Sicario

Sicario - Poster 02

Regie: DENIS VILLENEUVE
Drehbuch: TAYLOR SHERIDAN
Medium: Kino
Spielzeit: 121 Minuten
FSK: ab 16 Jahren (beantragt)
Start: 1. Oktober 2015

 

„Ich entscheide, ob Sie in Einzelhaft kommen oder man Sie zu den Gangs stecken wird. Ich entscheide, ob ihre Familie ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen wird oder nicht. Ich entscheide, ob Ihr Kopf demnächst in der Kloschüssel landet oder Sie noch ein paar Jahre leben dürfen. Verstehen Sie? . . . Ich entscheide."

 

Sicario 02Seitdem der Kanadier DENIS VILLENEUVE (Maelström, Enemy) mit Prisoners einen überwältigenden Welthit abgeliefert hat, warten Cineasten in aller Welt auf seinen nächsten Film. Denn schließlich besitzt der Filmemacher die große Ehre demnächst Blade Runner 2 inszenieren zu dürfen. Doch in der Zwischenzeit beschert uns VILLENEUVE mit Sicario seinen jüngsten Thriller, dem jetzt schon wieder viele Preise und Erfolg an den Kinokassen zugerechnet werden. Für eine Goldene Palme in Cannes war Sicario zumindest schon einmal nominiert, doch da der Thriller erst am 11. September beim internationalen Filmfest von Toronto seine amerikanische Premiere feierte, geht die Jagd nach Prestige-trächtigen Preisen erst im nächsten Frühjahr los. In der Zwischenzeit hat Sicario alle Chancen zu einem Kinohit zu werden, da der Thriller von einem hochkarätigen Personal auf die Beine gestellt worden ist. Das Skript zu Sicario stammt von TAYLOR SHERIDAN, der eigentlich viel mehr als Schauspieler bekannt ist; insbesondere als Deputy Chief David Hale aus der Kultserie Sons Of Anarchy. Mit Sicario gibt SHERIDAN sein Debüt als Drehbuchautor und hat sich darum bewusst keine Rolle in dem Thriller gesichert. Die Hauptrollen spielen stattdessen EMILY BLUNT (The Wolfman, Looper, Edge Of Tomorrow), JOSH BROLIN (Gangster SquadTrue Grit, Sin City) und BENICIO DEL TORORO (Traffic, Wolfman, Sin City). In den Nebenrollen werden unter anderen JON BERNTHAL (The Walking Dead, Mob City, Fury), RAOUL TRUJILLO (Riddick, Apocalypto), DANIEL KALUUYA (The Fades, Kick-Ass 2) und JEFFREY DONOVAN (Extinction, Burn Notice) zu sehen sein.
Am 1. Oktober 2015 soll der raue Thriller in den deutschen Kinos anlaufen und in unserer Kritik erfährt ihr nun, ob sich DENIS VILLENEUVE seine Erfolgsgeschichte mit Sicario fortsetzen kann oder ob er einen Flop befürchten muss.

 

Sicario 01Die Grenze zwischen den USA und Mexiko gilt als gesetzloser Boden, der vom Drogenhandel beherrscht wird. In den letzten Jahren entwickelte sich sogar ein regelrechter Krieg zwischen den vereinzelten Drogenbanden, der nun auch die USA ergriffen hat. Besonders ein Mann namens Fausto Alarcon macht der Drogenfahndung das Leben schwer. Er besitzt ein perfides System, mit dem er Immobilien in Arizona, New Mexico und Texas dazu benutzt den Drogenhandel und seine Geldwäsche zu verschleiern. Das FBI kann nur noch Strohfeuer bekämpfen. Auch die idealistische FBI-Agentin Kate Macer ist beinah jeden Tag mit den Grauen des Drogenkrieges konfrontiert, der mit ihrem jüngsten Einsatz eine neue Dimension erreicht hat. Kate und ihr Squad-Team finden dutzende Leichen und verstecke Sprengfallen, die einige Kollegen das Leben kostet, was ihr mental arg zusetzt. Doch nur kurze Zeit später wird sie von ihren Vorgesetzten einer neugegründeten Task Force zugeteilt, die ihr verspricht Alarcon endlich das Handwerk zu legen. Kate überlegt nicht lange und schließt sich umgehend der Task Force an. Unter der Führung des charismatischen Matt will man schon in den nächsten Tagen einen entscheidenden Schlag gegen das Kartell wagen, wobei Kate bereits hautnah dabei sein soll. Doch ihr Instinkt meldet sich, Irgendetwas stimmt hier nicht. Ihre erste Mission bringt Kate gleich über die Landesgrenze direkt nach Mexiko, wo der Krieg am schlimmsten tobt. Überall sind schwer bewaffnete Soldaten und Ranger und direkt in ihre Nähe schleicht sich dauernd ein gewisser Alejandro herum, den Matt als Berater bezeichnet und doch mit einer Waffe wesentlich besser umgehen kann, als mit seinem Stück Papier.

Sicario - Banner 01

Sicario ist ein recht geradliniger Film, der keine Kompromisse macht. Hier gibt es keine doppelten Böden, keine Geheimnisse und auch keine Raffinesse. Viel eher überzeugt der Thriller auf der ganzen Linie mit sehr viel Atmosphäre, politischer Brisanz und Authentizität.
Sicario 12Wie uns Drehbuchautor TAYLOR SHERIDAN versichern will, habe er einen Film drehen wollen, der das jetzige Mexiko zeigt und wie sehr es unter den immer mächtiger werdenden Drogenbanden zu leiden hat. Und das ist auch ein recht düsterer und teilweise hässlicher Film, der uns schon in den ersten Minuten mit Mord und Gewalt konfrontiert, wo Kate und ihre Kollegen ein mutmaßliches Haus des Kartells stürmen und jede Menge Leichen finden. Doch schon hier präsentiert sich Sicario sehr atmosphärisch und authentisch, weil der Thriller seine Geschichte aus einer sehr subjektiven Sichtweise schildet. Nämlich aus der Perspektive der jungen FBI-Squadleaderin Kate, die hier von einer offiziellen Einheit zu einer recht zwielichtigen Task Force zugeteilt wird. Zunächst geben sich die Filmemacher noch große Mühe diese Truppe etwas geheimnisvoller zu machen. Unter anderem auch durch die verschlagene Art und Weise wie Anführer Matt mit rauem Charme und verschlagenem Grinsen jede Kritik an seiner Vorgehensweise und jede Rechtmäßigkeit konsequent abprallen lässt. Allerdings wird uns als Zuschauer schon sehr schnell bewusst, dass es sich um eine CIA-Operation handelt, bei der die Drahtzieher nicht verhaftet, sondern gleich eliminiert werden sollen. Dieses Szenario ist zwar an sich recht simpel, da man hier schon fast von offenen Geheimnissen sprechen kann, die sich für uns Zuschauer sehr leicht erschließen lassen, aber SHERIDAN und VILLENEUVE orientieren sich an dem brillanten Kino Südkoreas und setzen viel eher auf eine detailverliebte Atmosphäre mit sehr viel Charakterstärke.
Sicario 07Allen voran durch die drei Hauptfiguren Kate, Matt und Alejandro, die hier aufeinandertreffen und in manchen Punkten rasch kollidieren und die Fronten klar werden. Kate will die Drogenhändler unbedingt fassen und vor Gericht stellen. Da kommt die neue Task Force zwar gerade recht, doch mit deren Methoden kann sich die couragierte Polizisten nicht anfreunden, da sie so radikal wie brutal sind. Und das muss auch so sein, denn Sicario präsentiert die Organisation von Fausto Alarcon mit einer schier unmenschlichen Brutalität und Kompromisslosigkeit, in der selbst die Leben von Frauen und Kindern keine einzige Bedeutung besitzen. Und Sicario zeigt diese Brutalität auch in aller Deutlichkeit! Der Thriller wurde mit einem R-Rating umgesetzt und reizt diese Freigabe in manchen Szenen auch aus. Man sieht, wie Menschen kaltblütig erschossen und erstochen werden. Darunter auch Frauen und Kinder ohne Rücksicht auf Verluste, wobei gelegentlich eine Menge Blut spritzt. Schockieren tut Sicario jedoch vor allem durch seine drastisch drapierten Leichen, die uns die Ausmaße an Grausamkeiten der Drogenbanden vor Augen führen sollen, wobei sich der Thriller am echten Leben orientiert. SHERIDAN sah sich bei den Recherchen zu seinem Film etliche Bilder von verstümmelten Leichen an, die man auch im Film zu sehen bekommt – und zwar die echten Fotografien von verstümmelten Leibern, denen auch einige Dummies Film nachempfunden worden sind. Dadurch ist es ein Leichtes für VILLENEUVE und SHERIDAN eine Pro-Stellung für die Task Force einzuräumen, die aber seltsamer Weise ausgerechnet von Kate in Frage gestellt wird, was leider nicht wirklich einen Sinn ergibt. Da erlebt diese Agentin die Gräueltaten des Kartells hautnah mit, muss mit ansehen, wie ihre Kollegen zerfetzt werden, überlebt selbst nur knapp einen Angriff und doch will sie sich dagegen wehren, dass man es dem Kartell quasi mit gleicher Münze heimzahlt? . . . Das passt nicht so recht zusammen; zumal man Kates Lebenswandel sehen kann, dass sie abseits der Arbeit auch nicht gerade eine moralische Person ist.

 

Sicario 11Allerdings zeigt sich darin auch die nüchterne Schreibweise im Drehbuch von TAYLOR SHERIDAN, denn eine solche Konfliktsituation zwischen den Charakteren – wie sie nun in Sicario wie aus dem Lehrbuch dargestellt wird – ist ein altbekanntes Stilmittel, um Spannung zu erzeugen. Nur leider hat SHERIDAN die moralische Position seiner Protagonistin Kate etwas unterschätzt, was jedoch ehrlich gesagt auch die einzige Schwäche von Sicario ist. Ansonsten ist der Thriller hervorragend eingefangen, durchgehend ambitioniert erzählt und weist sowohl keine Logiklöcher als auch Anschlusslücken auf. Dass Sicario dennoch etwas anspruchsvoller erzählt ist, hat man vor allem der bedachten Regie von VILLENEUVE zu verdanken. Geschickt und schleichend verändert der Filmemacher nämlich die Perspektive des Thrillers und rückt immer und mehr Alejandro in den Mittelpunkt, der sich auch im Nachhinein als die eigentliche Hauptfigur von Sicario herauskristallisiert. Der Begriff „Sicario", der in Mexiko für Auftragskiller steht, kommt auch nicht von ungefähr. Und über Alejandro würde sich auch eine Fortsetzung lohnen, da man zwar die wichtigsten Eckdaten zu seiner erfährt und ihn als gewissenlosen Killer greifbar machen, doch viele Hintergründe bleiben uns immer noch verborgen; werden von den Filmemachern gar kryptisch betrachtet. Sicario endet allerdings etwas unbefriedigend, was man hier allerdings nicht negativ werten sollte, weil der Thriller auch nach dem Abspann den Geist herausfordert. Die Geschichte, die der Thriller erzählt, ist zwar in sich abgeschlossen, aber dennoch hat man den Eindruck, als befände sich die Entwicklung der Charaktere noch lange nicht am Ende. Schon allein der Hauptcharakter von Alejandro ist auch nach dem Finale immer noch recht geheimnisumwoben, der verschlagene Matt brütet sicherlich schon die nächste Schweinerei aus und Kate und Reggie werden ihre Schmach sicherlich nicht auf sich sitzen lassen. Man sieht: hier ist also definitiv Fortsetzungspotential vorhanden.

 

Sicario 09Man sieht es Sicario zwar nicht an, doch kostete der Thriller ganze 32 Millionen Dollar. Das ist für so einen Film doch schon recht viel Geld, was sich aber ganz leicht aufschlüsseln lässt. Der Dreh in Mexico war dem Team natürlich zu heikel, weshalb man Sicario vollständig in den USA realisierte. Genauer gesagt in New Mexico in und um Albuquerque herum, wo teilweise ganze Straßenzüge umdekoriert werden mussten. Ferner wurden teilweise echte Fluchttunnel von Mexiko in die USA verwendet, die die Polizei sicherstellte, teilweise wurden sich in den Studios nachgebaut. Sehr aufwendig ist auch der Angriff auf einen Gefangenentransport umgesetzt, da hierfür der Hauptknotenpunkt nach Albuquerque vollends gesperrt werden musste. Da ist es auch klar, dass VILLENEUVE in den wenigen Actionszenen vollends auf Authentizität setzt und richtige Explosionen sowie klassische Blutpakte verwendet; nicht das mittlerweile häufig anzutreffende Computerblut. Für den Soundtrack wurde der Isländer JÓHANN JÓHANNSSON verpflichtet, der schon etliche Alben veröffentlicht hat und seit 2000 auch für den Film arbeitet. Meist unbekannte Streifen aus Skandinavien, doch VILLENEUVE wurde durch den Thriller McCanick auf JÓHANNSSON aufmerksam und verpflichtete ihn sogleich für Prisoners. Letztendlich war der Regisseur so sehr mit der Arbeit des Wikingers zufrieden, dass er ihn kurzerhand auch für Sicario engagierte, wo er gleich noch eine wesentlich bessere Arbeit abliefert. JÓHANNSSONs Score ist grundsätzlich klassisch arrangiert, jedoch durchsetzt mit leicht elektronischen Elementen, was bereits recht eigenwillig und originell rüberkommt. Gelegentlich verwendet der Isländer jedoch mächtige Hörner und einen schweren Rhythmus, wodurch sich der Soundtrack nicht nur sehr düster und ungeheuer bedrohlich anhören lässt, sondern auch sehr episch. Theoretisch würde der Soundtrack wohl viel eher in einen rauen Fantasyfilm passen, weswegen die Filmmusik in Sicario gleich im doppelten Sinne positiv auffällt.

 

Sicario 05Da Sicario grundsätzlich mehr von den Charakteren getragen wird, sind hier auch die Schauspieler etwas mehr in der Pflicht. Allen voran EMILY BLUNT und BENICIO DEL TORO. Die junge Britin spielt ihre Protagonistin Kate Macer, zwar sehr couragiert und doch ein wenig unsicher. Klingt etwas widersprüchlich, was aber auf das Drehbuch zurückzuführen ist. Wir erinnern uns: einerseits will sie die Drogenbarone unschädlich machen, fühlt sich aber in der Task Force wie das fünfte Rad am Wagen. Nicht zuletzt durch BENICIO DEL TORORO, der in Sicario eine ungeheure Bedrohlichkeit besitzt. Er spielt den abgeklärten Söldner Alejandro, der nur wenig spricht und stets sehr finster dreinschaut. Aber man merkt sofort, dass von seiner Figur eine immense Gefährlichkeit ausgeht, was er uns in blutigen Szenen auch unter Beweis stellt. Dabei schockt besonders diese kompromisslose Kaltblütigkeit von DEL TORO, womit er den Titel Sicario – Auftragskiller – sehr deutlich hervorhebt. Dritter im Bunde ist JOSH BROLIN als abgeklärter, ewig grinsender Matt, der kaum ein Detail über die Mission nach Außen dringen lässt und jede Kritik, jede Frage und jeden Protest mit einem flapsigen Spruch einfach abprallen lässt. Währenddessen ist es ganz wichtig, dass BROLIN dabei eben nicht schmierig und unsympathisch rüberkommt, was es dem Zuschauer schwer macht ihn einzuschätzen. Meint Matt es wirklich gut mit Kate oder verfolgt er ganz eigene Ziele? Das ist eine weitere Facette in Sicario, die für Spannung sorgt.
Sicario 10In den Nebenrollen werden derzeit vor allem JON BERNTHAL und JEFFREY DONOVAN hervorgehoben, obwohl es meiner Meinung nach nicht unbedingt gerechtfertigt ist. Beide Schauspieler haben ganz genau ein bis zwei Szenen und können somit kaum einen bleibenden Eindruck hinterlassen. BERNTHAL als korrupter Cop und DONOVAN als eine Art Consigliere, die jeweils von Kate und Alejandro mächtig in Bedrängnis gebracht werden. Viel eher rückt DANIEL KALUUYA in den Mittelpunkt, denn er spielt mit Reggie nicht nur Kates verlässlichen Kollegen, sondern ihren Freund, Flügelmann und Beschützer, was ihm sehr viel Screentime einbringt. Tatsächlich wundert es mich, dass man KALUUYA nicht auch zu einem Hauptdarsteller erklärt hat, da er fast ebenso häufig im Bild zu sehen ist, wie BLUNT, BROLIN oder DEL TORO.

 

Fazit: Mit Sicario kann DENIS VILLENEUVE seine Erfolgsgeschichte beinahe problemlos fortführen. Der Thriller lebt besonders von seinen Charakteren, die in einer simplen, aber äußerst atmosphärisch umgesetzten Geschichte aufeinandertreffen. Mit einem fabelhaften Ensemble, Authentizität und einem herausragenden Soundtrack erzählen VILLENEUVE und TAYLOR SHERIDAN vom Kampf gegen die Drogenkartelle in Mexiko, der mit radikalen und blutigen Mitteln geführt wird, was die beiden Filmemacher auch mit recht blutigen Bildern unterstreichen. Dabei überrascht vor allem die subtile Erzählweise von VILLENEUVE, mit der er die Handlung komplexer darstellen kann, als sie in Wirklichkeit ist. Allerdings bleiben einige Fragen offen und da sich ausgerechnet der Hauptcharakter etwas widersprüchlich verhält, vergeben wir 8 von 10 Punkten.