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Gungrave

Gungrave - Poster

Regie: YASUHIRO NIGHTOW & TOSHIYUKI TSURU
Drehbuch: YASUHIRO NIGHTOW & YOSUKE KURADA
Medium: Blue Ray & DVD
Laufzeit: circa 650 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 19.09.2005

„Wenn es einen Gott gibt, dann muss er eine schmutzige Art von Humor haben. Warum sonst würde er so einem Mann die Chance geben nochmal von mir ermordet zu werden."


Die japanische Animeszene hat ja in den letzten 20 Jahren ja schon so einige Blüten hervorgebracht, aber die Serie Gungrave gehört gleich in mehrerer Hinsicht zu den außergewöhnlichsten und besten Produkten des ganzen Genres. So handelt es sich bei Gungrave um den ersten Anime, der nach einem Videospiel entstand, und nicht umgekehrt. Verantwortlich für die Kreation, Story und Design des Spiels war Manga-Zeichner YASUHIRO NIGHTOW, der in der Mangaszene besonders für seinen Kultkracher Trigun von 1995 sehr bekannt und verehrt ist. Einige Jahre später wurde der Manga auch in einer gleichnamigen Animeserie umgesetzt, was NIGHTOW fast über Nacht international berühmt machte, denn er hatte auch an der Serie kräftig mitgearbeitet. Aus diesem Grund wurde so um die Jahrtausendwende Videospielstudio Red Entertainment auf den Mangaka aufmerksam und verpflichteten ihn an der Mitarbeit an dem Playstation 2 Spiel Gungrave, wo NIGHTOW das Charakterdesign und die Story entwerfen durfte. Obwohl das Game aus spielerischer Sicht eher unterdurchschnittlich war, konnte Gungrave aufgrund dieser Zusammenarbeit einen immensen Erfolg in Japan verbuchen. Nur YASUHIRO NIGHTOW war nicht ganz zufrieden, da er noch so viele Ideen zu den Charakteren und zur Story des Spiels hatte, was sich aber damals nicht verwirklichen ließ. Von dem Erfolg des Spiels allerdings angezogen, traten schon kurz nach Release das Animestudio Madhouse (Death Note, Claymore, Highlander - Die Macht der Vergeltung, Monster, Perfect Blue, Paprika, Ninja Scroll) auf YASUHIRO NIGHTOW zu, mit dem sie ja schon bei Trigun sehr gut und sehr serfolgreich zusammengearbeitet hatten, und boten ihm die Entwicklung einer Animeserie zu Gungrave an. NIGHTOW überlegte da auch nicht lange und entwickelte die 26 Folgen zählende Serie Gungrave, die 2004 Premiere feierte. Wie zu erwarten wurde die Animeserie in Japan ein Riesenhit. Wegen der grandiosen Qualität aber wurde Gungrave auch ins Ausland exportiert, wo die Serie ebenso überschwengliche Kritiken ernten konnte.

 

Gungrave 04Wir befinden uns in einer nicht genannten Stadt in unserer heutigen Zeit. Die Mafia unter ihrem Boss "Bloody Harry" MacDowell hat die Stadt fest im Griff; Polizei und Politik spielen nach ihren Regeln und Niemand wagt es Etwas gegen sie zu unternehmen. Denn durch geheime Genexperimente, die sogenannte Nekrolyse, die Harry in jungen Jahren förderte, konnte er einst die Macht an sich zu reißen. Mit der Nekrolyse kann man Tote wieder lebendig machen und zu schier unbesiegbaren Kampfmaschinen machen. Jetzt herrscht Harry eisern über die Stadt und genießt seine Macht in vollen Zügen - bis ein eigenartiger Vorfall ihn stutzig werden lässt. Letzte Nacht erregte ein merkwürdiger Transportwagen die Aufmerksamkeit seiner patrouillierenden Orkmänner und sie griffen den Wagen an. Doch jeder von ihnen wurde kaltblütig vernichtet, was vorher nur sehr Wenigen gelang. Eine der Überwachungskameras konnte ein Photo des Attentäters festhalten, was "Bloody Harry" im ersten Moment erschaudern und erschrecken lässt. Das Bild zeigt Brandon Heat; einst Harrys besten Freund aus Jugendjahren, den er eigenhändig vor 13 Jahren erschoss! Doch schnell wird Harry klar, dass Brandon mittels einer ganz ähnlichen Technik wie der Nekrolyse wiederbelebt worden sein muss. Deswegen trägt er auch seinen neuen Namen "Beyond The Grave", denn Brandon ist nun kein einfacher Mensch mehr, sondern eine Tötungsmaschine mit Verstand und Gefühlen. Und er will Rache für seine Ermordung und den Tod seiner Freunde, für den Harry verantwortlich ist. Während sie versuchen sich gegenseitig aufzuspüren, erinnern sich beide zurück an die Zeit, als sie zusammen Seite an Seite kämpften. Wie sie als Kleinkriminelle in der Mafia aufgenommen wurden, wie sie in der Hierarchie immer weiter aufstiegen, wie ihre Freundschaft zerbrach und Brandon schließlich sterben musste. Doch jetzt zählt nur noch, wer wen zuerst erwischt. 

Gungrave - BannerGungrave 05Die Animationen sind ganz akzeptabel geraten. Die Hintergründe sind weitgehend scharf und detailreich gezeichnet, wobei man meist diverse Ansichten von urbanen Städte zeigt. Dies jedoch auch in der vollen Bandbreite mit Skylines, dreckigen Hinterhöfen, einem alten Friedhof, Slums, teuren Villen und zwielichtgen Büros. Kleinere Probleme gibt es in den Bewegungsabläufen, denn diese Stocken gelegentlich, was in den ersten Episoden noch deutlich spürbar ist. Erst ab circa der 3. bis 4. Folge werden die Animationen flüssiger werden und lassen keine Wünsche mehr offen. Starke Eindrücke hinterlässt das Charakterdesign, was vollends aus dem Spiel übernommen wurde, allerdings um ein Vielfaches individueller ausgefallen ist. Denn nicht nur, dass sich die Charaktere hier in ihrem Look ändern müssen, damit man ihnen ihn Geld und Macht auch optisch ansieht, so müssen sie hier auch sichtlich altern, da Gungrave seine Figuren fast über 20 Jahre hinweg begleitet. Es ist faszinierend zuzusehen, wie die Zeichner die Akteure im Laufe der Folgen über Jahre hinweg altern lassen, ohne dabei groß abzuweichen und dennoch realistisch zu wirken. Nie verliert man den wichtigen Wiedererkennungseffekt von Brandon Heat und Harry MacDowell, die sich auch in ihrer Mimik und Gestik unterscheiden. Dies ist besonders bis zur Hälfte eine wichtige Eigenschaft, da die Serie bis dahin noch vergleichsweise ruhig ist und seine Spannung vollends aus der Handlung schöpft. Danach aber bekommt man auch in Gungrave immer mehr Action zu Gesicht, die auch ebenso gut wie fetzig umgetzt worden ist und von Rauch, Feuer, Blutspritzern, herumwirbelndem Dreck und Projektilen kein Detail auslassen.


Gungrave 07Der Sound ist ebenso top, wie die Animationen. Viele Umgebungsgeräusche und Vertonungen erwecken den Eindruck einer lebensnahen und realistischen Atmosphäre, auch wenn eventuell in manchen Szenen noch mehr Vielfalt möglich gewesen wäre.
Dagegen ist die Musik eindeutig ein Griff ins Klo. Das Opening wirkt mit grottenschlechtem und langweiligsten Jazz total fehl am Platz. Klar, auf diese Weise soll der Zuschauer zurück in die 1960er zurückversetzt werden, wo die Mafia eine ihrer Hoch-Zeiten feiern konnte. Doch hätte man bei der Musik durchaus auf schnelle Takte achten können. Überhaupt stört die jazzige Untermalung immer wieder die Atmosphäre der gezeigten Bilder. Und als ob das nicht schon genug Folter wäre, schieben uns die Macher noch einen ebenso unpassenden Popsong beim Ending hinterher. So, als wolle man dem Zuschauer zum Abschluss der Episode noch Eins reinwürgen. Doch ganz ist Hopfen und Malz noch nicht verloren, denn immerhin wechselt der Soundtrack innerhalb der fortschreitenden Serie von langweiligem Jazz auf klassische Klänge, die dann sogleich düsterer und unheilsverkündener sind und somit wesentlich besser zur Atmosphäre des Animes beitragen. Auch hier zieht Gungrave wieder gleich mit seiner Handlung und dem Alter, in welchem sich die Protagonisten gerade befinden. Dass heißt, je älter sie werden, desto weniger Jazz und desto mehr Klassik ist zu vernehmen. Doch leider dauerts bis dahin noch circa bis zu Hälfte der Serie. Bis zu diesem Zeitpunkt muss man einfach die musikalische Untermalung ignorieren, sofern einem dieser Langweilerjazz nicht auf den Sack geht.
Die Synchronisation macht im Gegensatz zum Soundtrack wesentlich mehr Spaß, da ausnahmslos erfahrene Sprecher engagiert wurden. Auch hier passt sich alles an das Alter der Protagonisten an. Besonders Brandon Heats Interpretation macht richtig Laune, da seine Vertonung ängstlich und ungeübt klingt. Jedoch ist dies beabsichtigt, da er eine sehr stille Person ist, die so gut wie nie spricht. In diesem Sinne ein großes Lob an den Snychronsprecher, dem es gelang, durch gerade eben jene unsichere Sprechweise die ängstliche Eigenart des untoten Rächers einzufangen, der in der kompletten Serie nur wenige Sätze spricht. Dafür allerdings umso bedeutender und intensiver.

Gungrave 03Die Atmosphäre zu Beginn des Animes täuscht, wenn mit einem Hauch von Science Fiction die Orkmänner auf den wiederauferstandenen Brandon Heat Jagd machen und von ihm actionreich erledigt werden. Science Fiction, Fantasy und Mecha spielen in der japanischen Popkultur zwar eine große Rolle und darum kommt Gungrave auch nicht darum herum. Allerdings sind sie in Gungrave von absolut sekundärer Natur, die in allerhöchstens am Anfang und kurz vor Ende des Animes spürbar werden. Denn schon mit der 2., spätestens mit der 3. Episode wechselt der Anime in ein mitreißendes Gangsterepos und düsteres Drama, mit dem der Anime sein ganzes Potential auf der vollen Bandbreite entfaltet. Erzählt wird ganz direkt, wie eine innige Freundschaft von Neid und Gier zerfressen wird; wie aus Liebe unbändiger Hass entstehen kann, die sich zielgerichtet und eiskalt berechnet in Form von konzentrierter Gewalt entlädt. Allein mit dem, was dabei an Stimmung und emotionaler Tiefe erreicht wird, kann sich Gungrave locker mit alten griechischen Dramen messen lassen und die Handlung selbst braucht sich nicht hinter den ausgeklügelten, charakterstarken Werken WILLIAM SHAKESPEAREs zu verstecken! Stück für Stück zeigt Gungrave zuerst die Ursache der Feindschaft und später, wie es für die Figuren kein Entrinnen mehr aus dem Kreislauf von Geld, Gewalt und Rache gibt. Dabei offenbart die Serie immer mehr und mehr eine eine fast rauschartige Wirkung, die mit jeder Episode die Spannung und Dramatik immer weiter in die Höhe treibt. Die sentimentale Wucht, die hier auf den Zuschauer einhagelt, wird natürlich von teils ebenso drastischen Bildern begleitet, in denen Menschen eiskalt erschossen werden. Gungrave versteift sich dabei allerdings nicht in übermäßigen Blutfontänen, sondern bleibt auf einem bodenständigen Level. Dabei wird auch nicht auf sentimentale Momente verzichtet, doch wirken diese weder aufgesetzt, falsch plaziert oder mit Gewalt in den Anime gepresst. Stattdessen lassen sie Gungrave viel lebensnaher dastehen und verleihen der Serie einen wehmütigen, melancholischen Hauch.
Gungrave 09Obwohl sich Gungrave einer genauen zeitlichen Einordnung entzieht, erinnert das Ambiente innerhalb des Animes ein wenig die 1940er Jahre des 20. Jahrhunderts. Chronologisch mit dem Voranschreiten des knapp 20 Jahren umfassenden Handlungsbogens dreht sich jedoch das Rad weiter, bis man sich schließlich in den beginnenden 1960ern hängen bleibt. Diese Epochen sind wohl gewählt, markieren sie doch den Anfang und das Ende einer realen Ära, in der Anzüge als schick galten und Kanonen zur Ausstattung gehörten. Die Rede ist von der 2. Großzeit der Mafia, mit der Gungrave auch leicht angedeutete Parallelen zieht. Innerhalb der Organisation sind Werte wie Pflichtbewusstsein, Loyalität und Ehre die obersten Güter und jeder Verstoß wird unweigerlich mit dem Tode bestraft. Andererseits kümmert man sich um seine Mitglieder und man hilft sich gegenseitig, was leider ebenso Teil der Gewaltspirale ist.

Gungrave 10Die Charaktere bilden eine festen Orbit um das Hauptgespann "Bloody Harry" MacDowell und Brandon Heat; jene beiden Akteure, die das Bild des Animes auch am meisten prägen. Ein perfektes, sich ergänzendes Team, das man grob mit Master Blaster aus Mad Max III - Jenseits der Donnerkuppel vergleichen kann . . . der Eine hat das Hirn, der Andere die Muskeln. Auch wenn es hier nicht gar so einfach ist, beschränken sich die Unterschiede der Beiden doch eher aus ihren Talenten heraus, anstatt körperlicher Eigenschaften. Während Brandon Heat eine sehr sehr stille Person ist, mit einem riesigen Talent gefährliche Leute aus dem Verkehr zu ziehen, so besitzt sein engster Freund Harry MacDowell ein beispielloses Verkaufstalent und einen unermesslichen Ehrgeiz. Dieser wird auch der Auslöser sein für die unausweichlich scheinende Katastophe. Eine ebenso effektive wie tödliche Mischung, denn aufgrund ihres sozialen Hintergrundes haben sie keine Wahl ausser Karriere bei der Mafia zu machen. Die charakterliche Ausfertigung jener beiden Akteure kann man auch nur schlichtweg als brilliant bezeichnen, da sie so voller Nuancen und Kleinigkeiten steckt, dass sie glatt Realität und keine Fiktion sein könnten. Während in vielen anderen Animes jeder Charakter von Anfang bis Ende und egal in welche Situationen sie geraten fest bestehen bleibt, reagieren und interagieren Harry und Brandon mit ihrer Umgebung, werden davon beeinflusst und ändern sich mit den Jahren. Arbeiteten sie vor der Mafia noch perfekt zusammen, gehen sie schon bald getrennte Wege innerhalb der Organisation. Doch auch die Nebencharaktere bleiben nicht auf der Strecke und es wird ihnen genügend Zeit eingeräumt, sich vollends zu entfalten.

Gungrave 02Den Großteil der Handlung kann man grobschlächtig als einen riesigen, circa 15 Episoden umfassenden Flashback betrachten, der noch direkt in der 2. Episode einsetzt. Dass heisst, die erste Folge spielt sich in der jetzigen Zeit ab, während die zweite Folge ohne große Erläuterung die jugendlichen Gang von Harry und Brandon zeigt. Das Kunststück hierbei ist, dass dem Zuschauer bereits in den ersten beiden Episoden die Ausgangssituation präsentiert wird - nämlich, dass Brandon Rache an Harry sucht - ohne jedoch dabei zuviel zu verraten. Das ist auch ein wichtiger Teil der äußerst geschickt inszenierten Handlung von Gungrave. Denn durch die vorab dargelegte Ausgangssituation manifestiert sich im Zuschauer bereits ein klischeehafter Handlungsverlauf. Rache ist ein altbekanntes Thema in den Medien, zu viel hat man schon gesehen, zu viel hat man schon wieder zum x-ten Mal durchgekaut. Natürlich kann man sich deswegen gleich denken, wie die Geschichte von Harry und Brandon ausgehen wird, aber vorsicht! Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt - sagt schon ein altes Sprichwort und das ist bei Gungrave auch Programm. Die Serie hat nicht umsonst eine geschätzte Gesamtlaufzeit von fast 11 Stunden und deckt knappe 20 Jahre ab, in denen verdammt viel passieren kann. Auf unglaublich raffinierte Weise wirft die Serie jede vorgefertigte Meinung über den Haufen; präsentiert allerhand Verstrickungen, Spurwechsel und sorgt für einige Überraschungen. Hand in Hand wird auch die Freundschaft zwischen Heat und MacDowell sehr ausführlich geschildert und wie sie schließlich unter Neid, Hass und Verrat zerbricht. Auf diese Weise legt der Anime von Episode zu Episode an Spannung zu, was sich auch in immer mehr Dramatik und Action äußert.

 

Fazit: Obwohl die handwerkliche Qualität vielleicht ein wenig unausgereift wirkt, ist Gungrave aufgrund seines Inhalts dennoch ein tiefgründiges Meisterwerk, dass seinesgleichen sucht. Nur sehr selten wurde dem Zuschauer eine derart dichte und tiefgründige Atmosphäre preisgeboten. Die komplizierten Ausarbeitung, wie der Zusammenprall von Machtgier und Loyalität eine aufopferungsvolle Freundschaft zerfrisst und zerstört, lassen keinen Zuschauer kalt. Weshalb Gungrave auch seine 9,5 von 10 Punkten wert ist. Dabei könnte sich der Zuschauer schon von Beginn an denken, wie die Sache ausgeht. Aber vorsicht: Erstens kommt es anders und Zweitens als man denkt!