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Elfen Lied

Elfen Lied - Poster 01Regie: MAMORU KANBE
Drehbuch: TAKAO YOSHIOKA & LYNN OKAMOTO
Medium: DVD
Laufzeit: circa 325 Minuten
FSK: ab 18 Jahren
Start: 24.04.2006

„Ah, Scheiße! Du Drecksstück hast mir den Arm abgerissen!“

„Na? Hast du noch Spaß?.“


Wenn man Anime denkt, dann kommen Unkundigen sofort einige Klischees in den Sinn. Typische Knuddel-Figuren, mordsmäßig viel Erotik – selbstverständlich mit Minderjährigen – seltsamer Humor, bunte Monster und eine unbeschreibliche Blutrünstigkeit. Viele Fans können ein Liedchen davon singen, wenn ihnen diese Vorurteile breit unter die Nase gerieben werden. Weil es sich von dem TV-Massendreck einmal abgesehen tatsächlich nur um ziemlich flache Vorurteile handelt. Dabei strotzt einer der besten und auch gleichzeitig erfolgreichsten Animes mit dem Titel Elfen Lied nur so vor diesen Klischees, gilt gleichzeitig aber auch als ein absolutes Meisterwerk. Aufgrund dessen reiht sich Elfen Lied gnadenlos die Serie polarisierender Animes wie Gantz oder Naruto ein, wo es nur zwei Extreme gibt: entweder man hasst sie oder man liebt sie.
Elfen Lied 02Wie so viele andere Animes auch fußt Elfen Lied auf einer Manga-Vorlage. In diesem Falle handelt es sich um den gleichnamigen Manga Elfen Lied von LYNN OKAMOTO (Carrera, MOL, Arumaju). Elfen Lied wurde erstmals im Juni 2002 in Japan veröffentlicht und erwies sich innerhalb kürzester Zeit als ein riesiger Erfolg. Aus diesem Grund wurde schon bald das damals noch recht junge Studio Genco (Millenium Actress, Onegai Teacher, Ikki Tousen) auf den Erfolgsmanga aufmerksam. Verhandlungen wurden aufgenommen, in denen man sich auf eine 13-teilige OVA einigen konnte, für die man sogar OKAMOTO als Co-Autor verpflichten konnte. Als primärer Drehbuchautor wurde jedoch TAKAO YOSHIOKA (Ikki Tousen) engagiert, der die Regie in die Hände von MAMORU KANBE (Princess Comet, Demon Prince Enma) legte. Er fand, KANBEs persönlicher Stil würde hervorragend zu OKAMOTOs Art passen, was sich auch als sehr fruchtbare Zusammenarbeit erwies. Die OVA wurde in Japan ein absoluter Renner, ebenso in den USA und den anderen begünstigten Staaten. Nach Angaben von ADV Films war Elfen Lied einer der meistverkauftesten Animes im Jahr 2005. Der deutsche Release ließ wie immer auf sich warten; er erfolgte erst im April 2006, was für deutsche Verhältnisse doch schneller als gewöhnlich war. Auch hierzulande sollte sich jedoch das Warten auszahlen. Die OVA schlug ein wie eine Bombe. Erste DVD-Editionen waren bereits nach kurzer Zeit vergriffen, Neuauflagen ebenfalls nach kürzester Zeit ausverkauft. Erst auf diesen Erfolg hin wurde eine Veröffentlichung des Manga angestrebt, die im März 2009 folgte.
Auf den ersten Blick, ist es bereits die Handlung, die den Zuschauer an den Bildschirm fesselt. Doch auf den Zweiten Blick bemerkt man, dass hier Nichts dem Zufall überlassen wurde. Denn Elfen Lied lebt von der Gegensätzlichkeit des Lebens, dem Dualismus in der Natur. Fast alles, was existiert, hat zwei Seiten: Schwarz und Weiß, Böse und Gut, alt und jung, männlich und weiblich. Es ist die Gegensätzlichkeit der Elemente, die diese Welt im Gleichgewicht hält. Elfen Lied greift dieses Prinzip auf sehr geschickte Weise auf. Doch dieses weltbestimmende Prinzip allein ist noch lange nicht Alles, was der geniale Anime zu bieten hat.

Elfen Lied 14Kota ist ein junger Mann, der gerade erst wieder in seine Heimatstadt zurückgekehrt ist. Er hat in jungen Jahren seine Familie bei einem Autounfall verloren, seine kleine Schwester Kanae durch eine Krankheit. Er kann sich kaum daran erinnern, will aber genau aus diesem Grund Medizin studieren. Angekommen wird er von seiner Cousine Yuka herzlich begrüßt. Sie ist kaum älter als Kota und studiert ebenfalls. Yukas Eltern haben eine ungenutzte Pension, die sie ihm als Wohnstatt überlassen. Er darf darin wohnen, wenn er das Gebäude sauber hält. Er ist glücklich wieder hier zu sein, besonders Yuka gibt ihm Kraft. Gleich nach seiner Ankunft machen beide einen Ausflug an den Strand, an dem er, Yuka und Kanae immer spielten und unbeschwerte Tage verbrachten. Doch genau dort finden sie ein junges, bildhübsches und vollkommen nacktes Mädchen mit rosaroten Haaren. Sie ist verwirrt und kann kaum sprechen. Außer „Nyu“ bringt sie kein Wort heraus und sie hat seltsame Hörner auf ihrem Kopf. Sie ist leicht verletzt und hängt sich sogleich an Kota und Yuka. Beide haben keine Ahnung, was sie nun mit dem Mädchen machen sollen, aber alleine lassen wollen sie das Mädchen auch nicht. Also nehmen sie das Mädchen mit und kümmern sich um sie. Da sie nur dieses eine Wort herausbringt, nennen sie die Kleine einfach nur Nyu. Aber da Nyu geistig auf dem Stand eines kleinen Kindes und dabei gnadenlos naiv ist, wirbelt sie das Leben von Yuka und Kota gehörig durcheinander.
Elfen Lied 07Nicht nur, dass Nyu unbewusst Yuka mordsmäßig eifersüchtig macht und versehentlich Kotas Andenken zerstört, es tauchen auf einmal auch Polizisten auf und stellen merkwürdige Fragen. Gleichzeitig suchen schwer bewaffnete Soldaten den Strand nach einem Mädchen mit Hörnern ab. Denn Nyu heißt in Wirklichkeit Lucy und sie ist ein Diclonius. Diclonii sehen den Menschen zwar sehr ähnlich und gehen vermutlich auch auf eine Mutation menschlichen Erbgutes zurück, aber sie sind anders. Alle Diclonii sind weiblich, haben meist rosarote Haare und Hörner auf ihrem Schädel. Jedoch besitzen sie sehr starke telekinetische Kräfte, die sich in mehreren Armen manifestieren, deren Schwingungen so stark sind, dass das menschliche Auge sie nicht wahrnehmen kann. Diese Arme werden Vektoren genannt und durch sie erhalten Diclonii auch erhebliche übermenschliche Kräfte, die sie oft zum Nachteil von Menschen einsetzen. Allen Diclonii ist nämlich der schier unbesiegbare Instinkt zu eigen normale Menschen kaltblütig umzubringen. Sogar die eigenen Eltern werden gnadenlos getötet, sobald die Diclonii im Alter von circa drei Jahren ihre Kräfte entwickeln. Die meisten Diclonii werden gleich nach ihrer Geburt getötet, andere aber werden in geheimen Forschungsstationen gefangen gehalten, wo grausame Experimente an ihnen durchgeführt werden. Nicht aber an Lucy, der Schlimmsten von Allen! Sie tötet gewissenlos, ist intelligent und zudem unbeschreiblich grausam. Sie hasst alle Menschen regelrecht, besonders den Anstaltsleiter Kurama. Durch eine Nachlässigkeit ihrer Wärter gelang es ihr zu fliehen, was dutzende Wachen einen blutigen Tod gekostet hat. Der Schuss mit einem speziellen Gewehr, der Lucy eigentlich in letzter Sekunde töten sollte, verletzte sie aber nur leicht und sie stürzte ins Meer. Durch den Schuss hat sie jedoch auch eine gespaltene Persönlichkeit. Noch ist sie die unbedarfte Nyu, aber jede kleine Erschütterung reicht aus, damit aus ihr wieder die alles vernichtende Lucy wird. Kota und Yuka ahnen nicht, in welcher Gefahr sie schweben. Besonders wenn Lucy realisiert, wer Kota ist und er herausfindet, was Lucy ihm einst angetan hat.
Elfen Lied - Banner 02Elfen Lied 22 Die Animationen sind entsprechend dem Budget wie zu erwarten großartig ausgefallen. Die Hintergründe sind hervorragend gefertigt und präsentieren sich mit einer überdurchschnittlichen Vielfalt. Beispielsweise haben wir da die Hafen- und Strandszenerie, die Forschungsanstalt, die alte Pension und die städtischen Gärten in immer neuen Blickwinkeln und Einstellungen. Das Charakterdesign ist stimmig und brilliant 1:1 aus dem Manga übernommen und die Bewegungsabläufe sind immer sehr flüssig. Insgesamt ist der Detailreichtum auf einem wohltuend hohen Niveau. Zwar schon beeindruckend, allerdings auch nicht besser als andere Animes zu dieser Zeit. Was Elfen Lied wirklich von der Masse abhebt die Art in Sachen Stilmittel neue Wege zu beschreiten. Was nämlich als erstes ins Auge sticht, sind die kindlich wirkenden Figuren, die dann auch mit dem vollen Charme der puren Niedlichkeit zuschlagen, bevor sie unversehens zerfetzt werden und sich Gliedmaßen und Gedärm über dem Boden verteilen. Elfen Lied ist bereits vom Manga aus gegensätzlich gestaltet. Umso erfreulicher ist es, da man dieses Schema in den Animationen noch verstärkte. Insgesamt spielt die OVA sehr gekonnt mit dem bewusst eingesetzten Detailreichtum, denn während bei den ruhigeren Passagen sehr auf Einzelheiten geachtet wurde, setzt man in den Action- und vor allem in den zahlreichen Metzel-Szenen auf tonnenweise einfachere Farbausschüttung, die allerdings sehr von der Farbe Rot dominiert werden. Somit unterstreicht der Anime zu Elfen Lied nicht nur die Gegensätzlichkeit der Handlung und der Atmosphäre, sondern bietet durch die schematische Umsetzung der Animationen auch einen auffälligen und gewollten Gegensatz zu anderen bluttriefenden Animes wie Gantz oder Sin, wo es sich genau andersrum verhält. Hinzu kommt noch ein wenig Einsatz von Cel-Shading, was besonders in den Vektoren sichtbar ist.

Elfen Lied 12Die Qualität in Sachen Audio ist leider nur gemäß den heutigen Maßstäben angepasst. Glücklicherweise sind diese inzwischen relativ hoch, so dass wir auch jede Menge gute Umgebungsgeräusche und erstklassige Vertonungen zu hören bekommen. Ein durchaus positiver Aspekt, jedoch auch mit einem weinenden Auge.
Die Musik in Elfen Lied zählt sicherlich zu besten Arbeiten, die bislang bei einem Anime geleistet wurden, wenn es sich nicht sogar um den besten Anime-Soundtrack überhaupt handelt. Schon das wunderschön schwermütige Opening „Lilium" verzaubert mit klassischen Klängen die Ohren, garniert mit Abstraktionen von Gemälden des österreichischen Malers GUSTAV KLIMT. Der Choral klingt dramatisch, aber auch gleichzeitig wunderschön melancholisch, wobei die Lyrics in Latein gesungen werden. Nach dem Opening durchzieht eine ebenfalls klassisch arrangierte und schwermütige Untermalung die komplette OVA. Auf diese Weise erreichen die düsteren und melancholischen Anteile der Atmosphäre eine unglaubliche Intensität. Da wirkt das eher poppige Ending irgendwie fehl am Platz, obwohl es im Großen und Ganzen auch nicht weiter stört. Bei witzigen Sequenzen ist gänzlich kaum Musik zu hören, so dass der dargestellte Humor direkt ohne Umschweife auf den Zuschauer wirken kann.
Bei der ganzen Vorarbeit ging man bei der Synchronisation verständlicherweise auch keine Kompromisse ein. Bekannte und erfahrene Sprecher lassen keine Wünsche offen. Dabei hält sich die Synchro immer an die Vorlage und geben keinen Grund zum Meckern.
Notiz am Rande: Elfen Lied hat seinen Titel von dem leicht anzüglichen Gedicht Elfenlied, welches 1828 von dem deutschen Dichter EDUARD MÖRIKE geschrieben wurde. Beispielsweise stammt sogar die Bezeichnung „Silpelit“ aus diesem Gedicht. Im Manga wird das Gedicht im 5. Band erwähnt und auch vorgetragen. Im Anime taucht es jedoch leider nicht auf.

Elfen Lied 09Auch in der Atmosphäre fällt Elfen Lied ein bisschen aus dem Rahmen. Denn während bei den meisten anderen Animes so eine Art Grundstimmung erkennbar ist, entzieht sich Elfen Lied einer genauen Kategorisierung. Grundsätzlich beginnt der Anime scheinbar düster und unheimlich, doch schon setzt wieder dieser komische Pop-Art Eindruck ein, weswegen die dargestellte Gewalt nicht gar so entsetzlich rüber kommt. Der Anime enthält vergleichsweise sehr viel Blutvergießen und Splatter. Beinahe in jeder Folge der OVA sterben mehrere Menschen einen äußerst grausamen Tod. Begleitet wird diese immense Brutalität auch von einer guten Dosis psychischer Gewalt. Beim genauen Betrachten all der Splatter-Szenen werden auch direkte Parallelen zu Realfilmen wie Braindead und Return Of The Living Dead ersichtlich. Wobei wir auch schon beim nächsten Aspekt wären: dem Humor. Denn obwohl Elfen Lied vergleichsweise brutal und dramatisch beginnt entwickelt der Anime schon nach kurzer Zeit einen Sinn für recht amüsanten Humor, der sich in Situationskomik, Wortwitz und manchmal auch Slapstick aufteilt. Der gezeigte Humor erweist sich des Öfteren als sehr witzig und deckt neben makaberen Aspekten auch viele Erlebnisse des täglichen Lebens ab. Damit inbegriffen auch die menschliche Sexualität mit einigen anzüglichen Gags. Nacktheit und Erotik sind hier auch ein großes Thema. Der Ecchi-Anteil ist also ebenfalls vergleichsweise groß. Schon während des ersten Gemetzels, dass gleich nach dem Opening einsetzt und fast 7 Minuten dauert, ist Lucy nackt zu sehen, da die Diclonii und Silpeliten nackt gefangen gehalten werden müssen. Sogar Tabuthemen wie sexueller Missbrauch und Vergewaltigung werden angesprochen. Mit Nyu erweitert man sogar noch das Spielfeld und ergänzt den gezeigten Ecchi noch um typische Kindfrau-Fantasien, da Nyu eben gnadenlos naiv ist und keine Scham kennt. So kann sie auch nicht ahnen, welche Eifersucht sie damit in Yuka auslöst. Durch eben dieses Beziehungsgefüge räumt Elfen Lied Platz für Romantik ein, die nicht unbeachtet bleibt, ohne aber zu viel Zeit dafür zu verwenden. Aber es gibt keine große Liebesgeschichte ohne große Tragik. Tatsächlich nutzt Elfen Lied die Beziehungsstrukturen der Protagonisten sowie der Antagonisten aus, um die eh schon sehr dichte Atmosphäre um eine saftige Portion Dramatik zu ergänzen.
Sehr vieles davon wirkt klischeehaft, aber nicht etwa erzwungen oder selbstzweckhaft. Elfen Lied vollbringt das Kunststück genreeigenen Klischees und Vorurteile genüsslich zu gebrauchen ohne sie zu bloß zu stellen oder durch den Kakao zu ziehen. Betrachtet man außerdem diese Konstellation als Ganzes ergibt sich dadurch ein sehr vielschichtiges Bild wie in keinem zweiten Anime. Die atmosphärische Vielfalt und besonders die Ausreizung von Klischees erweist sich als einzigartig. Der Unterhaltungsfaktor ist aus dem Mix diverser Genres auch ungeheuer groß, was sich allerdings noch verstärkt, da man nie weiß in welche Stimmung Elfen Lied nun umschlägt. Die Wechsel gehen dabei auch nicht fließend oder schwimmend von statten, sondern schlagartig. Währenddessen wirken sie weder aufgesetzt noch konstruiert, sondern sie kommen natürlich daher; allerdings auch mit einer ganz eigenen speziellen Dynamik. Bei näherem Hinsehen erkennt man nämlich, dass auch hier das Prinzip der Gegensätzlichkeit eingehalten wurde. Auf Humor folgt Trauer, auf Romantik folgt Tragik und so weiter.

Elfen Lied 06Die Charaktere geizen stellenweise nicht mit Klischees, wobei aber auch beinahe jeder klassische Rollentyp dabei ist. Kota ist ein Gutmensch wie es gütiger nicht sein könnte. Er hat ein grundsätzlich positives Denken und bemüht sich stets um Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Yuka ist der Mustertypus der eifersüchtigen Freundin. Mit Mayo erwartet den Zuschauer die klassische Verliererin mit Mut und Kraft im Herzen. Nana ist ein junges, pflichtbewusstes Mädchen, das es Allen nur recht machen will. Kurama ist ein gewissenloser und rücksichtsloser Forscher, der für seine Karriere sogar seine Familie geopfert hat. Bando ist ein Testosteron-besessener Krieger, der sich nur für das Militär gemeldet hat, damit er legal Menschen umnieten kann. Und Generaldirektor Kazukawa ist ein James-Bond-Bösewicht von einer fast totalitären Kaltblütigkeit. Fast jede Figur ist wesentlich mehr klischeebeladen als es ihre Rolle brauchen würde, aber diese heftige Ausarbeitung ist durchaus gewollt. Denn ebenso klischeebeladen wie die Charaktere an für sich, sind auch ihre vorhersehbaren Handlungen. Und genau darin liegt die Raffinesse des Animes/Mangas: man weiß wie sie reagieren und es liegt am Voyeurismus des Zuschauers, dass den Selbigen an den Bildschirm fesselt. Dennoch weisen alle Charaktere ihre Ecken und Kanten auf, weswegen sie für den Zuschauer zu einem gewissen Grad auch fassbar sind. Dabei geht Elfen Lied aber noch einen Schritt weiter und offenbart somit eine weitere herausragende Stärke, indem der Anime nämlich auch erzählt, wie sie sich diese Figuren zu solchen Klischeetypen entwickelt haben, was auch auf sehr unterhaltsame und nachvollziehbare Art geschieht. Hinzu kommt, dass es für jeden Charakter auch einen Gegencharakter zu geben scheint. So dass auch hier das Prinzip der Gegensätzlichkeit eingehalten wird.
Elfen Lied 26Im Mittelpunkt der Atmosphäre sowie der Handlung steht Lucy/Nyu, an der das Gegensätzlichkeitsprinzip am stärksten ausgeprägt ist. Sie ist als Manifestation dieses Prinzips praktisch Ying und Yang in einer Person. Dass die Wahl beim Hauptakteur auf eine junge Frau gefallen ist, ist ebenfalls wohl kalkuliert, denn eine Frau beinhaltet nicht nur die Fähigkeit, Leben zu schenken, in ihr kann sich auch eine unglaublich zerstörerische Kraft manifestieren. Durch die Persönlichkeitsspaltung Lucy`s wird dem Ganzen lediglich noch viel mehr Deutlichkeit verliehen. Auf der einen Seite ist da Nyu, die auf dem geistigen Stand eines Kindes ist. Sie ist naiv, kennt keine Scham, ist von einer unendlichen Güte und bemüht sich immer ihren Mitmenschen zu helfen. Da läuft sie schon mal nackt durch die Gegend, putzt das ganze Haus und packt schon mal Kotas Hand an ihre Brust, weil es sich so gut anfühlt. Oder sie fasst andere Mädels an die Brüste. Böse sein deswegen kann man ihr ja nicht, weil sie eben nur Freude an menschlicher Berührung empfindet und der sexuelle Kontext ihr höchstwahrscheinlich nicht bewusst ist. Lucy dagegen ist ganz anders. Sie ist berechnend, kaltblütig, grausam, gewissenlos, sarkastisch und brutal. Sie hat kein Problem damit Menschen zu zerfetzen und ihre Opfer dabei auch noch bösartigst zu verarschen. Dabei reicht jede kleine Erschütterung aus, um den Charakter zu wechseln, was auch zeichnerisch und durch Mimik und Gestik gestützt wird. Im einen Moment noch eine eiskalte, psychopathische und gewaltgeile Zynikerin und im anderen Moment das liebste und aufopferndste Wesen was man sich nur vorstellen kann. Doch ihr Charakter verändert sich mit der Zeit, so dass sie quasi als Dreh- und Angelpunkt die einzige unberechenbare Komponente bleibt.

Elfen Lied 19Die Handlung an für sich geht Hand in Hand mit der Atmosphäre und den Charakteren. Dabei läuft die Story zunächst angenehm linear und Flashbacks gibt es in dieser Phase maximal nur sekundenlang. Erst später werden einige, aber dafür auch sehr ausführliche Flashbacks hineingeschoben, um den Backround wichtiger Charaktere zu erklären. Zu diesem Zeitpunkt ist man jedoch schon genügend mit den Charakteren vertraut, damit man dem Ganzen auch schlüssig folgen kann. Dabei bleibt die Spannung immer aufrecht, so dass der Unterhaltungswert nie auch nur im Geringsten herabsinkt. Verantwortlich dafür sind natürlich der ausgeglichene Genremix und diverse Nebenhandlungen, die das Gesamtbild ergänzen und abrunden. Haupt- und Nebenhandlungen laufen parallel von einander ab, von denen sich Einige später wiederum in die große Storyline einfügen. Dass heißt, dass Elfen Lied nicht zu den OVAs gehört, in denen die meisten Episoden einen abgeschlossenen Handlungsrahmen aufweisen. Wie etwa bei A.D. Police. Eine festgelegte Atmosphäre kann man auch nicht in einzelnen Episoden ausmachen, so dass man in jeder einzelnen Folge der OVA die komplette Bandbreite zu spüren bekommt. Wohingegen aber Action, Ecchi und Humor von Anfang an sehr präsent sind, steigert sich die Dramatik und Tragik in Elfen Lied erst nach und nach. Besonders durch die Flashbacks kommt hier einiges an Emotionalität hinzu, was dazu führt, dass der Anime mit jeder Minute anspruchsvoller und damit besser und besser wird. Das Finale hat dementsprechend auch eine mordsmäßige Wucht. Leider umfassen die 13 Episoden auch nur die Hälfte des Manga und das Ende gibt gleichermaßen Spielraum für Interpretation sowie Anreiz für eine Fortsetzung. Aber die Meldungen hierbei sind nicht eindeutig. Offiziell ist eine Fortsetzung von Elfen Lied jedenfalls nicht in Sicht, obwohl angeblich hinter verschlossenen Türen schon insgeheim an einer Fortsetzung gearbeitet wird.
Angesichts des überwältigenden Erfolges der OVA wurde im Nachhinein die berühmt-berüchtigte Folge 14 produziert, die aber mit zwiespältigen Gefühlen zu betrachten ist. Zum einen ist es natürlich sehr erfreulich, dass aufgrund des großen Erfolges eine weitere Episode produziert wurde, aber wenn man sich diese genauer ansieht, dann fallen hier doch einige Anschluss- und Logikfehler auf. Denn diese Folge enthält offensichtlich Elemente, die eher zur 10. Folge gehören und andererseits welche, die sich der 11. Folge zuordnen lassen. Darum wird besagte Episode auch gerne mal mit der Nummer 10,5 angegeben und man könnte sie auch bequem in dieser Position einfügen. Das Problem an der Sache ist nur, dass sich einige Ereignisse dann nicht mehr linear zum Zeitablauf befinden. Es hat den Anschein, als sei dies nur eine zusammengeschnippselte Episode aus nicht verwendeten Szenen der 10. und 11. Folge.
SPOILER:
Beispielsweise Nana`s Aufgaben im Haushalt, die sie in Folge 10 bereits ausübt, obwohl dies erst in der angehängten Episode 14 zur Sprache kommt.


Fazit: Für Anime-Fans ist Elfen Lied ein ganz großes Muss und in meinen Augen ein Meisterwerk ohnegleichen. Die geschickte Inszenierung sowie das Ying und Yang Prinzip sprechen die Zuschauer direkt an. Durch den höllischen Mix aus verschiedenen Genres, die alle wohl dosiert sind, ergibt sich ein gigantischer Unterhaltungswert. Zudem können wir westlichen Zuschauer uns auch noch geschmeichelt fühlen, denn OKAMOTOs Hang zur westlichen und speziell zur deutschen Kultur wurde nahtlos in den Anime übernommen. Titelgebend ist das Gedicht Elfenlied von EDUARD MÖRIKE, zeichnerischen Anreiz gaben die Gemälde von GUSTAV KLIMT und überdies bekamen alle Episoden auch im japanischen Original deutsche Namen. Elfen Lied ist darum auch seine vollen 10 Punkte wert.
An für sich könnte der Anime abgeschlossen sein, doch reicht dieser nur vom 1. bis zum Ende des 6. Bandes. Es fehlen also noch die restlichen 6 Bände. Ob diese allerdings noch als Anime umgesetzt werden ist fraglich, da eine offizielle Bestätigung immer noch aussteht. An dieser Stelle sei alle Denen, die bereits dem Charme und der Einzigartigkeit des Anime verfallen sind, noch angeraten den Manga zu lesen, welcher in Deutschland aus 6 Sammelbänden besteht, die aber alle unzensiert sind. Der Manga ist in Sachen Sex und Gewalt dem Anime sogar noch um einiges voraus. Hinzu kommen noch einige zusätzliche Personen, mehr Story-Elemente und zu der physischen Gewalt gesellt sich auch noch eine ordentliche Portion psychische Gewalt hinzu.