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Deadpool

Deadpool - Poster 04Regie: TIM MILLER (ohne Sidekick; ganz allein!)
Drehbuch: RHETT REESE & PAUL WERNICK + Deadpool himself
Medium: Kino (kommt immer noch vor DTV)
Spielzeit: 108 Minuten (jedenfalls in dieser Fassung)
FSK: ab 16 Jahren (und ist tatsächlich noch uncut!)
Start: 11. Februar 2016 (also das war erst)

 

„Okay, ihr denkt wahrscheinlich: „Das ist ein Superhelden-Film, aber der Typ in dem roten Anzug hat gerade verdammtes Schaschlik aus dem anderen Typen gemacht!“. Darum hier die Überraschung: Das hier ist eine andere Art von Superhelden-Film!“

 

Es ist schon irgendwie komisch. Deadpool ist zwar einer der beliebtesten Helden im Comic-Universum von Marvel, aber dennoch hat sich der Konzern so lange gescheut eine Verfilmung über den selbsternannten „Shogun des Sarkasmus“ zu drehen, obwohl gerade Marvel-Verfilmungen boomen und Milliarden in die Kassen spülen. Aber warum eigentlich? Schließlich erweist sich Deadpool jetzt schon als einer der dicksten Kinohits des Jahres! . . . Unser Spoiler gibt Aufschluss!

 

SPOILER:


Deadpool - Comic 01Unter den ganzen Comicfiguren nimmt Deadpool inzwischen eine besondere Position ein. Ähnlich wie bei Harley Quinn, handelt es sich um eine recht junge Comicfigur, die aus den frühen 1990ern stammt und es innerhalb kurzer Zeit zu einer eigenen Serie brachte, weil Deadpool im sonst arg kindgerechten Marvel-Universum mit ziemlich derbem Humor, ein wenig Sex und blutigster Gewalt auffällt, wie ein bunter Hund. Inzwischen gehört der selbsternannte „Shogun des Sarkasmus" tatsächlich zu den beliebtesten Comicfiguren bei Marvel mit einer immensen Auflage, die sich an der frechen und anarchischen Art des „Merc With A Mouth“ erfreuen. Wohl nicht zuletzt deswegen waren die Fans bisher von Marvel sehr enttäuscht, nachdem Deadpool erstmals 2009 auf der Leinwand auftauchte. Denn ein erster Auftritt in dem PG13-Kracher X-Men: Origins fiel logischerweise dermaßen schwach und harmlos aus, dass an eine Verfilmung zunächst nicht zu denken war, obwohl Marvel dies ernsthaft in Betracht gezogen hatten. Das Problem stellte nämlich nach wie vor das Rating dar. Marvel, die inzwischen fast alle ihrer Verfilmungen selbst produzieren, arbeiten nämlich nach dem PG13-Credo, um ein möglichst großes und vor allem jüngeres Publikum anzusprechen. Eine zumindest solide Deadpool-Verfilmung besäße jedoch ein R-Rating oder gar die verfluchte NC17-Freigabe. Marvel beschlossen darum, von Deadpool erst einmal Abstand zu nehmen und eine Verfilmung etwas sorgfältiger angehen zu lassen.
 
Deadpool 10Circa drei Jahre später war auch genügend Gras über X-Men: Origins gewachsen und Marvel zeigten auch öffentlich wieder Interesse an einer Verfilmung des Comics, die letztendlich nach einigem Hin und Her in die Entwicklung geschickt wurde. Marvel waren sich dennoch bis zuletzt unsicher, aber noch im Sommer 2012 kam es durch einen dreiminütiger Proof-Of-Concept-Trailer letztendlich zum inoffiziellen Durchbruch, mit dem sich das Studio letztendlich überzeugen ließ. Regisseur dieses Trailers war Debütant TIM MILLER, der sich die Regie für den Deadpool-Film schon 2011 vertraglich zusichern ließ. Das Duo RHETT REESE & PAUL WERNICK (Zombieland, G.I. Joe - Die Abrechnung) wurde mit einem Drehbuch beauftragt, was 2013 bereits fertiggestellt war und sich sehr eng an den Comics orientierte. Die Vorproduktion begann schon im Januar 2014, wobei zunächst einmal der Cast zusammengetragen wurde. RYAN REYNOLDS (The Voices, Smokin' Aces, Blade Trinity) übernahm die Hauptrolle als Deadpool / Wade Wilson, wie schon in X-Men: Origins. Als seine große Liebe Vanessa wurde MORENA BACCARIN (Homeland, Gotham, V - Die Besucher) verpflichtet, die somit erstmals fremdgeht, da sie sonst in DC Produktion zu sehen ist. Newcomerin BRIANNA HILDEBRAND spielt den Sidekick/X-Men-Lehrling Negasonic Teenage Warhead, ED SKREIN (Tiger House, Northmen, The Transporter Refueled) mimt den Fiesling Ajax, ANDRE TRICOTEUX den Colossus und Ex-MMA-Kämpferin GINA CARANO (Haywire, In The Blood) ist als Angel Dust zu sehen sowie T.J. MILLER (Silicon Valley) in der Rolle des Weasel.

 

Deadpool 07So weit, so gut. Natürlich rechnete die Fanbase mit einer typisch-großen Marvel-Produktion. Aber ausnahmsweise waren der Cast und die Crew einmalig nebensächlich, denn die gesamten Produktion von Deadpool wurde von einer einzigen Frage überschattet: wird es wieder eine lahme PG13 oder wohl doch endlich das langersehnte R-Rating, was für Marvel eine Premiere darstellen sollte? Ja, gut. Da gibt es schon einige derbere Marvel-Verfilmungen wie zum Beispiel Blade oder den Punisher, die selbstverständlich mit einem R-Rating umgesetzt worden sind. Aber diese stammen von anderen Studios bzw. Produktionsfirmen und nicht von Marvel selbst. Doch die überzeichneten Comics über Deadpool würden gar keine andere Alterfreigabe als ein R-Rating zulassen. Angesichts der typischen Marvel-Monotonie und dem freizügigen Comic, führte die mögliche Altersfreigabe zu einer heftigen Diskussion unter Fans, ob sich so ein lascher Deadpool überhaupt lohnen würde. Letztendlich nutzte RYAN REYNOLDS die Gunst der Stunde und erklärte öffentlich, es würde sich um einen weiteren PG13-Film handeln, was zu einem Sturm der Entrüstung führte. Jedoch hatten die meisten Fans schlicht das Datum übersehen, denn weniger REYNOLDS, sondern Deadpool hatten sich zum 1. April 2015 lediglich einen groben Scherz erlaubt. Noch am selben Abend machte REYNOLDs reinen Tisch, entschuldigte sich für seinen blöden Kumpel Wade Wilson (der echte Name Deadpools) und verkündete das R-Rating. Nur einen Tag später bestätigten Marvel hochoffiziell, dass Deadpool nun die allererste hauseigene Produktion mit einer Erwachsenenfreigabe ist und somit auch eine Art Experiment darstellt, ob sich auch derbere Comicverfilmungen auszahlen könnten.

 

Deadpool - Promo 05Eine Antwort auf den Erfolg kann man aber jetzt schon darauf geben: und diese lautet eindeutig „JA!“ – es zahlt sich aus! Alleine im Vorverkauf der USA erreichte die Comicverfilmung die Rekordsumme von sage und schreibe 65 Millionen Dollar, womit Deadpool bereits vor dem eigentlichen Kinostart seine gesamten Produktionskosten + zarten Gewinn einspielt hat! Das heißt, Alles, was jetzt noch kommt, ist reiner Gewinn und da sieht es für Deadpool ebenfalls prächtig aus. Nach gerade einmal drei Tagen hat der „Merc With A Mouth“ satte 150 Millionen Dollar alleine in den USA eingespielt! Global gesehen gar ganze 260 Millionen Dollar, womit Deadpool nun weitere Rekorde quasi spielend gebrochen hat! Zum Beispiel den besten Start im Februar, der vorher von Fifty Shades Of Grey aufgestellt wurde; eingeholt mit einem Plus von fast 70%. Oder den besten Start eines R-Rating-Films, der bisher bei Matrix Reloaded und seinen knapp 92 Millionen Dollar lag. Oder auch den hauseigenen Rekord des Vertriebs von 20th Century Fox, den Star Wars: Episode III mit 108 Millionen Dollar aufgestellt hat. Und diese Summe ist auch prozentual gesehen mehr als der letzte Marvel-Erfolg Avengers: Age Of Ultron, der im letzten Jahr ganze 191 Millionen Dollar erreichen konnte, jedoch in knapp 800 Kinos mehr als Deadpool.

 

Der immense Erfolg von Deadpool tut uns an dieser Stelle gleich doppelt gut. Erstens zeigt uns die Comicverfilmung extrem eindrucksvoll, dass R-Rated-Filme sehr wohl immer noch ganz fette Blockbuster hervorbringen können und zweitens gibt es den Filmemachern auf der ganzen Linie recht, die sich gegen die PG13 gestellt haben. Und das betrifft ganz direkt HUGH JACKMAN, der sich persönlich für den Film stark machte, Regisseur TIM MILLER, der sich neben dem hohem Druck auch Budgetkürzungen unterwerfen musste, und RYAN REYNOLDS, der sich seit 2005 wie kein anderer für Deadpool einsetzte und sogar auf einen Teil seiner Gage verzichtet, um diesen Film realisieren zu können. Und für diesen Film und besonders REYNOLDS können wir ziemlich dankbar sein, den de facto handelt es sich bei Deadpool mit weitem Abstand um den besten Marvel-Film! Warum, das lest nun selbst . . .
 
Deadpool 11Wade Wilson war einst ein Elitesoldat und auch einer der Besten, wurde jedoch wegen seines frechen Mundwerks unehrenhaft entlassen und schlägt sich seitdem als Söldner durch. Er treibt Geld ein und hilft schon mal kleinen Mädchen, wenn er dafür ein paar Idioten verprügeln kann. Sein Leben besteht eigentlich nur aus ein paar kleineren Aufträgen und groben Streichen, die er seinen Söldner-Kumpeln und seinem besten Freund Weasel stellt; dem Besitzer seiner Lieblingsbar. Aber sein Leben ändert sich schlagartig, als er die angebliche Prostituierte Vanessa Carlysle kennenlernt und sich Hals über Kopf in sie verliebt. Vanessa ist unglaublich sexy, frech und genauso versaut wie Wade selbst. Der selbstsichere Söldner muss sich also nun nicht mehr alleine Einen runterholen und will unbedingt Vanessa heiraten – da schlägt das Schicksal gnadenlos zu! Genauer gesagt eine aggressive Art von Krebs, die sich in seinem Körper breit macht und ihn schon viel eher als später krepieren lässt. Sehr zur Freude von Weasel, der damit eine Wette gewinnt. Wade hingegen plagt vielmehr die Sorge um Vanessa. Aus Liebe und Verzweiflung heraus lässt er sich von einem dubiosen Agenten zu einer experimentellen Methode überreden, die nicht so ganz legal zu sein scheint. Aber das schert Wade natürlich nicht. Auf diese Weise landet er im Laboratorium des Waffenhändlers Ajax, der ihn bewusst mutieren lässt und ihn an den Meistbietenden verkaufen will. Doch Wade verursacht ein Inferno und kann entkommen, ist jedoch fortan fürchterlich entstellt. Als Monster will er Vanessa jedoch nicht mehr unter die Augen treten und sucht darum einen Weg, um an Ajax ranzukommen. Als Superheld Deadpool und mit der Hilfe von Weasel und einer schießwütigen, blinden Oma macht Wade Jagd auf Ajax und seine Schergen. Doch dabei ist es nur eine Frage der Zeit, bis Vanessa auch zur Zielscheibe wird.

Deadpool - Banner 02

Schon der Comic war ein Comic, der Comics verarschte. Doch der Kinofilm geht nun viel weiter, denn Deadpool verarscht nicht nur die Comics, sondern auch Comicverfilmungen an sich. Jedoch lange nicht so zynisch, wie in Kick-Ass, sondern simpel, brutal und dermaßen sarkastisch, indem er uns genau all das liefert, was in fast allen anderen Comicverfilmungen flach fallen muss: nämlich Sex, Gewalt und Schimpfwörter – und davon gibt es in Deadpool ziemlich reichlich!
Deadpool 03Und zwar allen voran Sex und Humor, die hier in Deadpool oft miteinander kombiniert werden. Unter anderem ist die Comicverfilmung generell unglaublich sarkastisch und verarscht mit einer Inbrunst alle gängigen Klischees, die es in der Comic- und Actionwelt gibt, und macht dabei auch vor den irrwitzigsten und derbsten Ideen nicht halt! Schon alleine der Vorspann erweist sich als geistreicher Gag aus der Perspektive von Deadpool in Kombinationan mit einer furiosen Kamerafahrt mitten in einer Actionszene. Deadpool macht hier Wirklich vor gar Nichts halt und präsentiert sich als der respektloseste Film, den es seit langen Jahren im Kino zu sehen gab! Seien es andere Kinofilme, Comics, Alte, Schwarze, Behinderte oder sogar die eigenen Produzten – Deadpool kennt kein Erbarmen und auch kein Tabu! Das betrifft vor allem der Umgang mit Sex und da dieser Streifen hier von Anfang an ein R-Rating besaß, lassen es die Macher auch so richtig krachen, wie man an den zahlreichen Pimmel- und Muschi-Kommentaren heraushören und teilweise auch sehen kann. Alle zwei Minuten gibt es einen ziemlich derben Witz unter der Gürtellinie und auch eine herrliche Montage über das ziemlich versaute Liebesleben von Wade und seiner Flamme Vanessa. Bei der Gelegenheit möchte ich hier für manch zarten Zuschauer jedoch eine Warnung aussprechen, da einige der Witze sind schon extrem heftig sind. Da gehören die Dildo-Spiele und Wichs-Einlagen mit dem Plüsch-Einhorn noch zu den harmloseren Sachen, doch spätestens mit der Angeber-Runde, wer von seinen Verwandten in welcher Reihenfolge missbraucht und misshandelt worden ist, dürften einige Jugendschützer dem Herzanfall nahe gestanden haben. Deadpools bzw. Wades Sarkasmus und Zynismus sind eben grenzenlos; sowohl im Comic als auch auf der Leinwand – und genau das ist das Entscheidende.
Deadpool 13Da wirken ein paar nackte Brüste von einigen Stripperinnen ja richtiggehend harmlos, was allerdings nicht von ungefähr kommt. Deadpool ist nämlich dermaßen auf Satire gebürstet und liefert uns einen dermaßen frechen Humor, dass die Action- und Gewaltszenen tatsächlich etwas nebensächlich wirken. Das liegt leider nicht zuletzt an dem hohen Anteil der Computereffekte, der zwar bei Comicverfilmungen generell sehr hoch ist, bei Deadpool jedoch aus Kostengründen noch plakativer ausfällt. Dabei ist der Anteil der Actionszenen im Grunde sogar recht gering. Wenn man Alles in Allem zusammenrechnet, kommt man auf exakt drei größere Szenen, die über die komplette Länge des Films verteilt sind, während es kleinere und größere Gewaltszenen den ganzen Film hindurch zu sehen gibt. Und hier sehen wir dank R-Rating endlich einmal richtige große, bluttriefende Einschusslöcher, fiese Foltermethoden, Gedärm-Gekröse und abgeschlagene Gliedmaßen, wo sich sonst beinahe jede einzelne Comicverfilmung zurückhalten muss. Leider hat man auch bei den zahlreichen Gewaltszenen zum Computer gegriffen und auf diese Weise gibt es kaum einen Blutspritzer, der nicht am PC entstand; ebenso wie die vereinzelten Splatterszenen. Immerhin ist die Maske sehr gut gelungen und auch in anderer Hinsicht erweist sich Deadpool als überraschend gut.

 

Deadpool 04Natürlich besitzt Deadpool auch einige sentimentalen und traurigen Momente, indem es um Liebe und Zuneigung geht; um Verlustängste und die Angst vor dem Tod. Und diese Ängste, die hier Wade Wilson äußert, wie etwa der Sorge um seine Freundin, diese sind durchaus real, weshalb die Comicverfilmung zwischen den Zeilen teilweise bitter zu verkraften ist. Andererseits behält Wade trotz aller Schicksalsschläge seinen sarkastischen Humor bei, wodurch die Comicverfilmung uns selbst in den melancholischsten Momenten ein Lächeln abgewinnen kann. Das hat für uns sogar zwei recht besinnliche Lektionen parat. Nämlich, dass Humor jeden noch so schweren Schicksalsschlag wesentlich erträglicher machen kann und er uns die Hoffnung gibt, darüber hinweg zu kommen. Gerade wegen dieses eigenwilligen Humors und der sarkastischen Atmosphäre, wirkt Deadpool um Längen origineller und eigenständiger, als alle anderen Marvel-Filme. Man begreift die Verzweiflung von Wade Wilson und kann die Zwangslage und die Gewissensbisse von ihm problemlos nachvollziehen. Die Angst vor Ablehnung, die Wut über seine Entstellung und seinen blutrünstigen Rachedurst verheimlicht dieser Film keineswegs – trotz des allgegenwärtigen Humors! Deadpool gibt also nach außen hin den Eindruck, als würde er sich überhaupt nicht ernst nehmen, aber wer zwischen den Zeilen liest, der kann hier tatsächlich noch ernste und darüber hinaus sehr nachdenkliche Facetten entdecken. Und genau das macht Deadpool sogar noch besser als den äußerst gelungenen Guardians Of The Galaxy, der bislang und liebster Marvel-Film war. Anders ausgedrückt: trotz allen versauten Humors, trotz der überbordenden Actionszenen, trotz der schrägen Erzählweise, so besitzt Deadpool eine Tiefe, die bislang kein einziger Marvel-Film zeigen konnte! Und genau das macht Deadpool noch viel mehr zu einem besonderen Kinoerlebnis.

 

Deadpool - Promo 01Übrigens behält Deadpool auch den ironischen Witz bei, dass sich der „Shogun des Sarkasmus“ direkt mit dem Publikum auseinandersetzt. Und das auch noch ziemlich rücksichtslos und gnadenlos ehrlich dem Zuschauer gegenüber. Unter anderem frotzelt Deadpool bei jeder passenden Gelegenheit über die blödsinnige PG13-Dominanz und den Geiz und bei Marvel, denn tatsächlich glaubten sie nicht an einen großen Erfolg, weswegen sie von dem knapp bemessenen Budget von 65 Millionen Dollar noch einmal sieben Millionen Dollar strichen. Den Kürzungen fielen neben einigen Bösewichtern auch etwaige Actionszenen wie eine Verfolgungsjagd zwischen Francis und Deadpool zum Opfer sowie eine überladene Schießerei am Ende des Films, was Cast & Crew mehr als einmal zur Improvisation zwang. Zum Vergleich: fast alle anderen Marvel-Verfilmungen besitzen das drei oder gar vierfache Budget, sind aber meist nicht einmal ansatzweise so witzig, originell oder gar vielschichtig erzählt.

Deadpool - Banner 01

Deadpool 12Denn wo Marvel ansonsten sehr flach und linear erzählen, da nimmt sich Deadpool etliche Freiheiten heraus. Beispielsweise wagen sich REESE, WERNICK und MILLER an das Neuland heran Deadpool in eine Rahmenhandlung einzubetten, wobei sie mit der Zeit fröhlich vor- und zurückspringen. Kleinere und Größere Pimmel- und Masturbationswitze inbegriffen. Doch selbst hierbei gehen die Filmemacher noch einen Schritt weiter, da es sich eben nicht um eine effektive Handlungsszene handelt, sondern um die ohnehin schon viel beworbene Actionszene mitten auf dem Highway, die auf diese Weise zu einem Dreh- und Angelpunkt von Deadpool wird. Man sieht, hier ist tatsächlich auf Alles gepfiffen worden, was eine moderne Comicverfilmung ausmacht – und das ist gut so! Anders würde diese ungeheuer freche, extrem versaute und zugleich doch wirklich witzige Art von Deadpool gar nicht funktionieren. Vor allem nicht über die volle Länge von fast zwei Stunden. Hinweise auf eine längere Fassung gab es in der Kinofassung nicht zu sehen und dennoch weiß man von einigen Szenen, die nicht in der jetzigen Version zu sehen sind. Dazu gehören einige fiese Kommentare von Deadpool auf dem Highway, die in kaltblütiger bzw. bösartiger dastehen lassen, und der Fiesling Wyre, der später herausgeschnitten wurde. Vorher fielen schon im Drehbuch die Charaktere Cannonball, Garrison Kane und Cable heraus, von denen Letzterer jedoch mit höchster Wahrscheinlichkeit im Sequel zu sehen sein wird. Sagt euch jedenfalls Wade Wilson höchstpersönlich, denn wie bei jedem Marvel-Film sollte man den Abspann über sich ergehen lassen. Erstens ist der Abspann, wie überhaupt der gesamte Film, ein langer und recht versauter Gag und zweitens gibt sich Deadpool noch einmal kurz die Ehre, um euch höchstpersönlich zu verarschen. . . . Und den zweiten Teil anzukündigen, der ebenfalls schon offiziell bestätigt ist.

 

Deadpool 02Deadpool hat ja nun wirklich eine lange Entwicklungsphase hinter sich. Umso ironischer ist die Tatsache, dass der Film in lediglich 48 Tagen entstand; knapp 2/3 des üblichen Standards. Gedreht wurde aus Kostengründen vollständig in Vancouver, Kanada, denn ihr wisst ja: Deadpool war intern bei Marvel mehr oder weniger das Stiefkind. Allerdings ein Stiefkind mit einem umfassenden visuellen Stil, wo TIM MILLER für einen Debütanten schon äußerst viel Abwechslung durchblicken lässt. Da sind nüchterne und starre Einstellungen in manchen Szenen zu sehen, besonders in ruhigen Momenten, auf der anderen Seite äußerst rasante Schnitte, krasse Szenenwechsel und herrlich verrückte Kamerafahrten inklusive starken Zeitlupen, wo man jedes noch so kleine Detail der Spezialeffekte erkennen kann. Leider blieb TIM MILLER bei den Actionszenen kaum eine andere Wahl als auf Pixelhilfe zu hoffen, da die meisten Stunts ohne den Computer nur schwer zu realisieren und deswegen ziemlich teuer ausgefallen wären; was aber Marvel unter allen Umständen vermeiden wollten. Immerhin hilft der visuelle Stil mit das Comicfeeling von Deadpool zu erhalten und damit auch das R-Rating bzw. die FSK 16 zu garantieren, denn unter Umständen hätte die Altersfreigabe auch strenger ausfallen können. Der Soundtrack von Deadpool ist abermals eine Sache für sich, wenn hier ganz offen über WHAM! hergezogen wird, den gummi-dummi Helden der 1980er und solchen Songs wie „Careless Whisper“, die aber grandios in den Plot eingebunden werden. So surreal sich das auch anhören mag. Daneben gibt es Samples von MICHAEL JACKSONs Thriller, Old-School-Rap von SALT-N-PEPA und DMX, was vereinzelt auf die Nüsse gehen könnte, obwohl der Titelsong „X Gon' Give It To Ya“ doch ganz schön groovt und Deadpool herrlich einrahmt.

 

Deadpool 05Zu sagen, RYAN REYNOLDS spielt seinen Part nicht nur leidenschaftlich, sondern auch noch mit einem Augenzwinkern, das wäre immer noch leicht untertrieben. Der gebürtige Kanadier geht in der Rolle des Wade Wilson alias Deadpool vollends auf und präsentiert sich so überzeugend, wie man ihn bisher noch nie erlebt habt. Obwohl es sich um eine völlig überzogene Comicverfilmung handelt und Schauspielkunst hier eigentlich tertiär ist; nach der Action und dem Fun-Faktor. Doch REYNOLDS gibt als Deadpool eine überdrehte Show mit wilder Gestik und verlässt sich als Wade Wilson vor allem auf sein Spiel mit den Augen, wodurch wir ihn tatsächlich in vereinzelten Momenten mit ungebremster Wut und doch sentimentaler Tiefe erleben dürfen. Das betrifft vor allem die gemeinsamen Szenen mit MORENA BACCARIN, die hier als Vanessa Carlysle zu sehen ist und sich vor REYNOLDS und dem Publikum keine Blöße gibt. Stark, wenn es sein muss, und frech, wenn es darauf ankommt. Natürlich besteht dabei auch immer die Gefahr, dass man durch ihre Outfits abgelenkt ist, denn als angeblich Prostituierte zeigt sie natürlich viel Haut, wobei sie ebenso wie REYNOLDS hervorragend auf ihre Rolle passt. Anders als in der Vorlage jedoch, erleben wir in Deadpool eine rein menschliche Vanessa, denn in den Comics ist sie als Mutantin Copycat bekannt, die BACCARIN hier noch nicht darstellt. Aber vermutlich haben sich die Macher den Auftritt von Copycat ebenfalls für den zweiten Teil aufgehoben, da Cable der Oberfiesling im Sequel werden soll und dieser hat mit Copycat so einige Hühnchen zu rupfen.
Deadpool 08Aber für jeden guten Part, gibt es natürlich auch einen bösen Part. In diesem Falle sind es ED SKREIN als Ajax und GINA CARANO als Angel Dust. SKREIN spielt seinen Fiesling jedoch auf dem gleichen kühlen und arroganten Niveau, wie man es schon von seinen vorherigen Filmen gewohnt ist. In diesem Sinne ganz brauchbar, aber nichts Neues. CARANO macht dabei schon mehr Spaß, weil sie oft einen tiefen Ausschnitt trägt und böse gucken schon seit ihrer MMA-Karriere perfekt beherrscht. Tatsächlich ist bei ihr die meiste Show zu finden, da CARANO in den alten Sets ständig Angst vor Spinnen hatte und sich deswegen nur schwer auf den Dreh konzentrieren konnte. Und auch wenn Deadpool und seine Kollegen hier ordentlich aufräumen und das Blut nur so spritzen lassen. Es besteht durch die Comics eine reelle Basis, dass es im zweiten Teil ein Wiedersehen mit Ajax und Angel Dust geben wird. In den Nebenrollen kann man besonders T.J. MILLER als Weasel hervorheben. Mit stoisch zugedröhnter Miene verteilt er liebevolle Gemeinheiten an Wade und seine anderen Gäste, wobei er dem „Shogun des Sarkasmus“ locker das Wasser reichen kann, denn seine Kommentare und Vorschläge sind nicht weniger fies. An dieser Stelle folgt nun BRIANNA HILDEBRAND als Negasonic Teenage Warhead und in diesem Sinne ewig desinteressierte Teenie-Göre, die jedoch seltsamerweise zu den X-Men gehören will. Genauer gesagt zu ihrem Lehrer/Ausbilder ANDRE TRICOTEUX als Colossus. Doch der ist in Deadpool gänzlich als silbernes Metallwesen vertreten und darum rundum animiert. Und klar: der große STAN LEE taucht natürlich auch mal ganz kurz auf; als Ansager in einem Stripclub.

 

Fazit: Ganz ehrlich, ginge es nach mir, so ist Deadpool nicht nur für Marvel eine einzige Offenbarung, sondern für fast alle Comicverfilmungen nach dem Millenium! Denn fern von jeglicher politischer Korrektheit liefert uns TIM MILLER ein witziges, spritziges, extrem freches und teilweise ganz schön „verficktes“ Kinovergnügen, dass vor allem mit einem fabelhaften RYAN REYNOLDS in der Hauptrolle und seinem bissigen Humor überzeugt. Mit Sarkasmus, Schimpfwörtern, Blutvergießen, derben Pimmelwitzen und Respektlosigkeit ist Deadpool ohnehin schon äußerst unterhaltsam und erfrischend rücksichtslos, doch erst die subtile Sentimentalität zwischen den Zeilen heben diese Comic-Verfilmung ein ganzes Stück über den Genredurchschnitt hinaus. Und vor allem beweist Deadpool, dass man kein verschissenes PG13 braucht, um einen verdammt erfolgreichen Film zu zaubern, der nicht nur Comicfans vollends unterhalten kann. Wir geben unsere verdammten 10 von 10 und freuen uns wie Sau auf den zweiten Teil.
P.S.: Wer an dieser Stelle kein Mädchen hat – oder Freund – dem sei es dieser Stelle erlaubt, es sich diesen Abend selbst zu besorgen oder Wade im Kino dabei zuzusehen. Deadpool macht euch`s vor, wie`s geht!