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Antichrist ♀


Antichrist - Poster 01Regie: LARS VON TRIER
Drehbuch: LARS VON TRIER
Laufzeit: 108 Minuten (unzensiert) / 104 Minuten (gekürzte Fassung)
FSK: Keine Jugendfreigabe
Kinostart: 10.09.2009

„Die Natur ist die Kirche Satans.“


Antichrist - 11Ich denke, man kann mit Fug und Recht behaupten, dass der dänische Regisseur LARS VON TRIER zu den Besten seines Faches zählt. Darum war ich als Cineast sowohl auch als Gruftie schon doppelt erfreut, als ich hörte, dass sich LARS VON TRIER (Melancholia, Dancer In The Dark, Dogville) nach seiner überaus verängstigenden 8-teiligen Gruselserie Geister (1994 / 1997) endlich wieder dem Horror widmen würde. Die  Vorfreude wuchs einige Monate später erst recht ins Unermessliche als der Titel Antichrist ♀ bekannt gegeben wurde, was die Erwartungen weltweit nicht unerheblich in die Höhe trieb. Erst recht, als die äußerst hochkarätige Besetzung bekannt gegeben wurden. Wie bei allen seinen Projekten davor, führte LARS VON TRIER auch selbst die Feder. Die beiden Hauptrollen - und auch fast die beiden einzigen Rollen in diesem Film - bekam auf der weiblichen Seite CHARLOTTE GAINSBOURG (Jane Eyre, Melancholia, Les Misérables, 21 Gramm), ihres Zeichens Tochter von Enfant terrible SERGE GAINSBOURG und der Sängerin JANE BIRKIN; und als männlichen Gegenpart wurde der großartige Edelmime WILLEM DEFOE (Leben und Sterben in L.A., Der blutige Pfad Gottes, Platoon) verpflichtet. Allein dieses Trio impliziert doch schon ein Meisterwerk. . . . Oder doch nicht?

Ein Ehepaar Mitte 30 bis Anfang 40, dessen Namen nicht genannt werden, gibt sich des nachts unter der Dusche dem hemmungslosen Liebesakt hin. Der kleine Sohn der Familie wacht unterdessen auf und es gelingt ihm die Tür zu seinem Bettstättchen zu öffnen. Während das Paar dann weiter im Bett auf den Höhepunkt zusteuert steigt der Knirps auf einen Tisch und hält auf ein geöffnetes Fenster zu, um seinem Teddy den Schnee zu zeigen. Schließlich stürzt das Kind in den Tod.
Antichrist - 09Die Trauer ist groß. Er scheint damit gut umgehen zu können und den Verlust zu verkraften. Wahrscheinlich auch, weil er ein hervorragender Therapeut mit langjähriger Erfahrung ist. Sie hingegen bricht unter dem Schmerz zusammen, liegt über einen Monat im Krankenhaus und wird durch die vielen Medikamente fast lethargisch. Bis ihr Mann endlich genug davon hat und beschließt seiner Frau zu helfen. Die eigene Familie therapiert man nicht, aber er kann es einfach nicht mehr ertragen seine Frau leiden zu sehen. Und immerhin kennt kein Anderer seine Frau so gut wie er. Zögerlich und zunächst mit Widerwillen stimmt sie zu. Zuhause übermannen sie Angstzustände. Wie jeder erfahrene Therapeut weiß er, dass man sich seiner Angst stellen muss. Da wird das Ehebett schon mal zur Therapiecouch. Doch wovor sie Angst hat, weiß sie nicht. Schließlich finden sie zusammen wenigstens den Ort heraus, an dem ihre Angst am Größten ist. „Eden“ nennen die Beiden die kleine vertraute Hütte, mitten in einem abgeschiedenen Waldgebiet. Angekommen wirkt Alles friedlich. Doch wie schon ein altes Sprichwort sagt, steckt der Teufel im Detail.
Antichrist - Banner 01Antichrist - 10Und wirklich sieht „Eden“ zunächst malerisch. Stramme Wälder, ein kleiner Bach, eine einsame Hütte mitten in einer grünen Wiese . . . die Idylle könnte so schön sein. Zunächst erscheint es wie das Paradies, von der sterilen Stadt in die wilde Natur doch ähnlich wie im Anime Elfen Lied beschwört der Film den Dualismus im Wesen der Natur. Zu jedem Aspekt, jedem Ding und jedem Lebewesen gibt es ein Gegenstück. Mann und Frau, Feuer und Wasser, Licht und Dunkelheit, Stille und Lärm, Leben und Tod. Der Titel Antichrist ♀ bezieht sich entgegen den ersten Mutmaßungen kaum auf Satanismus. Sondern reiht sich in dieses Schema mit ein, indem die Natur selbst teuflisch und böse ist, zumindest im Wahn der Protagonisten. Und so dauert es nicht lange und das düstere Ambiente der rheinischen Wälder hinter Köln, wo der Film gedreht wurde, entfaltet seine volle Wirkung. Obwohl es schon ausreicht, dass LARS VON TRIER den Wald bei Nacht zeigt, unterlegt mit dunklem Grollen. Dabei spielt sich der subtile Grusel allein im Kopf des Zuschauer. Es ist fast so als wäre der finstre Wald aus den bekannten Grimms-Märchen Wirklichkeit geworden.
Dabei nimmt sich der Regisseur viel Zeit. Der Film ist vielmehr Beziehungsdrama als Horrorfilm. Schon der Vorspann – hier als Prolog – zeigt das Liebespiel des Ehepaares und den Tod des Kindes in schier endlosen und ausschließlich in Zeitlupe gefilmten Sechs Minuten. Ausführlich schildert LARS VON TRIER von der Trauer des Paares, von ihren Streitpunkten und von ihrem Kampf gegen den Verlust. Schlagartige Kamerawechsel mitten in der Szene, andere Positionen der Akteure, der Eindruck als sei ihnen das Wort abgeschnitten worden; erinnern im Prolog und im ersten Kapitel stark an das französische Avantgardkino der frühen 1990er Jahre. So vergehen fast 35 Minuten, bis man sich endlich entschließt „Eden“ aufzusuchen.
Antichrist - 01Inszeniert wurde der Film wie eine Oper in Drei Akten. Der Prolog geht diesen voraus und der Epilog erzählt wie es nach den eigentlichen Geschehnissen weiterging. Die beiden Ergänzungen sind gänzlich in Schwarz/Weiß gehalten, wobei ausschließlich die wunderschöne Arie "Lascia ch´io pianga" aus der Oper Rinaldo von GEORG FRIEDRICH HÄNDEL zu hören ist. Grundlegend sind die Szenen allesamt relativ lange ausgefallen, manchmal sogar unerträglich lange; wie in einem Alptraum. Das Ganze wirkt fast surreal, was der ersten Phase der Trauer entspricht. Man will es einfach nicht wahr haben, wie es Er im Film auch selbst erwähnt. Und gemäß der Trauer tragen auch die anderen Kapitel Titel, die an Trauerphasen erinnern. Zunächst erfolgt nach dem Prolog das Kapitel „Trauer“, gefolgt von „Schmerz (Chaos regiert)“ und endend mit „Verzweiflung“, obwohl der Streifen erst wirklich nach dem ebenfalls sehr surrealistisch anmutenden Epilog abschließt. Dabei ändert sich mit jeder Phase der Stil des Filmes ein wenig. Schon das zweite Kapitel „Schmerz (Chaos regiert)“ geht mehr in Richtung neutrales Erzählkino, wobei dann der krönende Abschluß „Verzweiflung“ einen kleinen, aber extrem fiesen Psychothriller darstellt. Alles in Allem sind die drei Kapitel, Prolog und Epilog sehr geschickt miteinander verstrickt.

Antichrist - 06Im Vorfeld wurden schon recht früh Gerüchte laut, bei Antichrist ♀ handele sich um einen ziemlich harten Streifen mit teilweise arg graphischen Bildern. Bis dato waren dies ja nur Gerüchte, doch als sogar die komplette Kritikerriege in Cannes - wo der Film uraufgeführt wurde - stillschweigend und paralysiert das Kino verließ, war klar, dass an den Gerüchten doch Etwas dran sein musste. Und tatsächlich wird der Zuschauer schon in den ersten drei Filmminuten im Prolog durch echte Penetration - sprich richtigen Sex (!) - schon „zaghaft“ darauf vorbereitet, dass es hier in Antichrist ♀ wesentlich derber zur Sache geht, als in anderen Mainstream-Filmen. Ein Hauptthema des Filmes ist Sex. Sex ist der Ursprung allen Lebens; doch gemäß dem dualistischen Wesen der Natur besitzt auch der Liebesakt eine zerstörerische Seite. Gewalt und Tod sind also auch ebenso Teil der Schöpfung und LARS VON TRIER hat keine Hemmungen uns seine verstörenden Versionen zu zeigen. Nein, wirklich derben und Brechreiz hervorrufenden Splatter gibt es nicht, dafür wird man als Zuschauer Zeuge einiger Szenen von unbändigen Wutausbrüchen, einer ungewöhnlichen Vergewaltigung, brutaler Folter, masochistischer Selbstverstümmelung und Tod. Nicht. Besonders die explizite Gewalt gegen erigierte Genitalien beiderseits sind Szenen (manchmal schön in Großaufnahme), die sich auch im Nachhinein ins Gedächtnis brennen.
Antichrist - 08Nicht zuletzt ausschlaggebend für den religiösen Aspekt, ist der mythische Kampf von Gut und Böse, der hier auch unverblümt angesprochen wird. Besonders die Dissertation über Gynozid (Massenmord an Frauen) von Ihr spielt dabei eine nicht ungewichtige Rolle. Die vielen fiesen Anspielungen im Film tun ihr Übriges. Nick, der kleine Sohn des Paares und der im Gegenzug zu ihnen auch namentlich genannt wird, ist strohblond; obwohl beide Elternteile dunkelhaarig sind. Denn mit den roten Bäckchen sieht er auch wie das traditionell verklärte Bild eines Engels aus, das man auf jedem klassischem Gemälde bewundern kann. Nun muss der Engel sterben, weil der Orgasmus der Eltern ihnen wichtiger war. Wenn das nun nicht schon mal böse gegen alle Seiten tritt. Auch der Name „Eden“ ist eine unverkennbare Anspielung auf die Bibel, verwandelt sich das Paradies hier schon recht schnell zu einem Alptraum, aus dem man raus will, aber nicht entfliehen kann. Natürlich darf der Rabe, der Vogel des Todes, nicht fehlen. Genauso wie ein Scheiterhaufen, unheimliche Schreie und unerklärliche Winde.

Antichrist - 07Der Film ist somit nicht nur inszenatorisch, sondern auch noch psychologisch sehr ausgefeilt. Aber was nutzt das perfekteste Drehbuch ohne brilliante Schauspieler. Besonders wichtig war hierbei die weibliche Rolle, die hier der Darstellerin sehr viel abverlangte und die CHARLOTTE GAINSBOURG hier mit einer bravourösen Mammutvorstellung bestritt. Der Zuschauer wird Zeuge, wie sie weinend im Kinderzimmer zusammenbricht, vollkommen verängstigt ihre Stirn gegen die Kloschüssel hämmert, kauernd auf dem Boden liegt, ihren Mann anfaucht, ihn anschließend sogar regelrecht zum Sex zwingt, ihm liebevoll und zärtlich tätschelt, ihm als brutale und halbnackte Furie die Hölle heiß macht oder schamlos vor einem Baumstumpf in aller Deutlichkeit und in allen Details masturbiert. Die Dame ist hier in Antichrist ♀ einfach höllisch gut und ihr Schamgefühl dürfte seit ihrem bezeichnenden Duett "Lemon Incest" mit ihrem Vater SERGE GAINSBOURG ohnehin kaum mehr vorhanden sein. Ihr Gegenüber präsentiert sich WILLEM DEFOE zunächst sehr zurückhaltend und dennoch mitfühlend. Doch je weiter der Film voranschreitet, desto intensiver verleiht er dem immer mehr in den Abgrund driftenden Ehemann den passenden Zwiespalt zwischen sorgevollem Gatten und ambitionierten Therapeuten. WILLEM DEFOE ist eh schon einer der genialsten Schauspieler der Welt, doch die Gradwanderung die DEFOE hier vom trauernden Vater, aufopferungsvollem Ehemann, erfahrenen Psychiater, gefoltertem Opfer und gegen alle Logik wutentbranntem Inquisitor auf höchstem Niveau vollzieht, ist so selten grandios und nuanciert gespielt, dass man so Etwas höchstens alle 10 Jahre im Kino zu sehen bekommt. Gemäß der opernhaften Inszenierung des Films spielen DEFOE und GAINSBOURG zuerst wie in einem harmonischen Duett, nur um sich dann auf`s Schärfste und mit Brutalität zu duellieren. Bei so erfahrenen Mimen gelingt es nur sehr selten, ihre Klasse noch zu steigern; weil einfach nicht Mehr geht - aber diese Beiden haben es getan!

Fazit: Antichrist - 05Mit seinem Film Antichrist ♀ beweist LARS VON TRIER einmal mehr, warum er zu den besten Regisseuren der Welt zählt. Sogar in allen Facetten zerlegt ist der Begriff "Meisterwerk" absolut gerechtfertigt. Obwohl sein Film eher an ein Beziehungsdrama erinnert, schafft der Streifen wegen seiner psychologischen Raffinesse ein alptraumhafte Version der Hölle, die den Zuschauer völlig unvorbereitet und damit mitten ins Mark trifft. Hier gibt es keine fadenscheinigen und vorhersehbaren Schockeffekte. Der Horror findet vielmehr im Kopf des Betrachters statt und wirkt so viel intensiver und weit schockierender anstatt abhackte Köpfe oder herausquellende Gedärme im 08/15 Slasher-Remake der Marke Hollywood. Dieser Film ist wegen seines Realismus auch weitaus grausiger als irgendein Monsterfilm je sein könnte. Dass der Film auch noch unheimlich und buchstäblich brutal gut geworden ist, hat er auch den beiden Hauptdarstellern CHARLOTTE GAINSBOURG und WILLEM DEFOE zu verdanken, die hier jeweils eine der besten Leistungen ihrer Karriere abliefern! Allein schon ihr Duett/Duell macht Antichrist ♀ auf der ganzen Linie sehenswert.
Aufgrund der teilweise unausprechlich sadistischen Kompromisslosigkeit des Films, gibt es bislang zwei Versionen von Antichrist ♀. Eine unzensierte 18er Fassung und für diverse Länder eine geschnittene 16er Fassung, die um knapp vier Minuten erleichtert wurde. Doch wir Deutschen dürfen uns entgegen aller Erwartung und aller bisheriger Erfahrung freuen, denn das Meisterwerk lief in seiner ungeschnittenen Version mit dem Siegel „Keine Jugendfreigabe“ schon zwei Monate früher in unseren Kinos, als es eigentlich geplant war.



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