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Collide

Collide - Poster 01Regie: ERAN CREEVY
Drehbuch: ERAN CREEVY und F. SCOTT FRAZIER
Medium: Kino
Spielzeit: 100 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 4. August 2016

 

„Also was bist du: die Nutte oder das Rennpferd.“

 

Collide 11Actionfilme aus Deutschland sind hierzulande immer noch eine Seltenheit. Na gut, da haben wir den mutigen, aber dennoch gescheiterten Versuch namens Cascadeur und die Actionserie Alarm für Cobra 11 von RTL, die zwar selten dümmlich, aber nach wie vor sehr beliebt ist. Erst jetzt gibt es mit dem Collide wieder einen vernünftigen Vorstoß, der sogar direkt den internationalen Markt anvisiert. Collide ist nämlich ein rasanter Actionthriller, der von keinem Geringeren als dem legendären JOEL SILVER (Predator, Stirb Langsam, Matrix) produziert worden ist. Gedreht wurde vollständig in Nordrhein-Westfalen und darin inbegriffen natürlich Köln und Monschau, und durch die finanzielle Gewalt konnte ein äußerst starker Cast verpflichtet werden, der mit Sir ANTHONY HOPKINS (Das Schweigen der Lämmer, Solace, Das perfekte Verbrechen) und Sir BEN KINGSLEY (Iron Man 3, Gandhi, Shutter Island) zwei Oscar-Preisträger aufwarten kann. Die eigentlichen Hauptrollen spielen jedoch NICHOLAS HOULT (Warm Bodies, Dark Places, Mad Max: Fury Road) und FELICITY JONES (Star Wars: Rogue One, A Monster Calls). Doch selbstverständlich sind auch einige deutsche Stars dabei. Darunter JOACHIM KRÓL (Lola rennt, Lautlos, Rossini), CLEMENS SCHICK (Point Break, Das Kind), ALEKSANDAR JOVANOVIC (Kurz und schmerzlos, Die Schatzinsel, Der Knastarzt) und ERDAL YILDIZ (Fack ju Göhte). Dirigiert werden wird der Cast von dem Briten ERAN CREEVY (Shifty, Enemies), der zusammen mit F. SCOTT FRAZIER (Num8ers Station) das Drehbuch verfasste.
Am 4. August 2016 wird Collide in den deutschen Kinos anlaufen und wir haben uns den Streifen natürlich pflichtbewusst angesehen. Die Frage, ob Collide nun auch das Zeug hat auf internationalem Boden zu bestehen, das klärt sich in den folgenden Zeilen.

 

Collide 07Casey kommt ursprünglich aus Chicaco - hat aber Scheiße gebaut und sich dazu entschlossen in Deutschland unterzutauchen. Nun hält er sich in Köln mit kleineren illegalen Geschäften für den Zuhälter und Drogenkurier Geran über Wasser. Immerhin hat Köln ein ganz brauchbares Nachtleben, Casey hat gute Freunde kennengelernt und letztendlich trifft er hier mit Juliette die Liebe seines Lebens. Ihr zuliebe bemüht sich der ungestüme Casey sogar um einen legalen Job, mit dem sie sich durschlagen können. Doch das Schicksal meint es anders. Juliette leidet an einer seltenen Nierenkrankheit, die sie früher oder später das Leben kosten wird. Eine Operation könnte helfen, doch aufgrund ihres Status greift keine Versicherung. Juliette ist das bewusst und hat mit dem Leben abgeschlossen, doch Casey will nicht aufgeben. Gegen ihren Willen trifft er sich mit Geran, der ihm auch einen hochriskanten, aber äußerst lukrativen Job anbietet. Er soll einen Drogentransport von Hagen Kahl abfangen, ohne dass sich die Spur bis zu Geran zurückverfolgen lässt. Casey akzeptiert den Job und plant den Überfall bis ins kleinste Detail. Doch Hagen Kahl ist zu gerissen um sich so leicht auf`s Kreuz legen zu lassen. Er erwischt Casey, der jedoch fliehen kann. Dummerweise ist sein Fluchtwagen mit Drogengeld gespickt, weshalb er auf einen Schlag die gesamte Privatarmee von Kahl im Nacken hat – und deren Spur führt sie direkt zu Juliette! Egal also, was Casey nun unternimmt: die Konfrontation ist unausweichlich . . .

Collide - Banner 01

Collide ist an dieser Stelle ein handelsüblicher Actionfilm, der sich aber gleich mit mehreren Faktoren wohltuend vom Gros des Actionkinos abheben kann.
Collide 03Zunächst einmal gibt es in Collide gar nicht so viel Action zu sehen, weil der Film viel Wert auf eine ausgeglichene Handlung setzt, die mit etlichen Charakter-Szenen ein recht einheitliches und vor allem nachvollziehbares Bild vermitteln. Man sieht völlig ohne Hektik, wie Casey seinen illegalen Geschäften nachgeht, dabei Juliette kennenlernt, wie sie sich verlieben und letztendlich auch, wie die beiden Amerikaner ihrer Krankheit hilflos ausgeliefert sind. Fast ebenso natürlich wirkt es, wie Juliette mit ihrem Leiden abgeschlossen hat, Casey ihr jedoch unbedingt helfen möchte. Das sorgt nicht nur für einen entscheidenden Zwist zwischen den Figuren, sondern auch dafür, dass man sich der Zwangslage von Casey bewusst wird. Und auf diese Weise ergibt das gesamte Grundgerüst des Actionfilms wesentlich mehr Sinn, was im Genrekino Alles andere als alltäglich ist. Nachdem wir also schon ordentlich Romantik und Dramatik in Collide vorfinden dürfen, entsteht durch den Zuhälter Goran eine Art von skurrilem Humor und durch den Drogenhändler Hagen Kahl die notwendige Bedrohung, damit sich Collide auch als das präsentieren kann, als was er eigentlich konzipiert worden ist: nämlich als Actionfilm.
Collide 02Von dieser gibt es zwar hier in Collide etwas weniger zu sehen als üblich, tatsächlich sind es gerade einmal drei, vier größere Szenen, doch dafür sind diese Actionszenen mit einem großen Aufwand und superb inszeniert. Da gibt es eine aufwendige Scarface-mäßige Schießerei, die übrigens wirklich mitten in Köln gedreht worden ist und natürlich eine ziemlich harte Verfolgungsjagd auf der Autobahn, bei der etliche Fahrzeuge demoliert werden. Das ungekrönte Highlight ist jedoch die ungeheuer rasante Verfolgungsjagd quer durch Monschau, einer historischen Stadt an der Rur. Manche der Fachwerkhäuser sind Jahrhunderte alt und deswegen ist die Altstadt eine der historischen Sehenswürdigkeiten an der deutsch-belgischen Grenze. Da will ich mir gar nicht ausmalen, was für Genehmigungen nötig waren, um die Dreharbeiten mitten durch Stadt zu erlauben. Schließlich jagen hier die Wagen durch enge Gassen mit Kopfsteinpflaster, krachen scheppernd ineinander, werden brutal demoliert und als Spitze des Actionberges schmeißen die Filmemacher gleich mehrere Autos direkt übereinanders, was in der Tat sehr beeindruckend aussieht. Allerdings merkt man der Inszenierung an, dass Collide eindeutig für ein jüngeres Publikum ausgerichtet ist. Der Bodycount hält sich einerseits ziemlich in Grenzen und es bis auf wenige Ausnahmen wird hier eher verdroschen als geschossen. Dass heißt nicht, dass es in Collide einige blutige Szenen zu sehen gibt, die aber recht schnell schon wieder aus dem Bild sind. An dieser Stelle drückte wohl die FSK ein Auge zu und vergab eine Freigabe ab 12 Jahren, die man auch großzügiger Weise stehen lassen kann.

 

Collide 08Schon in der Erzählweise merkt man, dass es sich um einen rein europäischen Film handelt, denn wo die Amis ganz gerne mal von Anfang an auf die Kacke hauen, da verlassen sich ERAN CREEVY und F. SCOTT FRAZIER zunächst sehr behutsam auf die Handlung. Sie führen die Figuren ein, erklären das Szenario und erschaffen auf diese Weise eine Zwangslage, der sich der Hauptcharakter stellen muss – ohne Ausweg! Gerade diese Grundlage sorgt für Spannung und Unterhaltungspotential, was ERAN CREEVY auch weitgehend verwerten kann. Man ist emotional dabei, wenn Casey keine andere Wahl hat, sich wieder mit Geran einzulassen, denn man kann leider schon recht früh erahnen, dass er dabei von Hagen Kahls Schergen ertappt und letztendlich auch erwischt wird. Mit diesem Moment drosseln CREEVY und FRAZIER allerdings das Erzähltempo erheblich und rücken stattdessen ihre Schauwerte in den Mittelpunkt, wie man es eben von klassischen Actionfilmen gewohnt ist. Allerdings verzichten die beiden Autoren auch nicht auf die eine oder andere raffinierte Wendung gegen Ende des Films, die sogar manche zweifelhaften Augenblicke kaschieren mögen. Darunter eine wenig überzeugende Begegnung + Schießerei mitten in einer Tankstelle und der Showdown in einer kleinen Kölner Kneipe. Nette Hommage an Scarface, aber der Rahmen wird dem Gemälde kaum gerecht. Insgesamt wirkt Collide jedoch recht flüssig in Szene gesetzt, besitzt weder Längen noch wirkt der Actionfilm hektisch. Ob der Streifen fortgesetzt wird, darüber entscheidet natürlich am Ende der Erfolg an den Kinokassen, doch der Film endet in sich abgeschlossen und hält sich auch sonst mit Sequel-Möglichkeiten bedeckt.

 

Collide 04Collide wurde als deutsch-britische Koproduktion auf die Beine gestellt, die es ja nicht zu zahlreich gibt. Da ist es gleich doppelt ungewöhnlich, dass man den Actionfilm vollständig in Deutschland gedreht hat. Und zwar vollkommen in Nordrhein-Westfalen direkt in Köln und Umgebung. Das merkt man in einigen Panorama-Einstellungen, aber auch mit Ansichten aus der Innenstadt. Bin zwar auch nicht der größte Fan von Köln, doch es ist eine wahre Wohltat, dass man nicht schon wieder Berlin fixiert und letztendlich kann sich NRW dank der abwechslungsreichen Locations auch als attraktiver Drehort von internationalem Format präsentieren. Der Soundtrack ist leider nicht ganz so divers, da man hier in erster Linie auf hippe, coole und ultra-moderne Techno-Beats setzt. Das ist zwar anfangs noch ganz natürlich, wenn sich Casey und Juliette in der Disco begegnen, aber auf die Dauer nervt dieses ganze Techno-Rave-Trance-Zeugs auf der ganzen Linie. Da trifft es sich gut, dass man mit den Actionszenen wenigstens eine ordentliche visuelle Ablenkung hat, da die Stunts zu gefühlten 80% ohne jeglichen Computereffekte entstanden sind. Man sieht brutale Kollisionen und sich überschlagende Autos, die meterweit durch die Luft geschleudert werden. Da war vor Allem beim Dreh in Munschau absolute Präzision gefragt, um die historische Altstadt nicht zu gefährden und zumindest mir ist auch kein anderer Actionfilm bekannt, der eine ähnliche Drehgenehmigung bekommen hätte. Collide kann also schon hier in diesem Detail einen Anreiz zu einem Kinobesuch liefern.

 

Collide 05Die Hauptrollen spielen mit NICHOLAS HOULT und FELICITY JONES zwei junge, unverbrauchte Darsteller, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen. NICHOLAS HOULT kennen wir jedoch als durchgeknallter Fahrer Nux aus Mad Max: Fury Road, den der Brite hier jedoch nicht wiederholt. Denn wo Nux einfach den puren Leichtsinn reitet, da handelt Casey aus Sorge und Verzweiflung heraus. Er greift nicht zur Waffe, sondern läuft lieber weg und wenn er hinter dem Steuer sitzt, dann spürt man die Verzweiflung regelrecht. FELICITY JONES spielt Caseys selbstbewusste Freundin Juliette, die an einem Nierenleiden krankt und mit ihrem Schicksal bereits abgeschlossen hat, was die routinierte Schauspielerin auch problemlos transportieren kann. Für zarten und teils recht skurrilen Humor sorgt der Oscar-Preisträger BEN KINGLSEY in der Rolle des Zuhälters und Drogenkuriers Geran, da KINGLSEY den typischen Türken-Proll mit bunten Jogginganzügen, Goldkettchen, goldenen Knarren, Sportwagen und pausenlosem Geschwätz von Männlichkeit und Respekt vollends nach außen kehrt. Ein Gangster, ein Angeber, ein immenser Prolet und doch Alles andere als unsympathisch. Genau das ist das Entscheidende, was ANTHONY HOPKINS in seiner Rolle abgeht. HOPKINS spielt mit Hagen Kahl den ultimativen Antagonisten in Collide. Soll ja angeblich ein Cosmopolit sein, wohl erzogen und galant, doch dafür wirkt der Charakter viel zu wirr umgesetzt. Da redet Kahl mal ganz normal, dann schreit er wieder. Im einen Moment ist er obszön und beleidigend und zitiert schon in der nächsten Sekunde SHAKESPEARE, fuchtelt aber dennoch mit einer Knarre herum. Das wirkt Alles ziemlich irrational und wird dem britischen Oscar-Preisträger in keiner Weise gerecht – und genauso spielt HOPKINS dann leider auch: wirr und unterfordert.

 

Fazit: Die britisch-deutsche Koproduktion Collide bringt zwar nicht unbedingt frischen Wind ins Spannungskino, präsentiert sich aber als grundsolider und detailliert erzählter Actionfilm mit klassischem Aufbau und hervorragenden Stunts. Tatsächlich kann Collide viel eher mit seiner sauber ausgearbeiteten Handlung, der dramatischen Atmosphäre und gut aufgelegten Darstellern überzeugen, als mit seinem nerv tötenden Rave-Soundtrack und einem wirren ANTHONY HOPKINS. Denn immerhin liefert der Streifen uns umfangreiche und recht harte Car-Stunts, wobei sich Nordrhein-Westfalen als abwechslungsreicher Drehort präsentieren kann. Alles in Allem ist uns Collide wohlwollende 7 von 10 Punkte wert, wobei Actionfans hier durchaus auf ihre Kosten kommen können, auch wenn der Film nicht besonders viele Actionszenen bieten kann.