Pirats Bestiarium: Weidenbohrer (Cossus cossus)

Insekten

 

Weidenbohrer (Cossus cossus (Linnaeus, 1758))

 

 

Namensbedeutung

Linnaeus beschrieb den Weidenbohrer zuerst als Phalaena cossus. Der Gattungsname leitete sich vom altgriechischen „phálaina“ ab, welches ursprünglich sowohl Nachtfalter als auch Wal bedeuten konnte. Hier nutzte Linnaeus es eindeutig in der ersteren Bedeutung und fasste in dieser Gattung die meisten damals bekannten Nachtfalter zusammen. Der Artname cossus bezeichnet im Lateinischen im Holz lebende Raupen – in diese Kategorie fallen auch die Raupen des Weidenbohrers. Einer von Linnaeus‘ Schülern, Johann Christian Fabricius, erkannte bei seinen eigenen Forschungen, dass die Gattung Phalaena viel zu weit gefasst war. Bereits Linnaeus hatte innerhalb der Gattung mehrere Untergruppen erkannt, die Fabricius nun als eigene Gattungen einführte. Eine davon war im Jahre 1793 Cossus, der schließlich auch der Weidenbohrer zugeordnet wurde, wodurch der nicht sehr einfallsreiche Doppelname dieser Art entstand.

 

 

Synonyme

Bombyx unguiculatus, Cossus aceris, Cossus araraticus, Cossus balcanicus, Cossus chinensis, Cossus cosso, Cossus giganteus, Cossus ligniperda, Cossus lucifer, Cossus nigra, Cossus stygianus, Cossus subnigra, Phalaena cossus.

 

Verwandtschaftsbeziehungen

Animalia; Eumetazoa; Bilateria; Protostomia; Ecdysozoa; Panarthropoda; Arthropoda; Euarthropoda; Mandibulata; Pancrustacea; Hexapoda; Insecta; Dicondylia; Pterygota; Metapterygota; Neoptera; Eumetabola; Holometabola; Panorpida; Amphiesmenoptera; Lepidoptera; Glossata; Coelolepida; Heteroneura; Eulepidoptera; Ditrysia; Apoditrysia; Cossoidea; Cossidae; Cossinae; Cossus.

 

 

Nach dem Erdbeerbaumfalter (Charaxes jasius) ist der Weidenbohrer nun der zweite Schmetterling, der hier vorgestellt wird. Allerdings sind beide nicht sonderlich nahe verwandt: Während der Erdbeerbaumfalter nach bisherigem Stand vor allem der molekularbiologischen Forschung zu der großen vielgestaltigen Kronengruppe der Obtectomera gehört, zweigte die Linie zum Weidenbohrer etwas früher ab: Die Cossoidea bilden zusammen mit den Sesoidea und den Zygaenoidea vermutlich die basalere Schwestergruppe zu den Obtectomera. Wie genau Cossoidea, Sesoidea und Zygaenoidea jedoch zueinander stehen ist noch nicht genau aufgelöst; die Schmetterlingsfachleute sprechen intern häufig einfach vom CSZ-Taxon. Die Feinheiten der internen Taxonomie der Cossoidea und hier vor allem auch der Holzbohrer (Cossidae) sind bis heute Gegenstand ständiger Überarbeitungen - auch deshalb, weil manche Arten oder Unterarten fast nur an den Feinheiten der Genitalien-Anatomie unterschieden werden können.

 

Verbreitung

Der Weidenbohrer ist in mehreren Unterarten über weite Teile Eurasiens verbreitet. Die Nominatform C.c.cossus kommt auf den Britischen Inseln, in praktisch ganz Skandinavien, in Westeuropa südlich bis zu den Pyrenäen, in ganz Mitteleuropa, Italien, auf Korsika, Sardinien und Sizilien, in ganz Osteuropa und auf dem Balkan vor. In den Alpen ist ein Vorkommen bis in 1500 m Höhe dokumentiert. Im Osten erstreckt sich die Verbreitung der Nominatform bis weit nach Sibirien hinein, östlich bis rund um den Baikalsee. Andere mehr oder weniger anerkannte Unterarten haben kleinere Verbreitungsgebiete:

 

C. c. albescens ist in Spanien weit verbreitet.

C. c. araraticus ist aus dem Kaukasus und dem nördlichen Iran bekannt.

C. c. armeniaca ist im anatolischen Hochland anzutreffen.

C. c. chinensis hat den Makel eines ungenügend latinisierten Namens (der Verweis auf China müsste eigentlich korrekt als „sinensis“ geschrieben werden), aber die Prioritätsregel konserviert auch solche Schreibfehler. Jedenfalls kennt man die Unterart aus Teilen des zentralen China am Mittellauf des Huang He (bei uns besser bekannt als Gelber Fluss) und von der nordöstlichen Küstenprovinz Shandong.

C. c. dauricus wurde 2007 aus dem mongolisch-russischen Grenzgebiet östlich des Baikalsees beschrieben.

C. c. dersu wurde 2009 beschrieben und ist bisher – sofern die Klassifizierung stimmt – nur von einer Lokalität nahe Wladiwostok im russischen Fernen Osten bekannt.

C. c. desertus kennt man aus dem Grenzgebiet der nordwestchinesischen Provinz Xinjiang und der Mongolei.

C. c. gueruenensis wurde nur aus einem kleinen Gebiet in der südlichen Türkei beschrieben.

C. c. kopetdaghi wurde erst 2009 aus dem Grenzgebiet von Iran und Turkmenistan beschrieben.

C. c. kossai hat sein Verbreitungsgebiet vom Libanon über Syrien und das nördliche Jordanien bis in den zentralen Irak.

C. c. lucifer kennt man zwar schon seit 1891, aber bekannt ist die Unterart bisher nur von einem nicht sehr ausgedehnten Gebiet in Zentralchina.

C. c. omrana ist über den größten Teil des Iran und im nordöstlichen Irak verbreitet.

C. c. tianshanus soll Populationen in den bergigen Regionen des südöstlichen Kasachstan, Tadschikistans, des östlichen Kirgisiens und Usbekistans und des nordwestlichsten Chinas umfassen.

C. c. uralicus umfasst die Populationen entlang des Uralflusses im westlichen Kasachstan und den angrenzenden russischen Grenzgebieten.

Nicht näher einer Unterart zugeordnete Weidenbohrer wurden auch aus Marokko, Algerien, Israel und Kaschmir beschrieben. Wahrscheinlich ebenfalls dem Weidenbohrer zuzurechnende Falter kennt man aus dem zentralen Kasachstan, Japan, der Mandschurei und weiten Teilen des nördlichen und zentralen Chinas und vielleicht sogar aus dem Grenzgebiet der südchinesischen Provinzen Yunnan und Sichuan.

Die aus Bulgarien, Mazedonien und Albanien beschriebene Art C. balcanicus ist von der Nominatform des echten Weidenbohrer kaum zu unterscheiden und stellt vermutlich eine gelegentlich auftretende Hybridform mit einer anderen im selben Gebiet vorkommenden Holzbohrer-Art dar.

Eine sehr ähnliche Falterform in Afghanistan, zuerst als C. c. afghanistanus beschrieben, muss nach Erkenntnissen russischer Forscher als eigene Art gesehen werden, Cossus afghanistanus.

 

 

CcossusDistribution

Bild 1: Die Verbreitung der verschiedenen Unterarten des Weidenbohrers und ausgewählter naher Verwandter, die zeitweise als Unterart geführt wurden. Auch nicht mit letzter Sicherheit zugeordnete Populationen werden gezeigt. Vergleiche Angaben hier im Text. Quelle: Yakovlev 2009.

 

Gut getarnt: Die Falter

Der Weidenbohrer gehört zu den größeren Nachtfalterarten unserer Breiten und wie die meisten davon sind die Imagines, also die ausgewachsenen Falter, gut getarnt. Daher fallen sie in unserem Alltag auch kaum auf, obwohl die Art regional relativ häufig auftreten kann.

Es handelt sich beim Weidenbohrer um einen Falter mit dickem, fast plumpem Körper. Der Thorax (Brustbereich) ist mit dickem Pelz bedeckt, auch Kopf und Hinterleib weisen pelzartige Borsten und Schuppen auf. Die Männchen sind etwas kleiner, meist mit einer Flügelspannweite von 6,5 bis 7 cm. Die Weibchen werden dagegen größer und haben eine Flügelspannweite von 8 cm, in Einzelfällen von bis zu 9,6 cm. Der Kopf ist verhältnismäßig klein, besitzt gleichwohl ein Paar gut entwickelter Augen und ein paar länglicher Fühler. Diese sind bei den Männchen durch feine Verzweigungen ein wenig verbreitert, fast wie schmale Federn. Wenn die Tiere an Baumstämmen sitzen sind die Fühler zum Schutz nach hinten an den Körper angelegt. Der Saugrüssel der Weidenbohrer dagegen ist nur noch als rudimentäres, nutzloses Relikt erhalten – die Tiere fressen als Imagines tatsächlich nicht mehr. Beide Flügelpaare sind groß und breit. In der Ruhehaltung werden sie dachartig nach hinten übereinander gelegt und verdecken dann den Hinterleib. Dann ist nur die Oberseite der Vorderflügel zu sehen.

Die vorherrschenden Farben beim Weidenbohrer sind braun, grau und schwarz. Die Weibchen besitzen oft die etwas kräftigere Färbung. Der Hinterleib ist kräftig hell und dunkelgrau gebändert. Der Kopf ist meistens hellbraun gefärbt, während die Oberseite des Brustabschnitts von dunklerem grau oder braun ist. Nach hinten wird die Färbung des Thorax etwas heller und dann durch ein schwarzes und ein hellbraunes Band abgeschlossen und zum Hinterleib hin abgesetzt. Dieses schwarz-hellbraune Doppelband (das Hellbraun kann auch fast gelblich wirken) ist in seiner Ausprägung relativ variabel, nicht zuletzt zwischen den Unterarten. Das schwarze Band kann schmaler oder breiter sein, manchmal auch eher eine Abfolge von Flecken. Die Oberseite der Vorderflügel besitzt eine grau-braun marmorierte Grundfärbung. Je nach Unterart kann die Intensität der braunen Abschnitte etwas stärker oder schwächer sein. Häufig bildet der braune Bereich ein unscharf begrenztes dunkleres Querband. Außerdem gibt es ein unregelmässiges Muster von dunkelgrauen bis schwarzen Querstrichen, die vor allem im körpernahen Bereich der Flügel oft nur sehr kurz sind, während im mittleren oder äußeren Bereich ein schwarzer unregelmässig geformter Strich fast über die ganze Breite des Flügels reicht. Feiner schwarze Striche können außerdem nahe dem äußersten Flügelrand zu einer Art wabenartigem Muster zusammenlaufen. Die Ausprägung dieser feinen schwarzen Strichmusterung ist ebenfalls von Population zu Population variabel. Die Hinterflügel sind von ähnlicher Färbung und Musterung, nur schwächer ausgeprägt als bei den Vorderflügeln.

Muster und Färbung der Flügel bilden eine hervorragende Tarnung wenn der Weidenbohrer auf Baumrinde sitzt. Die Muster löst die Formen des Schmetterlings auf und verbindet sich mit seinen Grundfarben mit der Färbung der meisten Baumrinden, vor allem wenn diese von Flechten bewachsen ist. Es ist die einzige Abwehr, die ein Weidenbohrer hat – nicht entdeckt zu werden. Zumindest so lange nicht, bis er sein einziges Lebensziel erreicht hat.

 


Bild 2: Eine Imago des Weidenbohrers. Quelle: Wikipedia.

 

Bild 3: Dieses aufgespießte Exemplar eines Weidenbohrers in einer Sammlung zeigt die Flügel ausgebreitet. Dadurch ist hier auch der Hinterleib sichtbar. Quelle: Wikipedia.

 

Immer der Nase nach

Die Imagines des Weidenbohrers treten je nach Region des Verbreitungsgebietes zu unterschiedlichen Zeiten zwischen April und August auf. Auf den Britischen Inseln zum Beispiel sind die Imagines meist in den Monaten Juni und Juli aktiv, in Mitteleuropa treten sie ab Mai auf und finden sich selten bis Ende August. Man findet sie in Laub-und Mischwäldern, Parkanlagen und Gärten, Hauptsache es gibt genügend Bäume, in denen später die Larven leben können.

In dieser Zeit fressen die Tiere nicht mehr. Sie können es ja nicht mehr, weil ihr Saugrüssel reduziert ist. Die Imagines haben eigentlich nur einen Auftrag: Einen Partner finden und sich fortpflanzen. Sie sind streng nachtaktiv. Tagsüber hocken sie auf Baumstämmen und Felsen und vertrauen auf ihre Tarnung, nachts fliegen sie umher. Zur allgemeinen Navigation nutzen sie ihre Augen. Die Komplexaugen des Weidenbohrers haben – wie bei den meisten Nachtfaltern – einen besonderen Kniff entwickelt: Bei ihnen hat nicht mehr jede einzelne Facette eine eigene Netzhaut, sondern die Netzhäute sind zurückversetzt zu einer zusammengefassten Struktur, auf die die Lichtstrahlen aus den vielen Einzellinsen in parallelen Bahnen geworfen werden. Dadurch gibt es Überschneidungen der Einzelbilder und der Falter sieht die Welt nicht mehr wie viele andere Insekten in hunderten Einzelbildern, sondern als ein stärker einheitliches Bild. Diese Konstruktion wird als Superpositionsauge bezeichnet. Dessen Auflösung ist zwar wahrscheinlich etwas geringer, dafür aber nutzt es wesentlich besser das auch in der Nacht vorhandene Restlicht von Sternen und Mond aus (und in unserer heutigen Zeit das Licht unserer Beleuchtungen). Wie andere Nachtfalter auch benutzen Weidenbohrer gerade auch den Mond als hellste nächtliche Lichtquelle als Fixpunkt. Sie fliegen ihm tendenziell entgegen, gelangen so weiter nach oben in der Luft und in freien Luftraum – was letztlich die Partnersuche erleichtert. Dummerweise führen Verwechslungen mit künstlichen Lichtquellen dazu, dass die Tiere durch ihren Instinkt zugrunde gehen können.

Für die Partnerfindung braucht es aber doch noch ein anderes Mittel, dazu reichen die Augen nicht aus. Der Weidenbohrer hat das Problem anders gelöst: Mit dem Geruch. Die Weibchen verströmen mit Drüsen am Hinterleib einen pheromonhaltigen Duftstoff. Dessen chemische Zusammensetzung wurde 1983 von einer italienischen Forschergruppe auseinandergedröselt. Wie sich zeigte besteht der Duftstoff aus verschiedenen Alkoholen, überwiegend in der mit veresterten Form als Acetat. Man weiß, dass die Männchen auf ihren verzweigten Fühlern die Sinneszellen haben, mit denen sie diese als Pheromon wirkenden Stoffe wahrnehmen. Die Forscher konnten die elektrischen Impulse der Sinneszellen auf den Fühlern messen, die beim Kontakt mit den verschiedenen chemischen Verbindungen in dem Duftstoff auftreten. Diese Messungen wurden als EAG aufgezeichnet – Elektroantennogram. Dadurch konnte man feststellen, dass es tatsächlich vor allem ein oder zwei der Pheromone sind, die besonders starke Reaktionen hervorrufen, während die anderen Begleitstoffe nur schwächere Effekte hervorrufen und eventuell vor allem dazu da sind, die Wirkung der hauptsächlichen Geruchsbestandteile noch ein wenig zu triggern.

Die Männchen des Weidenbohrers können in der Tat dann schon kleinste Mengen des Duftstoffes in der Luft wahrnehmen und dieser Geruchsspur wie ein fliegender Spürhund folgen. So können sie das Weibchen schließlich aufspüren wenn es wieder an einem Baumstamm rastet. Sitzend erfolgt dann die Paarung, mit über die Geschlechtsorgane verbundenen Hinterleibern und voneinander wegweisenden Köpfen – viel Intimität ist bei Weidenbohrern nicht.

Lange haben die Tiere dann in aller Regel nicht mehr zu leben. Die Männchen sterben relativ bald, die Weibchen erledigen nur noch den Job, die befruchteten Eier abzulegen.

 

CcossusAlteBildtafel

Bild 4: Das Männchen (links) und das Weibchen (rechts) des Weidenbohrers im Vergleich. Die künstlerische Darstellung stammt von einer Bildtafel aus dem Werk „Die Gross-Schmetterlinge der Erde“ von Adalbert Seitz aus dem Jahre 1900. Quelle: Wikipedia/A. Seitz/ neu arrangiert durch Edelweisspirat.

 

 

 

Schmetterlingspenis

Die Geschlechtsorgane bei Schmetterlingen sind eine komplexe Angelegenheit. Sie haben einen zum Teil komplizierten Aufbau, der viel Raum für zahlreiche Variationen bietet. Dies gilt vor allem für die männlichen Geschlechtsorgane, während die weiblichen Geschlechtsorgane einfacher gebaut sind. Dadurch stellen gerade diese ein gutes Kriterium für Art-und Unterart-Unterscheidungen dar. Denn schon kleine Unterschiede im Aufbau der Geschlechtsorgane können die versehentliche Paarung mit anderen Schmetterlingsarten verhindern.

 

Schauen wir uns beispielhaft den Penis eines Schmetterlings wie dem Weidenbohrer an, bzw. den Apparat, der den gesamten Penis umgibt. Ein kompliziertes Gebilde aus Chitin sorgt dafür, dass der Penis wirkungsvoll zum Einsatz gebracht werden kann. Hier soll erst einmal eine vereinfachte Beschreibung helfen:

Der Apparat besteht rückseitig aus dem Tegumen, einer gewölbten Platte, die nach vorne in eine bewegliche Zange ausläuft, die aus den beiden Zangengliedern des Uncus und des Gnathos besteht. Nahe deren Basis sitzt übrigens eine Öffnung für den Darmausgang.Nach hinten und unten läuft das Tegumen in das spangenartige und eine mehr oder weniger weite Öffnung umschließende Vinculum aus. An den Seiten von Tegumen und Vinculum setzen die sogenannten Valven an – zwei große Klappen, die auf ihrer Innenseite und am Außenrand unterschiedliche chitinige Strukturen und Borsten haben können. Durch die Öffnung des Vinculums und zwischen den Valven hindurch führt ein chitinisiertes Rohr, der Aedoeagus, der wie eine Art Köcher den eigentlichen Penis enthält und in den von der kopfwärtigen Seite her der Samenleiter einmündet. Der Aedoeagus wird üblicherweise von einem weiteren mit Tegumen und Vinculum verbundenem Element, der Juxta, gestützt, gelegentlich auch von weiteren Fortsätze – der Transtilla oberhalb und dem Anellus unterhalb – noch enger in seiner Bewegungsrichtung geleitet. Aus dem Aedoeagus wird bei der Paarung der Penis herausgestülpt, der oft auch noch Widerhaken besitzt. Die Zange am oberen Ende des Tegumen packt dabei das Hinterende des Weibchens von oben und die Valven umschließen die weiblichen Geschlechtsorgane seitlich.

Beim Weidenbohrer zum Beispiel ist der gesamte Apparat eher gedrungen gebaut. Das Tegumen ist wie ein breiter, rautenartiger Schild geformt, der in einen großen schnabelartigen Uncus ausläuft, während der Gnathos relativ kurz und breit an dessen Basis sitzt. Das Vinculum ist eher kurz und auch nicht sehr ausladend geraten. Es sind Transtilla als große, geschwungene Haken ausgebildet. Die Valven sind sehr breit und ausladend und haben die grobe Form gerundeter Flügel. An ihrem Vorderrand besitzen sie eine markante Furche zwischen zwei erhabenen Graten, außerdem gibt es an ihren äußersten Rändern feine Borsten. Der Aedoeagus ist relativ kurz und breit, relativ kräftig und fast gerade.

Um zu verdeutlichen, wie sich anhand dieser Merkmale Arten unterscheiden lassen sei hier Cossus afghanistanus erwähnt: Diese Art besitzt einen schlankeren Aedoeagus, einen glatten Vorderrand der Valven und nur kleine, kurze Transtilla.

 

 

Die weiblichen Geschlechtsorgane sind meist wesentlich einfacher aufgebaut, bestehen aus einer von chitinigen Elementen umgebenen Geschlechtsöffnung (die jedoch nicht identisch ist mit der etwas weiter hinten liegenden Eiablageöffnung), einem Begattungsgang und einer anschließenden sackartigen Tasche, der Bursa copulatrix. Innerhalb dieser Tasche kann es verschiedene Borsten oder Dornen geben. Beim Weidenbohrer ist der Begattungsgang mäßig lang. In ihn dringt der Penis bei der Begattung vor und überträgt ein Spermapaket. Dieses wird dann zunächst in der Bursa copulatrix untergebracht, die beim Weidenbohrer keine größeren Besonderheiten aufweist. Erst nach der Paarung wandert das Sperma dann über einen Kanal in eine andere Kammer, in der es auf die inzwischen heranreifenden Eier trifft, die über den Eileiter zuwandern, und sie befruchtet, bevor sie dann über die eigentliche Eiablageöffnung nach außen gelangen. In dieser Hinsicht ist ein Weidenbohrerweibchen anderen Schmetterlingsweibchen sehr ähnlich.

 

 

CcossusPenis
Bild 5: Drei Beispiele für die männlichen Geschlechtsorgane des Weidenbohrers. Oben liegt jeweils der Uncus, der Gnathos ist jeweils als kleinere, etwas dunklere Ausstülpung zu sehen (vor allem bei 3, ganz rechts, sieht man ihn leicht seitlich). Die seitlichen „Flügel“ sind die Valven und die gut erkennbaren dunklen Haken sind die Transtilla. Unterhalb der Ansicht der ausgebreiteten Genitalstruktur ist in Seitenansicht jeweils der dazu gehörige Aedoeagus abgebildet. Ursprung der Weidenbohrermännchen jeweils: 1 stammt aus Deutschland, 2 aus Griechenland, beide gehörten zur Nominatform. 3 stammt aus Spanien und gehört zur Unterart C. c. albescens. Quelle: Yakovlev 2009.

 

 

Das wahre Leben des Weidenbohrers

Die Imagines des Weidenbohrers sind also im Grunde nur dazu da, die Fortpflanzung in den paar Tagen oder Wochen, die ihnen mit den als Raupe angefressenen Energiereserven bleiben, über die Bühne zu kriegen. Die Weibchen legen ihre Eier in kleinen Klumpen zu je 20 Stück, seltener einzeln, in Rindenspalten oder auch, wen vorhanden, nahe äußeren Verletzungen der Bäume. Normalerweise liegt die Ablagestelle relativ niedrig am Stamm, maximal anderthalb Meter über der Erde. Ein klebriges Sekret schützt die Eier. Jedes Weibchen kann mehrere hundert der kleinen braunen und runzligen Eier legen. Danach hauchen sie ihr Leben aus. Sein eigentliches Leben beginnt der Weidenbohrer mit dem Schlupf aus dem Ei als Raupe. Wichtig ist, wie bei allen Schmetterlingen, natürlich die Auswahl der Futterpflanze. Da hat es das Weidenbohrerweibchen zum Glück aber nicht sonderlich schwer, denn insgesamt sind die Raupen dieser Art relativ anspruchslos:

Zwar sind Weiden der Gattung Salix definitiv die Leibspeise der Weidenbohrerraupen (daher ja auch der Name), gefolgt von Birken (Betula), Erlen (Alnus), Eichen (Quercus) und Pappeln (Populus). Die Raupen können aber auch sehr gut in Kastanien (Castanea), Zitrusbäumen (Citrus), Quitten (Cydonia), Buchen (Fagus), Eschen (Fraxinus), Walnussbäumen (Juglans), Apfelbäumen (Malus), Ölbäumen (Olea), Steinobstgewächsen (Prunus – diese Gattung umfasst Pfirsiche, Pflaumen, Aprikosen, verschiedene Kirschen und Mandelbäume), Birnbäumen (Pyrus), Vogelbeeren und Ebereschen (Sorbus), Ulmen (Ulmus) und ganz selten sogar in Weinreben (Vitis) über die Runden kommen. Damit stehen den Raupen des Weidenbohrers in einem Laub-oder Mischwald oder auch in offenerem Gelände mit gelegentlichem Laubbaumbestand eine ganze Palette an Futterpflanzen zur Verfügung. Meistens suchen die Weidenbohrer-Weibchen zur Eiablage auch kranke oder tote Bäume aus. Wo jedoch der Mensch totes und krankes Holz meist rasch aus dem Wald schafft – etwa bei uns – müssen die Tiere zwangsläufig dann eben gesunde Bäume befallen.

 

 

Wenn die noch sehr kleinen und blassen Raupen schlüpfen, kriechen sie rasch unter die Rinde des lebenden Baumes. Anders als die Raupen der meisten anderen Schmetterlinge sind sie nicht auf Blätter aus. Ihre Leibspeise ist Holz. Zunächst fressen sie inner-und unterhalb der Rinde nahe der Eiablagestelle, oft noch in kleinen Gruppen. Nach den ersten Häutungen, meist im zweiten Entwicklungsjahr, werden die Raupen größer und dicker und fressen sich dann tiefer in das Holz hinein, nun einzeln. Sie streben dann meistens stammaufwärts. Dabei legen sie über einen Meter lange Frassgänge an, die mehr einen Durchmesser von über 2 cm haben können. Die Raupen werden mit der Zeit sehr dick und können mehr als 10 cm lang werden. Um sich vom Holz überhaupt ernähren zu können, müssen die Weidenbohrer-Raupen die Cellulose des Holzes aufschließen können. Die meisten Tiere besitzen die Möglichkeit Cellulose zu verdauen nicht aus eigener Kraft und die Raupen des Weidenbohrers sind da auch keine sonderliche Ausnahme, vor allem auch, da sich die Cellulose im Holz auch noch mit Lignin verbindet. Die Raupen besitzen in ihrem Verdauungstrakt Bakterien und Pilze, die das notwendige Cellulase-Enzym herstellen. Diese Symbionten sind es, die die Cellulose vom Lignin abspalten und in Zuckerverbindungen aufbrechen, die die Weidenbohrer-Raupe weiterverdauen kann.

 

 


Bild 6: Diese Raupe eines Weidenbohrers wurde in Niedersachsen beobachtet, ihre Länge betrug etwa 8 cm. Quelle: Wikipedia/Christian Fischer.

 

Bild 7: Die Unterseite einer Weidenbohrer-Raupe. Der Kopf ist rechts. Man erkennt gut die drei eigentlichen Beinpaare im Brustbereich und die Hilfsbeine in der Körpermitte. Dieses Exemplar wurde im Elsass aufgenommen. Quelle: Wikipedia.

 

Die größeren Raupen besitzen einen schwärzlichen Kopf mit kräftigen Kiefern, mit denen sie sich durch das Holz beißen. Hinter dem Kopf folgen zunächst drei Brustsegmente, die je ein Paar kurzer echter gegliederter Beine tragen. Das vorderste Brustsegment besitzt auf der Oberseite eine schwarze Zeichnung. Die anderen gleichen farblich den folgenden 10 Hinterleibssegmenten: An den Seiten weißlich oder gelblich, nach oben hin rötlich mit dunkleren oder helleren Schattierungen. Gerade die Oberseite kann auch eher bräunlich wirken. Die Segmente des Abdomens haben außerdem an ihren Seiten als dunkle Flecken erkennbare Atemöffnungen. Die mittleren Abdomensegmente tragen außerdem an der Unterseite kurze Ausstülpungen, die wie weitere Beine funktionieren und den walzenartigen Körper helfen abzustützen und fortzubewegen. Gleiches gilt für das letzte Segment. Die Körperoberfläche wirkt ledrig, es gibt nur wenige, aber kräftige Borsten.

 

Die Tätigkeit der Raupen im Baumstamm ist auch äußerlich sichtbar. Nicht nur kann ein befallener Baum auch äußerlich kränklich erscheinen oder sogar absterben. Auch schieben die Raupen gelegentlich Holzspäne und Kotreste aus den Eingangslöchern ihrer Frassgänge nach draußen. Darüber hinaus verbreiten sie einen bemerkenswerten essigartigen Geruch; in England wird dieser als „Geruch einer Ziege“ wahrgenommen, weshalb der Weidenbohrer dort „Goat Moth“ heißt. Anscheinend lockt dieser Geruch weitere Weidenbohrerweibchen an, die ebenfalls ihre Eier auf den betroffenen Baum legen und damit dessen Befall verstärken.

Die Weidenbohrer-Raupen leben mehrere Jahre im Holz. Wenigstens drei Mal überwintern sie darin. Allerdings ist die Dauer des Raupenstadiums auch sehr abhängig vom lokalen Klima. So kann die Zeit als Raupe auch schon mal fünf Jahre andauern. Dann aber wird es Zeit für den nächsten Schritt in ihrem Leben: Die Verpuppung.

Dafür muss sich die Weidenbohrer-Raupe erst einmal einen geeigneten Platz suchen. Gelegentlich zimmern sich die Tiere aus Spänen und selbstproduzierter Spinnseide im Frassgang einen Kokon, in dem sie sich verpuppen. Meistens jedoch verlassen sie tatsächlich den Baumstamm durch den Ausgang ihres Ganges und kriechen dann umher auf der Suche nach einem anderen Versteck. Dies ist der Moment, in dem den Weidenbohrer-Raupen vor allem Vögel nachstellen. Ganz wehrlos sind die Raupen jedoch nicht, sie können sich mit ihren kräftigen Kiefern zur Wehr setzen, was gerade gegen kleinere Vögel Erfolg haben kann. Aber gegen größere Räuber wie Elstern oder dergleichen sind die Weidenbohrer-Raupen dann doch machtlos.

Daher müssen sie schnell sein. Relativ zügig kriechen sie voran und graben sich schließlich an einer geeigneten, nicht zu trockenen Stelle in den Erdboden ein. Gelegentlich tun dies einige Raupen bereits im Herbst, um – eingesponnen in einen Kokon – noch ein letztes Mal zu überwintern, bevor sie sich dann verpuppen. Oder aber, wenn es noch Frühsommer ist, sie verpuppen sich gleich.. Die Puppen sind tatsächlich etwas kleiner als die Raupen, meist etwas über 5 cm lang, und braun-gelb oder rötlich-braun. Auffällig sind querlaufende Reihen kleiner Stacheln auf den erkennbaren Hinterleibssegmenten der Puppe. In den meisten europäischen Gebieten, die die Weidenbohrer besiedeln, kommt die Puppe nur wenige Wochen von Ende April bis Mitte Juni vor. In dieser kurzen Zeit geschieht die Transformation zum fertigen Falter. In manchen wärmeren Regionen liegt die Verpuppung zeitlich deutlich früher, z.B. im März und ab April schlüpfen die Falter.

So verbringt der Weidenbohrer die meiste Zeit als holzfressende Raupe und nur einen Bruchteil als Puppe oder gar als Falter.

 

CcossusLarvae

Bild 8: Diese Weidenbohrer-Raupe entdeckte ich selber im Mai 2018 als sie im Wald bei Neustadt an der Weinstraße eine kleine Straße überquerte. Offensichtlich war sie auf der Suche nach einem Versteck zum Verpuppen. Quelle: Foto von S. Reiss (Edelweisspirat)

 

Bild 9: Die leere Puppenhülle eines Weidenbohrers. Quelle: Wikipedia.

 

 

Schädling

Das Verhältnis zwischen Weidenbohrer und Menschen ist im Grunde als kompliziert zu bezeichnen. Zumindest in der Antike wurden die dicken Raupen durchaus gegessen, wie man vor allem aus der Römerzeit in Italien weiß. Derartiges würde heute wohl den wenigsten Europäern einfallen. Heutzutage gilt der Weidenbohrer eher als Schädling, vor allem in der Forstwirtschaft, aber auch bei Gärtnern. Wenn die Raupen sich durch das Holz fressen, vor allem wenn es mehrere sind, bleibt das nämlich für die betroffenen Bäume nicht ohne Folgen. Neben den direkten Schäden durch den Fraß kommen weitere Schäden durch Pilzinfektionen zustande, die von den Raupen übertragen werden und das Holz befallen. Äußerlich platzt bei befallenen Bäumen zuerst die Rinde ab (auch weil die Raupen zuerst die Bastschicht zwischen Rinde und Stamm fressen), später verwelken und verdorren dann ganze Äste des Baums. Auch die allgemeine Stabilität des Stammes kann derart beeinträchtigt werden, dass er bricht und der Baum umkippt. Wenn er nicht schon vorher am Befall gestorben ist, so wird er es spätestens in dem Fall.

Entsprechend wenig begeistert sind Förster und Forstbetriebe. Der Weidenbohrer kann bei häufigerem Vorkommen die zu bewirtschaftenden Baumbestände empfindlich schwächen. Selbst wenn die Bäume einen Befall überleben, machen die von den Raupen durch das Holz gefressenen Gänge dieses unverwertbar für wirtschaftliche Nutzungen. Daher wird schon lange nach einem Weg gesucht, gegen den Weidenbohrer halbwegs erfolgreich vorzugehen. Das ist gar nicht so einfach, da zumindest die Raupen des Weidenbohrers schwer zu erreichen sind, solange sie im Holz stecken. Und einmal befallene Pflanzen komplett zu vernichten – also selbst die Wurzeln auszugraben und zu zerhäckseln oder zu verbrennen – ist auch nur sehr bedingt erfolgreich (und eigentlich ziemlich zerstörerisch). Gleichwohl ist die Entfernung befallenen Baumbestandes bis heute das am weitesten verbreitete Mittel um das Auftreten des Weidenbohrers zu vermindern. Man braucht aber eigentlich ein feineres Schwert in dieser Auseinandersetzung.

 

 

Die Wissenschaft müht sich in diesem Krieg gegen den Weidenbohrer redlich ab, immer neue Mittel zu finden, vor allem auch welche, die nicht als reine Chemiebombe daherkommen. Denn Pestizide dringen nicht zwingend sicher zur Raupe in den Baumstämmen vor. Die Kollateralschäden der chemischen Keule sind womöglich größer als der Nutzen gegen den Schädling selber. Ein viel versprechender Ansatz, der inzwischen seit rund 30 Jahren erforscht wird, ist die Imagines einzufangen, bevor sie sich fortpflanzen können. Die Idee dahinter: Wenn man die pheromonhaltigen Duftstoffe der Weibchen imitieren könnte, könnte man die Männchen in entsprechende Fallen locken. Das italienische Forscherteam, welches 1983 die chemische Zusammensetzung der Weidenbohrer-Duftstoffe untersuchte, unternahm in den folgenden Jahren Feldversuche mit derlei Duftfallen. Dabei verwendeten sie die Komponenten der weiblichen Lockstoffe, auf die die Männchen nach den 1983 veröffentlichten Ergebnissen am heftigsten reagierten, als Duftstoffe für die Fallen, in konzentrierter Form. Auch andere italienische Forscher beteiligten sich an umfangreichen Studien in den 1980er und frühen 1990er Jahren um festzustellen ob ein solches „Mass Trapping“ genanntes Verfahren ein geeignetes Mittel gegen den Weidenbohrer ist. Vor allem in der Emilia-Romagna, einer italienischen Region mit großflächigem Apfel-und Birnenanbau, wurden diese Versuche durchgeführt.

Wie sich zeigte, locken die Fallen durchaus sehr erfolgreich männliche Weidenbohrer an, die dann in den Fallen kleben bleiben und abgesammelt werden können. Schwieriger war es, die richtige Fallendichte pro Hektar herauszufinden. Wie sich zeigte stiegen die Zahlen gefangener Falter bis zu einer Zahl von 10 Fallen/Hektar an. Danach erbracht eine weitere Verdoppelung der Fallen (also auf 20 pro Hektar) keine weitere nennenswerte Steigerung mehr – lediglich etwas über 10 % mehr Falter wurden dadurch gefangen. Gemessen an den Kosten für die zusätzlichen Fallen war dies ein unzureichender Mehrwert. Daher ergaben die ganzen Forschungen in dem Bereich, dass 10 Fallen pro Hektar die im Kosten-Nutzen-Verhältnis optimale Dichte darstellen.

In der Tat ist es am Ende vielleicht gar nicht nötig alle Männchen zu fangen – es reicht schon so viele zu fangen, dass nur wenige Weibchen befruchtet werden und damit einen mittel-bis langfristigen allgemeinen Bestandsrückgang des Weidenbohrers einzuleiten. Eine 1999 vorgestellte Studie der Universität von Bologna über den Fortgang der Anwendung des „Mass Trapping“ in Italien zeigt genau diesen Effekt. Die Schlussfolgerung ist, dass das „Mass Trapping“ eine angemessene Kontrolle der Weidenbohrer-Population in Apfel-und Birnenplantagen ermöglicht.

 

 

Es wird aber auch nach Wegen gesucht, direkt die Eier oder Larven zu erwischen. Versuche mit bakteriellen Mitteln waren jedoch wenig erfolgreich, da sie ähnlich wie chemische Giftstoffe daran kranken, dass die Weidenbohrerraupen sehr geschützt leben. Online findet man bei Tips zur Schädlingsbekämpfung gelegentlich den Vorschlag, man könnte Schlupfwespen, die man auch gegen Kleidermotten einsetzt, auf den Weidenbohrer ansetzen. Der Gedanke ist, dass die Schlupfwespen ihre eigenen Eier bereits in die Eier des Weidenbohrers legen, die dann von den Wespenlarven aufgefressen werden. Zur Erfolgsquote eines solchen Ansatzes sind mir allerdings keine Angaben bekannt.

Eine ähnliche, aber sogar noch kreativere Methode schlug 2015 ein türkisch-amerikanisches Forscherteam vor, welches sich mit dem Weidenbohrer befasste, weil dieser in der Türkei unter anderem an Kastanien große Schäden anrichtet. Die Forscher entwickelten die Idee, die Raupen des Weidenbohrers mit parasitischen Fadenwürmern (Nematoden) zu infizieren und zu töten. Um diese an die Raupen zu bringen, versuchten sie andere Insekten als Überträger zu nutzen (quasi als lebende Nematoden-Bombe). Als Überträger wählten die Forscher die Raupen der Großen Wachsmotte (Galleria mellonella) aus. Diese Art ist eigentlich als gelegentlicher Schädling bei Imkern bekannt, lässt sich aber auch unter Laborbedingungen leicht nachzüchten und ist daher eines der Lieblingshaustiere der Wissenschaftler (um es mal so auszudrücken). Das Forscherteam hatte eher zufällig rausgefunden, dass die Reaktion der Wachsmottenraupen wenn man sie auf die Rinde eines Baumes setzt, darin besteht, sich einen Spalt in der Rinde zu suchen und unter diese zu kriechen. Der Grundgedanke nun: Würde man einige mit Nematoden infizierte Wachsmottenraupen auf der Rinde von Bäumen aussetzen, die vom Weidenbohrer befallen sind, würden die Raupen unter die Rinde kriechen. Dort würden sich die Fadenwürmer dann auch ausbreiten, solange sie es feucht genug haben und schließlich auch in die ins Holz gefressenen Gänge und damit zu den Raupen es Weidenbohrers gelangen. Einmal infiziert wären diese so gut wie tot.

Soweit die Theorie. Sie in der Praxis zu testen war eine ganz andere Aufgabe. Dazu fällten die Forscher tatsächlich befallene Kastanienbäume und brachten deren Stämme, mit einer Kettensäge eingeteilt in etwas handlichere Abschnitte, ins Labor. Dort konnte man Testläufe unter kontrollierten Bedingungen vornehmen. Nicht nur wurden die Nematoden auf die beschriebene Art eingebracht. Um eine Kontrolle zu haben wurden einige Stämme gar nicht mit Nematoden behandelt und einige wurden nur äußerlich mit einer Nematoden-haltigen Flüssigkeit besprüht. Und dann gab man den Nematoden zwei Wochen Zeit ihren Job zu tun. Nach diesen zwei Wochen wurde die Rinde von den Stämmen entfernt und die Fraßgänge der Weidenbohrerraupen wurden überprüft um herauszufinden welche Raupen noch leben und welche nicht. Die Ergebnisse waren bestechend. In nicht mit Fadenwürmern kontaminierten Baumstämmen lag die Sterblichkeit der Weidenbohrerraupen bei unter 4 %. Dies änderte sich auch nur unwesentlich, wenn man die Baumstämme äußerlich mit einer kontaminierten Flüssigkeit einsprühte. Die Kontamination des Baumstamminnern mittels der als „lebende Bomben“ eingesetzten Wachsmottenraupen jedoch brachte überraschend gute Ergebnisse: Die Sterblichkeit der Raupen des Weidenbohrers schnellte auf 86 %!

Das ist ein vielversprechendes Ergebnis und wird eventuell zu einer eleganten Bekämpfungsmethode gegen den Weidenbohrer führen. Allerdings sind die Forschungsergebnisse auch noch sehr frisch, weitere Tests (auch im Freiland) wird man abwarten müssen.

 

Bild 10: Die Fraßgänge von Weidenbohrerlarven in einem Weidenstamm, längs aufgeschnitten. Quelle: www.arbofux.de /M. Lehmann.

 

 

So bleibt das Verhältnis zwischen Weidenbohrer und Mensch ein stetiges Ringen. Ursprünglich war der Weidenbohrer vor allem Teil jener Organismen, die beim Zersetzen toten Holzes in den Wäldern eine Rolle spielten. In den bewirtschafteten Wäldern Europas räumte der Mensch aber das meiste tote Holz weg – und die Tiere mussten auf lebende und gesündere Bäume übergehen. Das wiederum beeinträchtigte die wirtschaftlichen Interessen der Menschen, die wiederum zu Gegenmaßnahmen griffen. Bisher bestes Mittel ist auch da weiterhin das Ausräumen der betroffenen Hölzer, was zumindest lokal zu Bestandsrückgängen des Weidenbohrers führte. Andererseits ist die Art auch regional immer noch insgesamt relativ häufig und nicht bedroht. Forstwirte und die Bewirtschafter von Obstplantagen sind daher weiterhin an neuen Möglichkeiten zur Eindämmung des Schädlings interessiert.

 

 

 

Literatur

 

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https://de.wikipedia.org/wiki/Weidenbohrer

https://en.wikipedia.org/wiki/Cossus_cossus

https://www.arbofux.de/weidenbohrer.html

https://www.gartenlexikon.de/gartenpraxis/pflanzenschutz/schaedlinge/weidenbohrer.html

https://www.welt-der-schmetterlinge.de