larvenphase auch stark in die Länge gestreckt werden – die Tiere wachsen weniger schnell und scheinen auch später bereit zur Verpuppung zu werden, wenn überhaupt (manche sterben auch, wenn die Bedingungen zu ungenügend sind). Ähnlich wie bei vielen anderen Insektenarten scheinen Ernährungslage und Umgebungstemperatur die Dauer der Larvenentwicklung beeinflussen zu können. Nur: was sagt das über den natürlichen Rhythmus dieser Art in freier Wildbahn aus? Dazu gibt es nur wenige Erkenntnisse.

 

Es scheint zum Beispiel so zu sein, dass die Schlupfzeiten der erwachsenen Goliathkäfer mit dem Wechsel von Trocken-und Regenzeit in weiten Teilen seines Verbreitungsgebietes zusammenhängen. Die Verpuppung selber scheint mit dem Einsetzen der Trockenheit zusammenzufallen. Die Puppenphase selber dauert wohl nur etwas über zwei Monate, doch die frisch geschlüpften Käfer ruhen dann noch einige Zeit, zum Teil wohl 3 bis 4 Monate, bis wieder feuchtes Wetter einsetzt. Woran genau die Käfer das im Erdreich merken ist wenig erforscht – eventuell an eindringendem Wasser, allgemeiner Luftfeuchtigkeit oder dem Luftdruck. Erst dann kommen sie an die Oberfläche. Es scheint unklar zu sein, wie genau vorher die Larvenzeit damit getaktet ist. Wenn die Imagines am Anfang der Regenzeit die Eier legen, hätten die Larven tatsächlich ein Jahr Zeit zu wachsen, sich zu verpuppen und zum Käfer zu werden. Die Regenzeit dauert aber auch einige Monate in vielen Bereichen des Verbreitungsgebietes des Goliathkäfers – wenn die Larve aus einem später gelegten Ei schlüpft, könnte der Zeitplan eng werden. Es ist aber unklar, ob die Larven dann einfach erst die übernächste Regenphase zum Käfer werden, also anderthalb bis zwei statt einem Jahr brauchen. Im Westen des Verbreitungsgebietes jedenfalls sind die Trocken-und Regenzeiten deutlich anders verteilt als im Osten oder in der Mitte. An der Atlantikküste ist die Regenzeit eher von Mai bis Oktober. In Teilen des Kongobeckens ist der Unterschied zwischen beiden Wetterperioden wesentlich schwächer ausgeprägt. Und im Süden und Südosten des Verbreitungsgebietes ist der zeitliche Ablauf zwischen beiden Perioden fast genau vertauscht (weil diese Regionen südlich des Äquators liegen). Es wird daher vermutet, dass der entsprechende Entwicklungszyklus des Goliathkäfers den regionalen Wetterabläufen angepasst ist. Sollte dies zutreffen, wäre dies möglicherweise auch eine Achillesferse für diese Art, wenn es zu Klimaänderungen kommt. Schon jetzt wird in einigen Gebieten Westafrikas für den regionalen Rückgang an der Goliathkäferpopulationen der zunehmend unzuverlässige Zyklus von Trocken-und Regenzeiten verantwortlich gemacht. In der jüngeren Vergangenheit blieben die Regenzeit öfter aus, setzten später ein oder waren kürzer als üblich. Inwiefern dies eine möglicherweise noch normale Schwankung ist, die sich mit der Zeit wieder in einem verlässlicheren Rhythmus einpendelt, oder ob es sich wirklich um eine der ersten Folgen des vom Menschen verursachten Klimawandels handelt, ist unklar.

 

Bild 17: Dieses Weibchen mit einer Länge von nur 4,8 cm zeigt einmal mehr eine Farbvariation. Quelle: Daniel Ambühl / www.hirschkaefer.ch

 

Goliathkäfer als Ware. Der Goliathkäfer gehört zu jenen Käferarten in Afrika, die auch eine gewisse Bedeutung im Handel haben. Es hat sich längst bis Afrika herumgesprochen, dass diese großen Käfer begehrt sind bei Insektensammlern in aller Welt und – in jüngerer Zeit – auch bei Terrarienbesitzern. Es ist ein großer Markt, der von Käfersammlern direkt vor Ort bedient wird. 2012 stellte ein Forscherteam um Fogoh John Muafor vom Forstwirtschaftsministerium in Kamerun eine Untersuchung dazu vor, für die man im Südwesten Kameruns Daten erhoben hatte.

 

Die Forscher waren beeindruckt von der weiten Verbreitung des Käferhandels. In vielen Dorfgemeinschaften der untersuchten Distrikte bildete der Käferhandel ein weit verbreitetes Zweiteinkommen der dortigen Menschen, vor allem jener, die landwirtschaftlich tätig waren. In den meisten Ortschaften verschafften sich so zwischen 15 und 20 % der Haushalte ein Zubrot, in einigen Ortschaften aber sogar mehr als 50 bis 60 % der Haushalte. Goliathkäfer waren dabei nicht die einzigen großen, exotischen Käfer der Region, die gehandelt wurden. Für Goliathkäfer belief sich der Preis zwischen umgerechnet rund 14 Dollar und über 150 Dollar das Stück -  je nach Farbvariante (sprich: vermeintlicher Unterart). Die Menschen vor Ort sammelten die Goliathkäfer meistens indem sie in der Nacht oder im Morgengrauen Bäume mit Stäben durchschüttelten, an denen die Käfer saßen. Wenn die Käfer dann herunterfielen, sammelten sie sie einfach auf. Haltbar wurden die Käfer dann durch Einspritzung von Alkohol gemacht, mit einer anschließenden Trocknung an der Sone von 30 Minuten Dauer. Anschließend verkauften sie die Käfer an Händler, die den Export außer Landes übernahmen. In einigen Fällen gab es auch Zwischenhändler, die sich allein auf den Erwerb der gesammelten Käfer und ihren Wiederverkauf an die Exporthändler spezialisiert hatten. Ein Faktor jedoch wurde von Muafors Team als sehr kritisch bewertet: Es gab keinerlei staatliche Aufsicht oder Regulierung über den Käferfang und den Käferhandel. Einige der Arten standen theoretisch unter Schutz, aber richtig illegal war dieser Nebenerwerb der Menschen ebenso wenig wir richtig legal. Der Handel selber lief unter der Hand ab und der Export über die Grenze fand heimlich statt, ohne Abgaben beim Zoll. Den Forschern zufolge hatte das Fehlen jeder staatlichen Richtlinie und Kontrolle auf diesen Handel verschiedene negative Folgen.

 

Zum einen für den Staat selber: Ihm entgingen wichtige Einnahmen durch eine potentiell mögliche Besteuerung und Zollabgaben. Es wäre daher für die Regierung Kameruns durchaus von Interesse den Handel mit den Käfern zwar nicht zu verbieten, wohl aber zu regulieren. Auf der anderen Seite wäre eine Regulierung auch für den Artenschutz von unbestreitbarem Vorteil – eigentlich der Punkt, der für Muafor und seine Kollegen offenkundig der eigentlich wichtigste war. Durch fehlende Regulierungen gab es auch keinerlei Aufsicht über Ausmaß und Intensität des Käfersammelns. Oder ob dabei schonende Methoden angewandt wurden: Um immer neue Sammelareale zu erschließen wurden Schneisen in den Wald geschlagen oder Teile des Waldes abgebrannt. Insgesamt hatte es bereits den Anschein, als wenn zumindest bei Arten wie dem Goliathkäfer die Bestände mindestens lokal rückläufig waren aufgrund der Ausbeutung für die Begierden ausländischer Käfersammler.

 

GgoliatusKamerunTree

Bild 18: Diese beiden Goliathkäfer sitzen sogar am Tage an einem Baumstamm, aus dem Pflanzensaft austritt. In Kamerun haben manche Farmer ihre speziellen Bäume, an denen sie entsprechende Stellen offenhalten, um die Käfer anzuziehen und dann besser fangen zu können. Quelle: Muafor et al. 2012.

 

BeetlerCatcher

Bild 19: Ein einheimischer Käfersammler in Kamerun, mit einem frisch aufgesammelten Goliathkäfer in der Hand. Quelle: Muafor et al. 2012.

 

Noch ist der Goliathkäfer nicht offiziell vom Aussterben bedroht, aber lokale massive Sammelaktivität kann sicherlich dieser Art zusetzen – vor allem im Zusammenhang mit zunehmenden unregelmäßigen Klimaschwankungen, welche die Larven in ihrer Entwicklung beeinträchtigen mögen, und der allgemeinen Vernichtung geeigneter Lebensräume durch immer neue Erschließung früherer Waldgebiete für Infrastruktur und Landwirtschaft. Auch wenn das Tier ein guter Flieger ist, dürfte es eine zunehmende Fragmentierung seiner Lebensräume nur bis zu einem gewissen Grad verkraften können. Um aber wirklich zu verstehen, wieweit der Goliathkäfer menschliche Eingriffe in seinen Lebensraum und seine Populationen tatsächlich verkraften kann, wird man künftig erst noch die Biologie dieser Art näher erforschen müssen – im Freiland, nicht nur im Terrarium.

 

 

Literatur.

 

Acorn, J. 2006. The World’s Biggest Bug is a Grub. – American Entomologist 52: 270-272.

 

Clausen, L.W. 1954. Insect Fact and Folklore. Macmillan Co., New York.

 

Croizat, L. 1994. Observations on the biogeography of the genus Goliathus (Insecta: Coleoptera). – Kirkia 15: 141-155.

 

Douglas, A.S. & Hancock, E.G. 2007. Insect collecting in Africa during the eighteenth century and William Hunter’s collection. – Archives of natural history 34: 293-306.

 

Drury, D. 1770. Illustrations of natural history. Volume 2. London.

 

Hancock, E.G. & Douglas, A.S. 2009. William Hunter’s Goliath beetle, Goliathus goliatus (Linnaeus, 1771), re-visited. – Archives of natural history 36: 218-230.

 

Le Gall, P. 2010. Affinités biogéographiques des Insectes du “Dahomey gap”: presence d’une population de Goliathus goliatus Linné, 1771, au Bénin (Coleoptera, Scarabaeidae, Cetoniinae). – Bulletin de la Société entomologique de France 115: 17-21.

 

Muafor, F.J. & Le Gall, P. 2012. Beetle Trade in South West Cameroon. A preliminary study report. Yaoundé, Kamerun.

 

Muafor, F.J., Levang, P., Angwafo, T.E. & Le Gall, P. 2012. Making a living with forest insects: beetles as an income source in Southwest Cameroon. – International Forestry Review 14: 314-325.

 

Šípek, P., Fabrizi, S., Eberle, J. & Ahrens, D. 2016. A molecular phylogeny of rose chafers (Coleoptera: Scarabaeidae: Cetoniinae) reveals a complex and concerted morphological evolution related to their flight mode.- Molecular Phylogenetics and Evolution 101: 163-175.

 

Vendl, T. & Šípek, P. 2016. Immature stages of giants: morphology and growth characteristics of Goliathus Lamarck, 1801 larvae indicate a predatory way of life (Coleoptera, Scarabaeidae; Cetoniinae). – ZooKeys 619: 25-44.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Goliathkäfer

https://en.wikipedia.org/wiki/Goliathus_goliatus

http://eol.org/pages/290830/overview

http://goliathus.net/dried-section.html

http://www.hirschkaefer.ch/TB-Cetoniden/goliathusgoliatus.htm

http://insects.wikia.com/wiki/Goliathus_goliatus

http://www.naturalworlds.org/goliathus/manual/Goliathus_breeding_1.htm