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The Hateful 8

Hateful Eight - Poster 04Regie: QUENTIN TARANTINO
Drehbuch: QUENTIN TARANTINO
Medium: Kino
Spielzeit: 168 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 28. Januar 2016

 

„Okay Leute, Alle mal herhören! . . . Das hier ist Daisy Domergue. Auf ihren Kopf sind 10.000 Dollar ausgesetzt. Gleich morgen früh, wenn sich dieser Sturm gelegt hat, werde ich, John Ruth, sie nach Red Rock bringen, wo sie hängen wird. Ich bin erpicht darauf, mir die 10.000 Dollar holen. Ich habe nicht vor mir die Summe zu teilen und ich werde sie auch ganz sicher nicht freiwillig abgeben! Jedem, der mir dabei in die Quere kommt, den schieß ich höchstpersönlich ohne zu Zwinkern über den Haufen! Also: hat Irgendjemand ein Problem damit, dass Daisy Domergue morgen hängen wird?“

 

QUENTIN TARANTINO gehört zu den kultigsten Filmemachern unserer Zeit, der in seiner Karriere fast nur Hits abgeliefert hat. Dabei handelt es sich meist um raue bis skurrile Gangsterstreifen wie der Kultstreifen Pulp Fiction, sein Debüt Reservoir Dogs oder der eigenwillige Rachefilm KILL BILL, den er als Zweiteiler realisierte.
Hateful Eight 21Im Jahr 2011 erfüllte sich TARANTINO einen lange gehegten Wunsch und drehte mit Django Unchained seinen ersten Western. Jenes Genre, was ihm nach eigener Aussage am liebsten ist. Das schlug sich auch am Box Office nieder, wo der Western mit 425 Millionen Dollar zum erfolgreichsten TARANTINO-Film überhaupt avancierte – und zwar trotz R-Rating! Nach dem immensen Erfolg von Django Unchained im Jahr 2012 war TARANTINO schließlich dermaßen scharf auf einen weiteren Western, dass er gleich im Anschluss seine Ideen zu The Hateful Eight zu einem Drehbuch ausarbeitete. Geplant war ein Film, der in etwa an Die glorreichen Sieben bzw. Die sieben Samurai erinnern sollte. Die Vorproduktion lief rechtzeitig an und war schon weit fortgeschritten, da wurde das vollständige Skript im Netz veröffentlicht. TARANTINO war stinksauer und schaltete die Staatsanwaltschaft ein. Allerdings konnte kein Schuldiger gefunden werden, da das Drehbuch nur sehr wenigen vertrauenswürdigen Schauspielern ausgehändigt wurde, denen der Regisseur so einen schweren Vertrauensbruch einfach nicht zutraute. TARANTINO lies eine Anklage gegen Unbekannt fallen und plante zunächst das Skript als Roman zu veröffentlichen. Damit erschienen die hasserfüllten Acht so gut wie beerdigt, jedoch lud der Filmemacher einige seiner Schauspieler wegen eines karitativen Anlasses zu einer Live-Lesung ein, was ihm letztendlich so gut gefiel, dass er beschloss das Drehbuch umzuschreiben und dennoch zu verfilmen.
Hateful Eight 13Dank der bereits angelaufenen Vorproduktion konnte The Hateful Eight recht schnell realisiert werden, wofür erst einmal der Cast vervollständigt wurde. Die hasserfüllten Acht sind fast ausnahmslos alte Bekannte von QUENTIN TARANTINO, mit denen der Kultregisseur schon das eine oder andere Mal direkt oder indirekt zusammengearbeitet hat. Nämlich KURT RUSSELL (Death Proof, Breakdown, Tango & Cash) - der übrigens auch bald in dem Kannibalenwestern Bone Tomahawk zu sehen sein wird - JENNIFER JASON LEIGH (Flesh & Blood, Dolores, The Hitcher), TIM ROTH (Reservoir Dogs, Lie To Me, Rob Roy), WALTON GOGGINS (Predators, Justified, Machete Kills), DEMIÀN BICHIR (Perdita Dorango, Machete Kills), Altstar BRUCE DERN (Driver, Cut Bank, Lautlos im Weltraum) sowie selbstverständlich  die beiden TARANTINO-Kumpel SAMUEL L. JACKSON (Big Game, Pulp Fiction, Django Unchained) und MICHAEL MADSEN (KILL BILL, Reservoir Dogs, Thelma & Louise), die bisher in fast jedem seiner Streifen zu sehen waren. Des Weiteren hoffen Fans Kultregisseur natürlich auf eine Verbindung zu Django Unchained und darum auf einen Cameo von JAMIE FOXX (White House Down, Ray, Collateral). In den Nebenrollen werden allerdings ganz sicher JAMES PARKS (Red State, Death Proof),  CHANNING TATUM (White House Down, Magic Mike, Der Adler der neunten Legion) und  ZOE BELL (Django Unchained, Death Proof, Hänsel & Gretel) zu sehen sein, die ebenfalls schon lange mit TARANTINO befreundet ist. Ferner gibt es auch kleinere Rollen für GENE JONES (The Sacrament), DANA GOURRIER (Django Unchained, Der Butler) und CRAIG STARK (Stutter, 2001 Maniacs), die aber von entscheidender Bedeutung sind.
Nachdem die Dreharbeiten im Winter 2014 fast problemlos über die Bühne gehen konnte und die Nachbearbeitung abgeschlossen war, konnte The Hateful 8 am 17. Dezember 2015 in einigen US-Kinos anlaufen, wobei er sich aber der schieren Übermacht von Star Wars: Das Erwachen der Macht stellen musste. Grund dafür ist das aufwendige 70mm-Panavision-Format, mit dem The Hateful 8 gedreht wurde, was eine klassische und auf lange Sicht doch bessere Bildqualität erlaubt. Der Western wurde sozusagen erst dem Cineasten-Publikum zugänglich gemacht und erschien erst einige Wochen später am 8. Januar 2016 regulär in den US-Kinos; wie in vielen anderen Regionen auch. Trotz der immensen Konkurrenz spielte The Hateful 8 global über 88 Millionen Dollar ein, was für einen R-Rating-Film an so einem ungünstigen Termin einen starken Gewinn darstellt. In Deutschland startet der Western allerdings erst am 28. Januar 2016 und damit gehören wir einmal mehr zu den Letzten weltweit. Auf diese Weise gibt es aber uns auch die Möglichkeit genau zu ergründen, was hinter The Hateful 8 steckt.

 

Hateful Eight 20Der US-Bundesstaat Wyoming einige Jahre nach dem Bürgerkrieg. John Ruth ist Kopfgeldjäger und einer der Besten seines Fachs. Er wird „der Henker" genannt, weil er jeden Verbrecher, den er erwischt, nicht einfach erschießt und das Kopfgeld für die Leiche kassiert, sondern er schleppt sie zum nächsten Ort, wo er standesgemäß der Hinrichtung beiwohnt. Nun hat er kratzbürstige Daisy Domergue erwischt und will sie der nächstgrößeren Stadt Red Rock ausliefern, aber auf dem Weg dorthin treffen er und sein Kutscher O.B. auf einen weiteren Kopfgeldjäger namens Major Marquis Warren, der selbst einige gewinnbringende Leichen nach Red Rock bringen will. Unter Mühen gelingt es Warren, dass Ruth ihn mitnimmt. Nur kurze Zeit später treffen sie jedoch noch auf Chris Mannix, der angeblich der neue Sherriff von Red Rock ist. Kurzerhand nehmen sie in mit, doch auf dem Weg dorthin werden sie von einem Schneesturm überrascht. Die Gruppe beschließt daraufhin in Minnies Miederwarenladen zu übernachten, bis sich der Sturm gelegt hat, die Marquis gut kennt. Genau darum ist er überrascht, dass er an Stelle von Minnie und ihrem Partner Sweet Dave einen Mexikaner namens Senor Bob antrifft, der den Laden in ihrer Abwesenheit führt. Im Laden selbst erwarten ihn drei Fremde, die ebenfalls vom Blizzard überrascht wurden. Da ist der alte Konföderierten-General Sandy Smithers, der seinen vermissten Sohn sucht, ein Kuhtreiber namens Joe Gage, der seine Mutter besuchen will und ein englischer Gentleman namens Oswald Mobray, der angeblich der neue Henker von Red Rock ist. Für John Ruth, der jede Einzelnen von ihnen genau unter die Lupe nimmt, ist jedoch klar, dass zumindest einer ihnen ein Verräter ist und Daisy befreien will. Er schließt einen Pakt mit Marquis und Mannix, gegenseitig das Kopfgeld zu bewahren. Doch trotz aller Vorsicht von John Ruth und dem Spürsinn von Marquis ist das Blutbad schon längst in vollem Gange.
Hateful Eight - Banner 02QUENTIN TARANTINO hat in seiner Karriere schon so einige Filme gemacht, doch man merkt hier sehr deutlich, dass er sich bei einem Western am wohlsten fühlt. Denn wie schon bei Django Unchained, so handelt es sich bei The Hateful 8 um Autorenkino der feinsten Sorte, was außerdem noch spannend, humorvoll, wendungsreich und ziemlich blutig ausgefallen ist.
Hateful Eight 17The Hateful 8 wird ja allgemein hin als Western bezeichnet, was man auch an der zeitlichen Einordnung und der Szenerie schon hervorragend ablesen kann. Letztendlich greift TARANTINO in seinem Skript auch gleich mehrere historische Themen auf und bindet sie in seine Geschichte ein. Allen voran den Sezessionskrieg zwischen Nord- und Südstaaten, der hier immer wieder zur Sprache kommt und zum Teil für das ungeheure Konfliktpotential von The Hateful 8 verantwortlich ist. Zu welcher Zeit genau, das wissen wir an dieser Stelle nicht, weil es im Film nicht explizit erwähnt wird. Doch wie man aus den umfassenden Dialogen entnehmen kann, ist der Krieg immer noch ein sehr dominantes Thema, bei dem sich Veteranen beider Seiten in die Wolle kriegen und es sichtlich schwer fällt die Seite des Verlierers oder des Gewinners zu akzeptieren, weil der Rassismus nach wie vor recht präsent ist. Unter anderem fällt hier das berüchtigte Schlagwort „Nigger“ mehr als 58 Mal und fällt somit noch häufiger aus, als in Django Unchained. Zu guter Letzt treffen hier auch noch Gesetzeshüter, Outlaws und Verbrecher aufeinander, wodurch sich gleich drei äußerst brennende Pulverfässer ergeben, die in The Hateful 8 ziemlich blutig explodieren werden. Und zwar auf engstem Raum, denn QUENTIN TARANTINO begrenzt seine Geschichte auf den Mikrokosmos einer abgelegenen Hütte aus der es wegen dem Schneesturm kein Entrinnen gibt. Mit anderen Worten: TARANTINO legt es von Beginn an darauf an, dass die Geschichte von The Hateful 8 ein brutales Ende nehmen wird.  
Hateful Eight 12In gewisser Weise kehrt QUENTIN TARANTINO mit The Hateful 8 zu seinen Wurzeln zurück, da die Prämisse seines Westerns frappierend an sein grandioses Debüt Reservoir Dogs erinnert. Da haben wir eine Bande von rauen Bastarden, die zwar eine gewisse Solidarität untereinander pflegen, aber grundsätzlich jeder für sich streiten und schießen. Die Charaktere agieren und interagieren miteinander, wobei schon sehr früh deutlich wird, dass man einen Verräter ausfindig machen muss, der sich direkt in ihrer Mitte befindet. Wie für TARANTINO jedoch üblich, hat er die Geschichte recht dialogreich umgesetzt. Aber anders, als bei seinen frühen Werken von Reservoir Dogs bis Jackie Brown, geht es darin nicht um das tägliche Leben oder die moderne Popkultur, sondern um das Herantasten an die Wahrheit, wer in der Runde nun mit Daisy unter einer Decke steckt. Auf diese Weise erinnert The Hateful 8 nun weit mehr an einen Thriller, der auch losgelöst von dem historischen Hintergrund funktioniert. Manche der langen Dialoge wirken zwar auf die Dauer dennoch etwas ermüdend und zum Teil etwas unnötig, doch man sollte hier dennoch höllisch aufpassen, da jede kleine Anekdote und jede noch so kleine Information von großer Wichtigkeit für den Plot ist. Das wird dem Zuschauer auch schon circa ab der Mitte des Films bewusst, wenn es zu den ersten blutigen Konfrontationen kommt und es sind genau diese Aha-Momente, mit denen der Kultregisseur eine grundsätzliche Spannung drei Stunden lang solide aufrecht erhalten kann. In manchen Szenen erreicht The Hateful 8 ja sogar ein ungeheuer starkes Suspense-Gefühl, bei der es auf der Leinwand nur so knistert!
Hateful Eight 05Das hat allerdings auch einen guten Grund, denn wie uns der Meister in zahlreichen Interviews ganz offen gestand, ist The Hateful 8 ganz stark von Reservoir Dogs und dem Horrorklassiker Das Ding aus einer anderen Welt beeinflusst. Auch in dem alten Streifen von JOHN CARPENTER, der heute für seine bahnbrechenden Special Effects berühmt ist, müssen sich einige mehr oder wenige aufrechte Menschen mit Gestalten herumschlagen, die nicht diejenigen sind, die sie scheinen. The Thing spielte in der verschneiten Arktis und bei dem ganzen Schneetreiben gibt es nicht viel Unterschied zu The Hateful 8. KURT RUSSELL spielte damals die raubeineige Hauptrolle, wie er es hier ebenso tut, und sogar der Soundtrack ähnelt einander. Kein Wunder, denn ENNIO MORRICONE hat die Filmmusik für beide Filme komponiert. Zu guter Letzt erweist TARANTINO dem Horrorklassiker in einigen ziemlich blutigen Einstellungen alle Ehre, wobei er aber dennoch nicht auf seinen ganz eigenen, staubtrockenen Humor verzichtet. Obwohl dem Zuschauer das Lachen schon des Öfteren im Hals stecken bleibt, da der Witz von The Hateful 8 oft mit der Brutalität zusammenhängt. Es gibt sogar einen recht derben Running Gag, bei dem Daisy jedes Mal, wenn sie etwas Freches von sich gibt, irgendetwas ins Gesicht bekommt. Zunächst eine Ohrfeige, dann schon einmal die Faust oder den Revolver-Kolben und zum Ende hin sogar blutige Kotze und Gehirnmasse. Und das zeigt auch schon, dass sich The Hateful 8 mit jeder Minute steigert und an Brisanz gewinnt, der trockene Humor immer mehr der Dramatik weicht und das Blutvergießen immer heftiger wird.

 

Hateful Eight 14Denn auch, wenn es in den Trailer nicht danach aussah, so handelt es sich bei The Hateful 8 um einen der bislang brutalsten und blutigsten Filme von QUENTIN TARANTINO. Wer hier überlebt und wer nicht, das sei an dieser Stelle natürlich nicht verraten, aber TARANTINO gibt sein Bestes um beinahe jeden einzelnen Charakter ziemlich grausam um die Ecke zu bringen. Die meisten Menschen werden natürlich erschossen, wofür der Regie-Großmeister vollkommen auf klassische Effekte zurückgreift. TARANTINO sind Computereffekte jedwelcher Art nämlich ein Gräuel und wenn man ehrlich ist, dann wirkt das Pixelblut auch bei der besten Umsetzung immer noch etwas kraftlos. Nicht aber so in The Hateful 8, wo echtes und noch dazu sehr viel Kunstblut zu sehen ist. Dadurch wirken die Filmtode selbst dann gleich viel authentischer und greifbarer, sogar wenn es TARANTINO auf die Spitze treibt. Manche der Opfer werden so brutal wie kaltblütig hingerichtet. Wie in The Wild Bunch jagen Blutspritzer meterweit aus zerschossenen Leibern. Köpfe werden zu Matsch geschossen, Gehirnmasse verteilt sich überall. Menschen werden aufgespießt und abgestochen. Einige Gliedmaßen werden abgehackt, die Zähne mit der blanken Faust ausgeschlagen, während die blutigen Kotzorgien sogar solchen Horrorschockern wie Der Exorzist und Tanz der Teufel Konkurrenz machen können. Bei einigen seiner Filmopfern geht TARANTINO sogar so weit, dass er sie ausbluten und auf diese Weise elendig krepieren lässt. Es versteht sich dabei von selbst, dass es nicht nur bei den verhassten Acht bleiben wird, was bedeutet, dass in The Hateful 8 noch etliche Menschen mehr sterben müssen.

Hateful Eight - Banner 01

Hateful Eight 16Als die Dreharbeiten zu The Hateful 8 begannen, hegte mancher Fan schon Hoffnung, es könnte sich um eine Fortsetzung zu Django Unchained handeln. Und tatsächlich war The Hateful 8 zunächst als eine Romanfortsetzung zu dem Kinohit geplant. Während des Schreibens erkannte TARANTINO allerdings schnell, dass sein Titelheld ziemlich fehl in der Geschichte war und führte darum den Charakter des Marquis Warren ein, der in vielen Szenen jedoch schon arg wie ein gereifter Django wirkt, auch wenn es sich um eine andere Figur handelt. Mal abgesehen davon, dass er Djangos Sattel besitzt und seine grüne Jacke in Minnies Laden herumhängt. Die einzigen Verbindungen zu Django Unchained bleiben also die üblichen TARANTINO-Gags wie Red Apple Tabak. Aber das macht auch Nichts, denn der Streifen kann sehr wohl ganz gut für sich alleine stehen. Unter anderem deswegen, weil der Kultregisseur hier nun wieder zu seinem alten Erzählstil zurückgreift und die Geschichte von The Hateful 8 in verschiedenen Kapiteln erzählt und sich dabei sogar Zeitsprünge erlaubt, um die Erzählung etwas raffinierter zu machen, was letztendlich auch etwas zum Unterhaltungspotential des Films beiträgt. Die erste Stunde vergeht trotz den zahlreichen Dialogen recht schnell, während sich die zweite Stunde etwas hinzieht. Das resultiert daraus, dass TARANTINO seine Charaktere und die grundsätzliche Situation gründlich erklärt und die Konflikte zwischen den einzelnen Figuren und Fraktionen gründlich hervorhebt. Das sorgt bereits für erste Spannungen und Gewaltpotential, doch in der zweiten Stunde begnügt sich der Meister lediglich damit diese Konstellation auf die Spitze zu treiben, ohne die neu dazugekommenen Charaktere aus Minnies Miederwarenladen zu hinterfragen. Das hat zwar auch seinen guten Grund, aber es raubt The Hateful 8 schon etwas an Tempo. Allerdings möchte ich hier bemerken, dass diese Phase nicht allzu lange dauert und jeder einzelne Dialog, so klein oder so umfangreich auch sein mag, seinen Sinn hat, um die Geschichte des Westerns und nicht zuletzt die Gewalteruptionen nachvollziehen zu können.
Hateful Eight 15Wir wissen allerdings jetzt schon, dass es zumindest zwei Versionen von The Hateful 8 gibt. Das hatte QUENTIN TARANTINO bereits im Vorfeld des Westerns versichert und uns auch gleich zwei Fassungen präsentiert. Nämlich einen Director`s Cut und eine reguläre Kinofassung, die am 8. Januar in den US-Kinos anlief. Der DC war irritierender Weise ab dem 17. Dezember 2015 auch schon in einigen US-Kinos zu sehen, um das 70mm Panavision-Format zu promoten, mit dem The Hateful 8 gedreht wurde. Der Director`s Cut beläuft sich insgesamt auf 182 Minuten und bietet somit sechs Minuten mehr Material und etliche alternative Einstellungen, wobei es noch keine genauen Details gibt. Fest steht momentan nur, dass eine Sequenz mit Daisy Domergue im DC erheblich länger ausfällt. Man kann allerdings davon ausgehen, dass früher oder später beide Versionen für Zuhause veröffentlicht werden, obwohl The Hateful 8 im Kino natürlich wesentlich umwerfender rüberkommt. Den größten Unterschied gibt es ohnehin in der Differenz zwischen dem digitalen Format moderner Multiplex-Kinos und der Projektion des 70mm-Panavision-Formats. So ergibt sich eine ursprüngliche Laufzeit von 187 Minuten für den analogen Director`s Cut und 168 Minuten für die digitale Kinofassung. TARANTINO legt allerdings Wert darauf, dass die Kinofassung nicht gekürzt oder zensiert, sondern der DC lediglich erweitert wurde. In Deutschland wird The Hateful 8 natürlich fast ausschließlich in der ungekürzten US-Kinofassung zu sehen sein, aber in wenigen deutschen Kinos in Berlin, Hamburg, Essen und München auch im 70mm-DC. Dieses spezielle Format ist es auch, was den Western auch hinter der Kamera etwas interessanter macht.

 

Hateful Eight 08Obwohl The Hateful 8 also ein Kammerspiel ist und sich lediglich an zwei Orten abspielt – sofern man die Kutsche dazu zählt – ist der Aufwand für den Film enorm. Allen voran alleine schon durch das Panavision-Format, was in 130 Jahren Filmgeschichte sage und schreibe nur sechs Mal zum Einsatz kam; allesamt in den 1960ern. The Hateful 8 ist also erst der siebte Film, der das sogenannte „ultra-weite“ 2.76:1 Format verwendet, wofür man sogar auf alte Geräte ausweichen musste. Unter anderem verwendete TARANTINO zwar neue Kameras, um seinen Western einzufangen, aber mit den gleichen Linsen mit denen bereits Ben Hur gefilmt wurde. Gedreht wurde The Hateful 8 allerdings nicht in Wyoming, sondern in Telluride, Colorado, was allerdings gleich der nächste Nachbarstaat von Wyoming ist und umso mehr für seine berüchtigten Winter bekannt ist. Dummerweise kam es ausgerechnet während den Dreharbeiten Ende 2014 zu einer kurzen Wärmeperiode mit heiteren Temperaturen und Sonnenschein, wodurch fast die gesamte Szenerie zerstört wurde. Die Produktion kam daraufhin zum Erliegen, weswegen QUENTIN TARANTINO auf ungewöhnliche Maßnahmen zurückgriff. So schnappte er sich seine beiden Hauptdarsteller KURT RUSSELL und SAMUEL L. JACKSON und verbrannte in einer feierlichen Zeremonie mehrere Paar Skier und betete zum großen Wintergott für einen Schneesturm. Klingt lächerlich, doch das Trio wurde erhört! Nur wenige Tage später wurde der Drehort von einem üblen Blizzard heimgesucht, den TARANTINO ordentlich ausnutzte. Aus diesem Grund bekommt man in The Hateful 8 wirklich echten Schnee und keinen Kunstschnee zu sehen, wie es sonst üblich ist. Die Dreharbeiten selbst fanden in einem temperierten Raum statt, der konstant bei -1°C gehalten wurde.
Hateful Eight 03Auch in anderer Hinsicht ist The Hateful 8 eine Premiere, denn es ist der erste Film des Kultregisseurs, der einen eigenen Soundtrack besitzt. All seine anderen Streifen – inklusive Django Unchained – verwendeten zeitgenössische Stücke oder andere Soundtracks. Allen voran von ENNIO MORRICONE, den TARANTINO für The Hateful 8 endlich an Land ziehen konnte, obwohl es wegen dem Song „Ancora Qui“ für Django Unchained schon zu einem Streit kam. Für The Hateful 8 wiederum überwand MORRICONE schließlich seine Abscheu wieder mit TARANTINO zu arbeiten und komponierte die gesamte Filmmusik wobei ihn TARANTINO bat sich ausdrücklich an Das Ding aus einer anderen Welt zu orientieren, der ebenfalls von MORRICONE vertont worden ist. Hier haben wir also ein weiteres Detail, was den fiesen Westernthriller mit dem Horrorklassiker verbindet und genau deswegen wird der Soundtrack besonders von basslastigen Rhythmen angetrieben, die gleichermaßen gruselig wie unheimlich den Film begleiten. Ein Teil des Soundtracks soll auch auf bisher unveröffentlichten Arbeiten zu dem Horrorfilm basieren, wie TARANTINO behauptet. Auf ein wenig Folk muss man aber an dieser Stelle nicht verzichten, dass JENNIFER JASON LEIGH hier vor laufender Kamera zur Gitarre greift und ein melancholisches Stück zum Besten gibt, dessen sarkastischer Spitze John Ruth gar nicht passt.

 

Hateful Eight 10KURT RUSSELL spielt nun diesen Kopfgeldjäger John Ruth mit einer rücksichtslosen und extrem groben Innbrunst, wie man ihn nur selten zuvor erlebt hat. Ruth ist ein grundehrlicher Charakter, der sagt, was er sich denkt und seine Meinung nur allzu gern mit einem Schlag ins Gesicht unterstreicht. RUSSELL verkörpert diesen Kopfgeldjäger nun bewusst unsympathisch, unfreundlich und unkooperativ, womit er Alles andere als ein Sympathieträger ist, obwohl er auf der richtigen Seite des Gesetzes steht. Bei Daisy Domergue, gespielt von JENNIFER JASON LEIGH, hat man jedenfalls schon nach der ersten halbe Stunde kein Mitleid mehr, da sie sich ebenfalls als ziemlich kratzbürstig, sarkastisch und grausam entpuppt. Man hat keinen Zweifel, dass Daisy zu recht hängen soll und deswegen schert sie sich auch einen Scheiß um Moral und Anstand, verachtet Gesetzhüter und vor allem „Nigger“. Dabei gibt es in The Hateful 8 nur einen „Nigger“ und das ist SAMUEL L. JACKSON, der hier zum ersten Mal in einem TARANTINO-Film als wirklicher Hauptdarsteller genannt wird und eine ungeheuer charismatische Leistung zeigt. Er mimt den Kopfgeldjäger Marquis Warren, der einst bei den Nordstaaten kämpfte und darum immer noch den Spitznamen Major trägt. Er ist eine Art Kriegsheld, auf den selbst ein Kopfgeld ausgesetzt ist. Doch auch in ihm lauern tiefe Abgründe, die JACKSON mit einer gezwungen Leichtigkeit überspielt, bevor er sie mit einem teuflischen Grinsen zur Schau trägt. Sehr zum Leidwesen von WALTON GOGGINS alias Sherriff Chris Mannix, dessen Vater einst Plünderer bei den Konföderierten anführte. Da ist es auch kein Wunder, dass GOGGINS seinen Charakter latent rassistisch, opportunistisch und ungeheuer schmierig darstellt. Man kann sich darum nie sicher sein, ob Mannix die Wahrheit sagt und auf welcher Seite er steht, da er sich zwar als Gesetzshüter ausgibt, aber dennoch Sympathien für Daisy Domergue und den alten General Smithers hegt.
Hateful Eight 19General Sandy Smithers ist wohl der einfachste Charakter in The Hateful 8, stoisch grantig von Altstar BRUCE DERN verkörpert wird. Seine Hauptfunktion besteht im Grunde darin im Sessel zu sitzen und auf Major Warren herumzuhacken. Nicht gerade umfangreich, aber dennoch ist DERN Teil eines der stärksten Momente in diesem Western. Fernerhin trifft man hier außerdem noch auf TIM ROTH und MICHAEL MADSEN, was aber auch kein Wunder ist, wenn TARANTINO sein Debüt Reservoir Dogs schon im Wilden Westen umsetzt. ROTH spielt hier den äußerst charmant-höflichen Henker Oswald Mobray, der versucht mit Kaffee und feinen Worten die angespannte Lage zu entschärfen; durch ROTH oft mit einem hinterfotzigen Lächeln unterstrichen, was ihn doch zwielichtig erscheinen lässt. MICHAEL MADSEN ist in der Rolle von Kuhtreiber Joe Gage – wie schon in Reservoir Dogs – die Coolness schlechthin, die kaum eine Miene verzieht und darum von Anfang bis Ende unberechenbar bleibt. Zu guter Letzt, um die Hateful 8 voll zu machen, ist da noch DEMIÀN BICHIR als Mexikaner Senor Bob, der einen heißblütigen, temperamentvollen Akzent pflegt und doch so gelassen wie selbstsicher in Minnies Miederwarenladen herumhantiert, wobei er ebenfalls kaum eine Miene verzieht. Einen größeren Auftritt gibt es noch von CHANNING TATUM, der jedoch erst spät in der letzten halben Stunde auftaucht. Überflüssig zu erwähnen, dass es sich dabei um eine Schlüsselrolle handelt, wobei er sich jedoch ebenfalls teils charmant, teils undurchsichtig gibt. JAMES PARKS spielt mit O.B. den immer treuen Kutscher, der auf keiner Seite steht und deswegen von Allen toleriert wird. Zu schade, dass man PARKS unter dem dicken Parka und dem Bart kaum wirklich wahrnehmen kann.
Der große Meister QUENTIN TARANTINO gibt sich aber hier ausnahmsweise einmal nicht die Ehre, obwohl er sonst in jedem seiner Filme einen kleinen Cameo besitzt. Stattdessen kann man ihn im Original lediglich an zwei Stellen als Erzähler hören.

 

Fazit: Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass QUENTIN TARANTINO mit The Hateful 8 auf dem Zenith seines narrativen Schaffens angekommen ist. Deutlich beeinflusst von seinem eigenen Debüt Reservoir Dogs und dem Horrorklassiker Das Ding aus einer anderen Welt, gelingt dem Kultregisseur ein frostig-spannendes Kammerspiel zwischen Thriller und Western, bei dem der Kultregisseur sein ganzes Geschick als Erzähler aufwendet. The Hateful 8 glänzt mit einer wendungsreichen Story, trockenem Humor und äußerst blutrünstigen Gewaltszenen, wobei der Film von einem hervorragendem Ensemble und einem starken Soundtrack getragen wird, die sogar die gelegentlichen Längen in der Mitte überspielen können. Wir sind zwar keine hasserfüllten Acht, doch stattdessen haben wir 9 von 10 Punkten parat.