Pirats Bestiarium: Wollkrautblütenkäfer (Anthrenus verbasci)

Wollkrautblütenkäfer (Anthrenus verbasci (Linné, 1767))

 

Namensbedeutung. Linné beschrieb auch nach seiner berühmten 10. Ausgabe von „Systema Naturae“ noch neue Arten, so auch diese. Da im Jahre 1767 seine Adelung bereits offiziell war und er sich den französisch klingenden Namen Linné zugelegt hatte, habe ich mich hier entschieden, den Autorennamen des Erstbeschreibers auch so anzugeben an Stelle von Linnaeus, dem vormaligen Namen des Mannes. Den Wollkrautblütenkäfer beschrieb Linné zunächst als Vertreter der Käfergattung Byrrhus. Den Artnamen wählte Linné nach den Pflanzen, auf deren Blüten die adulten Käfer häufig zu finden sind: Den Königskerzen der Gattung Verbascum, die Linné selbst 1753 benannt hatte und die auch als Wollkraut bekannt sind. Wenige Jahre bevor Linné den Wollkrautblütenkäfer beschrieb, hatte ein anderer Zoologe erkannt, dass einige von Linné beschriebene Käfer aus verschiedenen Gattungen in Wirklichkeit zu einer einzigen Gattung gehörten, die Anthrenus getauft wurde. Auch der Wollkrautblütenkäfer wurde wenig später in diese Gattung eingeordnet. Der Gattungsname bedeutet im Altgriechischen eigentlich wörtlich „Hornisse“ oder „Wespe“. Die Vergabe an einen Käfer wird erst dann verständlich, wenn bekannt ist, dass damit früher jedes Insekt bezeichnet wurde, dass mit einem Summen durch die Luft fliegt.

Synonyme. Anthrenus adspersus, Anthrenus florilegus, Anthrenus pictus, Anthrenus tricolor, Anthrenus varius, Bostrichus varius, Byrrhus verbasci, Dermestes varius, Nathrenus verbasci.

Verwandtschaftsbeziehungen. Animalia; Eumetazoa; Bilateria; Protostomia; Ecdysozoa; Panarthropoda; Arthropoda; Euarthropoda; Mandibulata; Pancrustacea; Hexapoda; Insecta; Dicondylia; Pterygota; Metapterygota; Neoptera; Eumetabola; Holometabola; Neuropteriformes; Coleopteroida; Coleoptera; Polyphaga; Bostrichiformia; Dermestidae; Anthrenus.

Die Käfer (Coleoptera) gehören zu den moderneren Insekten, die ein Verpuppungsstadium zwischen die Larvenstadien und die Imagines einschalten, den sogenannten Holometabola. Innerhalb dieser und überhaupt innerhalb der Insekten bilden die Käfer die artenreichste Gruppe. Die innere Systematik der Käfer ist in groben Zügen eigentlich ganz gut aufgeklärt, aber natürlich gibt es immer noch ein paar Baustellen. Die Polyphaga bilden die artenreichste Käfergruppe und innerhalb dieses Taxons ist nicht restlos geklärt, wo die Bostrichiformia anzusiedeln sind. Am wahrscheinlichsten erscheint derzeit eine relativ basale Position innerhalb der Polyphaga. Vernünftige deutsche Namen gibt es für diese Gruppen leider nicht. Die Bostrichiformia haben eine Reihe von Arten hervorgebracht, die hervorragend an trockene Bedingungen und den Verzehr toter organischer Materie wie Keratin angepasst sind – dies gilt gerade für die Familie der Speckkäfer (Dermestidae). Früher fasste man die verschiedenen Bostrichiformia noch zusätzlich als Bostrichoidea zusammen, doch in der modernen phylogenetischen Systematik sind die Bostrichoidea und Bostrichiformia identisch, weshalb ich auf diesen Begriff hier verzichte.

Verbreitung. Ursprünglich stammt der Wollkrautblütenkäfer wohl aus Europa und dem Mittelmeerraum. Noch heute ist er hier am häufigsten: In weiten Teilen Europas bis nach Sibirien, im Nahen Osten und Nordafrika. Häufig ist er aber auch in Nordamerika, wohin er vom Menschen eingeschleppt wurde. Seltener, aber durchaus auch nachgewiesen ist er aber auch in fast allen anderen Teilen der Welt – Afrika, Südamerika, Australien. Eigentlich überall wo Menschen leben. Als eine Art Kulturfolge und Schädling wurde die Art weltweit verschleppt.

 


Bild 1: Ein ausgewachsener Wollkrautblütenkäfer in Seitenansicht. Die hervorragende Aufnahme zeigt gut, wie kleine Schüppchen das Muster auf den Flügeln und Körper bilden. Quelle: Wikipedia/ Olaf Leillinger.

 

Bild 2: Der Käfer aus Bild 1 von der Unterseite. Quelle: Wikipedia/ Olaf Leillinger.

 

Klein und unscheinbar… Der Wollkrautblütenkäfer ist eigentlich klein und unscheinbar. Der Körperbau der Imagines entspricht im Wesentlichen dem für Käfer typischen Bauplan. Dieser ist vom Grundmuster der Insekten nur wenig abgewandelt und sehr generalistisch: Der Kopf trägt beißende Mundwerkzeuge, der Thorax besitzt in seinem vorderen Bereich einen großen Halsschild. Drei paar Beine sind gut ausgebildet. Der Hinterleib ist deutlich gegliedert. Was ist aber an Käfern so auffällig? Nun, vor allem sind es ihre Flügel. Das hintere Flügelpaar ist zart und häutig und liegt im Ruhezustand zusammengefaltet unter dem vorderen Flügelpaar. Dieses ist bei Käfern dick, starr und komplett chitinisiert. Diese Deckflügel werden Elytren genannt und dienen als Schutz und im Flug auch zur Stabilisierung. Mit diesem Bauplan waren und sind Käfer bis heute sehr erfolgreich: Man kennt zwischen 350000 und 400000 Arten, womit sie die größte Insektengruppe darstellen. Und keine andere Tiergruppe hat ähnlich viele Arten. Der Evolutionstheoretiker und begnadete Naturforscher John Haldane soll deswegen auch einmal süffisant bemerkt haben: „Gott scheint eine übertriebene Vorliebe für Käfer zu haben.“

In dieser Vielfalt gehört der Wollkrautblütenkäfer zu den kleineren Arten. Er wird maximal nur 3,5 mm groß und hat einen rundlichen Körperbau. Er wirkt fast plump. Im Verhältnis zum breiten Körper wirken die Laufbeine zierlich. Der Kopf besitzt zwei gut ausgebildete Augen und kurze Fühler, die keulenförmig enden. Die eigentliche Grundfärbung des Wollkrautblütenkäfers ist dunkelbraun bis fast schwarz. Doch bilden feine farbige Schüppchen auf Kopf, Halsschild, den Deckflügeln und am Hinterleib ein Muster aus Weiß und Hellbraun. Speziell die Flügel besitzen dadurch ein charakteristisches Streifenmuster mit braunen und manchmal schwarz marmorierten Partien, die von weißen gewellten Querbändern durchzogen sind (normalerweise sind es drei Bänder).

Die Imagines (also die ausgewachsenen Käfer) sind damit leicht zu erkennen. Die anderen Entwicklungsstadien sehen allerdings gänzlich unterschiedlich aus. Der Wollkrautblütenkäfer zeigt damit sehr deutlich das grundlegendste Merkmal aller sogenannten holometabolen Insekten: Larven und Imagines sehen massiv unterschiedlich aus und als Zwischenstadium dient ein wiederum anders erscheinendes Puppenstadium. Bei allen anderen Insekten hat man dieses Puppenstadium nicht und vielfach sehen die Larvenformen den Imagines bereits sehr ähnlich.

Davon kann beim Wollkrautblütenkäfer absolut nicht die Rede sein. Die Larve erinnert entfernt an eine gedrungene Raupe mit drei Paar Beinen und zahlreichen Borsten. Am hinteren Körper befinden sich zwei bis drei Paar besonders dicht stehende Büschel aus Haaren, die Widerhaken besitzen und sehr leicht abbrechen. Dieses borstige Aussehen erinnert auch an einige ähnlich dicht behaarte Schmetterlingsraupen. Der Hinterleib ist besonders dicklich und hell und braun gestreift. Die Länge der Larven beträgt nur 3-5 mm. Die Puppe kann sogar deutlich kleiner sein, nur 1 bis 2 mm groß. Sie ist dunkelbraun, oval und besitzt eine segmentartige Struktur.

 

AnthrenusBlüte

 

Bild 3: Wollkrautblütenkäfer findet man in den Monaten Mai und Juni häufig auf verschiedenen Blüten, wo sie sich von den Pollen ernähren. Quelle: http://eol.org/data_objects/22822918

 

Allgemeine Lebensweise. Wegen seiner geringen Größe ist der Wollkrautblütenkäfer keine sonderlich auffällige Art. Dabei lebt er als eine Art von Kulturfolger häufig in unmittelbarer Nähe des Menschen. Die Imagines sieht man meistens zwischen Mai und August, je nach Breitengrad. In Deutschland treten sie Ende Mai und Anfang Juni auf. Die erwachsenen Käfer haben nur eine kurze Lebensdauer von ihm Schnitt etwa zwei Wochen. Die Käfer gehen von den eigentlichen Unterschlupfen – Häusern, Vogelnester und ähnliches – auf Flug, um auf Blüten nach Nahrung in Form von Pollen und Nektar zu suchen. Hier findet man sie dann auch oft sitzen. Besonders gerne scheinen sie tatsächlich die Blüten der Königskerzen (Verbascum) zu besuchen, wenn das Vorkommen dieser Blumen auch nicht existenziell notwendig für den Wollkrautblütenkäfer ist. In ihrem kurzen Leben haben die kleinen Käfer außer Futter zu finden noch eine andere wichtige Zielsetzung: Einen Partner finden und sich paaren.

Die weiblichen Käfer suchen zur Eiablage ursprünglich Vogelnester und von Tieren bewohnte Baumhöhlen und ähnliche Örtlichkeiten auf. Dort wurden die Eier zwischen das Nestmaterial oder in Ritzen abgelegt. Doch die Wollkrautblütenkäfer haben eine ganz neue Gelegenheit gefunden, wo sie ihre Eier ablegen können: Die Umgebung des Menschen – Häuser mit Wohnräumen und Lagerräumen. Dort ist es warm und trocken, optimale Bedingungen für die Larven. Und es gibt dort die vornehmliche Nahrung für die Larven: Keratin und Chitin – in Form von toten Insekten, Häutungsresten von Insekten, Haaren, Federn, Hautschuppen. Mit Hilfe spezieller Enzyme können die Larven das Keratin-Protein aufbrechen. Einige dabei entstehende Spaltprodukte wie Kohlenstoffdisulfid zum Beispiel haben darüber hinaus noch weitere verdauungsfördernde Wirkung. Mit Hilfe symbiontischer Bakterien im Darm können die Käferlarven außerdem alle Nährstoffe aus dem Keratin gewinnen, die sie brauchen. Die Larven können aber auch Holz und ähnliches fressen. Und das macht diese Art zu einem Problem.

 


Bilder 4 und 5: Die Larve des Wollkrautblütenkäfers von der Seite und von vorne. Quelle beide Bilder: Wikipedia/ André Karwath.

 

Schädling. Die Larven des Wollkrautblütenkäfers gehören zu jenen Schädlingen, die vom Menschen um fast die ganze Welt verschleppt wurden. Sie sind deshalb Schädlinge, weil sie im Zweifel von praktisch jedem toten organischen Material fressen, solange es nur Keratin enthält. Die Käfer legen ihre Eier in Schränken, unter Tapeten, hinter Fußleisten oder in Lüftungsschächten ab. Die Larven halten sich dann meist auch an diesen dunklen Orten auf oder gehen nachts auf Wanderschaft. Sie fressen dann vom Möbelholz, Haare und Hautschuppen in den Ritzen, von der Tapete, von Kleidung. Besonders berüchtigt sind die Larven in insektenkundlichen (entomologischen) Sammlungen – hier können sie ganze Sammlungsbestände schädigen oder gar vernichten. Viele Insektenforscher fürchten daher den Befall ihrer Sammlungen, gerade auch in älteren Museen – daher wird der Wollkrautblütenkäfer auch Museumskäfer genannt.

Aber auch in normalen Wohnungen empfiehlt zum Beispiel das Gesundheitsamt von Baden-Württemberg eine ganz Reihe von Maßnahmen, zum Teil auch als Vorbeugung. Dazu gehört die umsichtige gründliche Reinigung auch unzugänglicher Stellen, etwa hinter Schränken und Fußleisten, gründliches Lüften der Wohnung, eine regelmäßige Kontrolle möglicher befallener Materialien (z.B. Wäsche). Wäsche sollte nur in gut verschließbaren Fächern und Schränken aufbewahrt werden, die man am besten mit Mottenpapier auslegt. Bei auftretendem Befall wird punktueller Einsatz von Insektiziden empfohlen, z.B. auch in Bettkästen, Schränken etc. Dafür können auch rein pflanzliche Sprays eingesetzt werden. Zur Vorbeugung sollten auch Vogel-oder Wespennester und ähnliche tierische Bauten an und aus Gebäuden entfernt werden, da ein Befall häufig von ihnen ausgeht. Aber woran erkennt man den Befall? Wenn man einmal einen Wollkrautblütenkäfer in der Wohnung sieht oder ein einziges Mal eine Larve, ist noch nicht direkt Panik angesagt. Die Imagines können von draußen eingeflogen sein, die Larven können sich manchmal über Lüftungsschächte in die Wohnung verirren. Treten die Tiere aber häufiger in der Wohnung auf, sollte man genauer hinsehen und Maßnahmen ergreifen. In Deutschland findet man die Tiere häufig in Altbauwohnungen unter den Dielen – die Ritzen zwischen den Brettern bilden den idealen Lebensraum. Häufig fällt diese Besiedlung erst auf, wenn die Tiere durch handwerkliche und bauliche Maßnahmen aufgestöbert werden. Es gibt Schätzungen, denen zufolge 80 % aller Wohnungen in deutschen Großstädten irgendwann einmal einen Wollkrautblütenkäfer-Befall hatten bzw. haben.

In den letzten Jahren gab es auch Indizien, dass ein Befall mit Wollkrautblütenkäfern in der Wohnung nicht nur eine Sache materieller Schäden ist. Auch gesundheitliche Beeinträchtigungen können anscheinend auftreten. Die Larven besitzen schließlich am Körperende zur Verteidigung ausgebildete Haarbüschel. Diese Haare fallen leicht ab und besitzen Widerhaken. Sie sollen vermutlich andere kleinere Räuber fernhalten. Da sie leicht abfallen, treten sie natürlich dann auch im Hausstaub auf und in der Raumluft. Zumindest theoretisch könnten sie in die Atemwege gelangen und die Schleimhäute reizen – und dadurch eine allergische Reaktion auslösen. Ein türkisches Forscherteam berichtete 2009 von einem Fall, der genau darauf hindeutete: Ein fünfjähriger Junge litt seit vier Jahren immer im Winter unter starkem allergischem Schnupfen. Das Haus, in dem er lebte, war mit Wollkrautblütenkäfern befallen, deren Larven gerade auch im Winter in den Räumen gefunden wurden. Einen gezielten Test auf die Allergene lehnten die Eltern allerdings ab. Gleichwohl konnten die Forscher auch im Labor eine Reihe von Indizien zusammentragen (darunter mit Hilfe von freiwilligen Testpersonen), die darauf hindeuten, dass die Larven von Wollkrautblütenkäfern in seltenen Fällen Allergien auslösen können.

 


Bild 6: Eines der Pfeilhaare, wie sie die Larven des Wollkrautblütenkäfers am hinteren Körperende tragen, unter dem Durchlichtmikroskop. Quelle: http://www.schaedlingskunde.de /Dr. Felke – Institut für Schädlingskunde.

 

 

Ein Käfer und sein Biorhythmus. Doch das am meisten beackerte Forschungsfeld beim Wollkrautblütenkäfer ist sein Entwicklungszyklus mit dem zugrunde liegenden Biorhythmus. Die Art gehörte zu den ersten, für die sowohl ein täglicher (circadianer) wie ein jährlicher (circannualer) Rhythmus nachgewiesen wurde und bis heute versuchen die Wissenschaftler diesen noch weiter zu verstehen – zum Beispiel wie er sich durch äußere Faktoren beeinflussen lässt.

Ein täglicher Aktivitätsrhythmus ist für die Imagines, die erwachsenen Käfer, nachgewiesen. Dieser Rhythmus steuert die Zeiten, zu denen die Käfer nach Nahrung suchen und dass sie sich abends wieder in ihre Unterschlupfe etwa in Gebäuden zurückziehen. Dieser Rhythmus erinnert stark an den Biorhythmus, den man auch vom Menschen her kennt.

Wesentlich interessanter noch ist der jährliche Rhythmus, der den Zeitpunkt der Verpuppung und damit zur Verwandlung in den erwachsenen Käfer festlegt. Interessanterweise scheint dieser jährliche Rhythmus in keinerlei näherem Zusammenhang zum Tagesrhythmus der Imagines zu stehen. Die Larven des Wollkrautblütenkäfers leben zwischen 1 und 3 Jahren. Je nach Region verpuppen sie sich eher nach einem Jahr, nach zwei Jahren oder eben nach drei Jahren. Der innere Rhythmus regelt dies, ebenso wie die Zeit, die die Larven überwintern. Selbst eine nur einjährige Larve muss wenigstens einmal überwintern. In jüngerer Zeit untersuchten gerade japanische Forscher diesen Rhythmus. Um ihn genauer zu ergründen setzten sie die Larven unterschiedlich lange dem Licht aus. Dabei bestätigte sich der Verdacht, dass der Biorhythmus der Larven vor allem durch Licht gesteuert wird. Vor allem Dauerbeleuchtungsphasen, die ein Vielfaches von 24-Stunden-Perioden betrugen (z.B. 48 oder 72 Stunden), hatten einen messbaren Effekt auf Wachstum und Entwicklung der Larven und damit auf den Verpuppungszeitpunkt. Dieser Befund deutet darauf hin, dass die Larven einen eigenen 24-Stunden-Rhythmus besitzen. Der Einfluss der Beleuchtungsdauer pro Tag konnte als massiv nachgewiesen werden. Larven, die man konstantem Dauerlicht aussetzte, verloren jeglichen Rhythmus und verpuppten sich meistens später als sie sollten. Erstaunlicherweise konnte der Biorhythmus der Larven aber angeworfen werden, wenn sie zu Beginn ihrer Entwicklung einige Wochen lang einem konstanten 12-Stunden-Zyklus ausgesetzt waren – 12 Stunden Licht, 12 Stunden Dunkelheit. Wurde dies wenigstens etwa 8 Wochen lang durchgehalten, zeigten die Larven auch bei anschließendem Dauerlicht eine Verpuppung im Sinne des Jahresrhythmus, in manchen Fällen sogar früher als üblich.

2009 gelang es den japanischen Forschern erstmals zu zeigen, dass die Dauer von Tageslicht nicht der einzige Faktor ist. Sie ernährten unter ansonsten konstanten Bedingungen zwei Gruppen von Larven des Wollkrautblütenkäfers mit unterschiedlichem Futter. Die eine Gruppe bekam Fischpulver, die andere Gruppe Federn vorgesetzt. Grundsätzlich ist beides als Nahrung für die Larven geeignet. Wie sich aber zeigte, brauchten die Larven, die sich nur von Federn ernährten deutlich länger in der Entwicklung – sie waren es, die sich erst nach zwei oder drei Jahren verpuppten, da sie vorher nicht genügend Biomasse angesammelt hatten. Die Larven, die man mit dem nährstoffreichen Fischpulver fütterte, verpuppten sich im Gegensatz dazu schon nach einem Jahr. Das Nährstoffangebot hat also ebenso einen Effekt auf den circannualen Rhythmus wie das Licht.

 

AnthrenusverbasciPuppa

 

Bild 7: Die Puppe eines Wollkrautblütenkäfers auf Tapete. Größe etwa 1 mm. Quelle: http://nafoku.de/kaefer/dermestidae/09062005_2500.htm /Sabine Jelinek.

 

Aber was sagt uns das? Der Biorhythmus der Larven des Wollkrautblütenkäfers ist im Laufe der Evolution entstanden, weil die Art nur überleben konnte, wenn zwei Dinge austariert wurden: Einerseits sollten die Imagines zu der Jahreszeit aus den Puppen schlüpfen, wenn die Bedingungen für ihr kurzes Erwachsenenleben mit Paarung und Fortpflanzung optimal sind. Außerdem musste noch etwas Zeit für die frisch geschlüpften Larven bleiben um vor der ersten Überwinterung noch genügend Nährstoffreserven aufzubauen. In der freien Natur ist der beste Timer zur Eichung des Rhythmus die Dauer des Tageslichts. Sie synchronisiert den Rhythmus in den ersten Wochen des Lebens der Larve. Andererseits darf der Rhythmus nicht zu starr ausfallen. Es kann immer mal vorkommen, dass die Larve schlechtere Zeiten durchmachen muss, weil das Nahrungsangebot nicht optimal ist. Da die Larven eine große Palette an eigentlich fast immer irgendwie vorhandenen Nahrungsquellen nutzt, wird sie kaum je gänzlich verhungern. Aber die Reserven für die Metamorphose zur Imagines während des Puppenstadiums könnten ja nicht reichen. Hier kommt dann die Verlängerung des Larvenstadiums ins Spiel: Die Larve legt einfach ein weiteres Jahr drauf, bis maximal drei Jahre vergangen sind. Bis dahin kann sie genügend Nährstoffreserven aufbauen, der erwachsene Käfer wird trotzdem garantiert zur rechten Zeit schlüpfen.

 

Literatur.

İğde, M., Açıcı, M., İğde, F. A. I. & Umur, Ş. 2009. Carpet beetle Anthrenus verbasci, Linnaeus 1767: a new seasonal indoor allergen: case report. – Türkiye Klinikleri tip Bilimleri Dergisi 29, No. 6: 1729-1731.

Matsuno, T., Miyazaki, Y., Muramatsu, N. & Numata, H. 2013. Circannual pupation timing is not correlated with circadian period in the varied carpet beetle Anthrenus verbasci. – Biological Rhythm Research. Doi:10.1080/09291016.2013.770293

Miyazaki, Y., Nisimura, T. & Numata, H. 2009. Circannual pupation rhythm in the varied carpet beetle Anthrenus verbasci under different nutrient conditions. – Entomological Science 12, 4: 370-375.

Miyazaki, Y., Nisimura, T. & Numata, H. 2009. A circadian system is involved in photoperiodic entrainment of the circannual rhythm of Anthrenus verbasci. – Journal of Insect Physiology 55, Issue 5: 494-498.

Miyazaki, Y., Nisimura, T. & Numata, H. 2012. Circannual rhythm in the varied carpet beetle, Anthrenus verbasci. – in: Kalsbeek, A., Merrow, M., Roenneberg, T. & Foster, R.G. Progress in Brain Research, Vol. 199: The Neurobiology of Circadian Timing: 439-456. Doi: 10.016/B978-0-444-59427-3.00025-3.

Miyazaki, Y. & Numata, H. 2009. Responsiveness to photoperiodic changes in the circannual rhythm of the varied carpet beetle, Anthrenus verbasci. – Journal of Comparative Physiology A 195, Issue 3: 241-246.

Miyazaki, Y. & Numata, H. 2010. Exhibition of circannual rhythm under constant light in the varied carpet beetle Anthrenus verbasci. – Biological Rhythm Research 41, 6: 441-448. Doi:10.1080/09291010903411443

http://de.wikipedia.org/wiki/Wollkrautblütenkäfer

http://en.wikipedia.org/wiki/Anthrenus_verbasci

http://taxondiversity.fieldofscience.com/2012/02/bostrichiformia.html

http://www.dermestidae.com/Anthrenusverbasci.html

http://www.gesundheitsamt-bw.de/SiteCollectionDocuments/30_Gesundheitsth_Hygiene/Wollkrautblueten_oder_Kabinettkaefer_Information.pdf

http://www.schaedlingskunde.de/Steckbriefe/htm_Seiten/Wollkrautbluetenkaefer_Anthrenus_verbasci.htm

http://www.ungezieferabwehr.de/schaedlinge/speckkaefer/wollkrautbluetenkaefer-museumskaefer/index.html