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Shutter Island



Regie: MARTIN SCORSESE
Drehbuch: LAETA KALOGRIDIS
Medium: Kino
Laufzeit: 139 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 25.02.2010

„Du wirst diese Insel niemals verlassen!“


Eigentlich ist es ja nur ein dummer Spruch, aber ausnahmsweise passt er hier mal wie die Faust auf`s Auge: bei dem Dreamteam MARTIN SCORSESE (Taxi Driver, Casino, Good Fellas, Kap der Angst, Wie ein wilder Stier) und LEONARDO DiCAPRIO (Blood Diamond, Titanic, Body Of Lies, Catch Me If You Can) haben sich zwei Menschen gesucht und gefunden! Die Chemie zwischen den beiden stimmt so gut, dass quasi SCORSESE seine Regieanweisungen nur zu denken braucht und DiCAPRIO spielt die Szene dann nochmal doppelt so gut. Ihre bisherigen Zusammenarbeiten Gangs Of New York, Aviator und The Departed waren darum auch gleichermaßen Kassenschlager und anspruchsvolles Hochglanzkino. Da war es eigentlich schon fast sicher, dass DiCAPRIO auch die Hauptrolle in SCORSESEs neuem Thriller Shutter Island übernehmen sollte. Und tatsächlich stand seine Beteiligung an dem ambitionierten Projekt schon von Anfang an fest, war Shutter Island von dem dynamischen Duo gemeinsam co-produziert worden. Die Zusammenarbeit also nochmal einen Schritt vertieft, was wiederum umso mehr Erwartungen schürt.
Shutter Island beruht auf dem gleichnamigen Roman von DENNIS LEHANE, dessen Werke schon dem hochausgezeichneten Gone Baby Gone und dem Oscar-prämierten Mystic River als Vorlage dienten. Als Drehbuchautorin wurde LAETA KALOGRIDIS (Pathfinder, Alexander, Wächter der Nacht) verpflichtet, die übrigens demnächst das Skript zur Live-Action von Ghost In The Shell verfassen wird. LEONARDO DiCAPRIO wurde ja schon als Hauptdarsteller genannt, aber auch bei den weiteren Akteuren ließ sich SCORSESE nicht lumpen und bediente sich ausgiebig bei der ersten Garde Hollywoods. So wurden unter anderem Oscar-Preisträger BEN KINGSLEY (Gandhi, Species, Schindler`s Liste, Suspect 0, Die letzte Legion), MARK RUFFALO (Zodiac, Collateral), MAX VON SYDOW (Der Exorzist, Sleepless, Solomon Kane, Dune, Conan der Barbar, Minority Report) und JACKIE EARLE HALEY (Watchmen, Nightmare On Elmstreet Remake) verpflichtet. Beste Bedingungen für einen erstklassigen Thriller also.

Wir schreiben das Jahr 1954 und befinden uns in den USA. Edward „Teddy“ Daniels ist US-Marshall und innerhalb des Büros schon fast eine Legende. Darum soll er zusammen mit seinem neuen Partner Chuck Aule einen besonders mysteriösen Fall aufklären. Es handelt sich um die Kindermörderin Rachel Solando, die des Nachts aus einem Gefängnis für geisteskranke Schwerverbrecher verschwunden ist. Die Anstalt befindet sich auf Shuttter Island, einer kleineren Insel vor der US-Küste, die von drei Seiten mit steilen Klippen umgeben ist. Die Zellen sind mit Gitterstäben gesichert, die Türen verschlossen und kein einziger der Wärter oder Pfleger hat Etwas bemerkt. Der Anstaltsleiter Dr. Cawley begegnet den Beamten freundlich, zuvorkommend, aber auch verschlossen; das Personal weigert sich mit den Marshalls zu reden oder berichtet exakt dasselbe wie Dr. Cawley. Und schließlich ist da noch Dr. Naehring, den Daniels sogleich als alten NS-Arzt identifiziert. Die Stimmung ist geschlossen gegen die Ermittler. Doch es gelingt Daniels und Aule immerhin einige Indizien herauszufinden, was hier ungefähr verschwiegen werden soll. Offiziell gibt es 66 Patienten auf Shutter Island, Rachel Solando hinterließ aber einen Hinweis auf einen 67 Patienten. Genährt von verstörenden Alpträumen seiner ermordeten Frau ist sich Daniels sicher, dass es sich bei Patient Nr. 67 um Andrew Laeddis handelt, der als Feuerteufel in dem Haus einen Brand legte, bei dem Daniel`s Frau und 3 weitere Menschen ums Leben kamen. Daniels wusste, dass Laeddis in Shutter Island einsitzt. Aber um mehr herauszufinden müssen er und Aule in den Gefängnisblock C – einer alten Bürgerkriegsfestung – eindringen. Dort sind nur die bösartigsten, verrücktesten und gewalttätigsten Psychopaten eingesperrt, bei denen keine Behandlung mehr fruchtet. Ein sehr gefährliches Unterfangen, besonders nach dem Hurrikane, der die Insel verwüstet hat. Doch sie hoffen auf wichtige Unterlagen, handfeste Beweise und entlarvende Aussagen der Insassen. Aber mit diesem Schritt beginnt sich die Ermittlung zu einem harten Trip zu entwickeln, der den labilen Daniels fast völlig aus Bahn zu werfen droht.

SCORSESE bediente sich ausgiebig bei den glorreichen, trashigen Horrorfilmen der 50er Jahre und lässt diese coole Macho-Manier des damaligen Zeitgeistes nicht ohne ein bißchen Galgenhumor wieder aufleben. Da rauchen die Protagonisten Kette, ohne Filter natürlich, und trinken einen Schluck aus dem Flachmann nach dem Nächsten. Hinzu kommen coole Sprüche wie „Hey Boss“, die schicken Anzüge, das arrogante Getue und die Knarren. Das soll aber nicht heißen, dass Shutter Island ein farbenfroher Film wäre; ganz im Gegenteil! Shutter Island ist von Anfang bis oberfieses Ende zappenduster. Es geht um den von Gott gegebenen Hang zur Gewalt in Verbindung mit purem Wahnsinn. Hinzu kommen noch menschliche Abgründe, wie Depressionen, Krankheiten, die schlichte Kaltblütigkeit und der Nationalsozialismus, der hier am Rande auftaucht. Gegenstand ist die Befreiung des KZ Dachau, wobei aber in recht deprimierender Weise die deutschen und amerikanischen Soldaten dargestellt werden. Und auch der Protagonist Teddy Daniels gehört dazu. Physische Gewalt ist in Shutter Island nur in wenigen Szenen von Belang, dafür wirken die psychischen Attacken regelrecht wie Faustschläge in die Fresse.
In fast sämtlichen Szenen wurde ein grau-blasser Farbfilter verwendet, der die düstere und bedrohliche Stimmung sehr gut einfängt. Außer in den verstörenden Traumsequenzen, was die psychotische Wirkung noch um ein Vielfaches unterstreicht. Und natürlich sorgt auch der Sound mit sehr tiefen Bässen für gedrückte Stimmung, die Score die ein wenig an Der weiße Hai erinnert dagegen für gehöriges Unwohlsein.

Auf eines sollten sich die Besucher von Shutter Island also gut einstellen: düstere Bilder und Hochspannung vom Feinsten! Wobei SCORSESE hier im Handlungsstrang geschickt zwei verschiedene Unterarten des Thrillers miteinander verbindet. Von der ersten Minute bis ungefähr zur Hälfte handelt es sich um einen klassischen Mystery-Thriller, bei dem die verschwundene Patientin im Vordergrund und die Heimlichtuerei des Anstaltspersonals im Vordergrund steht. Daniels und Aule stellen Fragen, müssen sogar an machen Stellen mit Tod und Teufel drohen um wenigstens ein paar halbseidene Antworten zu erhalten. Sie bluffen, ignorieren Vorschriften und versuchen ihre Autorität als Bundesbeamte als Druckmittel einzusetzen, was aber wiederum für mehr Defensive sorgt. Was in der ersten Hälfte auch sehr viel zur Spannung beiträgt, denn Naehring und Cawley erweisen sich als ebenbürtige Gegner; und es ist grandios inszeniert, wie sich Daniels und Aule trotz aller Blockaden durchbeißen und durchwühlen und so wieder ein paar Hinweise mehr zusammenkratzen. Bis schließlich ab der zweiten Hälfte ein Sprung von einem eher gewöhnlichen, doch sehr spannendem Plot zu einem doppelt- und dreifachbödigen Spiel mit der Wahrnehmung von Wahnvorstellung und Realität vollzogen wird. Diese sehr psycholastige Schiene wird zwar schon vorher stets gut in Form von seltsamen und verstörenden Alpträumen angedeutet, jedoch tritt sie erst dann vollends hervor und lässt Daniels sowie den Zuschauer völlig im Unklaren über die Situation, was wahr und was Einbildung ist. So, dass bis zum überraschenden Finale wirklich Niemand eine Ahnung hat, was auf der Insel vor sich geht. Leider ist das Finale schon arg in die Länge gezogen, was aber auch seinen Sinn hat, denn so bleibt auch die Auflösung nicht so richtig fassbar. Übrigens gehört der Schluß schon jetzt wohl zu den fiesesten Filmenden der letzten 15 Jahre, woraufhin Shutter Island den Zuschauer auch nach der Vorstellung nicht mehr loslässt.

Für einen langanhaltenden Eindruck sorgt auch LEONARDO DiCAPRIO, der hier sich mal wieder selbst übertroffen hat und den besessenen, deprimierten Ermittler mit unglaublicher Inbrunst verkörpert, dass man aus dem Staunen schier nicht mehr rauskommt. Und dabei ist die kollegiale Konkurrenz innerhalb des Ensembles unheimlich stark. Allen voran BEN KINGSLEY, der bravourös den sehr professionellen und hinterfotzigen Anstaltsleiter Dr. Cawley verkörpert. MAX VON SYDOW, inzwischen schon fast 80, steht seinem Kollegen in Nichts nach und sorgt mit seiner zynisch-herausfordernden Art für pechschwarze Unterhaltung. Dagegen gibt MARK RUFFALO als Chuck Aule den coolen Ausgleichspunkt; immer mit einem lässigen Lächeln auf den Lippen aus dem bei jedem zweiten Wort ein absolut machomäßiger Spruch rauskommt. Das kleine Sahnehäubchen oben drauf ist der kongeniale JACKIE EARLE HALEY, der in Shutter Island zwar nur einen sehr kurzen Auftritt als Geistesgestörter Mörder hat, dafür aber seinen Freak ebenfalls mit fratziger Miene unglaublich einprägsam spielt. Insgesamt sind alle Akteure hervorragend besetzt und spielen einfach umwerfend gut!

Fazit: Shutter Island ist ein düsterer Edelthriller per excellence, der nicht nur eine spannende Inszenierung mit düsteren Bildern und bedrohlicher Score vorweisen kann, sondern auch eine bombastische Darstellung aller Schauspieler bietet. Darüber hinaus schafft es das Werk, den Zuschauer wegen des ziemlich fiesen Endes auch nach der Vorführung mit einem äußerst unwohligen Gefühl nach Hause zu schicken. Shutter Island ist darum ein unbedingtes Muss für jeden Kinofan und Anhänger ausgeklügelter Thriller.




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