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Pirats Bestiarium: Flores-Mensch (Homo floresiensis)

Flores-Mensch (Homo floresiensis Brown, Sutikna, Morwood, Soejono, Jatmiko, Wahyu Saptomo & Rokus Awe Due, 2004)


Namensbedeutung. Der Gattungsname Homo wurde bereits 1758 von Linnaeus in seinem „Systema Naturae“ geprägt – es ist schlicht die lateinische Bezeichnung für „Mensch“ (nicht zu verwechseln mit dem vom griechischen „homos“ abgeleiteten „homo“ mit der Bedeutung „gleich“). Zu Linnaeus Zeiten kannte man nur eine Art, nämlich den modernen Menschen von heute, den Homo sapiens. Inzwischen weiß man um mehrere fossile Vertreter der Gattung, darunter den Flores-Menschen. Die Artbezeichnung floresiensis verweist auf die Herkunft der Art von der indonesischen Insel Flores – weshalb sich der gesamte Artname auch mit „Mensch von Flores“ übersetzen lässt.

Eine offizielle deutsche Bezeichnung gibt es nebenbei bemerkt eigentlich nicht. Allerdings wurde der Begriff „Flores-Mensch“ öfters in der deutschen Presse benutzt. Da er dadurch zumindest teilweise bekannt sein durfte und überdies keinerlei Verwechslungsgefahr beinhaltet, habe ich mich entschlossen ihn auch hier zu verwenden.

Verwandtschaftsbeziehungen. Animalia; Eumetazoa; Bilateria; Deuterostomia; Chordata; Craniota; Vertebrata; Gnathostomata; Eugnathostomata; Osteichthyes; Sarcopterygii; Rhipidistia; Elpistostegalia; Stegocephali; Tetrapoda; Reptiliomorpha; Amniota; Synapsida; Eupelycosauria; Sphenacodontia; Therapsida; Eutherapsida; Neotherapsida; Theriodontia; Cynodontia; Mammaliamorpha; Probainognathia; Mammaliformes; Mammalia; Theriimorpha; Theriiformes; Trenchotheria; Cladotheria; Theria; Eutheria; Placentalia; Boreoeutheria; Euarchontoglires; Euarchonta; Primatomorpha; Primates; Haplorhini; Anthropoidea; Catarrhini; Hominoidea; Hominidae; Homininae; Hominini; Homo.

Die größte Baustelle beim Flores-Menschen in Sachen Verwandtschaft gibt es eigentlich nur bei den Debatten um seinen Artstatus – und wenn er eine eigene Art ist, mit welcher anderen Art der Gattung Homo er dann verwandt ist. Diese Debatte werden wir weiter unten ausführlich behandeln. An dieser Stelle sei der sanfte Hinweis gestattet, wie sich die Gattung Homo und damit auch wir als ihr einziger noch verbliebener Vertreter in die Phylogenie der Säugetiere im Allgemeinen und der Primaten im Besonderen einfügen: Die Hominidae umfassen nicht nur uns, sondern auch alle anderen großen Menschenaffen (Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans). Eine familiäre Trennung wie früher war nicht haltbar, da sonst die Menschenaffen (früher als Pongidae abgetrennt) ein Paraphylum gebildet hätten. Nur wenn alle diese Arten zusammengefasst werden, handelt es sich um das angestrebte Monophylum. Zusammen mit den Gibbons Südostasiens bilden die Hominidae die Hominoidea, die wiederum zu den Altweltaffen (Catarrhini) gehören und innerhalb dieser die Schwestergruppe zu den Cercopithecoidea (Paviane, Meerkatzen und andere geschwänzte Affen Afrika und Eurasiens) bilden. Damit ist der Mensch nur eine Art von vielen an dem relativ buschigen Stammbaum der höheren Primaten Afrikas und Eurasiens – ein Stammbaum, der noch buschiger wird, wenn man die fossilen Arten hinzunimmt.

Fundorte. Einziger Fundort bisher ist die Kalksteinhöhle Liang Bua auf der indonesischen Insel Flores. Liang Bua liegt etwa 14 km nördlich der Stadt Ruteng (Hauptstadt der Manggarai-Provinz) und 25 km von der Nordküste der Insel entfernt.

Ob die Steinwerkzeuge, die man von den Fundstellen Mata Menge und Wolo Sege am Oberlauf des Ae Sissa (etwa 100 km östlich von Liang Bua) auch vom Flores-Menschen stammen ist umstritten, gilt aber als unwahrscheinlich, da sie mit einem Alter von wahrscheinlich 1 Millionen bis etwa 800000 Jahren vor heute als zu alt gelten.

LageFlores

Bild 1: Die Lage von Flores nördlich von Australien in der Inselwelt Indonesiens. Die Kartenausschnitte vermitteln die Lage von Liang Bua. Quelle: Morwood et al. 2004.

 

 

Datierung. Vermutlich wenige Fundstellen wurden so intensiv durchdatiert wie Liang Bua nach der Entdeckung des Flores-Menschen. Dabei wurden unterschiedlichste physikalische Datierungsmethoden angewandt, die eine gewisse Bandbreite an Ergebnissen brachten. Die Details dieser Methoden werden weiter unten etwas näher beleuchtet. Die verschiedenen Daten geben für die belegbare Existenz des Flores-Menschen ein Zeitfenster, das sich etwa auf die Zeit von vor 95000 Jahren bis vor 17000 Jahren eingrenzen lässt. Einige Befunde, die noch jüngere Daten für einen Teil angaben, die dieses Zeitfenster bis auf 11000 Jahre vor heute erweitert hätten, wurden in einer Studie aus dem Jahre 2009 nicht bestätigt. Auf jeden Fall fallen die Funde damit zeitlich ins Obere Pleistozän oder auch Tarantium.

Die Suche nach Frühmenschen. Indonesien spielte schon immer auf der Suche nach den Vorfahren des heutigen Menschen in der Forschung eine bedeutende Rolle. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann – in Gefolge von der Veröffentlichung von Charles Darwins „Origin of Species“ – die Suche nach dem Vorfahren der Menschen. Recht früh gab es konkurrierende Ideen, wo man überhaupt suchen sollte. Darwin selber vermutete 1871, der gemeinsame Vorfahre der heutigen Menschenaffen und Menschen hätte in Afrika gelebt – womit er letzten Endes nach heutigem Kenntnisstand ja prinzipiell richtig lag. Aber es gab noch eine andere Theorie, die vor allem bei den Kontinentaleuropäern Anklang fand: Demnach hätte der Ursprung der Menschheit in Südostasien gelegen (oder, wenn es noch faszinierender sein musste: Auf einem untergegangenen Kontinent zwischen Indonesien und Madagaskar). Das heutige Indonesien gehörte damals zum Einflussbereich der Niederlande, die daraus in den folgenden Jahrzehnten eine Kolonie machten. So war es dann auch ein niederländischer Militärarzt, der auf Java erstmals auf die Jagd nach Frühmenschenknochen ging – und 1891 tatsächlich fündig wurde! Diese Funde erlangten als Java-Mensch Berühmtheit und werden heute zur Art Homo erectus gestellt und auf ein Alter von etwa einer Million Jahre datiert. Auch wenn man heute sich sicher ist, dass diese Frühmenschen auf eine Einwanderungswelle aus Afrika zurückgingen – ihren Ursprung also nicht in Südostasien selber hatten -, so war damit nun aber dennoch die relativ frühe Existenz früher Menschenformen in der Region bewiesen. Daher bemühte man sich auch während des 20. Jahrhunderts, weitere Fossilien in Indonesien zu finden. Allerdings bald schon mit bestimmten Erwartungen: Man nahm an, dass Homo erectus nur den Teil Indonesiens erreicht hatte, der auf dem asiatischen Kontinentalschelf liegt und während früherer Phasen niedrigen Meeresspiegels mit Landbrücken verbunden war (etwa während der Eiszeiten). So war man sich zum Beispiel sicher, dass Homo erectus nie die Wallace-Linie zwischen Bali und Lombok überwunden hatte. Zwischen Bali und Lombok endet der asiatische Kontinentalschelf, das Meer wird markant tiefer und lag hier niemals trocken. Diese Barriere bildet überraschenderweise tatsächlich für Landtiere eine markante Grenze – westlich dieser Linie gibt es keinerlei Arten, die typisch für die australische Fauna sind. Umgekehrt gibt es viele Arten, die noch typisch für den Westen Indonesiens sind nicht östlich dieser Linie – obwohl die Entfernung auch nicht größer ist als etwa zwischen Bali und Java. Benannt ist die Wallace-Linie nach Alfred Russel Wallace, der sie im 19. Jahrhundert als erster identifizierte (und nebenbei fast zeitgleich mit Darwin das Konzept der natürlichen Selektion als Motor der Evolution beschrieb). Man setzte nun einfach voraus, dass Homo erectus unfähig war diese Barriere zu überwinden (Boote traute niemand diesem Frühmenschen zu) und erst der später ebenfalls aus Afrika eingewanderte moderne Mensch (Homo sapiens) diese Pioniertat vollbrachte.

Die Insel Flores liegt östlich der Wallace-Linie. Man erwartete hier also niemals andere Knochen als die von Homo sapiens. In den späten 1950er Jahren entdeckte man jedoch erstmals auf Flores Steinwerkzeuge am Oberlauf des Ae Sissa. Diese Funde wurden in den 1990er Jahren durch weitere Fundstücke bestätigt. Sie wurden auf ein Alter von über 800000 Jahren datiert, weshalb man natürlich naheliegenderweise annahm, sie müssten Hinterlassenschaften von Homo erectus sein. Den Widerspruch, dass der Fundort östlich der Wallace-Linie lag blieb aber. Daher wurde die Datierung angezweifelt. Näheren Aufschluss konnten nur weitere Funde bringen – am besten aus stratigraphisch gut einzuordnenden und unzweifelhaft zu datierenden Schichten. Also wurde Ende der 1990er Jahre eine systematischere Suche nach weiteren Frühmenschenhinterlassenschaften auf Flores gestartet.


WallaceLine
Bild 2: Die Karte zeigt die Lage der Wallace-Linie. Die weiter östlich gelegene Lydekker-Linie markiert die Grenze ab der keinerlei südostasiatische Faunenbestandteile mehr auftreten. In dunkelgrau sind die heutigen Küstenlinien dargestellt, in hellerem Grau die Gebiete, die während der pleistozänen Eiszeiten zusätzlich Land darstellten. Flores blieb selbst dabei vom Festland isoliert. Quelle: Jungers & Baab 2009.


Liang Bua. Eine der Lokalitäten, die man für vielversprechend hielt, war die Höhle Liang Bua. Der Name heißt übersetzt schlicht „kühle Höhle“. Und forschungshistorisch ist Liang Bua kein unbeschriebenes Blatt. Erste Grabungen, deren Ergebnisse aber nicht offiziell publiziert wurden, brachten bereits 1965 einige sehr junge Gräber und Steinwerkzeuge zutage. Weitere Grabungen, diesmal sorgfältiger und mit Publikation der Ergebnisse, fanden zwischen 1978 und 1989 statt. Sie förderten weitere neolithische Gräber und andere Hinterlassenschaften moderner Menschen zutage. Man trug etwa die obersten 4,2 m der in der Höhle abgelagerten Sedimente ab, wobei man etwa 10000 Jahre in die Vergangenheit vordrang. Es handelte sich also eher um rein archäologische Grabungen, die auch ausschließlich die Überreste von modernen Menschen der Art Homo sapiens freilegten. Das war allerdings soweit nichts Ungewöhnliches – dass unsere eigenen Artgenossen am Ende der letzten Eiszeit bereits die Region besiedelt hatten wusste man ja. Das Interesse bei einer neuen Grabungskampagne galt älteren Schichten!

Hier ist ein kurzer Abriss der geologischen Situation von Liang Bua hilfreich. Entstanden ist die Höhle als Auswaschung in älteren verkarsteten Kalkgesteinen, vermutlich vor etwa 600000 Jahren. Damals handelte es sich noch um einen komplett unterirdischen Hohlraum. Solche Hohlräume sind in Karstgebieten häufig: Grund-und Sickerwässer lösen das Kalkgestein auf. Die Decken so entstehender Hohlräume brechen oft später ein, wodurch sogenannte Dolinen entstehen. Oder externe Erosion sorgt für einen Durchbruch zum Hohlraum. So war es auch hier: Der Fluss Wae Racang schnitt sich am Nordende des Hohlraums in den Untergrund ein. Dadurch entstand erstmals ein Eingang zur Höhle und zwar vor etwa 190000 Jahren. In der Folge wurden verschiedene Sedimente durch Wasser und Wind in die Höhle eingetragen, wo sie bis zu 11 m mächtige Schichten bildeten. Heute verläuft der Wae Racang etwa 30 m unterhalb der Höhle. Die Höhle selber ist heute etwa 30 m breit, 25 m hoch und rund 40 m tief. Inzwischen kennt man die Abfolge der Sedimente in der Höhle recht gut: Zuunterst findet man Konglomerate, also grobkörnige Sedimente mit rundlich geschliffenen Steinen, typisch für stark fließendes Wasser. Darüber findet man überwiegend feinkörnigere, tonige Sedimente, typisch für ruhige Wasserverhältnisse. Zwischengeschaltet sind Sinter (Lagen karbonatischer Ausfällungen) und Vulkanaschen. Letztere sind besonders für die Datierung von Funden interessant.

In dieser Höhle hoffte man in tieferen und damit älteren Schichten auf weitere Hinweise zu stoßen, dass Flores bereits deutlich vor dem modernen Menschen durch andere Hominiden besiedelt wurde.

Bild 3: Liang Bua, während der Grabungssaison 2007. Quelle: Wikipedia.

 

Die Entdeckung des „Hobbit“. 2001 begann die Grabungskampagne in Liang Bua. Geleitet wurde sie von dem neuseeländisch-australischen Archäologen Michael „Mike“ Morwood (1950-2013) und seinem indonesischen Kollegen Thomas Sutikna aus Jakarta. Es sollte rund zwei Jahre dauern, bis sie endlich auf etwas Bemerkenswertes stießen – etwa vor dem mittleren Abschnitt der östlichen Seitenwand der Höhle, in 5,9 m Tiefe. Im September 2003 entdeckte man an dieser Stelle erste Knochen. Beim vorsichtigen Weitergraben entdeckte man auf einer Fläche von nur 500 cm² immer mehr Knochen sowie einige Steinwerkzeuge. Bei den Knochen handelte es sich um das unvollständige Skelett eines kleinen Hominiden, so viel war schnell klar. Die Erhaltung der Knochen war jedoch schwierig: Sie waren noch nicht vollständig versteinert, zugleich war das überziehende Calciumcarbonat weggelöst. Daher waren die Knochen sehr brüchig und tatsächlich eher feucht. Man legte sie drei Tage lang zum Trocknen aus und härtete sie danach mit Leim. Erst dann waren sie transportfähig.

Dies war das erste Exemplar des Flores-Menschen, das gefunden wurde. Aus der Fundlage ergab sich, dass der Leichnam ursprünglich ein Stück weit bewegt worden war, bevor er endgültig zur Ruhe kam und von Sedimenten überdeckt wurde. Das Exemplar bekam die Nummer LB 1. LB 1 umfasst einen quasi vollständigen Schädel mit Unterkiefer, Beinknochen, Teile des Beckens, unvollständige Hand-und Fußknochen, Fragmente der Wirbel, des Kreuzbeins, der Rippen, von Schulterblatt und Schlüsselbein.

Nach diesem Fund hatte das Grabungsteam natürlich die Gewissheit: Man suchte an der richtigen Stelle! Schon bald fand man einen weiteren Überrest, den dritten Prämolaren aus einem Unterkiefer, versehen mit der Nummer LB 2. LB 1 und LB 2 bildeten dann die Grundlage der Erstbeschreibung, die im darauffolgenden Jahr publiziert wurde. Und was war das für eine Sensation! Nicht einfach nur eine neue Frühmenschenart – die Presse übernahm einen Spitznamen, den bereits die Forscher intern verwendet hatten: Man nannte den Flores-Menschen den „Hobbit“, in Anlehnung an die zwischen 2001 und 2003 erschienenen „Herr-der-Ringe“-Filme. Und der Grund war sehr einfach: Der Flores-Mensch war viel kleiner als man das von einer vergleichsweise jungen Homo-Art (LB 1 wurde zunächst auf ein Alter von etwa 18000 Jahren datiert) erwartet hatte.

 

LB1Schädel

Bild 4: Der Schädel von LB 1. Links von oben nach unten: Seitenansicht, Ansicht von schräg vorne, Ansicht von oben. Rechts von oben nach unten, ohne Unterkiefer: Vorderansicht, rückwärtige Ansicht, Ansicht von unten auf die Gaumenseite. Maßstab: 1 cm. Quelle: Brown et al. 2004.


LB1Skelett
Bild 5: Die Knochen, die schließlich bis 2009 LB 1 zugeordnet wurden, hier arrangiert in ihrer Anordnung beim lebenden Flores-Menschen. Dieser war lebend nur etwa 106 cm groß. Quelle: Jungers & Baab 2009.

 

Der erste Eindruck. Ja, was hatte man da gefunden? Der Schädel wirkte auf jeden Fall schon relativ menschlich, mit relativ flachem Gesicht wie bei jüngeren Vertretern der Gattung Homo üblich und leichten Überaugenwülsten, wie man sie auch zum Beispiel von Homo erectus kennt. Auch andere Details des Schädels erinnern besonders an Homo erectus und diesem nahestehende fossil belegte Frühmenschen – vor allem der in Asien belegten Populationen. Dazu gehören zum Beispiel eine etwas dickere rückwärtige Partie der Schädelwölbung, das niedrige Schädeldach und die deutliche Abtrennung des Mastoid-Prozessus des Schläfenbeins (Temporale) von den Knochen, die das Mittel-und das Innenohr umgeben. Eher fortschrittlich erscheint da fast schon die relativ hohe Stirn. Andere Merkmale erscheinen urtümlicher, so etwa die deutlich rückwärts gerichtete Unterkiefersymphyse (die Naht, an der die beiden Unterkieferäste vorne zusammengewachsen sind). Auch Details der Zahnmorphologie erinnern eher an frühe Vertreter der Gattung Homo. Die Eckzähne sind vergleichsweise kräftig ausgebildet. Ein anscheinend für den Flores-Menschen einzigartiges Merkmal ist die Ausrichtung des vierten Prämolaren des Oberkiefers, der genau parallel zum hinteren Teil der Zahnreihe ausgerichtet ist (bei anderen Menschenarten steht er stets in einem leichten Winkel zu den hinteren Zähnen). Der erste Prämolar im Unterkiefer hat zwei Wurzeln, was zwar ebenfalls an manche frühe Homo-Vertreter erinnert, aber im Gegensatz zum modernen Mensch steht – bei uns besitzt dieser Zahn nur eine Wurzel. Andere Unterschiede zum modernen Menschen finden sich auch im Gesichtsschädel: Eine im Verhältnis auffallend große Öffnung im Kieferknochen direkt hinter den Schneidezähnen bildete einen Kanal für wichtige Nerven von der Mundhöhle zur Nase. Und die vorderste Kieferpartie zwischen Mundhöhle und Nasenhöhle ist deutlich schmaler als beim modernen Menschen. Doch diese zum Teil schon recht verwirrende Merkmalskombination wurde von einem Merkmal noch auf die Spitze getrieben: Das Gehirnvolumen. Der fast kugelförmige Hirnschädel hatte nach Berechnungen in der Erstbeschreibung von 2004 nur ein Volumen von 380 cm³ (bei einem Gewicht von etwa 433 g) - und damit wäre das Gehirn kleiner als bei einem heutigen Schimpansen gewesen (die haben ein durchschnittliches Hirnvolumen von etwa 400 cm³). Ähnliche Volumina kennt man von den urtümlichen Vertretern der fossilen Gattung Australopithecus, die als Vorläufer von Homo gilt. 2013 wurde das Gehirnvolumen des Flores-Menschen anhand der Schädelreste von LB 1 mit Hilfe von CT-Aufnahmen noch einmal neu berechnet, diesmal kam man auf ein Gehirnvolumen von 426 cm³. Das ist zwar größer als man dies 2004 annahm, aber immer noch viel zu klein eigentlich – nur wenig über dem Volumen eines Schimpansen und lediglich die Hälfte des durchschnittlichen Volumens der meisten Vertreter von Homo erectus. Im Vergleich dazu: Das durchschnittliche Gehirnvolumen beim Homo sapiens beträgt etwa 1350 cm³.

Passend zur kleinen Gehirngröße ist dafür die geringe Körpergröße. LB 1 entpuppte sich anhand von Beckenmerkmalen als ein Weibchen von kaum mehr als einen Meter Größe. Das Schienbein misst nur 23,5 cm, der Oberschenkel nur etwa 28 cm. In einer ersten Rekonstruktion wurde eine Gesamtgröße von LB 1 von maximal 106 cm, bei einem Gewicht von 16 - 36 kg (je nach Ernährungszustand und Schätzmethode). Nimmt man an, dass der eher schlanke Körperbau der meisten heutigen tropischen Völker typisch für Homo-Populationen in Äquatornähe ist, so wäre eine niedrigere Gewichtsschätzung vermutlich am wahrscheinlichsten. Dies würde einen sogenannten Enzephalisations-Quotienten (EQ; beschreibt die relative Gehirngröße im Verhältnis zur Körpermasse) von annährend 4,6 ergeben, was zwar nicht an den modernen Menschen heranreicht, aber durchaus im EQ-Bereich des Homo erectus liegt. Ein höherer EQ spricht prinzipiell für eine höhere Intelligenz und komplexeres Verhalten. Sollten doch eher die höheren Gewichtsschätzungen zutreffen, würde der EQ des Flores-Menschen jedoch auf 2,5 sinken, zumindest bei LB 1. Und das wäre der niedrigste EQ aller bekannten Vertreter der Gattung Homo.

Die restliche Anatomie zeigte auf den ersten Blick wenig Auffälligkeiten. Ein paar Kennzeichen der Langknochen erwiesen sich als eigenwillig – so entspricht das Verhältnis des Durchmessers des mittleren Schaftes der Tibia (Schienbein) und ihrer Länge dem entsprechenden Verhältnis bei Schimpansen. Ähnliches gilt für manche Größenverhältnisse bei Femur (Oberschenkel) und wird so bei keiner anderen Homo-Art gefunden. Andererseits ist die Ausbildung des kleinen Trochanters (Trochanter minor) – einem wichtigen erhabenen Muskelansatzpunkt am Oberschenkel – und der daran auf der Rückseite des Oberschenkelknochens ansetzenden scharf konturierten Leiste, der Crista intertrochanterica, sehr ähnlich wie beim modernen Menschen – beide Strukturen sind recht markant ausgeprägt, nicht so schwach wie bei basaleren Frühmenschen.

 

Bild 6: Ein wichtiger Vergleich zum Flores-Menschen ist stets der Homo erectus, der potentiell der Ahne des Flores-Menschen war. Dieser Abguss einer Schädelrekonstruktion von Homo erectus ist in Ann Arbor (Michigan/USA) im dortigen Museum of National History ausgestellt. Quelle: Wikipedia/Thomas Roche.

Das Forscherteam, das LB 1 und LB 2 entdeckte und 2004 den Flores-Menschen erstmals als Art beschrieb, stellte fest, dass LB 1 eindeutig ein ausgewachsenes Exemplar war (man schätzte das Alter auf 30 Jahre). Man hatte es also aus ihrer Sicht eindeutig mit einer zwergenhaften Menschenart zu tun. Etwas abseits von LB1 und LB 2 hatte man in etwas größerer Tiefe auch einen Unterarmknochen – einen einzelnen Radius (Speiche) – gefunden, der auch nur etwa 21 cm lang war und ebenfalls nur zu einem sehr kleinen Menschen gehört haben könnte. Die Forscher entwickelten folgendes Erklärungsmodell: Wahrscheinlich wurde Flores sehr wohl bereits vor fast einer Million Jahren von einigen Vertretern des Homo erectus erreicht und besiedelt – ungeachtet der Wallace-Linie. Dafür waren diese Frühmenschen anschließend so isoliert auf der Insel, dass sie sich zu einer verzwergten Art entwickelten. Dieses Szenario werden wir weiter unten noch breiter diskutieren. Zunächst wenden wir uns dem zu, was auf die Erstbeschreibung von 2004 folgte: Ein jahrelanger Expertenzoff darüber, ob der Flores-Mensch überhaupt eine eigene Art ist.

Eigene Art – oder ein Fall von Microcephalie? Die Kontroverse begann im Grunde kaum einen Monat nach Publikation der Erstbeschreibung. Da äußerte sich Teuku Jacob (1929-2007), so etwas wie der „Gottvater“ der indonesischen Paläoanthropologie, zu Flores-Menschen. Sein erster Eindruck war vernichtend – er könne in den neuen Funden keine neue Art erkennen. Anfang 2005 präzisierte Jacob seine Kritik: Der Flores-Mensch sei nicht mehr als ein krankhaft verändertes Exemplar eines modernen Menschen – also nicht mehr als eine Pathologie. Andere Kritiker äußerten bereits den Verdacht, es könnte sich bei dieser Pathologie um einen Microcephalus handeln. Als Microcephalus bezeichnet man eine Missbildung, die verschiedene Ursachen haben kann, aber stets zu einem kleineren Schädel und damit einer krankhaften Degeneration des Gehirns führt. Die Folge ist in der Regel eine entsprechende geistige Behinderung. Der Flores-Mensch wäre also nichts weiter als ein fehlgebildeter Idiot und keine eigene Art gewesen. Diese Kritik war aber nur der Auftakt.

Im April 2005 veröffentlichte das Forscherteam rund um die Entdecker des Flores-Menschen einen weiteren Artikel: Sie beschrieben diesmal im Detail die anhand des Schädels von LB 1 verfügbaren Informationen zum Gehirn des Flores-Menschen und verglichen dieses außerdem mit heutigen Menschenaffen, anderen Frühmenschenarten, dem modernen Menschen (darunter einem Pygmäen) und auch den Gehirnen von Menschen, die unter einem Microcephalus litten. Basis der Vergleiche waren jeweils dreidimensionale virtuelle Modelle auf Grundlage von CT-Aufnahmen. Die Forscher stellten einige bemerkenswerte Befunde fest, die hier Stichpunktartig zusammengefasst sein sollen:

1. Am ehesten ähnelte das Gehirn des Flores-Menschen noch dem von Homo erectus, mit einigen geringfügigen Unterschieden – zum Beispiel war es im mittleren Bereich deutlich breiter.

2. An die Gehirne von heutigen Menschenaffen oder basalen fossilen Homininen erinnerte es kaum. Im Gegenteil: nicht wenige Bereiche des Gehirns, etwa die sehr ausgeprägten Temporallappen, und einige komplexe Windungen an der Hirnoberfläche erwiesen sich als ausgesprochen abgeleitet.

3. Die Frontallappen zeigten eine besondere Struktur: Am Rande ausgeprägte Windungen, die durch Eindellungen von querlaufenden leicht erhabenen Strukturen separiert waren. Ähnliche Strukturen, nur sehr viel weniger ausgeprägt kannte man durchaus von basaleren Hominiden und Schimpansen. In dieser starken Ausprägung, noch dazu bei einem Vertreter von Homo war dieses Merkmal neu.

4. Ähnlichkeiten zu dem Gehirn eines an Microcephalie leidenden modernen Menschen konnten die Forscher nicht ausmachen. Letzteres zeichnete sich eher durch die Degeneration einiger Hirnbereiche aus, was beim Flores-Menschen nicht der Fall zu sein schien. Auch mit anderen Gehirnen von Homo sapiens gab es nur wenige Übereinstimmungen, nicht einmal mit dem eines Pygmäen. Der Pygmäe besaß sogar einen wesentlich höheren EQ als der Flores-Mensch, da die Körpergröße dieser Ethnie zwar insgesamt kleiner als beim Rest der modernen Menschen ist, der Kopf im Verhältnis zum Körper aber größer bleibt. Beim Flores-Menschen war aber offenkundig alles kleiner – unter Beibehaltung der wichtigsten Proportionen.

Demnach wäre der Flores-Mensch also keine zufällig fossil überlieferte Pathologie. War’s das dann? Mitnichten! Die Debatte ging gerade erst los. Kurz nach dem Artikel von 2005 bereits veröffentlichten Kritiker der Entdecker des Flores-Menschen einen „Comment“ in Science, in dem sie ihrer Auffassung Ausdruck verliehen, dass es sich doch nur um einen Fall von Microcephalie handele – wenn man nur mehr Vergleichsschädel mit dieser Anomalie zur Hand nahm. Auf diesen „Comment“ hin brachte die Gegenseite einen „Response to Comment“ in Science. Ihr Gegenargument: Die Kritiker hätten in ihrem „Comment“ handwerkliche Fehler gemacht, unter anderem sei auf ihren Vergleichsabbildungen nicht das zu sehen, was unterstellt wurde. Und manche Details in Bezug auf Microcephalie seien schlecht recherchiert worden, um es mal so auszudrücken. Aus diesem Grunde wiesen sie die „Microcephalus“-These zurück und unterstrichen nochmals: Der Flores-Mensch ist eine eigene Art.

 

LB1Mikrocephalus

Bild 7: Dieses Bild stellt einen Vergleich zwischen dem Schädel von LB 1 (A) und dem Schädel eines Mannes aus Indien, der Microcephalie hatte (B). Eine allgemeine Ähnlichkeit ist in der Tat nicht zu verkennen. Die Debatte darum, ob auch der Flores-Mensch nichts anderes als eine Pathologie ist, wurde über fast 10 Jahre bis ins kleinste knöcherne Detail geführt. Quelle: Martin et al. 2006.

 

 

Es waren aber längst andere Kritiker dabei, die sich wesentlich mehr Mühe dabei gaben, die „eigene-Art-Hypothese“ zu unterminieren. Es dauerte rund ein Jahr, bis eine Forschergruppe aus Chicago in der Zeitschrift Science eine Erwiderung veröffentlichte, mit der sie darlegten, warum LB 1 doch nur eine Pathologie sein könne. Auf nur zwei Seiten nahmen sie die eben geschilderte Studie unter Beschuss: Zum einen sei nicht vorstellbar, dass es sich um eine Verzwergungsform einer bereits bekannten Homo-Art handele, da die tatsächlich vorgefundenen Körperproportionen und die Körpermasse dazu nicht passen würden. Um dies zu belegen wurden Skalierungsmodelle vorgelegt, die auf anderen bekannten Zwergformen etwa bei Elefanten beruhten und ganz andere Gewichtswerte für eine hypothetische menschliche Zwergform vorhersagten als sie für LB 1 ermittelt worden waren. Viel wichtiger aber war: Die Chicagoer Forschergruppe brachte weitere Schädel von Microcephalie-Patienten ins Spiel, schließlich gibt es mehrere verschiedene Formen davon. Die Argumentation der Chicagoer: Nimmt man noch andere Variationen mit in den Vergleich, ergeben sich wesentlich mehr Übereinstimmungen mit LB 1, inklusive einer gewissen Kleinwüchsigkeit, die sich dann auch auf das Körperskelett auswirkt. Außerdem konnten unter Microcephalie Leidende durchaus bis ins Erwachsenenalter überleben. Die Schlussfolgerung am Ende war schließlich, dass LB 1 ein durch Microcephalie degenerierter Homo sapiens wäre – also noch nicht einmal mehr ein Homo erectus.

Die Debatte hatte längst den Punkt erreicht, an dem mehrere Forschergruppen an ihren Argumenten für die eine oder andere Seite arbeiteten, mit mehr oder weniger Elan und mehr, weniger oder gar keinem Zugang zum eigentlichen Fossilmaterial. Dadurch wurde die Debatte kurzfristig auch etwas unübersichtlich. Dabei ging es stets um viel Methodisches: Wurde in Betracht gezogen, dass man das Gehirn gerade der fossilen Exemplare nur aufgrund der Spuren, die es als Abdruck auf der Schädelinnenseite hinterlässt, rekonstruiert hat? Strukturen können dadurch schwächer überliefert sein, als sie tatsächlich ausgebildet waren. Hatte man genügend Vergleichsmaterial – manche Forschergruppe führten in ihren Studien nur eine handvoll Microcephalus-Schädel an, andere arbeiteten mit bis zu 19.

Ein australisches Forscherteam um Debbie Argue veröffentlichte im Frühjahr 2006 seine Ergebnisse. Diesmal wurden die Schädel von LB 1, verschiedenen Frühmenschen und heutigen Menschen inklusive Microcephalus-Betroffenen mit Hilfe von metrischen Analysen verglichen – also welche Knochenmaße lassen sich in welchen Bezug zu anderen Maßen setzen, in welchem Winkelverhältnis stehen sie zueinander etc. Im Fokus lagen entsprechende craniometrische Analysen, also Analysen des Schädels. Es wurden aber auch Vergleiche von anderen Knochen des Körpers herangezogen. Das Ergebnis war bemerkenswert: Die einzige Gemeinsamkeit mit an Microcephalie leidenden modernen Menschen war die geringe Gehirnkapazität. Alle anderen Schädelmaße dagegen wiesen keinerlei Gemeinsamkeit mit den Schädeln irgendeines Homo sapiens auf – auch nicht mit Microcephalus-Schädeln. Letztere waren trotz des kleineren Hirnschädels aufgrund der Maße des Gesichtsschädels immer noch zweifelsfrei als Homo sapiens zu identifizieren. Hinzu kam, dass das Gehirn des Flores-Menschen zwar klein, aber dennoch relativ komplex strukturiert war. Daraus wurde geschlussfolgert, dass der Flores-Menschen durchaus zu komplexem Sozialverhalten und gewissen geistigen Leistungen imstande gewesen sein müsste. Die größten anatomischen Ähnlichkeiten fand man mit anderen fossilen Arten gegeben – allerdings nicht unbedingt mit dem Homo erectus, der einzigen anderen sicher für Südostasien nachgewiesenen Art der Gattung. Sondern vielmehr mit afrikanischen basaleren Vertretern von Homo. Das bekannte Körperskelett von LB 1 wurde sogar noch überraschender eingestuft – es würde dem Körperskelett der noch basaleren Australopithecinen aus Afrika am meisten ähneln, also den Vorfahren der Gattung Homo. Allerdings wurde eingeräumt, dass das zum Vergleich herangezogene Skelettmaterial gerade beim Flores-Menschen dürftig war. In einem war sich Argues Team jedenfalls sicher: Der Flores-Mensch ist eine eigene Art!

Auch das ursprüngliche Entdeckerteam des Flores-Menschen blieb am Ball und arbeitete zusammen mit einigen amerikanischen Kollegen rund um Dean Falk von der Florida State University an eigenen Vergleichen zwischen LB 1 und von Microcephalie verformten Schädeln. Anfang 2007 veröffentlichten sie erneut Ergebnisse, die ebenfalls ihre frühere Deutung des Flores-Menschen als eigene Art stützten: Auch hier zeigte sich, dass das Gehirn von LB 1 keinerlei Spuren krankhafter Anomalien zeigte, für seine geringe Größe sogar recht komplex war und vermutlich durch ökologische Faktoren relativ kleiner geworden war. Sofern LB 1 an einen modernen Menschen erinnerte, dann an gesunde Vergleichsexemplare, weniger an Microcephalus-Fälle.

LB1Hirn

Bild 8: Das virtuelle Modell des Gehirns von LB 1, basierend auf dem anhand von CT-Scans rekonstruierten Innenabdruck des Hirnschädels. A: Linke Seite. B: Rückseite. C: Rechte Seite. D: Vorderseite. Quelle: Falk et al. 2005.


Hirnvergleich

Bild 9: Virtuelle Gehirnmodelle im Vergleich. A: von oben. B: rechte Seite. In der Mitte: Das Gehirn von LB 1. Abkürzungen: Hs = Homo sapiens (moderner Mensch); He = Homo erectus; Pt = Pan troglodytes (Schimpanse); mcHs = Homo sapiens mit Microcephalie. Von oben erkennt man, dass das Gehirn von LB 1 etwas breiter als jenes von Homo erectus war, dem es ansonsten in der Seitenansicht deutlich mehr ähnelt als dem Microcephalus-Gehirn. Quelle: Falk et al. 2005.

 

 

Der Fall eines Laron-Syndroms? Die Idee bei LB 1 und damit um den Flores-Menschen generell habe es sich nur um einen fossil belegten Fall von Microcephalie gehandelt, trat daraufhin in den Hintergrund. Das beendete aber nicht die Debatte. Kritiker führten nun neue Fehlbildungen und Erkrankungen ins Feld, die für die geringe Körper-und Gehirngröße verantwortlich sein sollten.

Ende 2006 brachte Gary D. Richards vom Human Evolution Research Center im kalifornischen Berkeley bereits ins Spiel, dass es sich um eine Art Pygmäen-Form des Homo sapiens handeln könnte, die ursächlich auf eine Mutation zurückgegangen sein könnte, durch die der Körper nicht in gewohnter Form auf Wachstumshormone reagierte. Richards räumte aber ein, man bräuchte mehr Fundmaterial und zusätzliche Nachforschungen auch auf molekularer Ebene, wenn möglich, um die Frage wirklich dingfest zu machen.

Die Idee, dass es eine Wachstumsstörung gewesen sein könnte, auf die der vermeintliche Flores-Mensch zurückgeht, schien in der Luft zu hängen. Etwa zur selben Zeit wie Richards arbeitete ein israelisches Forscherteam an einer ähnlichen Theorie. Erste Grundzüge davon stellte das Team um Zvi Laron bereits im Juni 2006 auf einem Treffen der Endocrine Society in Boston vor, die vollständige Studie wurde dann 2007 veröffentlicht. Laron selber hatte 1966 erstmals das nach ihm benannte Laron-Syndrom beschrieben – und genau jenes unterstellte er jetzt für LB 1, den Holotypen des Flores-Menschen. Das Laron-Syndrom ist eine seltene Erbkrankheit, bis heute kennt man rund 300 Fälle. Im Kern handelt es sich um eine Wachstumshormonresistenz: Durch einen genetischen Fehler kann der Rezeptor, den die Körperzellen eigentlich für das Wachstumshormon Somatotropin besitzen, dieses nicht an sich binden. In der Folge kann dieses Hormon nicht die Ausschüttung des IGF 1 (insulin-like growth factor 1), eines für das Wachstum wichtigen Polypeptids, auslösen. Die Folgen sind ein starker Minderwuchs sowie eine Reihe weiterer nachgeordneter Symptome – eine verspätete Pubertät, wiederkehrende Unterzuckerungen, ein stärkerer Hang zu Übergewicht oder Fettleibigkeit. Ironischerweise sind vom Laron-Syndrom Betroffene weniger anfällig für Krebs und Diabetes mellitus, auch der Alterungsprozeß läuft oft langsamer ab. Abgesehen von den Nachteilen, die ein starker Minderwuchs nach sich bringt, kann man mit dem Laron-Syndrom durchaus ein ziemlich normales Leben führen. War LB 1 nicht mehr als ein fossil überlieferter Fall des Laron-Syndroms? Zvi Laron und sein Team jedenfalls verglichen die verfügbaren Erkenntnisse über die Details der Anatomie von LB 1 mit dem Skelettbau von Laron-Syndrom-Betroffenen und kamen zu dem Schluss, dass die Ähnlichkeiten frappierend seien. Selbst die von den Entdeckern des Flores-Menschen als ungewöhnlich angesehene Ausrichtung des vierten Prämolaren im Oberkiefer wurde von Larons Gruppe als kein diagnostisches Merkmal zurückgewiesen: Die beschriebene parallele Ausrichtung zu den anderen Backenzähnen käme durchaus auch beim heutigen Menschen vor und nicht zuletzt eben auch beim Laron-Syndrom. Außerdem besäße der Schädel von LB 1 eine gewisse Asymmetrie (was tatsächlich der Fall ist) und dies wäre ebenfalls eine typische Pathologie, ebenso wie relativ dicke Schädelknochen und andere Details.

Das Forscherteam um Dean Falk und die ursprünglichen Entdecker des Flores-Menschen machte sich auch bei diesem Angriff große Mühe, ihn zu entkräften. In einem 2009 veröffentlichten Artikel handelten sie jeden von Larons Team beanstandeten Punkt einzeln ab – Merkmal für Merkmal, Knochen für Knochen, mutmaßliches Symptom für mutmaßliches Symptom. Und sie konnten praktisch alles entkräften, in einigen Fehlen auch methodische Schnitzer der israelischen Forschergruppe aufzeigen. Die leichte Asymmetrie des Gesichtsschädels von LB 1 erwies sich als durchaus im normalen Rahmen. Die dickeren Schädelknochen gab es so auch bei Homo erectus, weshalb man sie nicht zwingend als Pathologie ansehen konnte. Wichtige Merkmale des Laron-Syndroms traten nicht auf – etwa eine stärker vorspringende Kieferpartie, relativ kleine Hände und Füße und anderes. Für das Becken zeigten Falk und seine Leute eine größere Ähnlichkeit mit basalen Frühmenschen der Gattung Australopithecus als mit Laron-Syndrom-Patienten auf. Das relativ kleine Gehirn des Flores-Menschen wurde mit der Laron-Syndrom-Hypothese ohnehin nur schwer erklärt – außer man nahm noch Microcephalie als zweite Pathologie hinzu, was aber die israelische Forschergruppe ausdrücklich nicht tat.

Am Ende des Artikels von 2009 wurde noch einmal unterstrichen: LB 1 war keine Pathologie – sondern zu Recht das Typusexemplar einer neuen Art.

Kretinvergleich

Bild 10: Ein Vergleich zwischen der Rekonstruktion des Schädels des Flores-Menschen (basierend auf LB 1) links und einem Schädel eines an Kretinismus Erkrankten aus der Schweiz rechts. Um ein besseres Verständnis für die unterschiedlichen Proportionen zu gewinnen, wurden eine Orientierungslinie durch die Kiefergelenke und die Nasenöffnung gelegt. Die Unterschiede sind markant. Quelle: Brown 2012.

 

 

Nebenfront: Kretins? Damit waren die Debatten aber auch immer noch nicht durch. Es gab noch ein Rückzugsgefecht, wenn man so will. Die australischen Humanbiologen Charles Oxnard, Peter Obendorf und Ben Kefford glaubten zeigen zu können, dass es sich bei dem Flores-Menschen um nichts anderes als – nun ja, in der Tat Kretins handelte. 2008 stellten sie diese These erstmals vor, damals basierend auf eigenen Schädelanalysen, 2010 schoben sie eine Analyse des Körperskeletts nach. Immerhin gingen in diese Analyse auch Daten inzwischen gemachter Neufunde aus Liang Bua ein. Auch in diesem Fall versuchte man zu zeigen, dass es sich beim Flores-Menschen um nichts anderes als eine Pathologie handelte.

Was aber ist eigentlich ein Kretin? Mancher mag das Wort als Schimpfwort und Synonym für „geistig minderbemittelt“ kennen, aber es bezeichnet tatsächlich auch eine immer wieder auftretende Pathologie – der Begriff Kretinismus ist bis heute nicht aus der medizinischen Fachliteratur verschwunden. Eigentlich handelt es sich dabei nur um die volle Ausprägung der angeborenen Hypothyreose – also einer Unterproduktion des Hormons Thyroxin durch die Schilddrüse. Die direkte Folge ist ein verlangsamter Stoffwechsel – und in dessen Gefolge eine ganze Reihe von Missbildungen. Dazu gehören unter anderem Zwergwuchs, verkürzte Extremitäten, Störungen des Gehörsinns, Sprachstörungen, Fettleibigkeit und geistige Defizite.

Aber passen die Skelettmerkmale des Flores-Menschen wirklich auf Kretinismus? 2011 befasste sich der australische Paläoanthropologe Peter Brown mit dieser Frage – seine Ergebnisse wurden 2012 veröffentlicht. Brown konnte seinen Kollegen aus der Humanbiologie nicht folgen. Die Ähnlichkeiten beschränkten sich eigentlich auf den Minderwuchs und den Drehwinkel des Oberschenkels, der sowohl bei Kretins wie beim Flores-Menschen relativ hoch ist – allerdings auch bei manchen Exemplaren des Homo erectus und damit vermutlich kein zwingend pathologisches Merkmal. Dagegen gab es keine Anzeichen, dass die Flores-Menschen verkürzte und gedrungenere Gliedmaßen besaßen. Auch besitzen Kretins kein in der Größe reduziertes Gehirn – weder in totalen noch in relativen Werten. Ihre Gehirne befinden sich von der Größe her völlig im Rahmen der Art Homo sapiens. Ihre geistigen Defizite rühren mehr aus der mangelnden Bildung von synaptischen Verbindungen, liegen also auf zellulärer Ebene begründet. Das passt nicht zu den größenreduzierten Gehirnen der Flores-Menschen (dieser Punkt der Allometrie wird uns gleich noch beschäftigen). Browns Fazit: Der Flores-Mensch ist kein Kretin, sondern tatsächlich eine eigene Art.

War die Debatte damit durch? Naja, nicht ganz. 2011 feierte die Hypothese, der Holotypus LB 1 wäre ein Fall von Microcephalie fröhliche Urständ. Eine Forschergruppe aus New York kam bei neuen Vergleichen von Gehirnstrukturen zwischen LB 1 (dort nach wie vor nur als Abdruck der Schädelinnenseite überliefert) und Microcephalus-Pathologien zu dem Schluss, dass LB 1 diesen Pathologien mehr ähnelt als einem Homo sapiens oder einem Homo erectus. Allerdings relativierten diese Forscher, dass dies kein zwingender Beweis sei – mehr gutes Fundmaterial und noch besser eine genetische Analyse wäre hilfreich.

Sieg nach Punkten? Die Debatte hatte aber auch gegenläufige Ansätze. Bereits 2008 kam Anneke H. van Heteren von der Roehampton University in London zu dem Schluss, einige der Merkmale von LB 1, die man bei oberflächlicher Betrachtung für Pathologien halten könnte, wären in Wirklichkeit Anpassungen an das isolierte Leben auf einer begrenzten Insel. 2010 und 2011 kamen letzten Endes verschiedene vergleichende Studien zu dem Schluss, dass LB 1 keinerlei Pathologien aufwies. Den Schlusspunkt bildete aber letztlich eine Arbeit von Karen Baab (New York), Kieran McNulty (Minnesota) und Katerina Harvati (Tübingen, Deutschland). Sie arbeiteten – wie schon öfters zuvor – mit digitalen 3D-Modellen des Hirnschädels, diesmal aber um 3D-Landmarken des Schädels verschiedenen Analysen zu unterziehen, vor allem einer PCA – einer Principle Component Analysis. Eine solche Analyse vereinfacht eine unübersichtliche Datenmenge und bricht sie auf die wichtigsten Komponenten herunter, die dann in grafisch anschaulicher Form verglichen werden können. Die Forscher veröffentlichten ihre eindeutigen Ergebnisse 2013: Danach fanden sich bei der PCA kaum Gemeinsamkeiten zwischen dem Schädel von LB 1 und pathologisch beeinflussten Schädeln – etwa jenen von Laron-Syndrom-Patienten oder Microcephalie-Fällen. Die meiste Ähnlichkeit bestand noch mit einigen Schädeln, die man meist Homo erectus zuordnete, vor allem einem Fund aus Georgien. Zu einem ähnlichen Befund kam auch schon eine Studie einer Washingtoner Forschergruppe aus dem Jahr 2008, die ebenfalls mit statistischen Analyseinstrumenten arbeitete (vor allem einer multivariaten Analyse, die also mehrere Variablen zusammen untersucht).

Man kann die Studie von 2013 als den vorläufigen Schlusspunkt einer langen Reihe von Studien sehen, die stets die Kritiken am Artstatus des Flores-Menschen zurückwiesen. Und eines soll nun auch hier endlich erwähnt werden: In der ganzen Zeit wurde in Liang Bua weitergegraben – und man fand weitere Skelettreste von insgesamt wenigstens 14 Individuen (die meisten allerdings fragmentarischer als LB 1 erhalten). Alle schienen ähnlich klein zu sein wie LB 1 – stets nur um einen Meter groß. Mit jedem Fund wurde die Deutung als Pathologie unwahrscheinlicher. Die Funde waren obendrein begleitet von Steinwerkzeugen und Holzkohleresten. Liang Bua war offensichtlich besiedelt worden – und zwar von den Flores-Menschen. Inzwischen stellen die Kritiker eher eine Minderheit dar, die meisten Forscher freunden sich inzwischen damit an, dass es sich beim Flores-Menschen um eine eigene Art handelte.

Die neuen Funde ergänzten das Bild von der Anatomie des Flores-Menschen. Ein Blick darauf lohnt.

Die Beine. Von besonderem Interesse bei ausgestorbenen Menschenarten sind neben dem Schädel häufig die Extremitäten – beherrschten sie bereits den aufrechten Gang, wenn ja wie gut, wie waren Hände und Füße ausgebildet etc.

So kann das Becken von LB 1 zum Beispiel auch Auskunft darüber geben, wie gut der aufrechte Gang vom Flores-Menschen beherrscht wurde. Das Becken hat eine Höhe von gerade einmal 16,5 cm und erinnert in mancher Hinsicht tatsächlich an basalere afrikanische Formen der Gattung Australopithecus. Doch bei genauerem Hinsehen finden sich sehr ähnliche Höhen-und Längenverhältnisse wie bei heutigen Pygmäen und anderen eher kleinen Völkern – die Abmessungen folgen hier offensichtlich eher den mechanischen Anforderungen, die an das Becken gestellt werden – und die hängen nicht zuletzt von Größe und Gewicht ab. Interessant ist das Acetabulum, die Hüftgelenkspfanne: Es ist relativ wie absolut mit einem Durchmesser von nur 36 mm relativ klein, besitzt aber eine eindeutig menschliche Form wie man sie bei Homo erectus und Homo sapiens vorfindet. Dies wiederum bedeutet: Der Flores-Mensch war eindeutig ein aufrecht gehender Zweibeiner wie wir auch. Dazu passt der Winkel zwischen Oberschenkelhals und Oberschenkelschaft, der mit 128 bis 130 Grad etwa den Werten bei einem gesunden Homo sapiens und den höchsten Werten bei manchen Vertretern des Homo erectus entspricht. Allgemein ist der Oberschenkel recht kräftig. Die gefundenen Kniescheiben (Patella) sind in ihrer allgemeinen Form eher länglich. Die Schienbeine haben im Großen und Ganzen eine ähnliche Form wie beim modernen Menschen. Sie sind dabei leicht gebogen, zumindest bei LB 1, was aber auch bei modernen Menschen vorkommen kann und vermutlich kein diagnostisches Merkmal darstellt. Interessant sind die Gelenkflächen des Schienbeins, die beim Flores-Menschen relativ klein sind und damit eher an basalere Frühmenschenformen erinnern (einmal mehr).

LB1Fuß

Bild 11: Von oben nach unten: Der linke Fuß von LB 1, Seitenansicht auf die Seite mit dem ersten (großen) Zeh (mediale Sicht). Darunter der linke Fuß von LB 1 in der Aufsicht. Darunter das rechte Schienbein (Tibia) und der linke Oberschenkel (Femur). Quelle: Jungers et al. 2009.

 

 

Ein ähnliches Bild ergibt sich beim Fußskelett, soweit es bisher bekannt ist. Weite Teile des Fußgelenks erscheinen relativ modern, sieht man vom Kahnbein (Naviculare) ab, dass erstaunlicherweise sehr basal wirkt, fast schon wie bei einem Menschenaffen. Auch die Zehenknochen erinnern nur sehr entfernt an jene des modernen Menschen, mehr an basalere Vertreter der Frühmenschen der Gattung Australopithecus. Das erstaunlichste aber scheint der erste Mittelfußknochen zu sein, der Metatarsale I, der ja die Verbindung zwischen Fußgelenk und erstem Zeh (umgangssprachlich: der „große Zeh“) darstellt. Der Metatarsale I ist sehr kräftig und relativ kurz – kürzer als die drei nachfolgenden Metatarsale II bis IV und das noch stärker, als es bei anderen Menschenarten der Fall ist. Das Längenverhältnis erinnert eher an afrikanische Menschenaffen. Andererseits deuten die Gelenkfacetten nicht daraufhin, dass der Metatarsale I abgespreizt werden konnte. Die genaue Bedeutung dieses seltsamen Merkmals ist noch unklar, allerdings liegt die Vermutung nahe, dass die genaue Abrollmechanik und Gewichtslastverteilung auf dem Fuß während des Gehens beim Flores-Menschen anders war als bei uns heutigen Menschen. Auch bildeten die Mittelfußknochen augenscheinlich keinen bogenförmigen Fußrücken, was ebenfalls zu einer markant anderen Verteilung der Gewichtslast führte als beim modernen Menschen. Der fast vollständige linke Fuß von LB 1 wird auf eine Länge von 19,1 cm geschätzt, mit Weichteilen ergäbe sich eine entsprechende Länge von nicht ganz 20 cm. Im Verhältnis zur Beinlänge besaß der Flores-Mensch damit relativ große Füße (kein Wunder, dass die Forscher ihn auf den Namen „Hobbit“ tauften). All diese Punkten – flache, aber sehr große Füße - weisen darauf hin, dass der Flores-Mensch nicht gut schnell laufen konnte – Sprints wie sie uns heute möglich sind, waren damit wohl nicht drin.

Die Arme. In der ersten Beschreibung gab es noch relativ wenige Informationen zu den Armen des Flores-Menschen, was in späteren Beschreibungen deutlich ergänzt wurde – auch weil inzwischen gefundene Armknochen LB 1 zugeordnet werden konnten.

Die Armknochen, gerade auch der Oberarmknochen (Humerus) ist einmal mehr recht kräftig. Die Arme waren relativ lang im Verhältnis zum Körper: Der Oberarmknochen ist bei LB 1 etwa 24,3 cm lang, was ein Verhältnis zur Länge des Oberschenkelknochens von 0,87 ergibt – dies übertrifft sogar die entsprechenden Verhältniswerte bei bisher bekannten basaleren Homininen und erinnert eher an einen Pavian. Besonders ungewöhnlich sind zwei andere Merkmale: Der Humerus ist nur geringfügig verdreht. Beim modernen Menschen ist der mit dem Schulterblatt gelenkende Oberarmkopf in einem deutlichen Winkel zu den unteren Gelenkflächen angeordnet. Dadurch ist es überhaupt möglich, dass der Oberarm seitlich mit dem Schulterblatt gelenkt und gleichzeitig das Ellbogengelenk in der Sagittalebene des Körpers schwingt (sprich: Das Ellbogengelenk ist nach hinten gerichtet). Beim Flores-Menschen jedoch gibt es nur einen deutlich geringeren Winkel zwischen dem Oberarmkopf und dem Ellbogengelenk. Sie liegen fast in der gleichen Ebene; wäre dies bei uns der Fall, wären unsere Ellbogengelenke zur Seite ausgerichtet. Für eine Art, die Werkzeuge herstellt und verwendet – wie wir gleich noch sehen, war dies beim Flores-Menschen wohl der Fall – wäre dies aber eine sehr unvorteilhafte Anordnung. Einen Hinweis auf die Lösung gibt anscheinend der Umstand, dass das Schlüsselbein des Flores-Menschen erstaunlich kurz war. Das Schlüsselbein bildet die Verbindung zwischen Brustbein und Schulterblatt. Da diese Verbindung nicht aufgelöst werden kann und das Brustbein ein durch den Brustkorb relativ feststehendes Element ist, hat ein kurzes Schlüsselbein zwangsläufig eine Auswirkung: Das Schulterblatt muss sich entweder in seiner Form massiv verändern oder anders ausrichten. Im Falle des Flores-Menschen war wohl letzteres der Fall: Das Schulterblatt war stärker nach vorne orientiert, saß damit eher leicht seitlich auf dem Thorax. Die Folge davon wiederum: Die Gelenkfacette für den Oberarm war nicht seitlich, sondern nach vorne orientiert. Dadurch hätte sich die Anordnung des gesamten Oberarms verlagert: Er hätte vorne an der Schulter angesetzt und dadurch wäre trotz geringer Verdrehung des Oberarmknochens das Ellbogengelenk wieder in der Sagittalebene ausgerichtet gewesen. Dies ermöglichte zwar einerseits wieder die geschickte Herstellung und Handhabung von Werkzeugen – andererseits schränkte es die Aufwärts-und Rückwärtsbewegung des Oberarms ein. Mit Schwung etwas zu werfen war damit fast unmöglich – also etwa mit einem Speer auszuholen und ihn dann davon zu schleudern, wie es ein moderner Mensch praktiziert war so unmöglich.

 

Schultergürtel1

Bild 12: Knochen des Flores-Menschen, jeweils mit dem entsprechenden Knochen in der entsprechenden Ansicht vom modernen Menschen als Vergleich. A: Vorderansicht des rechten Oberarms (Humerus). Individuum des Flores-Menschen: LB 1. B: Rückwärtige Ansicht des rechten Oberarms (Humerus). Individuum des Flores-Menschen: LB 1. Man beachte, dass der Gelenkkopf oben unterschiedlich orientiert ist! Der große Höcker auf der Rückseite des Gelenkkopfes, das Tuberculum majus, ist beim Knochen des modernen Menschen gut rechts des Gelenkkopfes zu sehen; bei LB 1 weist er auf den Betrachter zu (die Position ist mit einem Pfeil markiert). C und D: Das rechte Schlüsselbein (Clavicula), in zwei unterschiedlichen Ansichten – von vorne (außen) und hinten (innen). Hier sind zum Vergleich zwei Schlüsselbeine des modernen Menschen abgebildet. Individuum des Flores-Menschen: LB 1. Dem fossilen Schlüsselbein fehlt ein Stück des Endes, welches mit dem Schulterblatt gelenkte (im Bild das rechte Ende). E: Rückwärtige Seite des Schulterblatts. Individuum des Flores-Menschen: LB 6. F: Unterseite des Schulterblatts. Individuum des Flores-Menschen: LB 6. Quelle: Larson et al. 2007.


Schultergürtel2

Bild 13: Unterschiedliche Ausrichtung des Schultergelenks in der menschlichen Evolution. Von links nach rechts jeweils in der Ansicht von oben, von vorne und von der Seite. A: Die hypothetische ursprüngliche Anordnung in der menschlichen Evolution – die Gelenke sind schräg ausgerichtet, die Schlüsselbeine stehen relativ steil. Die Oberarmknochen besitzen nur eine geringe Verdrehung. B: Die nun für den Flores-Menschen und auch den Homo erectus angenommene Anordnung: Die Schlüsselbeine sind horizontaler, dafür relativ kurz, die Schulterblätter mehr an die Seiten des Brustkorbs gerutscht, das Gelenk ist nach vorn orientiert. Der Oberarmknochen ist kaum in seiner Achse verdreht. C: Die Anordnung beim modernen Menschen. Die Schlüsselbeine sind horizontal und deutlich länger. Die Schulterblätter liegen wieder mehr rückwärtig, das Gelenk ist zur Seite ausgerichtet und die Oberarmknochen besitzen eine deutliche Verdrehung. Quelle: Larson et al. 2007.

 

 

Die Frage ob es sich dabei um eine eigene Spezialisierung des Flores-Menschen handelte oder um eine urtümlichere Gelenkanordnung in der Stammesgeschichte der Menschen ist nicht restlos beantwortet. Allerdings gibt es fossile Hinweise, dass auch frühe Vertreter und/oder Ahnen von Homo erectus eine ähnliche Anordnung des Schultergelenks besaßen. In dem Falle wäre die heute beim modernen Menschen übliche Anordnung des Schultergelenks eine relativ junge Anpassung.

Ähnlich wie beim Fuß, so ist auch das Handgelenk relativ urtümlich aufgebaut. Die einzelnen Knochen erinnern in ihrer Form eher an ihre Gegenstücke bei basaleren Vertretern des menschlichen Stammbaums. Es gibt sogar manche Details, die eher an einen Schimpansen erinnern. Diese Befunde wurden durch Anfang 2013 beschriebene neu gefundene Handgelenksknochen noch bestätigt.

Neues zum Schädel. Auch der Schädel wurde 2011 neu untersucht – in mehr Details als bei der Erstbeschreibung. Leider gibt es bisher immer noch nur von LB 1 einen halbwegs vollständigen Schädel. Dafür gibt es inzwischen auch einen zweiten relativ gut erhaltenen Unterkiefer, den man als LB 6 führt. Alle grundsätzlich neuen Erkenntnisse zum Hirn-und Gesichtsschädel entstammen daher eigentlich stets nur dem Schädel von LB 1. Auf die Entdeckung eines zweiten vollständigen Schädels wartet man nach wie vor, dabei wäre sie sehr wichtig, um auch die letzten Kritiker am Flores-Menschen verstummen zu lassen.

Viele kleine Details am Schädel von LB 1 sind durchaus ungewöhnlich. Zu den auffälligsten gehören vor allem drei: Das im Vergleich zu basaleren Frühmenschen bereits sehr grazile Gesichtsskelett, wozu auch jegliches Fehlen eines Knochenkammes auf der Schädeloberseite als Ansatzpunkt für die Kaumuskulatur gehört. Dies deutet daraufhin, dass sich der Flores-Mensch von Nahrung ernährte, die beim Kauen relativ wenige Belastungen für das Schädelsskelett verursachte. Von der basalen Gattung Australopithecus aus Afrika zum Beispiel kennt man noch die erwähnten Knochenkämme auf dem Schädel. Deren Fehlen und der allgemein Gesichtsbau des Flores-Menschen deuten bereits eher in Richtung der jüngeren Formen der Gattung Homo inklusive des modernen Menschen. Nur beim Flores-Menschen bisher bekannt scheinen zwei andere Merkmale zu sein: Die Augenhöhlen sind relativ hoch, wodurch sie schmaler wirken. Und das Gaumendach zieht weit nach hinten, bis hinter den dritten Molaren des Oberkiefers. Letzteres ist so von keiner anderen Menschenart berichtet worden, welchen Hintergrund dieses Merkmal hat bleibt vorerst unbekannt.

Ein wenig im Widerspruch zu dem grazilen Gesichtsskelett steht eigentlich der sehr kräftige Unterkiefer. Mit LB 6 ist ein weiteres Teilskelett mit Unterkiefer bekannt geworden. Leider existiert das Stück Unterkiefer fast nur noch auf Fotos, Zeichnungen und in Beschreibungen. Bereits 2004 entdeckt, sollte es Ende des Jahres zur Gadjah Mada University in Yogyakarta geschickt werden. Dort ging das Stück bei Versuch, einen Abguss zu machen zu Bruch. Der Unterkiefer von LB 6 hat mit dem von LB 1 auf jeden Fall mehrere Merkmale gemeinsam:

- Er ist relativ kräftig.

- Die Symphyse ist nach hinten gerichtet.

- Der Kieferbogen wird nach vorne hin schmaler.

- Der dritte Prämolar hat zwei Wurzeln.

Es gibt aber auch Unterschiede. Bei LB 6 ist der Unterkiefer in der Aufsicht stärker V-förmig als bei LB 1 und die Äste sind weniger gebogen. Die Zähne sind im Verhältnis zum Kiefer und zur geschätzten Körpergröße minimal kleiner als bei LB 1. Allerdings gleichen sich die allgemeine Morphologie der Zähne und die Abnutzungsspuren. Der letzte Prämolar ist bereits sehr breit und groß im Vergleich zu seinen Vorgängern, gleicht damit in der Form stark den darauffolgenden Molaren. Die Morphologie ist auch hier typisch für die Gattung Homo und variiert nur in Details: Die Prämolaren im Unterkiefer zeigen noch deutliche Grate, während die Backenzähne (Molaren) von deutlichen Mulden und Furchen geprägt sind, in die die deutlichen Höcker der Oberkieferbackenzähne passen. Das Gebiss ist damit prinzipiell für die Zerkleinerung einer breiten Nahrungspalette ausgelegt.

LB1LB6Unterkiefer

Bild 14: Die beiden Unterkiefer von LB 1 (links) und LB 6 (rechts) in der Aufsicht. Quelle: Brown & Maeda 2009.

 

Aber wodurch die Unterschiede zwischen den Unterkiefern von LB 1 und LB 6? Möglicherweise handelt es sich um individuelle Variationen (wie sie ja auch bei uns vorkommen) oder um Merkmale, die sich beim Flores-Menschen im Laufe der Ontogenie änderten. Zwar war LB 6 wohl auch ein erwachsenes Exemplar, aber kleiner als LB 1 und deswegen vielleicht auch etwas jünger. LB 1 wird bis heute als Weibchen betrachtet und da man es für unwahrscheinlich hält, dass ein erwachsenes Männchen kleiner gewesen sein könnte als LB 1 (das wäre nun wirklich sehr seltsam für die Gattung Homo), wird auch LB 6 als wahrscheinliches Weibchen eingestuft. Die Frage ob Männchen der Flores-Menschen erkennbar größer als die Weibchen waren ist leider bisher nicht beantwortet. Wahrscheinlich war dies schon der Fall – wie bei anderen Menschenarten auch. Aber wie groß waren diese dann? Sicher zu beantworten ist das nicht, aber selbst die Männchen durften ziemlich klein gewesen sein für einen Vertreter der Gattung Homo. Interessant wäre vermutlich auch, ob die Männchen noch kräftigere Eckzähne besaßen wie die Weibchen. Das wäre ein wirklich altertümliches Merkmal und wie wir bisher gesehen haben, besaß der Flores-Mensch ein deutliches Mosaik an fortgeschrittenen und urtümlichen Merkmalen.

Kulturelle Hinterlassenschaften. Man kann sich den Flores-Menschen also an sich relativ gut vorstellen: Ein kleinwüchsiger Frühmensch mit nicht allzu großem Kopf, einem flachen Gesicht, recht langen Armen und großen flachen Füßen. Durchaus von kräftiger Statur dabei, aber nicht zu stämmig. Über Hautfarbe und Behaarung lässt sich leider nichts aussagen.

Dafür wurde anderes gefunden, was direkt aus dem Leben der Flores-Menschen stammt: Steinwerkzeuge. Über 30 Stück. Gefertigt aus örtlichem Feuerstein und vulkanischen Gesteinen finden sie sich in dieser Form nur in Liang Bua nur in den Schichten, in denen sich auch Überreste des Flores-Menschen befanden. In jüngeren Schichtlagen, die nachweislich bereits Funde des modernen Menschen seit der letzten Eiszeit enthielten, finden sich deutlich andere Steinwerkzeuge, die völlig anders gearbeitet und auch größer waren.

Die in Liang Bua gefunden Werkzeuge sind durch relativ einfache Abschläge von Splittern auf beiden Seiten, die nur eine Seite zum anpacken frei ließen, gekennzeichnet. Es gab durchaus verschieden bearbeitete Werkzeuge für verschiedene Zwecke: Locher, Messer, kleinere Schneiden, sogar Speerspitzen. Trotz des relativ kleinen Gehirns besaßen die Flores-Menschen also offenkundig ein gewisses handwerkliches Geschick – und schufen sich Hilfsmittel für die Jagd, für das Zerlegen und Aufbereiten von Nahrung. Vermutlich hatten die Flores-Menschen einen genauso breiten Speiseplan wie andere Menschenarten auch – von Früchten und Wurzeln über Blätter und Kleintiere bis hin zu Vogeleiern oder Aas. Vielleicht auch aktiv gejagte größere Beute? Manche Forscher spekulierten darüber, da in Liang Bua auch die Reste einer damals auf Flores lebenden kleinen Elefantenart gefunden wurden. Ob die Flores-Menschen jedoch wirklich in der Lage waren größere Beute zu erlegen, muss dahingestellt bleiben.

Eine noch größere Kulturleistung scheint jedenfalls belegt: In Liang Bua fanden sich ausgerechnet in den Schichten, die auch Knochen oder Werkzeuge des Flores-Menschen enthielten, Reste von Holzkohle. Dies wurde von den Entdeckern des Flores-Menschen als Hinweis auf die Verwendung von Feuer gedeutet – und die Beherrschung des Feuers gehört zu den größten und grundlegendsten Kulturleistungen des Menschen überhaupt. Allerdings bleiben auch hier Fragen. Konnten die Flores-Menschen nur durch Blitzschlag entstandene Brände in die Höhle bringen und am Leben erhalten? Oder konnten sie auch selbständig ein Feuer entzünden?

 

Steinwerkzeuge

Bild 15: Zwei Steinwerkzeuge aus Liang Bua, die vermutlich zum Bohren und Schneiden dienten. In unterschiedlichen Ansichten jeweils. Maßstab: 50 mm. Leicht verändert (Position des Maßstabs). Quelle: Brumm et al. 2006.

 

 

Der zeitliche Rahmen. An dieser Stelle ist es sinnvoll sich noch einmal näher mit den Datierungen zu befassen, um ein Gefühl für den zeitlichen Rahmen zu kriegen, in dem der Flores-Mensch die Liang Bua nutzte. Die Datierung der Funde basierte auf physikalischen Datierungsmethoden, die zwar im Prinzip wunderbare absolute Daten liefern, aber ihre ganz eigenen Tücken haben – man kann z.B. nicht einfach ein wenig Dreck direkt neben dem Knochen datieren. Sedimente sind von Natur aus keine guten absoluten Zeitmarker. Physikalische Datierungsmethoden beruhen normalerweise auf Mechanismen, die sowas wie eine auf null gestellte Uhr benötigen – und die bieten Sedimente in der Regel nicht. Die Knochen selber können das bieten, aber auch zum Beispiel vulkanische Aschen. Um das zu verstehen lohnt ein Blick auf die Methoden. Nur ein kurzer. Werfen wir einen Überblick auf die Ergebnisse eines größeren Datierungsprogramms, dessen Ergebnisse 2009 vorgelegt wurden und auf verschiedenen Methoden beruhen.

Isotopendatierungen. Die vielleicht bekanntesten physikalischen Datierungsmethoden sind die Isotopen-basierten. Deren Prinzip ist sehr einfach: Einige chemische Elemente kommen in verschiedenen Formen vor, die sich durch die Zahl der ungeladenen, aber massereichen Neutronen in ihrem Zellkern unterscheiden – die sogenannten Isotope. Manche dieser Isotope sind instabil und radioaktiv und zerfallen langsam in andere Isotope. Die Zerfallsgeschwindigkeit ist für ein bestimmtes Isotop immer gleich und unverwechselbar – die sogenannte Halbwertszeit. Der Begriff besagt, dass in einer bestimmten Zeit immer die Hälfte des noch vorhandenen Ausgangsisotops zerfällt. Sind die Mengen von Ausgangsisotop und dem Tochterisotop sowie die Halbwertszeit bekannt, so kann man zurückrechnen, wann der Zerfall begann. Dafür ist es allerdings nötig, sicher sein zu können, dass dieser Zeitpunkt sauber fixiert werden kann. Bei Sedimenten geht das nicht – sie bestehen aus unterschiedlichen Bestandteilen, die an unterschiedlichen Orten abgetragen wurden. In einem typischen Sand kann ein Quarzkorn etwa vom Ort x stammen, ein Feldspatkorn von Ort y. Selbst wenn sie messbare instabile Isotope besäßen: man würde auf den Zeitpunkt zurückrechnen, an dem der Quarz an Ort x auskristallisierte und der Feldspat an Ort y – lange bevor beide abgetragen und Teil des Sandes wurden. Und die beiden Zeiten wären natürlich total unterschiedlich. Wann der Sand abgelagert wurde, wüsste man immer noch nicht. Man muss sich andere Quellen für die Datierung suchen.

Die bekannteste derartige Datierungsmethode ist die Radiokarbonmethode. Ihr Hintergrund: Kohlenstoff, der zu den wichtigsten Elementen in organischen Verbindungen gehört und damit für den Aufbau eines Organismus extrem wichtig ist, liegt in verschiedenen Isotopen vor. Eines davon, das Isotop 14C ist instabil. In der Atmosphäre liegt es in einem bestimmbaren festen Verhältnis zum stabilen Isotop 12C vor. Solange ein Organismus lebt und unablässig Kohlenstoff mit seiner Umgebung austauscht, ist das Verhältnis zwischen beiden Kohlenstoffisotopen im Organismus jenes der Atmosphäre und bleibt konstant. Mit dem Tod jedoch nimmt der Organismus keinen Kohlenstoff mehr auf – die Uhr beginnt zu ticken! 14C beginnt zu zerfallen (zum Stickstoffisotop 14N) und dadurch verändert sich das Verhältnis zum stabilen 12C. Aufgrund der Messung des aktuellen Verhältnisses beider Isotope und der Kenntnis der Halbwertszeit kann dann die verstrichene Zeit berechnet werden. Die Halbwertszeit für 14C ist 5730 Jahre (+/- 40 Jahre). Dies ist eine sehr kurze Halbwertszeit, wodurch sich diese Messmethode eigentlich nur für organische Gegenstände anbietet, die nicht älter als 60000 Jahre sind. Auch muss man immer mögliche Verfälschungen durch anormale Kohlenstoffeinträge oder ähnliches im Hinterkopf behalten. Jedenfalls wurde diese Methode auch für die Datierung der Funde von Liang Bua angewandt. Verschiedene Holzkohleproben erwiesen sich als gute Objekte für die Messungen. Etwaige Kontaminationen wurden mit verschiedenen Vorbereitungsmethode – z.B. hoher Erhitzung – eliminiert. Glücklicherweise konnte eine ganz Probenserie ungefähr an der gleichen Stelle in Liang Bua aus unterschiedlichen Tiefen gewonnen werden. Eine weitere Probenserie stammte aus der unmittelbaren Nähe der Fundposition (horizontal wie senkrecht) von LB 1. Die Datierungsergebnisse ergaben einige bemerkenswerte Muster: Die obersten 4 m der Ablagerungen lagerten sich offenbar relativ regelmäßiger ab als tiefere Schichten – mit einer gleichbleibenden Sedimentationsrate. Der oberste halbe Meter weist außerdem gewisse Umlagerungseffekte auf, wodurch hier die Datierungsergebnisse nicht mehr geschlossen von oben nach unten älter werden. Eine als Weiße Tuffschicht bezeichnete vulkanische Aschelage wird durch darüber und darunter vorgefundene datierte Kohlereste eingegrenzt: Die Kohle darüber hatte ein Alter von etwa 10200 Jahren, die darunter von etwa 13400 Jahren. Dies ist deshalb von Bedeutung, weil keinerlei Hinterlassenschaften der Flores-Menschen oberhalb dieser Ascheschicht aufgefunden wurden. Die datierten Kohlen aus der Nähe von LB 1 ergaben Alter von 17100 bis 19000 Jahren, woraus sich ein geschätztes mittleres Alter für LB 1 von etwa 18000 Jahren ergibt.

Eine andere Isotopendatierung basiert auf den Zerfallsreihen der sogenannten Uranreihen. Auch sie wurde in Liang Bua angewandt, da diese Methode besonders geeignet ist, nichtmarine Karbonate zu datieren. Wenn Karbonate aus Süßwasser ausgefällt werden, wird in ihr Kristallgitter immer auch etwas Uran eingebaut – denn Wasser führt stets geringe Spuren Uran mit, welches in Wasser löslich ist. Die Tochterprodukte der verschiedenen Uranisotope sind jedoch nicht im Wasser löslich und daher im ausgefällten Karbonat auch noch nicht vorhanden. Deswegen fängt die Uhr hier erst dann an zu ticken, wenn das Karbonat ausgefällt wurde. Dann beginnen die Uranisotope zu Tochterisotopen zu zerfallen – und mit Kenntnis der jeweiligen Isotopmengen und der Halbwertszeiten kann man dann hier das Alter der Karbonate bestimmen. In Liang Bua wurden Uranreihen-Datierungen entsprechend an Proben aus Calcit-Horizonten vorgenommen. Allerdings überwiegend in deutlicher Entfernung zu der eigentlichen Fundstelle: Die Proben wurden überwiegend an der hinteren Rand der Höhle genommen, wo ein felsiges Kliff den Grund bildet, auf dem die feineren Sedimente an-und auflagern. Diese Datierungen sollten vor allem helfen den zeitlichen Ablauf der Sedimentablagerung in der Höhle genauer zu verstehen und damit einen Rahmen zu erhalten, den man mit den Datierungen anderer Methoden abgleichen kann – quasi als Referenz, um etwaige Fehler zu finden. Im Laufe der Jahrtausende gab es mehrere Ereignisse, bei denen größere Mengen Wasser in die Höhle eindrangen und jedes Mal zur Ausfällung von Kalken führten. Diese geben in der Sedimentabfolge dann ganz gute Zeitmarker. So konnte man im hinteren Teil der Höhle zum Beispiel einen Wassereinbruch für die Zeit vor etwa 50000 Jahren feststellen. Wesentlich interessanter ist aber eine der wenigen Datierungen auf Uranserien-Basis, die nicht im hinteren Teil der Höhle vorgenommen wurde. Sie wurde an Proben von karbonatischem Zement, der sich zwischen Sandkörnern und Kieseln gebildet hatte, vorgenommen, die man näher am Eingang der Höhle an deren Westwand genommen hatte. Im selben Bereich hatte man in diesen Schichten Steinwerkzeuge gefunden. Gemessen wurde hier der Zerfall des Uranisotops 234U zum Thoriumisotop 230Th und wiederum dessen Zerfall zum Radonisotop 226Rn. Die beiden Halbwertszeiten sind angegeben mit 244600 Jahren und 75380 Jahren. Damit eignet sich diese Reihe gut für Datierungen, die maximal etwa 300000 bis 500000 Jahre umfassen können. Für die genannten Steinwerkzeuge ermittelt sich mit dieser Methode ein minimales Alter von 58600 Jahren (+/- 500 Jahre). Minimales Alter deshalb, weil die Werkzeuge mindestens so alt sind wie der karbonatische Zement im Sediment, an dem die Messung vorgenommen wurde – aber sie könnten natürlich auch noch älter sein.

 

LiangBuaPlan

Bild 16: Ein schematischer Lageplan von Liang Bua. Helles Grau: Umgebende Felswände. Mittleres Grau: Sinterablagerungen und andere sekundäre Kalkformationen. Dunkelgrau: Konglomerate. Die Sektoren stellen die hauptsächlichen Grabungsbereiche dar. Die schwarzen Quadrate sind zusätzliche Positionen für die Probennahme für die Datierung. Die Kürzel geben die Proben für die jeweiligen Untersuchungen an, die dort und in den Sektoren genommen wurden. C steht für die Radiokarbondatierung, E für ESR-Datierungen, L für Lumineszenz-Datierungen, U für Uranserien-Datierungen. Quelle: Roberts et al. 2009.

 

Andere Methoden. Eine in der Öffentlichkeit weniger bekannte Datierungsmethode ist die Lumineszenzdatierung. Der Hintergrund dieser Methode ist etwas schwieriger zu verstehen. Im Prinzip geht es darum, dass instabile radioaktive Elemente, die in Spuren in vielen natürlichen Mineralien wie Quarz oder Feldspat vorkommen, durch ihren Zerfall kleine Strahlenschäden im Kristallgitter der Minerale hinterlassen. Im Bereich dieser kleinen Schäden im Kristallgitter bleiben Elektronen in einem metastabilen Zustand zurück. Dadurch wird Energie im Kristallgitter gespeichert. Erhitzt man das Mineral, so fallen die Elektronen zurück in stabilere niedrigere Energieniveaus – und Energie wird freigesetzt, zunächst als Wärme, bei hoher Erhitzung auch als Licht. Dies nennt man Thermolumineszenzdatierung. Aber auch bestimmte Lichtwellenlängen können den gleichen Effekt haben und ein Mineral auf ähnliche Weise zum Leuchten bringen. Durch diese Energiefreisetzung wird die „Uhr“ der im Kristallgitter gespeicherten Energie auf null gesetzt. Dieser Effekt kann auch durch bloße Sonneneinstrahlung erreicht werden oder durch das Erhitzen von Mineralien im Feuer (etwa von Feldspäten in Keramikton oder auch von Quarzsteinen, die zufällig den Untergrund einer Feuerstelle bildeten). Wenn man also die Lumineszenz hervorruft und die dann abgegebene Energie misst, kann man – etwas komplexer – zurückrechnen, wann ein Quarzkristall oder ein Feldspat oder ein anderes Mineral zuletzt erhitzt wurde oder dem Sonnenlicht ausgesetzt war. Dadurch erhält man dann eine Datierung, die allerdings meist nur verlässlich ist, wenn man zur Gegenkontrolle noch andere Methoden wie etwa die Radiokarbondatierung einsetzt. Auch die Fehlerquote ist mit etwa 10 % relativ groß. Aber man erhält eine ungefähre Größenordnung der vergangenen Zeit.

In Liang Bua wurden drei Lumineszenzdatierungsmethoden angewandt: Die Thermolumineszenz, bei der die Proben erhitzt werden; die Optisch stimulierte Lumineszenz (OSL), bei der die Proben mit Licht aus dem sichtbaren Spektrum bestrahlt werden; und die Infrarot stimulierte Lumineszenz (IRSL), bei der die Proben mit Infrarotstrahlen behandelt werden. In Liang Bua wurden dafür eine ganze Reihe von Quarz-und Feldspatproben aus den Sedimenten in der Höhle und vor der Höhle herangezogen. Die Ergebnisse zeigten zwar, dass diese Messreihen intern durchaus stimmig waren – Proben aus größerer Tiefe ergaben auch die älteren Daten. Davon abgesehen jedoch waren die absoluten Werte mit Vorsicht zu genießen – sie waren durchweg höher als Datierungsergebnisse aus den gleichen oder vergleichbaren Schichthorizonten, die mit Radiokarbondatierung oder Uranreihen-Messungen ermittelt wurden. So waren die Thermolumineszenzergebnisse einer Probe, die aus der stratigraphischen Nähe von LB 1 stammte fast doppelt so hoch wie die weiter oben genannten Radiokarbondatierungen. Diese Diskrepanzen erklären sich daraus, dass man nicht sicher sein kann, dass die bei der Thermolumineszenz genutzte „Uhr“ bei der letzten Sonneneinstrahlung oder Erwärmung gänzlich auf null gestellt wurde.

Eine weitere angewandte Methode ist die etwas schwieriger zu verstehende Elektronenspinresonanz (ESR), bei der die resonante Absorption von Mikrowellenstrahlung unter Einfluss eines veränderlichen äußeren Magnetfelds gemessen wird. Ist genauso fürchterlich physikalisch-komplex wie es klingt. Auch hier spielen die Elektronen in den Gitternetzen der Materie eine Rolle – vor allem ungebundene Elektronen, wie sie bei vielen organischen Verbindungen oder in Defekten in der Gitterstruktur auftreten. Letztere werden auch hier wieder durch Strahlung von in den Molekülen und der Umgebung vorhandenen radioaktiven Isotopen verursacht. Die Anzahl dieser Schäden ist im Grunde ein Maß für die verstrichene Zeit – und kann daher im Grunde zu deren Ermittlung genutzt werden. Die ESR gibt Aufschluss über das Ausmaß der Gitterschäden, wenn man so will. Da zum Beispiel in Liang Bua Uran als Spuren in den Sedimenten vorliegt (und auch von Lebewesen aufgenommen wird, wenn diese das Wasser trinken), muss man den Einfluss dieser Strahlenquelle dabei berücksichtigen, quasi als Eichung. Daher wurden viele ESR-Messungen in Liang Bua mit Uranreihen-Messungen gekoppelt. Mit dieser Methode wurden mehrere verschiedene Zähne eines Elefanten der Gattung Stegodon untersucht, genauer deren Zahnschmelz und auch das Dentin (in beides bauen Wirbeltiere auch Uran ein, wenn sie dieses aufnehmen). Die Zähne waren in unterschiedlichen Horizonten in der Höhle gefunden (es gab Spekulationen ob diese Elefanten Beute der Flores-Menschen waren, aber bewiesen ist das nicht). Die hierbei ermittelten Datierungen waren durchweg höher als Radiokarbondatierungen oder reine Uranreihen-Messungen der Karbonate in den gleichen oder nahe bei liegenden Schichthorizonten (auch hier waren die erreichten Werte teilweise doppelt bis dreimal so groß). Außerdem waren sie weniger präzise, auch wenn sie dahingehend stimmig waren, dass die Zähne aus den jüngeren Schichten auch jüngere Daten ergaben. Diese Probleme bei der ESR könnten daher rühren, dass die immer wieder in die Höhle eingedrungenen Wässer die bereits abgelagerten Zähne im Sediment ebenfalls mit frischem Uran kontaminierten. Man sollte die so erzielten Werte daher eher nur als Maximalschätzungen sehen. Zu den Zähnen mit der ältesten Datierung gehört ein Stegodon-Zahn aus einer Tiefe von 4,54 m mit einem auf ESR und Uranreihen basierten geschätzten Alter von 74000 Jahren. Dieser wurde etwa im Zentrum der Höhle gefunden.

 

ProfilSektorVII

Bild 17: Beispielhaft das stratigraphische Profil für den Grabungssektor VII/XI. Eingetragen ist die jeweilige Position der dort gezogenen Proben für die Datierung und die Fundposition von LB 1. Quelle: Roberts et al. 2009.

 

 

Andere Messungen in Liang Bua. Schon bei der Erstbeschreibung hatte man ja mehrere Datierungen in Liang Bua vorgenommen. Auch später gab es weitere Datierungen, zusätzlich zu dem gerade beschriebenen Programm. Die Radiokarbonwerte für LB 1 wurden bereits 2004 mit Hilfe der AMS (Accelerator Mass Spectrometry) ermittelt. Damals wurde auch LB 2 zeitlich eingeordnet und dieses Beispiel zeigt die Vorgehensweise bei so etwas: Es handelte sich ja um einen isolierten Prämolaren aus dem Unterkiefer. Er lag direkt oberhalb des Stegodon-Zahns, der auf 74000 Jahre datiert wurde und unterhalb einer von karbonatischen Wässern ausgefällten Sinterschicht. Diese wurde mit Uranreihen-Messungen auf ein Alter von etwa 37700 Jahren datiert. Damit hat man für LB 2 eine Ober-und eine Untergrenze, aber immer noch einen ziemlich weiten Zeitrahmen. So nähert man sich immer möglichst dem wahrscheinlichsten Alter an. Theoretisch könnte man zwar auch zum Beispiel LB 2 beproben. Allerdings handelt es sich dabei um invasive Eingriffe, die das Fossil beschädigen oder – je nach Größe – zerstören. Und bei so wichtigen Fossilien wie jenen des Flores-Menschen vermeidet man das lieber.

Ähnlich ist es bei einigen der ältesten Stücke, die dem Flores-Menschen zugeschrieben werden: Es gibt für sie ein ermitteltes Maximalalter von 95000 Jahren, was aber eben nur ein mögliches Maximalalter darstellt. Möglicherweise sind sie auch etwas jünger. Und gleiches gilt für das Mindestalter, welches für die Speiche eines Flores-Menschen im Kindesalter ermittelt wurde – 12000 Jahre. Sehr wahrscheinlich ist das Fossil älter. Die vulkanische Aschelage, oberhalb derer keine Flores-Menschen mehr gefunden wurden, wurde mit Hilfe radioaktiver Isotopen auf ein Alter von 13100 Jahre datiert – und damit muss eigentlich auch der gerade erwähnte Armknochen mindestens so alt sein. Derzeit geht man davon aus, dass die Flores-Menschen die Höhle Liang Bua über einen großen Teil der letzten 100000 Jahre genutzt haben, als Rastplatz und Rückzugsort. Und vor 13100 Jahren beendete dies vermutlich der Vulkanausbruch auf der Insel, dessen Ascheschicht man gefunden hat.

Vor etwa 11000 Jahren finden sich dann erste Hinterlassenschaften des modernen Menschen in den obersten Sedimenten von Liang Bua. Eine Anwesenheit der Flores-Menschen ist zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr nachweisbar. Kommen wir also zurück zu der Frage, was sich eigentlich auf Flores abgespielt hat. Der Flores-Mensch ist eine eigene Art – aber woher kam er? Warum ist er so klein?

Inselformen. Die gängige und naheliegende Theorie, wenn man den Flores-Menschen nicht als Pathologie betrachtet, ist die, dass es sich um eine verzwergte Inselform handelt. Um das richtig einzuschätzen lohnt ein Blick zu anderen Inselformen. Denn in der Tat: Solche Verzwergungen auf Inseln gibt es.

Inseln sind Orte, an denen sich evolutionäre Effekte wie unter einem Brennglas abzuspielen scheinen und wesentlich deutlicher sichtbar werden. Der Grund ist ihre starke räumliche Begrenzung, die zu einer starken Begrenzung der verfügbaren Ressourcen – Nahrung, Wasser, Lebensraum etc. – führt. Für manche kleinen Tierarten kann aber gerade diese Begrenzung ein Segen sein, weil sie potentiellen Fressfeinden nicht genügend Raum lässt. In der Folge können sich kleinere Arten besser entfalten, die vorhandenen Ressourcen besser nutzen und größer werden. Ein Beispiel dafür ist der St.-Helena-Riesenohrwurm (Labidura herculeana). Es gibt aber auch den umgekehrten Effekt: Ursprünglich große Arten schrumpfen – sie verzwergen. Offensichtlich ist dies eine Anpassung an die Begrenzung von Raum und Ressourcen.

Auch auf Flores – zugegebenermaßen eine größere Insel als St. Helena – sind solche Effekte belegt, gerade auch fossil. Bis vor etwa 840000 Jahren gab es eine Zwergelefantenart auf der Insel, Stegodon sondaarii. Diese starb aber deutlich vor dem Flores-Menschen aus, vom südostasiatischen Festland wanderte eine andere Population ein, die wesentlich größer blieb und als Stegodon florensis beschrieben wurde. Auch der „Vergrößerungs“-Effekt tritt auf Flores auf: Eine nur auf dieser Insel vorkommende Rattengattung – Papagomys – wird erstaunlich groß, mit einer durchaus üblichen Kopf-Rumpflänge von fast einem halben Meter. Eine Art davon lebt heute noch, eine andere ist subfossil und fossil belegt. Auch der Komodowaran (Varanus komodoensis) kommt bereits seit einigen Jahrtausenden auf Flores sowie benachbarten Inseln vor und ist hier wesentlich größer geworden als die meisten Waranarten andernorts. Er lebte auf der Insel auch schon zur Zeit der Flores-Menschen – daher wird spekuliert, ob der Komodowaran möglicherweise ein Fressfeind der Flores-Menschen war.

Flores erfüllt also ganz offensichtlich die Bedingungen, dass es zu Inseleffekten in der Evolution der dort lebenden Arten kommt. Und zwar sowohl Verzwergungen wie Riesenformen. Daher war es sehr nahe liegend, ähnliches auch für den Flores-Menschen anzunehmen. Diese Theorie verdient eine nähere Betrachtung.

Hinweise. Zunächst einmal passt es natürlich sehr gut, dass der Flores-Mensch kleiner als jeder andere Vertreter der Gattung Homo in den letzten 100000 Jahren ist. Es passt deshalb, weil Menschen zu den eher größeren Wirbeltierarten zählen und bei einer isolierten Inselpopulation daher irgendwann eine Art Verzwergung erwartet werden kann. Solche Verzwergungen gehen bei einigen anderen Inselarten mit bestimmten Effekten einher: Manche Proportionen oder anatomische Details erinnern eher an Jungtiere oder nur halb ausgewachsene Individuen normalwüchsiger Arten. Diese allometrischen Effekte sind zum Teil sehr unauffällig – manchmal fallen sie nur auf, wenn man Längen-und Größenverhältnisse bestimmter Knochen erfasst und statistisch auswertet. Nachgewiesen wurde dies beispielsweise bei Schädeln von kleinwüchsigen Inselformen der Elefanten. Und beim Flores-Menschen fällt durchaus auf, dass manche dieser Abmessungsverhältnisse, dieser Indizes tatsächlich am ehesten mit denen übereinstimmen, die man bei Kindern oder Jugendlichen von Homo erectus und Homo sapiens findet. Zum Beispiel ähnelt der Orbitalindex (ungefähr: Die größte Höhe der Augenhöhle durch die größte Breite und das dann multipliziert mit 100) des Flores-Menschen stark dem Orbitalindex von jugendlichen Individuen der beiden anderen genannten Arten. Ein anderes Beispiel ist der Mandibularwinkel – die Ecke, an der die hintere Kante des Unterkiefers nach oben abknickt. Beim Flores-Menschen beträgt dieser Winkel 109° bis 113°. Einen solchen Winkelwert findet man an dieser Stelle ausgerechnet bei jugendlichen Individuen von Homo erectus. Ähnliches lässt sich auch bei der Bezahnung und bei verschiedenen Knochen des Körperskeletts zeigen. Dieses Phänomen bezeichnet man als Pädomorphose. Nicht wenige der angeblich pathologischen Merkmale des Flores-Menschen scheinen in Wirklichkeit genau darauf zurückzugehen.

Wie entsteht eine solche Pädomorphose? Prinzipiell ist das Phänomen in der Tierwelt gar nicht einmal so selten. Bekannt ist zum Beispiel die sogenannte Neotenie, die eine Form der Pädomorphose darstellt, von einigen Molch-und Salamanderarten, die auch als ausgewachsene Tiere noch die Kiemen der Larvenformen besitzen. Und auch bei Säugetieren bis hin zur menschlichen Abstammungslinie werden solcherlei Änderungen der Entwicklungsabfolge diskutiert (prägnantes Beispiel ist die extrem lange Reifungsphase bei uns selbst). Wahrscheinlich spielt fast immer eine Verschiebung der hormonellen Verhältnisse eine Rolle – oder im Zweifel gar das Ausbleiben eines Hormons, das für einen bestimmten Wachstumsschub nötig ist. Etwas Ähnliches ist für heutige Pygmäen nachgewiesen, auch wenn es sich dabei um keine Inselarten handelt. Bei kleinen Inselpopulationen verbreitet sich eine solche hormonelle Veränderung allerdings besonders schnell, binnen weniger Generationen, da der Genpool begrenzter ist. Und tatsächlich lässt sich zeigen, dass Verzwergungen auf Inseln relativ schnell entstehen – binnen weniger hundert oder tausend Jahre, geologisch nicht einmal ein Wimpernschlag.

Rekonstruktion
Bild 18: Die Pariser Künstlerin Elisabeth Daynès fertigte diese Lebendrekonstruktion eines weiblichen Flores-Menschen aufgrund der fossilen Reste von LB 1 an. Quelle: Jungers & Baab 2009.


Energie sparen. Das größere Arten auf Inseln kleiner werden ist natürlich auch wahrscheinlich den begrenzten Ressourcen geschuldet. Kleiner zu bleiben brachte dann einen Vorteil, weil dies auch Energie sparte, die man für das Wachstum aufwenden musste. Durch diesen Vorteil konnten sich entsprechende Veränderungen in einer Population überhaupt verbreiten.

Um sich den beschränkten Ressourcen anzupassen wurden manche Inselarten aber nicht nur kleiner. Bei einigen ausgestorbenen Ziegen der Gattung Myotragus auf Mallorca fanden sich Hinweise auf einen verlangsamten Stoffwechsel. Interessanterweise finden sich bei dieser Ziege auch verkürzte, aber sehr kräftige Beine. Die Knochen von Armen und Beinen beim Flores-Menschen sind ebenfalls sehr kräftig, die Beine noch dazu relativ kurz – wodurch die Arme so lang erscheinen. Möglicherweise ist diese Parallele kein Zufall – vielleicht sind auch das durch das Inselleben bedingte Anpassungen. Ein verlangsamter Stoffwechsel ist beim Flores-Menschen allerdings nicht nachgewiesen und wie häufig dies überhaupt bei Inselarten vorkommt ist noch nicht recht klar.

Aber der Flores-Mensch hat ein anderes Merkmal, dass rein durch Verzwergung und Pädomorphose-Effekte nicht ausreichend erklärt werden kann: Ein relativ kleines Gehirn. Aber könnte diese auch verhältnismäßige Gehirnverkleinerung vielleicht auch eine Anpassung an das Inselleben sein, um Energie zu sparen? Sicher nachgewiesen ist das nicht, aber es ist eine Möglichkeit – eine ähnliche Reduktion auch der relativen Gehirngröße wurde beispielsweise bei einer ausgestorbenen Flusspferd-Art auf Madagaskar nachgewiesen, die ebenfalls eine Zwergform darstellte. Auch für Myotragus auf Mallorca wurde der Effekt beschrieben. Aber wie wahrscheinlich ist das bei Menschen? Das große Gehirn der Menschen ist einer der größten Energiefresser im gesamten Organismus. Zum Beispiel bei uns: Bei einem erwachsenen modernen Menschen frisst das Gehirn etwa 25 % des Energiebedarfs auf – im Ruhezustand! Unter den ungewöhnlichen Umständen einer Insel mit begrenzten Ressourcen kann da eine Verkleinerung des Gehirns um einen solchen Energiebedarf zu reduzieren möglicherweise von Vorteil sein. Interessanterweise haben wir gesehen, dass das Gehirn des Flores-Menschen dennoch eine gewisse Komplexität hat. Die gefundenen Werkzeuge und Holzkohlen in Liang Bua beweisen überdies, dass die Flores-Menschen sehr wohl immer noch in der Lage waren, bereits von ihren Vorfahren auf dem Festland erworbene Kulturtechniken – Werkzeugherstellung und die Nutzung von Feuer – anzuwenden. Es wäre also vermessen, von einer Degeneration zu sprechen.

Die Ahnen – wer? Es deutet also einiges darauf hin, dass der Flores-Mensch tatsächlich eine Inselform ist. Eine große Debatte dreht sich jedoch darum, welche andere menschliche Art ihm am nächsten steht. Seine Entdecker vermuteten zunächst Homo erectus als Stammform des Flores-Menschen. Schließlich war seit über 100 Jahren bekannt, dass diese Art wenigstens bis nach Java vorgestoßen war, also die Region besiedelt hatte. Ob das aber so passt wird immer wieder angezweifelt. Homo erectus war eine sehr variable Art. Der Flores-Mensch ähnelt in der Tat nicht so sehr den Vertretern des Homo erectus auf Java, sondern mehr den deutlich älteren und noch etwas urtümlicheren Vertretern jener Art, die man eher aus Afrika und Georgien kennt. Manches an der Anatomie des Flores-Menschen erinnert sogar am ehesten noch an noch basalere afrikanische Menschenarten wie Homo habilis und Homo ergaster (wobei bei letzterem der Artstatus umstritten ist). Dies schlägt sich durchaus auch in phylogenetischen Analysen wieder – in einer 2009 durchgeführten phylogenetischen Analyse kam heraus, dass sich der Flores-Mensch vor Homo erectus von der menschlichen Entwicklungslinie abspaltete.

Manche Forscher diskutierten daher die Möglichkeit, dass der Flores-Mensch vielleicht schon von einer dieser frühen Arten abstammte. In diesem Falle wäre der Verzwergungseffekt auch nicht so dramatisch. Das hätte dann aber dramatische Konsequenzen für das bisherige Verständnis des Ablaufs der menschlichen Evolution. Bisher galt Homo erectus als die erste menschliche Art, die Afrika verließ und Eurasien besiedelte. Würde der Flores-Mensch von noch basaleren Formen abstammen, würde dies voraussetzen, dass diese bereits vorher Afrika verlassen haben und sich eben wenigstens bis Flores ausbreiteten. Wie wahrscheinlich ist das? Bisher deutet kein sonstiges Fossil darauf hin. Was aber auch wieder nichts heißen muss – es kann dafür auch relativ banale Gründe geben. Es könnte einfach eine Lücke im Fossilbericht sein. Der Flores-Mensch als Ableger einer frühen Kolonisierung durch etwa den urtümlichen Homo habilis – es wäre zumindest eine faszinierende Möglichkeit. Die Geschichte der Wanderungsbewegungen früher Menschen von Afrika aus in den Rest der Welt wäre dann um einiges komplexer gewesen.

Einige wenige Hinweise auf die Herkunft gibt es aber womöglich auf Flores selbst. Wie berichtet wurden auf Flores auch Steinwerkzeuge gefunden, die etwa zwischen 800000 und einer Million Jahre alt sind. Diese erinnern in ihrer Machart tatsächlich stark an die Werkzeuge aus Liang Bua – die Anordnung der Abschläge ist zum Teil sehr ähnlich. Allerdings sind sie etwas größer, als wären sie für größere Hände gemacht gewesen. Zeitlich würden sie etwa in den Zeitraum passen, in dem Homo erectus nachgewiesenermaßen Ost-und Südostasien besiedelte. Die meisten Forscher, die am Flores-Menschen arbeiten und ihn nicht für eine reine Pathologie halten, gehen daher davon aus, dass damals eine kleine Gruppe von Homo erectus auf Flores landete und dann doch isoliert blieb – und sich zu einer eigenen Art entwickelte. Die alten Steinwerkzeuge wären ihre Hinterlassenschaften – und die Flores-Menschen hätten die Bearbeitungsweise beibehalten. Doch eines fehlt letzten Endes dann doch noch, um die genauen Ereignisse zu klären: Neue Funde. Auch und gerade auch auf Flores.

Die Bedeutung des Inselszenarios. Die Erkenntnis, dass der Flores-Mensch wahrscheinlich eine verzwergte Inselart der Gattung Homo ist und noch dazu mit wieder verkleinertem Gehirn, hat das Zeug das gesamte Verständnis menschlicher Evolution umzukrempeln. Denn auch wenn man die Abstammung des Menschen von ursprünglicheren Primaten seit Jahrzehnten akzeptiert hatte, so pflegte man doch gerne eine recht „menschenfreundliche“ Vorstellung: Ab einem bestimmten Zeitpunkt in der Evolution wäre es quasi nur noch vorwärts gegangen, die Frühmenschen hätten ihre Gehirne nur noch immer weiter vergrößert, seien selber immer größer geworden, hätten sich immer mehr Richtung Kultur entwickelt. Es war im Grunde die alte Mär von dem heutigen modernen Menschen als eine Art Ziel, Endpunkt, nur verkleidet in einem neuen evolutionäreren Gewandt mit positiven biologischen Rückkopplungen, Entwicklungskaskaden etc. Da fiel es manchen Forschern oft schon schwer, überhaupt zu akzeptieren, dass es zu irgendeinem Zeitpunkt der Geschichte mehr als eine Menschenart gleichzeitig gegeben haben könnte. Schon das wurde oft als Störung des harmonischen Bildes eines aufsteigenden Ablaufs empfunden.

Eine relativ junge Art der Gattung Homo, die mit der Maxime „immer größeres Gehirn, immer größerer Körper“ bricht passt da erst recht nicht ins Bild. Noch dazu würde der Inseleffekt in diesem Falle sehr deutlich demonstrieren, wie sehr auch in geologisch jüngerer Vergangenheit die Evolution noch auf die verschiedenen Menschenarten wirkte und sie zu verändern mag – auch in unerwartete Richtungen. Bei dem Gedanken daran wird vielen immer noch mulmig.

Eventuell war diese unbewusste konservative Haltung auch mit Schuld an den zum Teil heftigen Angriffen gegen den Flores-Menschen als eigene Art. So heftig diese Debatte war (und wer weiß, vielleicht gibt es ja bald eine neue Runde), so sehr erinnert sie doch an ähnliche Debatten, die auch schon um früher entdeckte Frühmenschenarten geführt wurden. Allen voran der Neandertaler, den man am Anfang auch für einen „arthritischen Idioten“ hielt, wie es mancher scherzhaft ausdrückte. Diese Wiederholung der Geschichte war zum Beispiel auch dem Forscherteam um Dean Falk und Mike Morwood bewusst, wie ihre Ausführungen in einem Artikel aus dem Jahr 2009 belegen:

„It is fascinating that the discovery of Homo floresiensis has received from a vocal minority of scientists the same kind of skepticism that befell the initial discoveries of Neanderthals, Homo erectus, and australopithecines. The doubts regarding LB 1 may be associated with a belief that any hominin with such a small brain that lived as recently as 18000 years ago must have been pathological.”


Stammbaum

Bild 19: Dieser Stammbaum zeigt die möglichen Abstammungsszenarien für den Flores-Menschen – seine genaue Herkunft ist nicht ganz unumstritten, auch wenn die moisten Forscher den Homo erectus favorisieren. Quelle. Jungers & Baab 2009.


Ausgestorben. Wann? Mit dem zitierten Kommentar der Forscher sind wir wieder bei einem wichtigen Punkt: Es ist noch gar nicht so lange her, dass der Flores-Mensch existierte. Die bisher bekannte fossile Überlieferung endet vor 13100 Jahren – mit einer vulkanischen Ascheschicht. Zugegeben: Dieser Befund stützt sich bisher nur auf eine Fundstelle, Liang Bua. Möglicherweise wird man dieses Datum als Aussterbezeitpunkt für den Flores-Menschen mit neuen Funden von anderen Fundstellen nochmal korrigieren. Aber zumindest in Liang Bua endete die Nutzung der Höhle durch den Flores-Menschen offenkundig mit dem belegten Vulkanausbruch. Nur wenige Jahrhunderte oder Jahrtausende später nutzten dann bereits moderne Menschen die Höhle.

Dennoch bleibt ein Faktum: Der Flores-Mensch lebte (soweit man bis jetzt weiß) als einzige andere Art der Gattung Homo noch als der moderne Mensch bereits den größten Teil der restlichen Welt besiedelte – inklusive Australien, welches seit vermutlich über 50000 Jahren besiedelt ist. Und wer Australien erreicht, erreicht letztlich auch Inseln wie Flores. Der Flores-Mensch war damit das letzte Relikt einer Welt, in der es noch mehr als eine Menschenart gab. Selbst der Neandertaler war schon ausgestorben, als Liang Bua immer noch genutzt wurde, als LB 1 seinen Tod fand. Ab wann war die Isolierung von Flores durch den modernen Menschen aufgehoben worden – ab wann müssen beide Arten Kontakt gehabt haben? Hatten sie wirklich Kontakt? Niemand weiß es.

Entsprechend ist unklar, warum der Flores-Mensch letzten Endes ausstarb. Durch den Vulkanausbruch? Durch Klimaveränderungen? Oder hat der moderne Mensch seinem kleineren Vetter den Todesstoß versetzt? Alles möglich, alles eigentlich reine Spekulation. Es wird mehr Funden an mehr Fundstellen bedürfen um diese Fragen besser aufzuschlüsseln. Eventuell könnte es dabei auch noch Überraschungen geben. Zumindest wenn man manchen Gerüchten in der einheimischen Bevölkerung glauben darf. Sie seien hier noch zum Schluss angefügt – mit dem Vermerk, dass sie mit Vorsicht und Skepsis zu behandeln sind.

Im Oktober 2004, kurz nach der Erstbeschreibung des Flores-Menschen, berichteten einige Einheimische dem australischen Forscher Richard Roberts von einem alten Volk kleiner Menschen, das kurz vor der Inbesitznahme von Flores durch die Niederländer verschwunden sei. Dieses Volk nannte man Ebu Gogo, zu Deutsch: „Großmutter, die alles isst“. Die Ebu Gogo waren zwei Volksstämmen auf Flores, den Ua und den Nage, durchaus bekannt, wie sich zeigte. Die Beschreibungen lassen aufhorchen:

„Die Ebu Gogo waren winzig wie kleine Kinder, außer im Gesicht komplett behaart und hatten lange Arme und einen runden Trommelbauch. Sie murmelten ständig in einer unverständlichen Sprache, plapperten aber auch nach, was wir ihnen sagten.“

Während die Nage anscheinend gewissen Abstand zu diesen kleinen Menschen hielten, versuchten die Ua einen tieferen Kontakt aufzubauen. Anscheinend wollte man einen Konflikt entschärfen – die Ebu Gogo sollen immer wieder Vieh und Ernte gestohlen haben. Also stellte man den Ebu Gogo gekochtes Essen hin. Dieses nahmen sie zwar an, blieben aber insgesamt abweisend und stahlen weiterhin. Wie die Nage dem kanadischen Anthropologen Gregory Forth berichteten, eskalierte die Lage, als die Ebu Gogo tatsächlich ein Baby stahlen. Die Ua drangen in das Gebiet der Ebu Gogo ein, trieben sie bis auf eine Höhle, die diese bewohnten, zurück und in diese hinein. Und dann räucherten sie die ganze Höhle mit Palmfasern aus. Der gesamte Ebu Gogo-Stamm kam dabei um – und seitdem sollen die kleinen Menschen (die Einheimischen unterschieden die Ebu Gogo eindeutig als Menschen von den Tieren) verschwunden sein. Anscheinend handelte es sich bei dieser Aktion ungewollt um einen Genozid. Forth‘ Schätzung nach muss sich dies zwischen 1750 und 1810 ereignet haben.

Waren die Ebu Gogo die letzten Flores-Menschen? Manche Details – etwa die beschriebenen Körperproportionen – passen verblüffend gut. Aber diese Berichte tauchten alle erst seit 2004 auf – erfanden die Einheimischen inspiriert von der medialen Aufmerksamkeit um die Entdeckung des „Hobbit“ diese Geschichten, um ihre 15 Minuten Ruhm zu haben? Es wäre hilfreicher wenn es andere zeitgenössische Berichte gäbe. Forth buddelte da tatsächlich etwas aus: Einen alten Bericht von William Marsden (1754-1836). Der Ire war von 1771 bis 1779 für die britische East India Company in Sumatra aktiv und erforschte von dort aus Malaysia und den indonesischen Archipel. Nach seiner Rückkehr veröffentlichte er umfangreiche Berichte über die Region. Dabei berichtete er 1783 von einem Stamm kleinwüchsiger Menschen auf Flores, die er „Orang Googoo“ nannte. Bisher glaubte man, er hätte sich damit in Wirklichkeit auf Makaken bezogen, aber diese Affen sind eigentlich weit verbreitet und wären Marsden nicht unbekannt gewesen. Handelte es sich um die Ebu Gogo? Haben sie da noch gelebt? Starb der Flores-Mensch also vielleicht erst vor kaum 230 Jahren aus? Haben wir nur ganz knapp die tatsächliche Begegnung mit einem Veteranen der Vergangenheit menschlicher Evolution verpasst? Sollte dies zutreffen, es wäre faszinierend und traurig zugleich. Was hätte man nicht alles erfahren können! Und: Wie anders wäre vielleicht unser Selbstverständnis, wenn es doch noch eine andere Homo-Spezies geben würde?

Aber Skepsis darf und muss bleiben. Die Indizien sind dünn, Aufschneiderei bei den jüngeren Ältestenerzählungen nicht ausgeschlossen. Das heißt aber nicht, dass man die Ebu Gogo-Angelegenheit völlig ignorieren sollte. Eine Überprüfung ist ja nicht unmöglich. Zwei Möglichkeiten bieten sich an und es wäre zu wünschen, dass sie früher oder später verfolgt werden: 1. Die Suche nach weiteren zeitgenössischen Berichten von europäischen Beobachtern aus den Jahren 1750 bis 1800. 2. Die Suche nach mehr Fundorten des Flores-Menschen – auch mit dem Augenmerk da drauf, ob sich jüngere Knochen finden lassen, die zu diesem gehören, aber erst wenige Jahrhunderte alt sind. Eine systematische Untersuchung verschiedener Höhlen auf der Insel, gerade auch in dem Gebiet, in dem die Ausrottungsaktion stattgefunden haben soll, würde sich anbieten. Nur so kann man die Frage nach dem tatsächlichen Ende des Flores-Menschen klären.

Solange wird das Thema die Wissenschaftler skeptisch zurücklassen, die Optimisten in ihrer Fantasie beflügeln und auch Spekulationen anheizen, ob andere bis heute anhaltende Berichte über kleinwüchsige unbekannte Menschenaffen in Indonesien – etwa auf Sumatra – nicht doch auch etwas mit dem Flores-Menschen zu tun haben könnten.



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