Pirats Bestiarium: Dingiso (Dendrolagus mbaiso)

 

Dingiso (Dendrolagus mbaiso Flannery, Boeadi & Szalay, 1995)

 

Namensbedeutung. Der Gattungsname wurde bereits 1840 von dem deutschen Zoologen Salomon Müller geprägt, der bei einer langjährigen Expedition nach Südostasien und Neuguinea als erster Forscher auf Baumkängurus traf. Da die Tiere auf Bäumen lebten, mit ihren länglichen Läufen und der Sprungfähigkeit den deutschen Forscher aber auch an Hasentiere erinnerten, gab er ihnen den Namen Dendrolagus, zu Deutsch „Baumhase“. Mbaiso ist ein Wort aus der Sprache eines lokalen indigenen Volkes und bedeutet so viel wie „das verbotene Tier“, da diese Art nach dem Glauben dieses Volkes unter strengem Schutz steht.

Verwandtschaftsbeziehungen. Animalia; Eumetazoa; Bilateria; Deuterostomia; Chordata; Craniota; Vertebrata; Gnathostomata; Eugnathostomata; Osteichthyes; Sarcopterygii; Rhipidistia; Elpistostegalia; Stegocephali; Tetrapoda; Reptiliomorpha; Amniota; Synapsida; Eupelycosauria; Sphenacodontia; Therapsida; Eutherapsida; Neotherapsida; Theriodontia; Cynodontia; Mammaliamorpha; Probainognathia; Mammaliformes; Mammalia; Theriimorpha; Theriiformes; Trenchotheria, Cladotheria; Theria; Metatheria; Notometatheria; Marsupialia; Australidelphia; Diprotodontia; Syndactyli; Phalangeriformes; Macropodoidea; Macropodidae; Macropodinae; Dendrolagus.

Unter den heutigen Säugetieren (Mammalia) bilden die Beuteltiere (Marsupialia) die direkte Schwestergruppe zu allen anderen höheren Säugetiere, den Plazentatieren (Placentalia). Die ausgestorbene Vielfalt macht den ganzen Stammbaum aber wesentlich buschiger und deutet auf wesentlich mehr Aufspaltungen der Hauptlinie hin. Bei der Phylogenie der Beuteltiere habe ich mich weitestgehend auf eine neuere Studie aus dem Jahr 2005 verlassen. Innerhalb der Beuteltiere gehört das Dingiso zum Zweig der australischen Beuteltiere (Australidelphia) und hier natürlich zu den Kängurus (Macropodidae). Dabei stellen die Baumkängurus (Dendrolagus) einen besonderen Seitenzweig der Kängurus dar, der sich früh eigenständig spezialisierte.

Verbreitung. Das Dingiso hat nur ein sehr begrenztes Verbreitungsgebiet. An den Südhängen des Sudirman-Bergzugs im Maoke-Gebirge bewohnt es ein etwa 4000 Quadratkilometer großes Gebiet in Höhenlagen von 2700 bis 3500 m unweit des höchsten Berges der Region, des Puncak Jaya (deutscher Name: Carstensz-Pyramide, die Höhe beträgt 4884 m, früherer Vermessungen gaben sogar mehr als 5000 m an). Das Maoke-Gebirge ist der zentrale Gebirgszug in der indonesischen Provinz Papua im Westen der Insel Neuguinea. Ein Teil des Lebensraums des Dingiso liegt im nördlichen Teil des Lorentz-Nationalparks.

Entdeckung. Die Geschichte beginnt mit Timothy Fridjof Flannery und einem Foto. Flannery, Jahrgang 1956, ist ein namhafter australischer Biologe und Zoologe vom Australian Museum in Sydney. Er hat sich im Laufe seiner Karriere mit in Australien eingeschleppten Arten und deren Auswirkungen beschäftigt, außerdem auch mit der Biologie und Evolution von Baumkängurus. Im Rahmen seiner Forschungen über Baumkängurus suchte und fand er mehrere neue Arten, allesamt heimisch in Neuguinea. Die Entdeckung einer dieser Arten begann mit einem Foto. 1989, Flannery war gerade auf Forschungsmission in Neuguinea, begegnete ihm ein Jäger vom Stamm der Dani, an dessen Hut ein Stück Fell befestigt war – schwarz, mit etwas weiß. Das Fellstück konnte der Forscher zum Glück kaufen. Schon da hatte sich Flannery verwundert gefragt, zu welcher Art dieses Stück Fell wohl gehören mochte, ebenso ein Kieferstück, das ein anderer Jäger bei einem Kadaver gefunden hatte. Aber er kam nicht dazu, sich näher damit zu befassen. Es war dann ein Jahr später, als ihm der südafrikanische Fotograf Gerald Cubitt Fotos zuschickte, die er im indonesischen Teil Neuguineas, damals noch Irian Jaya genannt, gemacht hatte, nahe der Stadt Tembagapura. Die Bilder zeigten einen Mann vom Stamm der Dani mit einem jungen Baumkänguru, dass er anscheinend erlegt hatte. Dieses Baumkänguru besaß ein schwarzes Fell mit einem weißen Fleck auf der Brust und einem für Baumkängurus unüblich kurzen Schwanz. Ein solches Baumkänguru hatte Flannery noch nie gesehen. Die Möglichkeit, dass es eine etwas seltsam gefärbte Variante einer bereits bekannten Art war, konnte er zwar nicht ganz ausschließen, aber er tendierte doch eher dazu, eine ganz neue Art hinter dem Bild zu vermuten. Er musste auch wieder an den Fellstreifen vom Hut des Dani-Jägers vom Vorjahr denken. Diesen hatte er zwar 400 km von der Stelle, an der Cubitt das Foto schoss, entfernt gesehen, aber beide Lokalitäten befanden sich an der Südflanke der zentralen Bergkette des westlichen Neuguineas. Es gab nur eine Möglichkeit dem auf den Grund zu gehen – per Expedition nach dem Tier suchen. Leider konnte Flannery keinerlei Geldgeber davon überzeugen. Die Angelegenheit wanderte erst einmal zurück in die Schublade. Aber vergessen war sie nicht.

 

Dingiso

Bild 1: 1990 wurde dem Zoologen T. Flannery dieses Bild zugeschickt. Geschossen hatte es der Südafrikaner Gerald Cubitt nahe Tembagapura im westlichen Neuguinea. Das Baumkänguru in den Armen des Dani-Kriegers war eine bis dahin völlig unbekannte Art – das Dingiso. Quelle: R. Martin: Tree-kangaroos of Australia and New Guinea; G. Cubitt.

 

Flannery musste vier Jahre warten, bis er Gelegenheit bekam, sich auf die Suche nach dieser unbekannten Baumkänguruart zu machen. Das Zoologische Museum der indonesischen Stadt Bogor organisierte 1994 mit dem Australian Museum zusammen eine Expedition zur Erfassung der biologischen Vielfalt in eben der Region des westlichen Neuguinea, in der Flannery die neue Art vermutete. Das Gebiet ist auch heute noch sehr unzugänglich. Die einzige nennenswerte Infrastruktur hängt mit der Grasberg-Mine zusammen, die für in der Region für schwere Umweltschäden verantwortlich ist. Ansonsten sind die steil aufragenden Gebirgshänge mit dichten Wäldern bedeckt und äußerst unwegsam. Daher wurde die Expedition im Mai 1994 mit dem Hubschrauber ins Zielgebiet geflogen und am Fuße des damals noch vorhandenen Meren-Gletschers abgesetzt (inzwischen ist dieser Gletscher weitestgehend abgeschmolzen). Von diesem Absetzpunkt, nicht weit von der Grasberg-Mine entfernt, begannen die Forscher die Erkundung der tropischen immergrünen Bergwälder. Das Klima hier ist für diejenigen, die es nicht gewohnt sind, belastend, die Luftfeuchtigkeit hoch, vor allem in der Regenzeit. Schon bald nahmen Flannery und seine Kollegen Kontakt zu den hier ansässigen Dani auf, in der Nähe der Minenstadt Tembagapura. Diese erzählten gleich von zwei Baumkänguruarten, von denen sie die eine Naki nannten und die andere Nemenaki. Das Naki beschrieben sie als goldbraun. Es entpuppte sich rasch als das der Wissenschaft bereits bekannte Doria-Baumkänguru (Dendrolagus dorianus). Aber das Nemenaki klang stark nach der von Flannery in dieser Region vermuteten noch unentdeckten Art: Es sollte eine schwarz-weiße Färbung aufweisen. Den Jägern der Dani war dieses Tier offensichtlich vertraut: Angeblich verbrachte es wesentlich mehr Zeit am Boden, gab pfeifende Laute von sich und sei so zutraulich, dass Jäger ihm ohne weiteres Schlingen um den Hals legen konnten, um es wegzuführen. Das klang fast schon nach Jägerlatein. Ein solch wenig scheues Tier sollte immer noch unentdeckt sein?

Der Zufall kam zur Hilfe. Noch während das Forscherteam bei den Dani kampierte und Flannery schon befürchtete keine Spur von dem unbekannten Baumkänguruh zu finden, brachte ein Jäger den Leichnam eines Nemenaki – die örtlichen Urwalddingos hatten das Tier gerissen. Das Problem diesmal: Die Dingos hatten den Kadaver ziemlich zerlegt. Gleiches galt für weitere Exemplare. Es brauchte noch weitere gemeinsame Suchaktionen durch Flannery und die Dani-Jäger, bis einer von ihnen schließlich ein kurz zuvor gestorbenes Dingiso brachte – in einem besseren Zustand. Und tatsächlich: Es besaß ein schwarzes Fell mit einer weißen Musterung auf der Bauchseite und einem weißen Fleck auf der Stirn. Der Schwanz war überraschend kurz und die Schnauze ebenfalls. Flannery konnte es kaum fassen: Es war wirklich eine neue Art Baumkänguru. Die Dani haben noch einen weiteren Namen für das Tier, um es noch deutlicher vom Naki abzugrenzen: Dingiso. Dieser Name wurde von Flannery schließlich als allgemeingebräuchlicher Name für dieses Baumkänguru populär gemacht. Auch weitere Geschichten von der Jagd konnten die Dani beisteuern. So soll das Dingiso, erzählten sie, einen spitzen Ruf ausstoßen, wenn man es im Wald aufstöbert und dabei die Arme hochreißen. Dieses Verhalten macht es leider auch zu einer leichten Beute für die Jäger.

Als sich die Expedition weiter westwärts wandte, besuchte man noch den Stamm der Moni. Die Moni kannten das Dingiso ebenfalls. Sie nannten es Mayamumaya – übersetzt „der mit dem Gesicht eines Mannes“. Trotz inzwischen kaum zu übersehender Spuren durch christliche Missionierung besitzt das Dingiso im Weltbild der Moni auch heute noch eine wichtige Rolle, wie Flannery herausfand. Die Moni sehen im Dingiso einen ihrer Ahnen, von dem sie alle abstammen. Deshalb steht das Dingiso bei ihnen unter Schutz, es darf nicht getötet oder gar verzehrt wären – das wäre Mord und Kannibalismus in den Augen eines Moni. Die Moni bestätigten die Beobachtung, dass die Tiere laut pfeifen und die Arme hochreißen, wenn man ihnen begegnet. Sie interpretieren dies dahingehend, dass das Dingiso dann seine menschlichen Verwandten begrüßt. Manchmal grüßen die Moni-Jäger das Tier dann zurück, wie einen alten Bekannten. Das Dingiso ist für die Moni derart zentral in ihrer Weltsicht, dass ein Stammesältester zu Flannery sagte: „Das Tier ist meine Nase.“ Nach dem Tötungstabu benannten Flannery und seine Kollegen dann schließlich auch die Art als das „verbotene Tier“: mbaiso.

Die Expedition, bei der das Dingiso offiziell entdeckt wurde war auch sonst ein großer Erfolg: Viele Tierarten wurden zum ersten Mal überhaupt in diesem Gebiet nachgewiesen und neben dem Dingiso wurden noch eine Rattenart und eine Fledermausart völlig neu entdeckt.

 


Bild 2: Eine künstlerische Darstellung des Dingiso. Der Künstler ist Peter Schouten, bekannt für seine naturgetreuen, zugleich künstlerisch ansprechenden Darstellungen. Quelle: http://www.tenkile.com/dingiso-tree-kangaroo.html

 

Ein ungewöhnliches Baumkänguru. Das Dingiso war nicht einfach nur eine bisher unentdeckte Baumkänguruart, es erwies sich auch in mehr als einer Hinsicht als ungewöhnlich. Und das wo Baumkängurus ja an sich schon ungewöhnlich sind, zumindest für Kängurus. Dies verdient eine kurze allgemeine Betrachtung.

Baumkängurus sind tatsächlich enge Verwandte der bekannten am Boden lebenden Kängurus und unterscheiden sich vor allem dadurch von ihnen, dass sie auf Bäumen leben. Dadurch bedingt ist es zu Veränderungen im Körperbau gekommen: Die Hinterbeine sind im Verhältnis zum Körper kürzer als bei den anderen Kängurus, zugleich sind die Vorderbeine im Verhältnis zu den Hinterbeinen länger. Die Gliedmaßen sind sowohl hinten wie vorne sehr kräftig ausgebildet, da sie beim Klettern das Gewicht tragen müssen. Der Schwanz ist kürzer als bei anderen Kängurus und sehr kräftig, er dient als Stabilisator und nicht als Stütze. Die Fußsohlen sind sehr breit und besitzen Polster, während Zehen und Finger lange gebogene Krallen aufweisen – alles Anpassungen ans Klettern, um besseren Halt an Baumstämmen und Ästen zu haben. Zugleich jedoch sind die Anpassungen noch nicht so weitgehend, dass man sie mit der perfekten Anpassung anderer Baumbewohner (zum Beispiel einiger Affen) vergleichen könnte. Daher wirken Baumkängurus beim Klettern immer noch erstaunlich ungelenk und tolpatschig, obwohl sie das gar nicht sind. Auch eine große Sprungkraft besitzen sie immer noch, die sie aber vor allem einsetzen, um von Ast zu Ast oder Baum zu Baum zu springen.

Das Dingiso ist nun daran gemessen ungewöhnlich. Seine Fellfarbe weicht bereits markant von anderen Baumkängurus ab. Die Grundfarbe ist schwarz mit einer weißen Unterseite. Das Fell der Bauchmitte wird mit dem Alter gelblich. Im Gesicht bekommen die Tiere mit zunehmendem Alter zusätzlich zum weißen Fleck auf der Stirn weitere helle Markierungen beiderseits der Schnauze. Das Fell ist besonders dicht und lang für Baumkängurus. Nach Flannery ist das eine Anpassung an die kalten Nächte in den Bergwäldern, in denen die Temperaturen im Gegensatz zu dem feuchtwarmen Klima am Tag unter den Gefrierpunkt sinken. Noch erstaunlicher ist, dass der Knochenbau erstaunlich leicht und fragil ist für ein Baumkänguru. Normalerweise haben Baumkängurus einen kräftigen Knochenbau, der auch Stürze aus gewissen Höhen aushält. Das findet sich beim Dingiso nicht. Dazu passt, dass es sich fast nur auf dem Boden aufhält. Dadurch unterscheidet es sich von allen anderen Baumkängurus. Auch der Schwanz ist tatsächlich kürzer im Verhältnis zum Körper als bei anderen Baumkängurus.

Leider ist insgesamt nur sehr wenig über das Dingiso bekannt. So stammen die meisten Daten zu Größe und Gewicht von Weibchen, nur wenige von Männchen. Die Kopf-Rumpflänge beträgt bis zu 67 cm, die Schwanzlänge maximal 52 cm, meistens weniger. Normalerweise wiegen die Tiere zwischen 6,5 und 9 Kilogramm. Eine Quelle gibt ein Höchstgewicht von 14,5 Kilogramm an.

 


Bild 3: Das Dingiso futtert vor allem Blätter. Auch dieses Bild wurde von Gerald Cubitt aufgenommen. Quelle: http://www.arkive.org/dingiso/dendrolagus-mbaiso/

 

 

Bild 4: Hier zeigt das Dingiso einmal seine Bauchunterseite. Die Musterung ist im Detail von Individuum zu Individuum unterschiedlich. Auch dieses Foto stammt von Gerald Cubitt. Quelle: http://www.arkive.org/dingiso/dendrolagus-mbaiso/

 

Lebensweise. Auch über die Lebensweise ist nur wenig bekannt. Manches ist natürlich offensichtlich oder lässt sich von verwandten Arten herleiten. Das Dingiso ist ein reiner Vegetarier, frisst vor allem Blätter und manchmal Früchte. Das Gebiss ist dazu wie bei den meisten Kängurus ausgebildet: Im Oberkiefer sitzen 6 Schneidezähne, die eine Art Rechen bilden, im Unterkiefer sitzen zwei sehr breite Schneidezähne, die die erfassten Blätter gegen eine harte Stelle am Gaumen drücken und dadurch abbeißen. Zwischen den Backen-und Schneidezähnen befindet sich eine große Lücke, die durch die Rückbildung der Eckzähne entstanden ist. Während die vordersten Backenzähne, die Prämolaren, noch recht schmal sind, sind die eigentlichen Backenzähne, die Molaren, groß, breit und sehr hoch (dies wird als hochkronig bezeichnet). Die Prämolaren, zwei auf jeder Seite in jedem Kiefer, fallen recht früh aus, die auf jeder Seite jedes Kiefers vier Molaren rücken von hinten dann nach. Ein solches Gebiss ist ein typisches Pflanzenfressergebiss bei Säugetieren und perfekt dazu geeignet Blätter und andere Pflanzenteile zu zerkleinern, die dann in einem komplexen Verdauungstrakt weiterverwertet werden.

Auch zur Fortpflanzung ist nicht wirklich etwas bekannt. Sie durfte wie bei anderen Baumkängurus ablaufen – die eigentliche Tragzeit durfte etwa einen Monat betragen, danach krabbelt das noch unterentwickelte Junge in den Beutel, in dem es fast ein Jahr verbringt.

Mehr lässt sich zumindest über den Lebensraum sagen. Dingisos findet man nur in den an Unterholz reichen Bergwäldern zwischen 2700 und 3500 m Höhe, die bereits gelegentliche offenere Flächen aufweisen können. Hier gehen die Dingisos tatsächlich überwiegend auf dem Boden auf Nahrungssuche. Auch die Berichte über sein zutrauliches Verhalten stimmen zu. Warum die Tiere sich auf die Hinterbeine erheben, die Vorderpfoten hochreißen und laut pfeifen, wenn man ihnen begegnet ist bis heute nicht ganz klar. Die Vermutungen reichen von einer Warnung für Artgenossen in der Nähe bis hin zu Imponierverhalten gegenüber Eindringlingen.

 


 

Das Dingiso und die Evolution. Das Dingiso, so wenig man auch noch über es weiß, scheint tatsächlich ein interessantes Fallbeispiel für die Irrwege der Evolution zu sein. Ein Beispiel dafür, dass keine Entwicklung endgültig ist. Baumkängurus stammen von am Boden lebenden und bereits auf eine springende Fortbewegung spezialisierten Ahnenformen ab, die man ohne weiteres als Kängurus identifiziert hätte. In den stärker bewaldeten Regionen Nordostaustraliens und Neuguineas jedoch entstand daraus die Linie der Baumkängurus, denen bei der Fortbewegung in den Bäumen ebenfalls die erworbenen Sprungfähigkeiten zugutekamen. Wie beschrieben ist die Anpassung an die baumbewohnende Anpassung aber immer noch nicht abgeschlossen.

Und beim Dingiso ist sie sogar weniger ausgeprägt als bei seinen anderen Verwandten. Es hat einen leichteren Körperbau und verbringt ausgesprochen wenig Zeit auf Bäumen – für ein Baumkänguru. Der erste Gedanke, der nahe lag: Das Dingiso steht dem Ursprung der Baumkängurus vielleicht nahe und ist deshalb noch so bodengebunden. Aber genau das ist nicht der Fall. Nach genetischen Untersuchungen ist es ausgesprochen nah mit dem Doria-Baumkänguru verwandt. In der Tat hat das Dingiso einen anderen Weg hinter sich: Es ist auf dem Weg zurück von den Bäumen auf den Boden. Flannery und seine Kollegen jedenfalls sind überzeugt, dass beim Dingiso gerade zu beobachten ist, wie eine Art zur Lebensweise ihrer Vorfahren zurückkehrt.

Die Sache mit den Würmern. Einen bemerkenswerten Effekt hat die Lebensweise am Boden noch. Baumkängurus besitzen standardmäßig eine ganze Anzahl an Parasiten, vor allem Fadenwürmer (Nematoda). Die allerdings meistens nur in geringer Zahl. Fadenwürmer bewohnen meistens den Verdauungstrakt der Tiere, die Ansteckung erfolgt über den Kot. Die meisten Baumkängurus kommen aber nur selten mit dem eigenen Kot in Kontakt, da er vom Baum fällt und sich das Ganze damit erledigt hat. Deshalb ist die Rate wiederholter Ansteckung gering. Das unterscheidet Baumkängurus normalerweise von anderen Känguruarten, die häufig ziemlich viele Fadenwürmer beherbergen.

Das Dingiso ist dadurch, dass es so viel Zeit am Boden verbringt, auch hier eine Ausnahme. Es kommt häufiger in Kontakt mit Kotspuren und hat dadurch eine hohe Ansteckungsrate. Dies hat zur Folge, dass Dingisos in ihrem Verdauungstrakt massenhaft Fadenwürmer aufweisen, die sich auf sechs verschiedene Arten verteilen. Es sind sogar so viele Fadenwürmer, dass es den Jägern der Dani auffiel, die den Forschern daraufhin berichteten, Dingisos würden auch Würmer fressen. Anders konnten sich die Dani nicht erklären, wie die Würmer in den Darm der Dingisos gelangten.

Bedrohungsstatus. Als Flannery und seine Kollegen 1995 das Dingiso erstmals beschrieben, stuften sie die Art lediglich als gefährdet ein. Zwar wurde das Tier von den Dani ab und an bejagt, es war mit seinem zutraulichen Verhalten schließlich eine leichte Beute, und zugleich schien das Dingiso sowieso nicht zu häufig zu sein. In unmittelbarer Nähe von Dani-Siedlungen kommt es durch den Jagddruck gar nicht erst vor. Aber die Tatsache, dass es im Gebiet der Moni unter traditionellem Schutz stand schien auszureichen, dem Dingiso ein Refugium zu bieten. Inzwischen jedoch wurde ein Rückgang der Population beobachtet und die International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN), die die Rote Liste der gefährdeten Arten führt, hat das Dingiso 2008 als bedroht eingestuft.

Das Problem ist noch nicht einmal so unbedingt die Bejagung der seltenen Dingisos. Im Gebiet der Moni werden sie ja nicht bejagt. Das Problem ist die um sich greifende Zerstörung des Lebensraums. Direkt oberhalb der Bergwälder liegt die größte Goldmine der Welt in einer Höhe von 4270 m – die Grasberg-Mine des Konzerns Freeport-McMoRan. In der Mine werden sowohl Gold als auch Kupfer abgebaut. Ursprünglich handelte es sich um einen ganzen Bergzug erzhaltigen Gesteins, der im Tagebau abgetragen wird. Der erste Minenbetrieb zum Kupferabbau wurde 1973 eröffnet. 1988 dann wurde die eigentliche Grasberg-Mine eröffnet. Die Erschließung des Vorkommens und der Betrieb der Mine in dem unzugänglichen Gelände gelten – zu Recht – als technologische und logistische Meisterleistung. 2005 betrug die Erzproduktion 238000 Tonnen am Tag, wobei 700000 Tonnen Gesteinsmaterial bewegt werden. Unter dem Tagebau kommen noch zahlreiche unterirdische Stollen hinzu. Eine Seilbahn, Förderbänder und Pipelines, ein Fußweg und eine Straße wurden angelegt. Inzwischen wurden zwei Städte für die Minenarbeiter mitten im Dschungel am Fuße der Berge aus dem Boden gestampft. Der Konzern profitiert davon, dass der indonesischen Regierung Umweltschutzbedenken in der Regel relativ egal sind, solange das Geld fließt. Freeport-McMoRan ist Indonesiens größter Steuerzahler – da stellt man wenig Fragen. Deshalb kann es sich der Konzern leisten sich weder an Umweltschutzauflagen der USA noch an entsprechende Auflagen seitens Indonesiens zu halten. Selbst ein 2001 erlassenes Verbot der indonesischen Regierung, Abraum über die Flüsse zu entsorgen, wurde ignoriert. In den ursprünglichen Tagebauverträgen wurden nie Umweltauflagen eingebunden. Noch immer entsorgt der Tagebau seinen oftmals mit Säuren kontaminierten Abraum einfach über die ins Tiefland abgehenden Flüsse. Zwar wurde ein Damm gebaut, um das betroffene Gebiet einzugrenzen, aber hunderte Quadratkilometer Fläche sind nichtsdestotrotz verseucht, über weite Flächen ist die Vegetation abgestorben. Zum einen ist Kupfer für manche Lebewesen in hoher Konzentration bereits giftig. Zum anderen sind viele der erzhaltigen Verbindungen in der Mine schwefelhaltig und wenn sie durch die Verwitterung oxidieren, bildet sich Schwefelsäure. Des Weiteren kommen verschiedene Schwermetalle als Belastungen hinzu. Zu den verseuchten Gebieten gehört auch der Tagebau von 1973, der zu einem Tagebaurestsee umfunktioniert wurde und nahe gelegene natürliche Seen. Selbst das Grundwasser im nahegelegenen Lorentz-Nationalpark ist bereits betroffen. Leider können keine unabhängigen Messwerte vorgenommen werden, da das gesamte Gebiet Sperrgebiet ist – militärisch gesichert. Zu der Umweltverschmutzung kommt nämlich ein politischer Konflikt hinzu. Das westliche Neuguinea wurde als Irian Jaya von Indonesien in den 60er Jahren annektiert. Bis heute kämpft dagegen ein kleiner, aber hartnäckiger Widerstand der eingeborenen Papua an. Deren Stämme betrachten die Bodenschätze der Grasberg-Mine als ihr Eigentum und beklagen darüber hinaus die Zerstörung der Umgebung durch Mine. Daher wurden auch Einrichtungen der Mine Ziel von Protestaktionen, Angriffen und Anschlägen. Deshalb wird die Mine nun streng bewacht – von einem privaten Sicherheitsdienst, aber auch von der indonesischen Armee. Immer wieder kommt es dabei zu Scharmützeln.

 


Bild 5: Die Grasberg-Mine, die größte Goldmine und drittgrößte Kupfermine der Welt. Der Tagebau ist nicht nur eine hässliche Narbe in der Landschaft – er ist auch für eine großflächige Umweltzerstörung in dem Lebensraum des Dingisos verantwortlich. Quelle: http://investmentwatch.wordpress.com/2007/09/07/walhi-report-on-freeport-rio-tinto/

 

All das spielt sich direkt im Verbreitungsgebiet des Dingisus ab und durfte eine größere Bedrohung für den schrumpfenden Bestand dieser Art darstellen als allein die gelegentliche Bejagung durch lokale Jäger.

 

Literatur.

Flannery, T.F. 1998. Throwim Way Leg: An Adventure. The Text Publishing Company, Melbourne.

Flannery, T.F., Boeadi & Szalay, A.L. 1995. A new tree-kangaroo (Dendrolagus: Marsupialia) from Irian Jaya, Indonesia, with notes on ethnography and the evolution of tree-kangaroos. – Mammalia 59, No. 1: 65-84. doi: 10.1515/mamm.1995.59.1.65

Frenz, L. 2000. Riesenkraken und Tigerwölfe: Auf der Spur mysteriöser Tiere. Rowohlt, Berlin.

Martin, R. 2005. Tree-Kangaroos of Australia and New Guinea. CSIRO Publishing.

http://de.wikipedia.org/wiki/Dingiso

http://de.wikipedia.org/wiki/Grasberg-Mine

http://en.wikipedia.org/wiki/Grasberg_mine

http://nachrichten.freenet.de/wissenschaft/natur/mitten-im-dschungel--krieg-um-die-groesste-mine-der-welt_1738882_533372.html

http://www.arkive.org/dingiso/dendrolagus-mbaiso/#text=All

http://www.papuaweb.org/gb/ref/flannery-1996/114-115.html

http://www.tenkile.com/dingiso_tree_kangaroo.html