Freaks (1932)

Medium: DVD
Regie: TOD BROWNING
Buch: AL BOASBERG, WILLIS GOLDBECK, LEON GORDON, EDGAR ALLAN WOOLF
Laufzeit: 61 min
FSK: 16

Sie sind äußerlich missgestaltet, doch innerlich so menschlich wie jeder andere. Sie sind Zirkusattraktionen. Sie sind die FREAKS!

Sie alle sind Schausteller in einem Wanderzirkus, deren Attraktion die schöne Cleopatra (OLGA BACLANOVA) ist. Ihr größter Verehrer ist der ironischerweise kaum einen Meter große Hans (HARRY EARLES), der eigentlich mit Frieda (DAISY EARLES) verlobt ist. Cleopatra macht sich ihren Spaß mit dem kleinen Verehrer, gehört ihr Herz doch ohnehin dem kräftigen Hercules (HENRY VICTOR). Cleopatra kann die Freaks nicht ausstehen macht sich hinter ihrem Rücken über sie lustig. Doch als sie und Hercules erfahren, dass Hans ein beträchtliches Vermögen geerbt hat, fassen sie einen teuflischen Plan...

Dieser Film war ein Eklat. Die Karriere des Regisseurs TOD BROWNING, die zuvor mit "Dracula" ihren Höhepunkt fand, war abrupt beendet. Die Welt war 1932 nicht bereit für einen Film, für den rund anderthalb Dutzend echte "Freaks" gecastet wurden. Unter ihnen ein junger Mann ohne Unterleib (JOHNNY ECK), ein menschlicher Torso (PRINCE RANDIAN) und ein Zwitter (JOSEPHINE JOSEPH). BROWNING wollte diese Menschen nicht zur Schau stellen, so wie es damals üblicherweise geschah – vielmehr wollte er beweisen, dass sie Menschen mit ganz normalen Gefühlen sind (so wie Hans es am Anfang des Films im Dialog mit Cleopatra betont) und dass sie ganz menschliche Probleme haben. So sieht das menschliche Skelett (PETER ROBINSON) Vaterfreuden entgegen. Ob seine Tochter genauso einen Bart haben wird wie die Mutter (OLGA RODERICK)? Und wie lösen die siamesischen Zwillinge (DAISY HILTON & VIOLET HILTON) ihr Problem, dass eine heiraten will, der künftige Ehemann aber schlecht auf ihre angewachsene Schwester zu sprechen ist? Andere Probleme meistern sie hingegen ohne erkennbare Schwierigkeiten, wie der Film eindrucksvoll in mehreren Szenen beweist. So fällt es erst beim zweiten Blick auf, dass FRANCES BELLE O'CONNOR mit den Füßen auf dem Tisch die Suppe löffelt, da ihr die Arme fehlen. Auch an ihrem Glas nippt sie wie selbstverständlich. PRINCE RANDIAN schafft es sogar, obwohl er weder Arme noch Beine hat, sich in einer berühmten Szene eine Zigarette anzuzünden. Bei der Recherche fand ich übrigens Bilder, auf denen er sich sogar selbstständig rasiert...

Ursprünglich ist dieser Film zwar als Horrorfilm konzipiert (und damals war dieser Film auch der blanke Horror in einer Welt, in der Schönheit und Glamour das höchste Gut war), letztlich ist er aber ein Meisterwerk, das zur Toleranz gegenüber Andersartigen aufruft, sie mit ihren nur allzu menschlichen Problem darstellt und zeigt, dass sie, trotz ihres absonderlichen Aussehens, menschliche Gefühle haben und dass es nicht unbedingt alle Gliedmaßen braucht, um ein eigenständiges Leben zu führen. Die körperlich "missgestalteten" Menschen werden eben nicht als die Monster dargestellt. Vielmehr sind sie die Helden des Films und die "normalen" sind die wahren Monster. Eine böse Spitze gegen das damalige Gesellschaftsbild.
Leider gingen Teile des Films unauffindbar verloren (von 90 Minuten sind nur rund 60 erhalten geblieben) und einiges musste geschnitten werden (vor allem am Ende des Films), weil es doch zu grausam gewesen wäre.

Kurz noch ein paar Worte zur Qualität. Der Film ist zwar restauriert, aber er stammt von 1936 und entsprechend leiden Bildqualität, Schärfe und besonders der Ton. Das Englisch ist meist nur schwer verständlich. Kein Tonfehler ist aber, dass Frieda zu Beginn des Films deutsch redet. HARRY EARLES und seine Schwester DAISY EARLES sind nämlich Deutsche, die in die USA immigriert sind.

Ohne die Länge dieser Rezension zu strapazieren muss noch erwähnt sein, dass der Film von subtilen Anspielungen durchsetzt ist. Zum Glück gehen auch Wortspiele nicht verloren, wenn man den Film im englischen Original sieht (es gibt auch Versionen mit deutschem Untertitel). So bietet Cleopatra dem starken Hercules in ihrem Wagen an, ihm ein paar Spiegeleier zu braten. Bei der Frage: "How do you like them?" dreht sie sich um und Hercules kommentiert mit Blick zu ihrer Brust nur ein "Not bad!". Das Wortspiel dürfte verständlich sein. In einer anderen Szene geht der Zwitter (JOSEPHINE JOSEPH) an zwei Männern vorbei. Er dreht sich mit der männlichen Seite zu ihnen um und wirft ihnen einen missgünstigen Blick zu. Anschließend dreht er sich mit seiner weiblichen Seite zu ihnen um und zwinkert dem einen zu. Der andere kommentiert darauf nur: "I think, she like you, but he don't".

Der Film ist übrigens in einigen US-amerikanischen Staaten bis heute verboten. Bedauerlich, handelt es sich doch um ein Stück Filmkultur, an dem jede Synchronisation und nachträgliche Colorierung ebenso blasphemisch wirkt wie beim Klassiker "Dinner for one". Auf jeden Fall sehenswert, auch wenn er ziemlich schockierend ist.



DVD-Extras:

Untertitel auf Deutsch, Englisch, Spanisch, Italienisch, Schwedisch, Türkisch, Griechisch, Portugiesisch, Tschechisch, Ungarisch, Niederländisch, Arabisch, Bulgarisch, Französisch
70 Minuten Bonusmaterial, u. a. mit Hintergründen zum Film


Punkte: 9 von 10 (1 Punkt Abzug wegen schlechter Filmqualität, was sich aber bei dem Alter nicht vermeiden lässt)







insanus